GichenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938
Montag, den 19. September
Nummer 73
Christine von ÄWotti
Roman von Rolf Brandt
Copyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlkn
1. Fortsetzung.
„Das sagte dein Großvater?"
„Ich weiß es, was er sagte, denn er hat es mir auch in ein Buck Eneb-n: Malen gibt Gott, Verkaufen ist Verstandesfache! Unter fünf Tafeln Schokolade keine Karte!"
„Dein Großvater war ulkig!" sagte Peter.
„Er war groß!" sagte Christine ernsthaft. „Er war sehr groß, und ich will werden wie er, Peter!"
„Kannst du denn malen?" fragte Peter geringschätzig. „Ueberhaupt yT7 0 U C Fl . . ,
/'2ch werde malen, Peter, und ich will ein Leben leben, wie es Groß- se-ebt hat und nicht wie Vater! Ein Leben zwischen Menschen, schonen Mannern und tollen Frauen, mit Equipagen und schönen @är= ten — ach, Peter! Großvaters Haus am See ist auch verkauft'"
Der Junge sah fast erschrocken, wie das kleine, schmale Gesicht sich rötete, wie die Augen blitzten und die kleinen Fäuste sich ballten x ®V°9« Sutnmt.g. „Christine, ich glaube, du hast Fieber! Schmerzt venn das Knie?
^/Zuatsch", sagt« Christine, ,/es schmerzt überhaupt nicht mehr, und oer Kock ist trocken! Ach, mit dir kann man auch nicht reden, Peter'"
Ohne Überhaupt darauf zu achten, wie seine Blicke ihre Gestalt um- lchmeichelten, stand sie auf, zog das noch etwas feuchte Cheviotkleid an und ging zum Hof zurück. Niemand stand am Hinteraufgang. Sie chloß von außen auf. Sie wusch das Knie, hängte den Rock in den Schrank, Zog sich um. Um acht Uhr kam der Vater.
. "So, ChMine, ich hoffe, du bist nun vernünftig geworden, komm jetzt -um Abendbrot!
Christine hatte den letzten Tag ihrer Kindheit erlebt. Jü einem Monat war ihr fünfzehnter Geburtstag.
*
Erst mit sechzehn Jahren wurde Christine eingesegnet. Sie kam auf Vlunsch des Vaters zu einem beliebten Geistlichen, einem berühmten iianzelredner, der in einer Kirche im Zentrum der Stadt wirkte. Wenn er Gottesdienst hielt, war die Kirche überfüllt. Seine dunkle Stimme vrang in die Herzen der Gemeinde, die Frauen weinten, wenn er von der Seelennot sprach und den einzigen Weg der Hoffnung und des Glaubens zeigte. Das rührte Christine gar nicht. Aber in den Konfirma- llonsstunden war sie aufmerksam. Sie fragte den Pfarrer plötzlich, indem I>e ihn ernsthaft ansah, ob er wirklich on die Unsterblichkeit der Seele glaube.
„Aber Kind", sagte der Pfarrer, „ich habe dir doch den Weg zum wlauben gezeigt! Ich habe mit euch gesprochen, ich habe es mich Mühe koste" lassen, und nun stellst du eine so ungläubige Frage'"
' bin nicht ungläubig", sagte Christin«. ,Zch weiß sogar, früher ha! Rott mit mir gesprochen,' wenn ich die Hände faltete und ganz ernst und heftig betete, sprach er mit mir. Aber nun schweigt er."
Der Pfarrer fuhr ihr mit seiner schönen Hand über die dünnen blonden ckaare und sagte: „Gott ist immer da, Gott wird wieder zu dir kommen, denn er ist in dir, mein Kind. So wahr Christus gelebt hat, so wahr gibt es die Unsterblichkeit der Seele!"
Sobald der Pfarrer nun anfing, ein paar Stellen der Bibel in dem Ton zu zitieren, den er sich als Kanzelredner hatte angewöhnen müssen, preßte Christine die Lippen zusammen, sie stellte keine Fragen mehr, !>e senkte die Augen und schwieg. Aber es war angenehm, di« kühl« yand des geistlichen Herrn auf der Stirn zu spüren.
Der Konfirmationsunterricht hatte sie eine Zeitlang stiller gemacht, wer die Wirkung ließ nach, sehr schnell. Sie merkte, daß sie viel mehr Freiheit gewonnen hatte als vorher, Freiheit der Zeit. Denn der Weg iu der Kirche von dem Vorort war weit, die Kontrolle des Vaters konnte 'ck U'cht mehr auf die Minute erstrecken. Sie erfand außerdem immer ■Kue Entschuldigungen, mindestens einmal in der Woche die Konfirma- wnsstunde zu schwänzeki. Dann ging sie durck die engen Gassen, die sich "'s zur Spree hinunterzogen. Hier war die Armut zu Hause, hier war her auch ein« Fülle von Dingen, die es sonst nicht gab. Toreinfahrten, mter denen alte Höfe lagen, ein Stück Stadtmauer, alte Kneipen, in die
man hineinsehen konnte, in denen Gestalten saßen voll Verkommenheit und merkwürdigem Ausdruck.
Sie hatte es sehr bald heraus, daß man fein ältestes Kleid anziehen müsse um hier nicht aufzufallen. Sie öffnete ein paar Blusenknöpse, sie keß den großen Florentinerhut zu Hause, sie bestaubte vorsichtig die Schuhe, und dann begann sie mit den Burschen zu sprechen, die mit schmutzigen, weiten grauen Leinenhosen und blau und weiß qestreiften Hemden bekleidet waren.
öie wollte fort, da Pak der Absatz ihres Schuhes zwischen dem holprigen Straßenpflaster fest. Karl bekam sie am Arm, zog sie mit einem Ruck alle Glieder schmerzten sie, in einen Hausflur: es roch dort nach Kohl und nach Wasche und nach dumpfer Luft
Sie zitterte, sie bat: „Karl, laß mich los! Karl, laß mich los, ich beiße!" ,.. J° Wetter!" hatte Karl gesagt und sie hart an sich gerissen. Sie suhlte seinen starken Mund in ihrem Gesicht. Er küßte, wohin er traf, r?ß ihr den Kopf rückwärts und küßte ihren Mund. Dann wurde er einen Augenblick von seiner eigenen Zärtlichkeit überwunden und ließ ihre Hüfte frei. Im gleichen Moment stieß sie ihn mit aller Wucht gegen die Brust, gab ihm eine schallende Ohrfeige und raste ins Freie.
öett diesem Tage ging sie nicht mehr in das alte Viertel an der Spree. Sie wiederholte in ihrem Leben niemals eine Erfahrung. Nun wußte sie, wie die Gefahr war. Das Grauen strömte noch durch ihren Körper, Grauen, Angst und ein anderes merkwürdiges Gefühl, daß lensecks von dem sanften Leben etwas anderes sei, etwas Schreckliches und Wildes, vor dem man sich hüten müsse, in das man sinken könne roerfn man die Augen schlösse.
Das war etwas anderes als damals im Garten, als Peter sich über sie niederbeugte. Ach, mit der Gefahr konnte man spielen, es war gar feine Gefahr. Es war auch ohne Schrecken. Sie grübelte nach: Es war auch ohne Lockungen. Wenn Peter sie jetzt küssen würde, bann würde sie lachen. Ach, er wußte ja nichts, gar nichts wußte dieser Peter!
Sie ging brav in die Konfirmationsstunden, sie lernt« sogar dem Pfarrer zuliebe — was sie in der Schule nie getan hätte — ein paar Kirchenlieder und zwei Psalmen auswendig. Sie behielt sie für ihr Leben lang:
Himmel, was sprachen diese Burschen! Was hatten sie für Ausdrück«! W,e war das Leben anders, wenn sie von ihm redeten! Kräftig waren i un? bJ? 3u einem gewissen Grad gutmütig. Sie lernte sehr AE ihre Sprache, sie wußte, sie mußte sich nur in acht nehmen, keines dieser Worte, die den Schein der Verkommenheit und einer glücklichen Gewalt trugen, zu Hause zu benutzen: „Dufte" und „keß", und jeder Satz begann mit „wat und endete oft mit Worten, deren Sinn sie nur ounrel suhlte.
Wenn die Kerls frecher wurden oder sie einer um di« Schultern metorninhinf^ ''b bann sie mit erstaunlicher
Geschwindigkeit fort. Das war aufregend, wenn die Lümmels dann ein paar Satze machten, um sie zu bekommen, das war aufregender, als im weißen Kleid Tennis zu spielen ober sich beim Krocket mit Peter zu ?. en. Das war viel aufregender, als mit kleinen weißen PapierftUckchen, die man forgfa(tig gerollt und umgebogen hatte, nach dem Tintenfaß des Ordinarius zu schießen. Es war beinahe gefährlich, denn in den Augen biefer Burschen, da war das Leben, da war der Hunger, da war nicht das, was sie immer wieder entsetzt«, die nüchterne Geborgenheit der vorgeschriebene Weg, das brave Gespräch. a ’ ■
schlecht. Sie war frech geworden und hatte den gereizt. Sie hatte ihm gesagt, er sei feige.
„menet Aas, nimm dir in acht!" hatte der Fischer-Karl gesagt.
. ,S-e wollte fort da stak der Absatz ihres Schuhes zwischen dem
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, So fürchte ich kein Unglück;
Denn du bist bei mir,
Dein Stecken und Stab trösten mich.
Als der Tag der Einsegnung nahe gekommen war, bestellt« der Pfarrer seine Konfirmanden einzeln zu sich. Christine kam zu ihm an einem Apriltag. Die Sonne schien in das helle Amtszimmer. In der Ecke war ein Gebetpult mit einer breiten Fußleiste ausgestellt; darüber hing der Gekreuzigte.
Der Geistliche war freundlich. Er sagte: „Kind, ich habe mir über dich Gedanken gemacht, du wirst es nicht leicht im Leben haben. Aber ich möchte dir den Glauben mitgeben, du wirst ihn noch mehr brauchen können als andere. Wir wollen ein Vaterunser beten'"
Er nahm sie an die Hand und führte sie zu dem kleinen Betschemel unter dem Kreuz. Der alte Mann fniete neben ihr nieder. Sie sah sein Gesicht ganz nah« und unter der Brill« die hellen, starken Augen. Er faltet« die Hände und betete ganz langsam das Vaterunser.
„So, nun bete, mein Kind. Wir wollen beide beten, daß du den Glauben an die Barmherzigkeit Gottes und an die Erlösung hast. Nur wer den Glauben hat, soll bas heilige Abendmahl nehmen, nur wer i>en Glauben hat, soll den Wein trinken und das Brot essen, bas sich


