Oer Sieg des Monitor.

Von Hermann Ulbrich-Hannibal.

Am 6. November 1860 war Abraham Lincoln zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Damit war der von Jahr zu Jahr stärker gewordene Streit zwischen den Anhängern der Sklavenhalterei im Süden und ihrer Gegner im Norden der amerikani­schen Union auf die Spitze getrieben. Wenn nicht alle Anzeigen trügten, tonnte nur die Waffengewalt die Entscheidung bringen.

Der Staat Süd-Carolina sagte sich sechs Wochen später von dem Bunde los, um beim Regierungsantritt Lincolns im März des nächsten Jahres nichts mehr mit den Bereinigten Staaten zu tun zu haben. Seinem Bei­spiele folgten die anderen an der Sklaverei feskhaltenden SUdstaaten Mis­sissippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Texas, Virginia, Arkan­sas und Nord-Carolina.

Damit war das Werk Lincolns zerstört, die Bereinigten Staaten in zwei feindliche Gegner gespalten.

Besonnene Köpfe versuchten es, vor dem Regierungsantritt Lincolns noch wieder die Einigkeit herzustellen und riesen zu einem Friedens­kongreß in Washington auf. Der Versuch scheiterte.

Zwei Tage später tagte in Montgomery ein Kongreß der abgefallenen Südstaaten und beschloß, sich nicht dem Norden zu unterwerfen, sondern selber die Geschicke der Vereinigten Staaten in die Hand zu nehmen und nötigenfalls den Norden mit Gewalt gefügig zu machen.

Einige Wochen nachdem Lincoln den Präsidentenstuhl bestiegen und zur Versöhnung gemahnt hatte, schlossen sich die Südstaaten zum Bund der sogenannten Konföderierten Staaten zusammen, stellten an ihre Spitze einen Gegenpräsidenten und setzten in ihrer Verfassung die Beibehaltung der Sklaverei fest.

Der Bürgerkrieg war unvermeidliche er begann damit, daß di« kon­föderierten Truppen am 12. April 1861 das Fort Sumter einnahmen.

Drei Tage später erließ Abraham Lincoln einen Aufruf zur Ver­teidigung des Landes. Es folgten ihm nicht nur 75 000 freiwillige Sol­daten e auch ein Techniker bot sich an, mit seinen Kräften den Nordstaaten Hilf« zu bringen.

Er wollte ihnen ein merkwürdiges Fahrzeug erschaffen, ein Schiff, wie man es noch niemals auf der Erde gesehen hatte. Es sollte noch nicht einmal einen Meter aus dem Wasser ragen, seine Seitenwände sollten gepanzert sein, und auf seinem Deck sollte es einen drehbaren Panzer- tprm tragen, aus dem die Geschütze ihren Eisenhagel ungehindert nach allen Seiten senden konnten.

Ja, Schisse brauchte die Regierung der Nordstaaten, sie hatte schon fünfhundert Kriegssahrzeuge mit fünftausend Kanonen in Auftrag ge­geben. Aber so ein Schiff, wie ihr derhergelaufene" Schwede John Ericsson anbot, konnte sie nicht verwenden.

Ganz gut sagte sich Welles, der Führer des Marinedepartements, wenn ein Kriegsschiff den feindlichen Geschützen eine möglichst kleine An­griffsfläche bietet; aber wie stellt sich dieser Schwede überhaupt vor, wie ein Schiff schwimmen soll, das so gut wie gar nicht mit feinem Rumpf

und Felder, selbst dieses Licht ist wie unwirklich, magisch. Jetzt fährt draußen ein Stoß ins Wasser. Im Augenblick ist die zarte Kontur der grünen Ränder verwischt. Am Südende beginnt es weih zu tanzen über der Fläche. Gegen Norden hin wird der See schwarzblau. ^Jetzr rauscht der Wald aus. In breiten Bahnen rückt der Sturm den Baren- kopt entlang ins Tal herein. Wie eine von allen Heerscharen majestätisch gespielte Orgel dröhnt er auf, der Herrliche, Herrscherliche, Ueberlebens- große, der Herold des Winters und [ein jauchzender Ueberroinber: der

Drei Tage und drei Nächte herrschte er. Sein Brausen erfüllt Welt und Himmel. Dann, fast plötzlich, fährt er davon und hat einen tiefen, grauen Himmel über den Tälern gelassen. Er hat die große Bühne hergerichtet für den königlichen Gast, der jetzt auf ihr sein Wort reden wird.

Gegen Abend fängt es dünn zu schneien an und schneit Tage und Nächte. Dann klart es auf. Jetzt liegt der See wie verstorben nach dem schüttelnden Fieber. Er gleicht einem Saphir, der auf einem weißen Seibentud) sehr dunkel blaut. In ihm spiegeln sich die weißen Wälder und das graue Gefels. Nachts liegen die Sterne goldgrün und klar auf dem schwarzen Wasser, kein Laut sickert durch die große Stille. Streng und strenger herrscht der Winker von Woche zu Woche. Zwei Monate hindurch trifft viele Häuser in der Pertisau kein Sonnenstrahl. Sie geht einen kleinen Bogen hin, weit draußen überm Jnntal. Das Dors Eden leuchtet im hellsten Glanz herüber.

Aus den Wäldern kommt wochenlang das helle Klingen abtriftenden Holzes. Durch vereiste Rinnen taffen die Holzhauer die fommerüber gefällten Bäume ins Tal herab. Vom Karwendel herüber donnern La­winen, Steinschlag, von Schnee und Frost gesprengt, schollert zum Grunde. Es geht gegen Dreikönige. Jetzt ist auch der See zugefroren. Schwarzgrün liegt er in den weihen Rändern. Stundenlang kracht das wachsende Eis. Wie Hall von Geschützen dröhnt es und kommt von den Bergen wieder. Eine seltsame Lust ist es, auf Schlittschuhen über die schwarzgrüne Tiefe zu fahren. Man tut es am besten bei Nacht, und man läuft über die Sterne weg. Der nächste Schneefall wird den See zudecken, und dann ist die blitzende Weiße allenkhalb. Bis gegen Ende Februar der Frühjahrsföhn einbricht und in einem tagelangen gewal­tigen Kampfe das Eis zersprengt. Ein so jauchzender Streit ist das und «in so großer Sieg! Die Bläue des befreiten Sees ist von neuer und jungfräulicher Schönheit. Der zarte Frühlingshimmel darüber noch wie scheu umblitzt von der wiederkehrenden Sonne. 0 holde Wiederkehr! Tröstliches Wort des Menschengemütes vor jeder vergänglichen Schön- »eit erschaffenen Seins!

aus dem Wasser herausragt. Ericsson, so meinte er verächtlich, soll uns unfern Krieg führen lassen, wie wir wollen; wenn er keine besseren, brauchbareren Vorschläge machen kann, dann soll er ruhig wieder nach England gehen und sich dort von den Lords der Admiralität weiter aus» > lachen oder wieder ins Schuldgefängnis werfen lassen.

Der Krieg nahm seinen Fortgang und entschied sich immer mehr zu j Gunsten der Südstaaten, die, obwohl sie den Nordstaaten gegenüber zahlenmäßig in der Minderheit waren, besser gerüstet in den Krieg zogen und auch die süchtigsten Offiziere, Männer wie Beauregard, Johnston, Jackson, Bragg und Lee in ihrem Heer hatten.

Kaum hatten die Nordstaaten zu Lande, am Bull-Run, eine gewaltige Niederlage erlitten, da glückte den Südstaaten auch zu Wasser ein Sieg nach dem andern.

Die Südstaaten hatten, obwohl sie den Nordstaaten von vornherein überlegen waren, das KanonenbootMerrimac" provisorisch mit einer Eisenpanzerung versehen. So konnte das Schiff mit seinem gewaltigen eisernen Rammsporn sich siegessicher gegen jedes der hölzernen Schiff« der Nordstaaten wenden und der gegnerischen Kriegsflotte Tod und Ver­derben bringen.

Es war zum Verzweifeln, die neu erbaute Flotte der Nordstaaten wurde kleiner und kleiner und damit die Aussicht auf einen günstigen Ausgang des Krieges immer geringer. Die Folgen der verheerenden Tätigkeit desMerrimac" wurden immer fühlbarer; kaum wagte sich ein Schiff der Nordstaaten zum Angriff gegen denMerrimac", so war es ihm auch schon zum Opfer gefallen.

Wenn man nicht mit irgendwelchen Glücksfätten rechnen könnte, würden die Südftaaten siegreich aus dem Kriege hervorgehen, der Prä­sident Lincoln wieder abgesetzt und die Sklaverei nicht aus der Welt geschasst werden.

In dieser Zeit der großen Not, in der Ericsson immer mehr die Ge­wißheit gewonnen hatte, daß das KriegsschiffMerrimac" gegen das von ihm geplante Panzertumfchiff machtlos fein würde, wandte er sich wieder in einem Briefe an den Präsidenten Lincoln, um seine mehr als drei Jahrzehnte alte Idee zum Segen der Nordstaaten in die Tat umzusehen. Er versprach dem Präsidenten mit seinem Fahrzeug Hilfe in der Not und wurde daraufhin umgehend nach Washington, dem Sitz der Zentral­behörden, bestellt.

Die Not zwang Mister Welles, den Führer des Marinedepartements, sich dem Zivilisten Ericsson gegenüber entgegenkommender als früher zu zeigen. Nachdem die Kommission kaum zwei Stunden getagt hatte, er­hielt Ericsson den Auftrag, sein Panzerturmschiff, dasMonitor" Warner heißen sollte, so schnell wie möglich zu liefern.

Die Erbauung ging in ungekannter Schnelligkeit vor sich. In nicht ganz vier Monaten war das Schiff, von dem Beginn der Kiellegung an, fertig. Am 19. Februar 1862 wurde es an die Regierung abgeliefert und unter das Kommando des Leutnants John Worden gestellt.

Die Neuyorker Zeitungen, die gegen die Regierung schwere Borwürs« erhoben hatten, daß sie das Geld zu sinnlosen Experimenten vergeude, sahen mit Spannung der Ausreise des Monitor entgegen. Als sich dann zeigte, daß die Probefahrten des Schiffes nicht zur Zufriedenheit aus­fielen, erhoben sie schwere Anklagen gegen die Regierung und nannten das Schiff, in Erinnerung anFultons Narrheit",Ericsson? Narrheit".

Nach einigen Tagen war es Ericsson aber gelungen, die vorhandenen Fehler zu beseitigen.

Nun sollte der Merrimac sehen.

Am 6. März verließ der Monitor in Begleitung von zwei Dampfern den Neuyorker Hafen. Es wurde höchste Zeit, dem Merrimac, der schon wieder an einem Tage drei Kriegsschiffe der Nordstaaten zerstört hatte, das Handwerk zu legen.

Die Fahrt ging nicht sehr verheißungsvoll vor sich. Aber dennoch er­reichte dieses erste Panzerturmschiff der Welt am Abend des übernächsten Tages den Eingang der Chesapeake-Bay, wo der feindliche Merrimac Furcht und Schrecken verbreitete.

Am nächsten Morgen stürzte sich der Monitor in den dreistündigen Kampf, der für eines der merkwürdigsten Gefechte der Seekriegsgeschichte gilt. Panzer gegen Panzer, so kämpften die beiden Schiffe, bis sich her Merrimac" in finkendem Zustande nach Norfolk zurückziehen mußte.

Der Feind suchte uns zu überrennen", so schrieb der Ehes-Ingenieur desMonitor" an Ericsson,und in den Grund zu bohren. Aber er selber tarn am schlimmsten dabei fort. Der Rammbug glitt über unser Deck hinweg, unö unser scharfes, nach oben spitz zulausendes Geländer durchschlug dem Gegner die nur leichte Eisenverkleidung oberhalb des Kiels und drang tief in das Innere ein."

UndKapitän Ericsson", so fuhr er fort,ich wünsche Ihnen ®(üif zu Ihrem großen Erfolge; Tausende segnen Sie am heutigen Tage. Ich habe gehört, wie das ganze Schiffsvolk ein Hoch auf Sie ausbrachte; jedermann fühlt, daß Sie diesen Platz der Nation gerettet haben, indem Sie uns die Mitel an die Hand gaben, eine Panzerfregatte unfchädlich zu machen, die bis zu unserer Ankunft mit unseren größten Schiffen nach ihrem Gefallen umsprang." r

Die gegnerische Seite bekannte, daß derMonitor" das surchtbarste Kriegsschiff der Welt und ihr Schiff im Vergleich dazu ein Fahrzeug aus Glas fei. .

Der Sieg des Monitor brachte im Sezessionskrieg die Wendung zu Gunsten der Nordstaaten. Aus dem Narren Ericsson wurde einer der volkstümlichsten Männer Amerikas, der in überschwenglicher Begeisterung nicht nur als großer Erfinder, sondern auch als amerikanischer National­held gefeiert wurde.

Die Südstaaten wurden wieder in die Union eingereiht; das Werk George Washingtons blieb erhalten, und Abraham Lincoln konnte allen Sklaven die Freiheit schenken.

Verantwortlich: l)r. HansThhriok. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gietzen.