, Großvater war ein Genie. Genies sind inkommensurabel."
Christine hatte gern gewußt, was dieses schreckliche Wort „inkommensurabel" bedeutete. Es muht« etwas schlechthin Vernichtendes sein. Aber sie schwieg. Es hatte ja keinen Sinn, zu antworten. Da war wieder die Mauer, da war das Fremde, der ganze Tag war eigentlich schon vertan.
Auch der Vater schwieg eine Weile.
„Also, Christine, ich wollt« dir das nur sagen, weil ich manchmal den Eindruck hatte, als ob du mich nicht ganz verstündest. Ich meine es gut mit dir, Christinei" -
Er gab ihr die Hand. Sie sah groß und ausdruckslos zu ihm auf.
Nun wickelte der Vater von den Paketen, die auf dem Tisch standen, ein kleines Kästchen aus. „Dies hier hat Großvater noch als dein Einsegnungsgeschenk bestimmt. Es ist ein Smaragdring, den bekam er, als er dos letzte Bild des alten Kaisers gemalt hatte. Der Kaiser zog >yn selbst von der Hand und gab ihn deinem Großvater. Du wirst ihn natürlich jetzt noch nicht tragen dürfen, aber er ist dein. Es ist ein sehr wertvoller Ring, schon allein durch die Erinnerung."
' Christine sah den wundervollen Stein, der wie grünes gefangenes Licht schimmerte. Sie sah das abgetragen« matte Gold und las auf der Innenfeit«, noch deutlich erkennbar, die Wort«: „Dem großen Freund unv Maler".
Sie nahm den Ring, preßte chn an ihren Mund und fing an zu ^'e^ging mit dem Ring zum Fenster, li«ß das Licht darauf spielen, ttocknete die Tränen und kam zurück.
„Es ist ein sehr großes Geschenk", sagte der Vater. „Aber warum du deshalb weinst, weiß ich nicht. Es ist wohl die Erregung des Zages. Sei nur vorsichtig nachher beim EssenI"
Der Vater gab ihr nun eine Nein« goldene Uhr an einer langen, dum nen Kette. „Das ist von deiner Mutter, Christtne", sagte «r. „Ich sie vollkommen Herrichten lassen, du kannst sie benutzen. Es ist eine gu« Uhr." *
„Don der Mutter?" fragte Christine.
Aber es erfolgt« keine Antwort.
(Fortsetzung folgt.)
Überhaupt keine Notiz. Er sagte: „Richard, bat Kind sieht verdammt käsig aUSl,aber, Onkel Pauli" sagte vorwurfsvoll der Regierungsrat, dem es nicht einleuchten wollte, daß man gleich nach einer Emfegnung wieder mit 9lU,^erbammtnfäfig, sag' ick dir, Richard! Christine!" wandte er sich direkt an seine Großnichte, „in diesen Sommerferien kommst du e nmal zu deinem Onkel Paul, nicht wahr, min Deem! Kannst du überhaupt reiten?
Christine sah ihn dankbar an, bann, ohne ihre Antwort abzuwarten, fuhr cr fort: „Wir haben da die Schimmelstute Himmeldreck, bat is en komischer Name. Wenn ick bir, min Deern, bie Geschichte von dem Namen erzählen würde, dann könntest du dich geradewegs totlachen.
Jetzt griff der Regierungsrat energisch ein: ,Zch glaube, wir verschißen diese gewiß reizende Anekdote auf den Nachmittag, benn flety, das Kind kommt doch eben von einer sehr ernsten und heiligen Handlung.
, Ach, dat Kind sieht spack aus, und die heilige Handlung war viel ju heilig für das Kind. Also, kommste, min Deern?" . .
Christine nickte und sagte plötzlich: „Ich verspreche es dir bestimmt, Onkel Paul!" , . . . n„
Der sah sie etwas überrascht an, nahm dann bie klein« Hand, bie sie umständlich von dem schwarzen Handschuh befreite, und sagte: „Ein Mann, C*n Ghriftine lächelte dazu. Sie fing an, sich ein wenig von ihrer inneren Angst zu erholen. Der Tag schien ihr sanfter zu fein und inniger.
Die Türen des Speisezimmers waren weit offen. Der Kastanienbaum hatte schon die grünen Kerzen aufgesteckt. Sie konnten jeden Tag zu dem weiß-roten Licht der Blüte aufflammen. Die Spatzen lärmten in der Sonne, eine lichtblaue Helligkeit wehte vom Garten in bas 3tmmer. In der Mitte des Tisches stand eine Riefenschale mit Veilchen, die am Ranb« mit weitz-roten Gänseblümchen umsäumt war. lieber das Tischtuch waren große Zweige von blühendem Seidelbast gelegt. Das hatte bie alte Henriette gemacht. v , ...
Christine war bewegt. Es war alles anders,. als man es sich vorgestellt halte. Lag bas baran, daß man nun erwachsen war? Waren bl« Menschen besser geworben? Diese alte Henriette war doch ein Drachen, I und nun stand da diese große Schale, die wie der Frühling duftete, und nun lagen da die Zweige, diese schüchternen Frühlingszweige, bie sie so sehr liebte Woher wußte das Henriette? Sie schüttelte den Kopf. Dann ging sie mit ihren großen, langen, schlaksigen Schritten auf Henriette zu und sagte: „Ich danke Ihnen Henriette, ich danke Ihnen so sehr!
Im Nebenzimmer war ein kleiner Tisch für sie aufgebaut. Sie dachte« Komisch, als ob ich Geburtstag hätte! Dabei habe ich gar nicht Geburtstag, und eigentlich war es doch ein ganz trauriger und ernster Tag!
Der Vater stand neben ihr. Er war bewegt und zärtlich. Er sagte: „Christine, ich weiß, daß ich dich streng erzogen habe, aber ich bin in einem Hause aufgewachfen, in dem eine merkwürdig bewegte Lust war. In meiner Jugendzeit war es so, daß oft das Geld in vollen Strömen ausgegeben wurde, und bann war plötzlich kein Pfennig da, auch nur die Bäckerrechnung zu zahlen!"
I „Großartig!" sagte Christine. *
Das Gesicht des Vaters veränderte sich: „Cs war nicht so großartig", sagte er. „Ich wollte davon auch gar nicht sprechen, eigentlich. Jedenfalls erschien mir richtig, dich früh an Ordnung, Zucht und bürgerliches Leben I zu gewöhnen. Ich habe, glaube ich, das Meinige getan, Christtne; du bist noch nicht erwachsen, ich werde weiter für dich sorgen und das tun, was ich für richtig halte. Denn das Leben Ist kein Feftfpiel, es bedeutet Pflicht- erfüttung, Arbeit und Vorwärtskommen!"
„Großvater ist sehr weit vorwärtsgekommen", sagte Christtne.
Mich glauben!" . „, , _
Der Vater hatte einen Wagen bestellt, das gehörte sich so. Vor der Kirche drängte sich eine Anzahl von unbekannten älteren Herren, die sie nie gesehen hatte, an sie, und an den Vater heran und gratulierte beiden. Es waren andere Gesichter, als sie die Bekannten des Vaters sonst hatten. Ironische Augen, scharf geprägte Münder, mächtige Brauen, höfliches Benehmen, vermischt mit einer Art innerer Herablassung. Es waren die überlebenden Freunde des Großvaters.
Die kleine Schar bog sich ein wenig auseinander, als in voller Uniform ein eisgrauer General auf sie zutrat. Er salutierte leicht vor dem Re- gierungsrat, beugte sich dann zu Christine nieder: „Ich wünsche Ihnen alles Gute, mein liebes Fräulein von Rucktasch", jagte er. „Ich wollte Sie eigentlich bei Ihrem verehrten Herrn Vater zu Hause besuchen, aber ich muß schon wieder in einer Stunde nach Magdeburg abfahren. Hier, bas hatte ich schon vor langer Zeit als Ihr Konfirmationsgeschenk bestimmt."
Er zog ein kleines Paket aus dem weiten Mantel mit den dunkelroten Aufschlägen. „Mein Freund, Ihr Großvater, hat oft von Ihnen gesprochen, mein liebes Fräulein von Rucktasch. Wenn Sie einmal im Leben einen recht alten Freund brauchen, wenden Sie sich an mich! Beschütze Sie Gott, mein liebes Kind!" _
Der General salutierte, fein Adjutant stand neben ihm, bas Militar- auto fuhr schon an, ehe sich Christine recht debankt hatte.
„Wer war bas, Vater?" sagte sie.
„Das war der Kommandierende General in Magdeburg, von Jrrttsch, ein Jugendfreund von Großvater."
Christine umschloß bas kleine Paket mit ber Hanb.
Sie fuhren zusammen mit einem anberen alten Herrn, ber ihr Onkel mar ber jüngste Bruber ihres Grotzvaters, ein Nachkömmling ber Familie. Er hatte sich erst nach dem Tode seines Bruders mit dem Regierungsrat ausgesöhnt. Er war jetzt von seinem kleinen Gut an der Elbe zur Ein- segnunq nach Berlin gekommen. Er wohnte in der Villa.
Er sprach wenig. Jetzt nahm er von der Einsegnung in seinem Gespräch
verwandelt. Senn, mein Kind, wer isiet und nicht glaubet, ber isset sich I selber bas Gericht!" . ,, I
Er sprach ganz langsam mit seiner guten und klaren Stimme me »ritte aus bem elften Kapitel bes ersten Paulinischen Briefes an
ormther: „Welcher nun unwürbig von diesem Brot isset ober von bem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinte von diesem Kelch. Denn wer unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selber zum Gericht, daß er nicht unterscheidet den
Christine ^beugte die Stirn und betete mit aller Kraft ihres Herzens, baß sie glauben möge. , . „. „
Der Pfarrer stand auf, fuhr ihr wieder über das Haar, hob bas Kinn empor und sagte: „Du mußt dich bei der heiligen Handlung der Emseg- nuna von nichts ablenken lassen. Du hast einen berühmten Großvater gehabt, und wenn dein Name in der Kirche auf tönen raub, kann es fommen, baß ein Geranne entsteht. Gib nichts auf die Eitelkeiten dieser Welt, sei furchtlos und treu. Du wirst es nicht leicht haben, mein Kmb, glaube ich. Als Einsegnungsspruch werde ich bir beshalb das Wort mitgeben: „ •
Nun bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Aber die Liebe ist bie größeste unter ihnen."
In ber Nacht vor ber Einsegnung konnte Christine nicht schlafen. Sie fragte sich immer aufs neue, ob sie nun gläubig sei. Immer ftanb ber Satz vor ihr, ein furchtbarer und drohender Satz: „... der isset sich selber ^^'erschreckend blaß. Ihre Augen lagen tief und glanzlos. Das schwarze Kleid hing schlecht auf ihrem viel zu dünnen Körper. Sie schritt | als Letzte hinter der Reih« der Mädchen neben Peter von Kehl. Sie hatte den Pfarrer gebeten, ob sie mit ihrem Nachbarn und Spielgefährten zusammen eingesegnet werden könne.
Während sie durch die Mitt« der alten Kirche ging, vorbei an dem dunkelbraunen Gestühl, bas ganz an gefüllt war von „Zuschauern , wie sie dachte, bereute sie schon bie Bitte. Sie fühlte, daß sie Peter nie hatte bitten sollen, ein halbes Jahr auf die Einsegnung ihretwegen zu warten, sie wäre am liebsten baoongelaufen. Vor Zorn über sich selbst kam eine Heine rote Welle über ihr blasses Gesicht. Peter war sehr ernst. Ader als sie die Stufen zum Altar emporgingen, sagte er: „Christine, nimm dich in acht!" _ .
Da war ber Garten mit den Himbeeren, da war die niedrige Kinder- bank, da waren bie Meisen, bie mit kleinen Rusen durch die Zweige jagten, da war der Ahorn in dem Nebengarten, da waren sonnen- glänzende Kieswege und über den Rasen jagende Hunde, da war ein leichter Wind, ber es mit sich brachte, daß die Blätter der Silberpappel ihre Unterseite wie Mondlicht emporroarfen. Da waren Bitterkeit und Einsamkeit und Kinderttönen, und da war frembes Flüstern und waren seltsame Wolken und ein Gedicht von Lenau und ein wilder Sprung und ein heller Schrei... Ach, sie war Peter dankbar.
Der Prediger sprach von dem Leben, das sie all« erwartete, er sprach von der Gemeinde, die sie aufnehmen werde, und er fand wunderschöne Bilder für die tröstende Hand, die den durch das Leben führt, dem das innere Leben den wahren Glauben schenkt. .
Christine versuchte eine Weile, der Predigt zu folgen; dann sah sie in bie Gesichter ber Gemeinde, sah, wie bas Licht, das aus den schweren, hohen Fenstern tarn, seltsame Figuren malte, sah, wie von einem inneren Dämon getrieben, jeden Ausdruck und jedes Mienenspiel in ber ersten Reihe ber Zuhörer. Sie hätte später biese erste Reihe zu jeder Zeit ihres Lebens ziemlich genau malen können. Sie vergaß sich völlig. Sie sprach mechanisch mit den anderen bas Bekenntnis, sie kniete neben Peter nieder, sie hörte ihren Namen Christine Dorochea von Rucktasch laut durch die Kirche hallen. Sie merkte sogar, was ihr ber Pfarrer oorausgesagt hatte, baß eine raschelnd« Bewegung bei dem. Namen durch den Raum ging. Dann beugte sie den Kopf und betete wie alle Tage: „Lieber Gott, laß


