Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger
Jahrgang 1938 , Montag, den 19. Dezember Nummer 99
Ser Keyelmacher von Zankt Stephan
Ein heiterer Liebesroman von Alfons o. LZibuika
dopyrigfjt by J. G. Äotta'fche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
9. Fortsetzung. ,
Von dieser kommenden Tragödie, deren Knoten das Schicksal mit dem Briefe des Leutnants soeben geschürzt und über deren Lösung Matthias Wimmer sich den Kopf zerbrach, ahnte Elisabeth Brand nicht das ge-, ringsts. Selbst als man schon im anstoßenden Eßzimmer am Tische saß, aus dessen damastener Decke inmitten der gM>geränderten Schüsseln, Gläser, Blumen und Silberschalen ein buntes, schimmerndes Volk oon Winzern und Winzerinnen, von verliebten Kavalieren und Dämchen, von Amoretten und Liebesgöttern seinen porzellanenen Reigen vollführte, begriff sie immer noch nicht den Zweck dieser Nußdorfer Fahrt. Sie merkte ihn um so weniger, als der neben ihr sitzende Franzt bisher noch kein Wort gesprochen hatte und sein verlegenes Schweigen auch dann nicht brach, als der darüber besorgte Vater ihm unter dem Tische einen schmerzlich Mahnenden Tritt gegen das Schienbein versetzte. Auch Kirndorfers Tischrede klärte sie nicht auf.
Johann Kirichorfer hatte sich nach Suppe, Fisch und Rindfleisch in seiner ganzen Schwere und Breite erhoben, drehte sein Glas in der großen, fettgepolsterten Hand und sprach, wenn auch vorerst noch in dunklen Worten unb, mehr langatmig als klar,' über die Bedeutung dieses Tages, schloß aber immerhin mit der Bitte, daß die Demoiselle Elisabeth Brand dieses Haus als ihr eigenes ansehen möge.
In einer anderen Seelenoerfassung hätte die Lisl, hellhörig, wie sie sonst war, diesen allzu deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl auch kaum übersehen. So aber hörte sie in ihrer Beglückung, in die sie ber. Brief des Leutnants versetzt hatte, von der ganzen Rede überhaupt nichts. Weil sie aber doch merkte, daß der Hausherr ihr Freundliches sagte, nickte sie, um ihn nicht zu kränken, hin unb wieber so fröhlich unb zu- stimmenb, daß die alten Kirndorfer und sogar Brand dieses Nicken schon für ein Einverständnis hielten.
Die Vielgratterin spitzte immer merklicher die Ohren, denn es begann sich ihr durch diesen Tischsermon manches Geheimnisvolle der letzten Wochen zu klären. Sie neigte sich augenzwinkernb zu dem neben ihr sitzenden Regenschori und fragte ihn flüsternd: „Spannens was, Herr Wimmer?"
„Unb ob!" gab er rätselhaft seufzend zurück und strich sich besinnlich über seinen schimmernden Schädel. Noch ehe Katharina Vielgratterin über die Bedeutung dieser Antwort Nachdenken konnte, wurde Kirn- dorfers lange, die Güte des nun aufgetragenen Kapauns gefährdende Rede mit fröhlichem Gläserklingen beschlossen.
Von der hemmenden Notwendigkeit geheuchelten Zuhörens befreit, gab sich Elisabeth Brand, die ihres Liebeskummers wegen so lange Hunger gelitten hatte, dem Genuß des Kapauns und der darauf folgenden wienerischen Torte so genießerisch hin, daß die Vielgratterin sich Nicht enthalten konnte, vorwurssooll zu sagen: „Man könnt wirklich glauben, daß du z' Haus rein gar nix zu essen kriegst "
„Ist doch recht, wenn's der Demoiselle schmeckt", verteidigt« Mutter Kirndorfer ihre zukünftige Schwiegertochter, legte ein neues Tortenstück auf deren Teller und häufte einen Schöpflöffel Schlagobers darüber.
„Freilich", antwortete die Vielgratterin und schob eine halbe Schnitte in den zahnlosen Mund, „freilich, Frau Kirndorferin — Aber obs es glauben oder nicht,: z' Haus hats vorigen Sonntag nicht einmal das Gansl ang'rührt und am Freitag hats gar den Karpzen stehen lassen, ihre Liebtingsspeis, denkens nur — Verwöhnt ist die Lisl schon. Das |ag ich Ihnen gleich —" , ,,
Kirndorfer der 2teitere war mit dem Einverständnis der Elisabeth Brand überzeugt. Aber sein Sohn machte ihm Sorge. Wohl warf der Franzt hin und wieder scheu unb errötend einen Blick auf seine Nachbarin, und man konnte es ihm an seh en, daß die Lisl, die schön unb bezaubernd neben ihm saß, ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlte. Doch sein Schweigen hatte er bisher höchstens durch ein zaghaftes Ja oder Nein oder ein allzu unbeherrscht geäußertes Verlangen nach einem weiteren Stück Kapaun ober Torte gebrochen. Und es nahte hoch die Stunde, in der das Programm dieses Sonntags nach aufgehobener Täfel nun das Alleinsein des Franzl mit der Lisl bringen sollte Nach ber bei Disch gemachten Erfahrung fürchtete Mutter Kirndorfer, daß ihr Sohn auch bei dieser wohlerrechneten Gelegenheit nicht den Mund auftun werde. Wenn auch Elisabeth Branb sichtlich vor Seligkeit und Liebesglück 'strahlte: um den Hals konnte sie dem Franzi ohne das Sttch- roort, das nun einmal der männliche Teil zu geben hat, nicht fallen.
Auch Johann Kirndorfer ahnte dunkel, daß der in feinem Haus gut em dutzendrnal in Porzellan abtonterfeite Liebesgott bei dieser geplanten Zwei
samkeit seinen Pfeil nicht allzu willig von der Sehne schnellen lassen werde. Darum entschloß er sich schon jetzt, die Geister des Weines zu Hilfe zu rufen. Eigentlich war diese Weinprobe samt der sie abschließenden Stimmung erst als Verlobungsfeier unb bannt als Krönung des Tages gedacht gewesen. Weil aber der Franzl sich bei Tisch noch' schüchterner benommen hatte, als ohnehin erwartet wurde, beschlossen die alten- Kimdorser, diese als Apotheose gedachte Weinprobe rn eine Ouvertüre zu verwandeln. Denn, wenn überhaupt, so war die Zunge des Franzl nur nach durch die Geister des Weines zu lösen. Unter Varantritt des mit einem mächtigen, gelbbraunen Lederschurz - angetanen unb einen gläsernen Weinheber schulternden Vaters .Kirndorfer begab man sich über viele steile Treppen und dunkle, von Weindunst erfüllte Stollen in die Kellerstube tief unter die Kuppe des Nußbergs.
Die gleichsam symphonische Begabung, mit der Johann Kirndorfer diese Weinprobe abhielt, rang sogar dem spottlustigen Matthias Wimmer Bewunderung ab, ber sich doch sowohl auf Musik wie auf Weine ver- stanb. Kirndorfer wählte die Weine, die er mit dem Stechheber den altersschwarzen Fässern entnahm, so überlegt nach Menge, Güte unb Schwere, daß ihr Zusammen klang wohl die nötige fröhliche Stimmung erzeugte, aber nicht zu einem Zustande aus artete, der das ganze so schicksalsschwere Programm über den Haufen werfen konnte.
Soweit gelang auch seine Absicht. Als man nach einer knappen Stunde aus den weinduftenden Tiefen des Berges wieder zur Wohnung ausstieg, war die Stimmung die beste. Selbst di« seit Mittag, so" verdüsterte Laune des Regenschori hatte sich in eine mäßig'ausgelassen« verwandelt. Wie ein Tambourmajor marschierte er dem kleinen Zuge voran und markierte mit dem Weinheber den Takt zu den Soldatenliedern, die Alaisius Brand mit Hingebung sang! Kirndorfer folgt« eingehängt in Lisl und Franzl, unb nur die Vielgratterin kam mühsam voran.
Da Elisabeth Brand, wenn auch nicht infolge der Köstlichkeiten des Weinkellers, nach wie vor in jubelndster Laune war, so schien es den Gastgebern an der Zeit, zum wichtigsten Programm teil dieses Tages zu kommen. Das Glück fügte es, daß Katharina Vielgratterin, auf di« man an der noch hälbverschneiten Kellertllre eine Weile warten mußte, trotz aller symphonischen Dosierung doch des Weines zuviel befammen hatte. Kaum daß man wieder im Wohnzimmer war, schnarchte sie schon neben dem Kamin im Ohrenstuhl. Als die Hausfrau es bemerkte, stellte sie mit weiblicher Arglist ein allgemeines Schlafbedürfnis fest, dem sich die Alten nun für ein Stündlein hingeben müßten. Sie schlug vor, daß die Demoiselle Brand unb ber Franzl sich inzwischen tm Garten ergehen sollten, auf dessen Wege aus immer föhn schwerer em Himmel noch immer die Sonne strahlte. Diesen Vorschlag begrüßte Elisabeth Brand mit einem freilich mißverstandenen Jubel ruf, der Franzl mit verlegenem Grinsen. Weshalb er, als er hinter der Demoiselle durch die Glastüre ging, zur Aufmunterung noch einen väterlichen Rippenstoß und einen mahnenden mütterlichen Blick empfing.
Kaum hatte sich die Türe hinter ben beiden Jungen geschlossen, traten schon Vater unb Mutter Kirndorfer, statt sich in den behaglichen Lehnstühlen zum Schlummer nieder,zulassen, beobachtend hinter di« weißen, sonnenburchschimenen Gardinen des halbgeöffneten Fensters. Aloistus Brand, ber solche Neugier nicht liebte, lehnte mit auf dem Rücken verschränktm Händen am Ofen. Doch glaubte er nun fast schon selbst, daß seine Tochter unb ber Franzl ein Paar würden. Auf Matthias Wimmer hatte die Weinprobe eine musikalische Wirkung. Er setzte sich ans Clavicembalo unb begann Variationen auf ein Liebeslieb zu phantasieren, beren glückselige Weisen, leise begleitet von dem Schnarchen der Vielgratterin, durch das Fenster dem nun langsam über bi« Terrassen des Gartens verschwindenden Paare verheißungsvoll nachklangen.
Die aus dem freundlichen, gelbleuchtenden Hanfe in den schon früh- lingahnenden Nachmittag ausschwebende Musik hatte zur Folge, baß im Herzen ber Elisabeth Brand von neuem jene Melodie zu jubilieren begann, zu der schon mittags der Schimmel des Leutnants von Rabenau über dem Kopf des Regenschori den Takt geschlagen. Selbst auf den Franzl wirkt« die in immer weiterer Ferne verklingende Musik so weit beschwingend, daß er leise pfeifend neben der Lisl einherschritt. Aber die Worte, die ihm seine Mutter als für diesen Anlaß passend vorgesagt, sprach er auch jetzt nicht. Elisabeth Brand aber war nichts daran gelegen, ein Gespräch in Gang zu bringen, das sie in ihren Gedanken ohnehin nur gestört hätte. In die Seligkeit ihres Herzens versunken, ging sie langsam neben ihm über die sich niedersenkenden Wege, über Treppen und kleine Brückm zwischen den noch beschneiten Dbftbäumen und Spalieren, als wäre dieser Gang nichts anderes als ein behagliches, ein wenig mundfaules Promenieren nach einem guten unb reichlichen Essen.
Immer noch schweigend und einander nur hin und wieder steundlich zulächelntx. erreichten sie die untere Stirnmauer des langgestreckten Gartens. Stell fiel hier der nur noch mäßig hohe Berghang zur Sttaße ab. Rechts sah man über die Höhe des Nußbergs hinweg die Häuser


