Ausgabe 
19.9.1938
 
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anfegen, von dem man jeden Tag die Zugspitze sehen könnte und die ganze Alpenkette, und unten auf dem See die weißen Dampfer, die von Herrsching kommen. Und dort würde ich mit dir wohnen und nie mehr von dir fortreifen, nie mehr, wenn du es willst.

Ich halte deine Hand in meiner, während ich von Deutschland erzähle, und du ziehst sie nicht fort, du lehnst dich sogar an mich, und ich fühle deine Wärme durch das dünne Zeug. Du gehörst mir! denke ich und zittere bei dem Gedanken, du gehörst mir, kleine Rubia, kleine deutsche Rubia!

Ich möchte dein schmales feines Gesicht küssen, deine gewölbte freie Stirn, deinen Nacken, in den die geflochtenen Zöpfe hängen. Ich möchte dich in die Arme nehmen und forttragen, ich möchte laufen mit dir in den Armen, laufen, als gälte es, dich vor einem Waldbrand zu retten, als säße das prasselnde Feuer uns auf den Fersen. Aber ich erzähle und erzähle, von Städten und Flüssen und Menschen, die mir jetzt gleichgültig sind, erzähle nur, damit du fo sitzen bleibst und dich nicht rührst. Und dann reiße ich dich herum und presse dich in meine Arme und küsse dich, wild und sinnlos, bis du dich losreißt und keuchend vor mir stehst, er­schrocken und stumm nach diesem Uebersall.

Warum warum tun Sie bas? fragst du.

Ich liebe dich, Lisabeta, ich denke die ganzen Tage und Nächte nur noch an dich, und ich möchte dich mit mir nehmen, immer. Willst du? Sag, sag doch! Willst du mit nach Deutschland?

Du stehst schweigend da, zerblätterst mit den Fingern einen Zweig, scharrst mit dem Schuh im Sand, und dein Gesicht bekommt einen harten, trotzigen Ausdruck, je länger ich um deine Antwort bettete.

Du schüttelst den Kops und siehst mich scheu und vorwurfsvoll an: Nein, ich kann das nicht ... Von hier kann ich doch nicht fort! ... Aber was denken Sie sich denn nur ... Schon meiner Eltern wegen geht das doch gar nicht ...

Dann bleibe ich hier! rufe ich.

0 nein, nein! gibst du schnell zurück.

Ich will wissen, warum, aber du weichst mir aus und meinst, ich müffle doch als Kameramann die weite Welt bereisen, was täte ich wohl dauernd hier?

Ich habe Geld genug gespart!

Ach, Geld! sagst du geringschätzig.

Dann wirst du vom Haus her gerufen, deine Mutter will etwas von dir, und du gehst rasch fort.

Ja, wir haben dann nicht mehr zusammen gesprochen. Beim Abend­essen und nachher auf der Veranda zwischen Den weißen Säulen des Hauses, unter dessen Dach zuweilen ein grüngolbner Kolibri flirrte, als die Sonne unterging, und um bas bann die Ziegenmelker und Nacht­schwalben strichen, als der Mond heraufkam, ganz rot und fremd hier in der stillen Urwaldwelt, da sprachen wir van anderen Dingen, die ein Kolonist gern hört, von neuen Maschinen und großen Fabriken und Absatzmärkten für Baumwolle und Tabak.

Und plötzlich kam ein Besuch angeritten, wir hörten schon eine Weile Pferdegetrappel von der Pikade her. Deine Mutter sagte: Da kommt vielleicht noch ein Bote zu uns, der ein Heilmittel haben will.

Aber nein, es war niemand, der zum deutschen Curandero wollte, er wollte zu dir, Elisabeta ...

Er war noch in Uniform. Jener graublauen, schäbigen Leinenuniform des Chaeo, die auch die Offiziere tragen. Es gab ein großes Durchein­ander bei der Ankunft dieses jungen Menschen, der Carlos hieß und der Sohn des deutschen Nachbarn war. Er war zweiundzwanzig Jahre alt. Achtzehn Jahre jünger als ich, achtzehn herrliche Jahre ...

Hallo, Kamekamann! rief er verwundert, mich hier wiederzusehen, und begann mir die Hand zu schütteln und mich zu umarmen. Kamerad! sagte er begeistert. Bei Pozo Azul hatten wir uns einmal getroffen und zusammen am Feuer gelegen. Morgen müßte ich mit zu ihm hinüber­kommen, das sei abgemacht! Hier, der Kamerad Kameramann, das war ein Kerl, sage ich euch! rief er und stellte mich vor Elisabeta und ihren Eltern in ein geradezu übertrieben prächtiges Licht.

Leider geht das nicht, Leutnant. Morgen, da muß ich an der Bahn sein, ich muß diese Nacht noch los ... Und ich ließ mich nicht mehr davon abbringen, daß ich reiten müsse. Ja, reiten, reiten und wieder reifen. Die Welt ist groß, und es gibt viel auf ihr zu sehen.

Dein Vater holte Wein aus dem Vorratshaus und kühlte ihn im Brunnen, felbftgeernteten Wein, und wir tränten auf die glückliche Heim­kehr von Carlos und auf meine gute Reife. Ich faß lange mit den beiden Alten zusammen, als du den Freund zum Potrero begleitetest, wo er fein Pferd angebunden hatte. Die Cisenbahnkäfer lärmten in den Bäumen, die kleinen Unten schrien und klagten im Tümpel, und in der Lust hing der süße Duft von tausend blühenden Orangenbäumen.

Aus allen Räumen des Hauses hörte ich den Atem des Schlafes. Ich stand eine lange Zeit vor deinem Fenster, Rubia. Es war offen, und es war keinen Meter hoch über der Erde ... Aber ich habe vieles im Geben gelernt, darunter auch: zur rechten Zeit aufzusatteln, wenn es fein muß. Ich hatte einen Ring auf meiner Hand, einen chinesischen Silber­ring mit einem grünen Jadestein, den du oft bewundert hattest. Den zog ich vom Finger und legte ihn auf einem weißen Blatt aus meinem Notiz­buch in dein Fenster.

Als ich schon zu Pferde saß und das Tor eures Potreros hinter mir schloß, wollte ich umkehren und noch etwas auf das weiße Papier schreiben, ein paar heiße Worte zum Abschied und meinen Namen wenigstens, meinen Vornamen, denn ihr wißt ja nur, daß ich Hellmers heiße. Aber bann ließ ich es. Und es ist wohl besser so.

Hinter mir und meinem Pferde schlug der Wald zu, der große, wuchernde Wald. Die ersten Papageien kreischten im Morgen. Vielleicht wird Rubia wieder die Vogelflinte nehmen und ausreiten, um die grünen Soros zu schießen. Und vielleicht wird sie meinen Ring tragen, und an einer Stelle im Kamp wird sie dann wohl an mich denken ...

Gneisenau wird Kommandant der Kolberg.

Von Joachim Nettelbe ck.

Am 20. September jährt sich zum 200. Male der Geburts­tag Nettelbecks. Aus der im Bernhard Sporn Verlage er­schienenen, mit vielen zeitgenössischen Bildern und Dokumen­ten ergänzten Neuausgabe des felbstverfahten Lebensberichtes, den dieser alte Seefahrer und glühende Patriot hinlerlafsen hat, bringen wir den folgenden interessanten Ausschnitt zum Abdruck.

Am 26. April erschienen zwei jener Schiffe auf der Reede, welche das zweite pommersche Reserve-Bataillon, 700 Köpfe stark, in Memel eingefchifft hatten und unsrer seither aus allerlei Weise verringerten Be­satzung als eine willkommene Verstärkung zuführten. Unsrer war also keineswegs vergessen worden, sondern es geschah zur Hilfe für unsere Bedrängnis, was die Not des Augenblicks zuließ. Als die Truppen des nächsten Tages ans Land gesetzt wurden, erschien auch, von der andern Seite her, ein Schiff von Schwedisch-Pommern mit einer guten Anzahl Ranzionierter, welche der von hier dorthin abgeschickte Hauptmann von Bülow in Stralsund gesammelt und organisiert hatte. Und wahrlich! solcher ermunternden Erscheinungen bedurften wir auch in diesem Augen­blicke mehr als jemals, da eben kurz zuvor (den 25. April) die sichere Kunde bei uns eingegangen war, daß das längst erwartete Belagerungs­geschütz im feindlichen Lager eingetroffen sei. Jetzt erst drohte also der Kampf um Solbergs Besitz seinen vollen Ernst zu gewinnen.

Diesen Ernst zeigten die Franzosen ihrerseits sofort am 29. April auch dadurch, daß sie unter dem Schutz der Hohenberaschanze, halben Weges von dort gegen die Stadt, auf dem sogenannten Sandwege, gleich hinter dem Zingel, eine Schanze aufwarfen, und ebenso eine zweite, in der Richtung von Bullenwinkel her, am Matzenteiche zu errichten begannen. Sie in dieser Nähe zu dulden, wäre hochgefährlich gewesen; allein es schien nicht, als ob unser nach beiden Punkten hin gerichtetes Geschütz die Arbeiten sonderlich hinderte. Da nun zu jeder kräftigeren Maßregel Loucadou der Mann nicht war, und ich auch, meiner persönlichen Ver­hältnisse wegen, mir weiter mit ihm nichts zu schaffen machen wollte, so eilte ich, den Vizekommandanten aufzusuchen und ihm meine neuen Besorgnisse ans Herz zu legen; denn durch Ihn und andere wohldenkende Offiziere war jetzt nur allein noch jedes Gute zu erwirken, das die Um­stände erheischten.

In der Stadt sand ich meinen Mann nicht, aber es wurde mir gesagt, er befinde sich wegen eines von Danzig gekommenen Schiffes am Hafen; und ich war im Begriffe, ihm dahin zu folgen, als er mir be­reits auf der Brücke des Mündertors begegnete. Neben ihm ging ein Mann, den ich nicht kannte und der mit dem Schiffe gekommen zu fein schien. Dieser Fremde, ein junger rüstiger Mann, von edler Haltung, gefiel mir auf den ersten Blick, ohne daß ich wußte und sagen konnte, warum. Da indes mein Anbringen an den Vizekommandanten eilig war, zog ich ihn bei der Hand etwas abwärts, um es ihm, des fremden Mannes wegen, ins Ohr zu flüstern. Waldenfels aber lächelte zu meiner Vorsicht und sagte:Äommen Sie nur, in meinem Quartier wird ein bequemerer Ort dazu sein."

Als wir dort angekommen und unter sechs Augen waren, wandte sich der Hauptmann zu mir mit den Worten:Freuen Sie sich, alter Freund! Dieser Herr hier Major von Gneisenau ist der neue Kommandant, den uns der König geschickt hat", und zu seinem Gast^: Dies ist der alte Nettelbeck!" Ein freudiges Erschrecken fuhr mir durch alle Glieder; mein Herz schlug mir hoch im Busen, und die Tränen stürzten mir unaufhaltsam aus den Augen. Zugleich zitterten mir die Knie unterm Leibe; ich fiel vor unferm neuen Schutzgeist in hoher Rührung auf die Knie, umklammerte ihn und rief aus:Ich bitte Sie um Gottes willen! verlassen Sie uns nicht; wir wollen Sie auch nicht verlassen, so lange wir noch einen warmen Blutstropfen in uns haben; sollten auch alle unsere Häuser zu Schutthaufen werden. So denke ich nicht allein; in uns allen lebt nur ein Sinn und Gedanke: die Stadt darf und soll dem Feinde nicht übergeben werden!"

Der Kommandant hob mich freundlich auf und tröstete mich:Nein, Kinder! Ich werde euch nicht verlassen. Gott wird uns helfen!" Und nun wurden sofort einige Angelegenheiten besprochen, die wesentlich zur Sache gehörten, und wobei sich sofort der helle umfassende Blick unseres neuen Befehlshabers zutage legte, so daß mein Herz in Freude und Jubel schwamm. Dann wandte er sich zu mir und sagte:Noch kc. iit mich hier niemand. Sie gehen mit mir auf die Wälle, daß ich mich etwas orientiere." Das geschah. Ich führte ihn auf dem Wall und den Bastionen herum, und zeigte ihm von hier aus die feindlichen Stellungen und Schanzen. Was auf den Wällen war und varging, sah er selbst. Zuletzt tarnen wir auch an die Jnundations-Schleuse. Ich zeigte ihm den ganzen Zusammenhang und Umfang dieser Einrichtung, und wieviel dadurch noch für die Sicherstellung des Platzes geschehen könne; denn was bis jetzt dadurch bewirkt worden, war noch nichts, was zur Sache führte, und meist heimlich von mir geschehen, weil der Einspruch der Grundeigentümer bisher nicht zu besiegen gewesen war. Jetzt aber sah ick mir freiere Hand gegeben, und ward sogar förmlich beauftragt, mich dieses Geschäfts mit besonderer Sorgfalt anzunehmen.

Gleich des nächsten Tages stellte der neue Kommandant sich selbst, auf dem Bastion Preußen, der Garnison als ihren jetzigen Anführer vor; und die Feierlichkeit begleitet er mit einer Anrede, die fo eindrucksvoll und rührend war, wie wenn ein guter Vater mit feinen lieben Kindern spräche. Alles ward auch dadurch dergestalt erschüttert, daß die alten bärtigen Krieger wie die Kinder meinten und mit schluchzender Stimme ausriefen: sie wollten mit ihm für König und Vaterland leben und sterben. Daraus machte er sie mit den Grundsätzen bekannt, nach welchen er sie befehligen werde, wessen sie sich von ihm zu versehen hätten, und was er von ihnen erwarte usw. Tausend Stimmen jauchzten ihm im freudigen Tumult entgegen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brüh Ische Untversitätsdruckerei R. Lange, Gießen.