Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938 Freitag, den 19.August Nummerb^
Unflat)
Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.
Von Cherry Kearton.
Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
4. Fortsetzung.
Aber jetzt ist keine Zeit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was das alles zu bedeuten hat. Der Vater läuft schon voraus, und Mutter, die ihnen auf den Fersen ist, stößt sie beständig mit der Nase vor sich her. Manchmal wendet sie sich zur Seite, um in der Luft zu schnuppern: dann setzt sie sich aber schnell wieder in Trab und läuft wohl auch mal an den Kleinen vorbei: doch gleich erinnert sie sich ihrer wieder, kehrt um und treibt sie zur Eile an.
Das kleinere Junge findet es auf die Dauer unmöglich, so weit zu laufen, und nach einer Weile packt seine Mutter es mit den Zähnen hinten am Genick , und trägt es weiter. Da der Kleine aber schon ein paar Wochen alt ist, schätzt er so etwas durchaus nicht: ist er auch noch nicht so groß und stark wie sein Bruder — tüchtig gewachsen ist er in letzter Zeit aber doch! Es dauert nicht lange, da muß die Mutter ihn also wieder absetzen, und so beginnt sie von neuem, ihn zum Laufen anzuspornen. Aber dann, nach einem erneuten ängstlichen Blick zurück, packt sie ihn doch ein zweites Mal und schleppt ihn wieder etwa dreißig Meter weiter.
Oh, wie froh ist der Kleine, als sie endlich wieder an der buschbewachsenen Schlucht anlangen, w» sie zu Hause sind! Wo das Unterholz am üppigsten wächst, haben die Löwen sich durch Niedertrampeln und Beiseitedrücken von Gesträuch und Zweigen einen Tunnel gebahnt, der sich nach innen mehr und mehr verbreitert. Von oben her strecken Bäume ihre Zweige herunter, die noch besseren Schutz gegen Sonne und Regen bilden. Die zunächstliegend^ Schluchtwand bildet die eine Seite des Heims: die andere Seite und das Dach bestehen aus dichtverwachsenem Strauchwerk und Unterholz. Im sicheren Gewahrsam ihres eigenen Grund und Bodens begeben sich die Löwen nun aus den Platz über der Schlucht und legen sich dort ins Gras. Die Kleinen keuchen noch vor Erschöpfung: die wachsame Löwin hält sich dicht bei ihnen, nur der Löwe springt immer wieder einmal auf die Füße und blickt den Weg zurück, den sie gekommen sind, hinüber zum Felsenhügel, der noch am Horizont sichtbar ist.
Die Kleinen sind müde: viele Stunden lang schlafen sie, aber gegen Morgen ist alle Müdigkeit wie weggeblasen, und die Lebensgeister erwachen wieder. Aus dem freien Platz über dem oberen Schluchtrand jagt der Kleinere seinen Bruder im Kreis umher — immer rund um die Mutter herum geht es — er dreht sich, schlägt Haken, hopst tolpatschig hin und her und hält mit einem Ruck an, als der Gejagte sich seinem Verfolger plötzlich entgegenstellt. Dann wechseln sie ein paar freundschaftliche Tatzenhiebe, und wieder beginnt die lustige Jagd, diesmal mit vertauschten Rollen.
Jetzt kommt der Vater zurück, der am frühen Morgen fortgegangen ist. Eine Stunde lang hat er eine Herde Kuhantilopen beschlichen, eigentlich nicht mit ernsten Hintergedanken — denn der Tag ist doch nicht die geeignete Zeit zum Jagen — immerhin aber mit der Aussicht, daß bei dem halb spielend begonnenen Unternehmen möglicherweise doch ein gutes Geschäft für ihn herausspringen könne. Diesmal hat es denn wirklich so kommen sollen. Die auf Posten stehenden Tiere hatten zwar den durchs hohe Gras heranschleichenden Feind entdeckt, und die Herde war davvngestürmt: aber eine alte Kuhantilope, die getrennt von der anderen weidete, war nicht schnell genug gewesen, um sich der Herde noch anzuschließen. So war es denn dem Löwen, ein Leichtes, sie zu reißen. Nicht oft bot sich am hellichten Tage eine so günstige Gelegenheit: aber wenn — dann mußte man auch zupacken! Und so fraß er denn, was das Zeug hielt, und schleppte, was noch übrig blieb, zu Weib und Kind.
Gierig, als hätten sie schon lange nichts mehr zu beißen und zu brechen gehabt, verschlingen sie die unerwartete Mahlzeit. Die Löwin kauert über dem Wildbret, reißt einen Fleischfetzen heraus, den sie mit den Tatzen niederhält; immer wieder fährt die rote Zunge darüber hin, bis sie sich endlich daran macht, ihn zu verspeisen; dann steht sie auf und schreitet rings um das tote Tier herum, um sich einen andern leckeren Happen zu suchen. Die Jungen sichern sich kleinere Portionen, schleppen sie einen Meter beiseite, legen sich nieder und verfahren genau so damit wie ihre Mutter.
Hoch in den Lüften schweben die Geier und warten auf die Ueberreste der Mahlzeit. Immer wieder stößt ein besonders verwegener hernieder und streicht tief über dem Aas hin — steigt wieder hoch — stößt von neuem nieder. Sowie die Löwenmahlzeit beendet und di« Löwin eingeschlafen ist, werden die Vögel dreister; sie kreisen immer tiefer und lassen sich immer häufiger nach unten fallen; aber keiner wagt sich ganz zu Boden, solange die Löwen noch da sind.
Der Löwe, befriedigt von seiner morgendlichen Tat und dem besonders guten Futter, nähert sich nun den Jungen und sängt an, mit ihnen zu spielen. Er packt den Kleinen zwischen seine Tatzen und rollt sich mit ihm auf den Rücken; dann läßt er ihn behutsam auf der andern Seite niederfallen, rollt zurück, packt den andern und wälzt sich wieder aus die andre Seite zu dem Kleinen hin, der ihm nun über die Schulter zu krabbeln versucht. Er balgt sich mit seinen Jungen herum, gibt ihnen spielerische Hiebe, und sie versetzen ihm dafür kleine Püffe. Unterdessen erwacht die Löwin, liegt eine Weile und beobachtet Mann und Kinder. Als sie sich an deren Spässen sattgesehen, dreht sie sich um und blickt nach den Geiern hinauf; mit den Augen verfolgt sie ihren schnellen Flug. Wie sie kreisen, niederfahren, wieder in die Höhe steigen, um sich abermals herabzustürzen! In träges Sinnen versunken wünscht sie sich wie schon so oft, es möchte einmal einer noch tiefer herunterfahren, daß sie ihm im Fluge packen könnte; aber dazu ist er bisher noch nie gekommen! Es ist auch nur so ein Traum von ihr--ein eitler, aber
sehr süßer Traum.--
Während der Hitze des Tages schlafen sie alle im Schatten unter einem Baum. So kommt der Wend heran. Da springt der Löwe unruhig auf und läßt seinen Blick über die Steppe schweifen. Aber die ßöroin regt sich nicht. Nach der ausgiebigen Kuhantilopenmahlzeit ist es nicht nötig, heute nacht aus 3agt> zu gehen, und außerdem ist es schön, so faul und halbträumend dazuliegen neben den fest schlafenden Kleinen. Aber als die Nacht immer dunkler wird, erhebt sie sich schließlich doch, weckt ihre beiden Jungen und treibt sie in die Schlucht, wo sie ungefährdet weiter schlafen können.
Danach machte sie sich mit dem Löwen, dem die Unruhe immer noch in den Gliedern steckt, zum Fluß auf. Sollte ihnen etwas Rechtes in den Weg laufen, so werden sie es nicht verschmähen, Jagd darauf zu machen, obgleich sie es nicht nötig haben; denn hungrig sind sie nicht. Aber trinken m ässen sie. Unterwegs pirschen sie eine Herde Elenantilopen an; aber die Wachen schöpfen Verdacht und schlagen rechtzeitig Alarm. Macht nichts! Das Anschleichen an sich war vergnüglich, und das nächste Mal würde man mehr Erfolg haben.
Jetzt sind sie am Fluß angelangt und trinken — dann geht es wieder heim.
Am nächsten Tag hatte der Löwe kein Glück bei seiner wieder halb spielerischen Pirsch. Zweimal gaben die Wachen der Herden das Warnungszeichen, ehe er nah genug zum Sprunge herangekommen war. Er war doch ziemlich enttäuscht, denn das eine Mal hatte er bestimmt geglaubt, (ein Nahen würde nicht bemerkt werden. Dennoch: diese Tagpirschen waren nicht so wichtig. In der Nacht würde er mit seiner Gefährtin wieder losziehen, und zu zweit würden sie ganz sicher Beute machen.
Der Abend nahte, und mit ihm stellte sich auch die Rastlosigkeit wieder ein, diesmal auch bei der Löwin. Heute nacht mußte wieder Futter beigeschafft werden, für s i e wie für die Jungen. Und wieder wie am Abend zuvor brachten sie die beiden Kleinen in ihr Lager, wo sie Seite an Seite behaglich aneinandergeschmiegt weiterschliefen, während das Löwenpaar auf Beute ging.
Löwen jagen in der Ttadjt
Der Tümpel. — A u f der Lauer liegen.
Zwei Nashörner erscheinen. — Heiterkeit des Augenblicks. — Hinunter zum Fluß. — Getrennte Wege.
Die Zebraherde. — Der R u f der Löwen. — Panik und ein Opfer. — Triumph und Furcht.
Löwe und Löwin schreiten durch die Steppe. Nicht weit von ihrer Schlucht entfernt wissen sie einen Tümpel, in dem sich immer das Regen- wasser ansammelt. Um diese Jahreszeit wird er wohl fast ganz ausgetrocknet fein und die Aussicht ist nicht groß, daß jetzt Tiere zum Trinken dorthin kommen. Für die Löwen ist es aber doch das Nächste, zuerst einmal dort nach Beute auszuschauen und erst dann, wenn es nötig sein sollte, zum Fluß weiterzulaufen. Sie haben die Stelle auf beinahe zweihundert Meter erreicht, da ducken sie sich tief ins Gras und rücken behutsam Zoll und Zoll vor, ohne sich auch nur einmal aufzurichten. Die Halme reichen ihnen über den Rücken.


