Ausgabe 
18.7.1938
 
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erheben kann. Sie sind die Mütter der Bauern, es scheinet mir immer, auch auf dem häßlichsten und einfältigsten Frauengesicht in den Bergen ruhe noch ein stiller Glanz. Vielleicht ist es ein Lohn des Himmels für Mühe und karges Leben, und es kommt von ihm eine andere Schönheit, die nicht mit den Maßen des vergänglichen und so leicht getäuschten Herzens gemessen wird. 1

Es ist nicht allein mir so, als ob man es den Gesichtern anmerken müßte, wie der Blick der einen täglich in große Weite geht, von einem Berghang hinein in das ausgebreitete Land und wie der Blick des anderen an seinem nahen Gut haften bleibt, an Aeckern, an einem Hoch­walds die Quelle ist in dem Auge der einen Frau, die Kirche, der Bild­stock in dem Auge der anderen, und ein drittes verrät sich, daß es manch­mal nach dem Liebsten ausschaut. Oh, glaubet nicht, daß nahe dem Schnee die Herzen vereist sind, auch sie tauet über Nacht eine Liebe und ein süßer gewordener Mund verrät das Geheimnis. Schmäler wird der Mund der Frauen erst im Alter, mit den Jahren welkt er wie eine Frucht, die zu lange dem Hauch eines scharfen Windes ausgesetzt war. Und von diesem Munde lese ich hinfort das Leben ab.

Ich habe lange geglaubt, ich müßte die Augen danach fragen. Ich wähnte, sie allein bewahrten das Geheimnis des Glückes, Herzweh und Menschensllchte; ach nein, es trügen manchmal auch die Augen dieser einfachen Leute, niemals aber trügt ihr Mund. Er verschweigt nicht, wie er stumm geworden ist in einem Leide, es liegen um ihn die schlaflosen Nächte, die unfruchtbaren Jahre, die jähen Worte flammen noch auf ihm, und nie gesprochene Worte beschatten ihn. Schmal wie ein Messer­rücken wird er zuletzt in manchem Antlitz, es verbergen sich die Lippen wie Schuld und Scham, und in den Mundwinkeln nistet eine verhohlene Trauer über das vergangene Leben.

Manches Greisenantlitz ward eine erhabene Landschaft, nicht nur das eine Dasein spiegelt sich darin, es sind die Runen der ganzen Sippe hineingezeichnet, und die Geister des Hauses hauchten im Schlafe dar­über hin. Dann mag es zuweilen geschehen, daß ein Urenkel mit un­wissenden Fingern die ernsten Male in einem alten Gesichte berührt, und da er über Falten und Risse gleitet, schwebt seine junge, eben in den Morgen erwachte Seele über Höhen und Tiefen eines Lebens, das in den Abend hinein verdämmert.

Auch hier schließen die Kinder den Ring, sehet an ihnen nicht vor­über, wollet ihr in das Antlitz des Gebirges schauen. Vorgeahnt ist in so einem Kindevangesicht das noch ferne harte Leben, aber schon blitzt in dem einen Auge ein Funke des Mutes, der dem erwachsenen Menschen später Beistand leihen wird. Schon lächelt etwas von der Klugheit um die Lippen, die einmal das plumpe Leben besiegen wird. Es leuchtet ihr Haar, wie es später nie mehr leuchten wird, und mag es auch hell bleiben, ein Haar dann, dem ein Jüngling in einem Volkslied eine un- vergeßbare Liebeserklärung macht:Du flachshaarets Diandle, i hab di so gern, und i könnt wegn dein Flachshaar a Spinnradle wem ..."

Und das lächelnde Glück des Gesichts, dem diese herzliche Anrufung gilt, soll hier am Ende stehen.

Konzert der Brüllaffen.

Eine Reiseerinnerung von Dr. R. Francs.

Eine heiße Tropennacht nähert sich ihrem Ende. Sie war unerträglich hier im innersten Winkel von Darien, wo Panama und Kolumbien, zwei der fieberheißesten Länder der Erde, zusammenstoßen. Dichter Regen­nebel tropfte die ganze Nacht, aber er durchnäßte wie mit einem lauen Bad, und in diesem heißen Dampf war es erstickend, kaum zu atmen. Schweißllberströmt fluchte man jeder Bewegung, zu der die zahllosen Mos­kitos trotz aller Netze immer wieder zwangen. Ihr scharfes Singen war ein Chor höllischer Geister. Krokodile hatten in der Nacht geweint wie kleine Kinder, die Cueujos hatten einen Jrrlichtertanz aufgeführt, der jetzt im Morgengrauen allmählich erlosch. Aus dem Urwald hatten viele Stim­men gerufen, mit kläglichem Winseln furchtsame Affen, ein dumpfes Knurren (waren es Leoparden?) und immer wieder ein Todesschrei, manchmal neroenaufpeitschend in seiner Menschlichkeit. Aber jetzt war das alles aus. Trotz der Hitze fröstelte man im ersten klaren Licht, das in Millionen Tautropfen funkelte.

Trillern, Pfeifen, Zwitschern und Gurren begann überall, plötzlich schossen erste Sonnenstrahlen ins Grün, und sofort beginnt im ganzen Wald ein Knacken, Brechen, Knattern, Schleifen: die Morgenpromenade der Urwaldtiere hat begonnen.

0 ihr gesegneten Tropenmorgen, mit eurem unaussprechlich schönen Himmel und der himmlisch tröstenden Sonne! Jeder Tag geht in Wetter­brausen, Gewitter, Regen, Sturm unter, die Nacht voll Nebel und Gram, man glaubt in endgültige Verschlechterung des Wetters zu kommen, und dach ist jeder Morgen wieder frisch, voll Himmelsblau und Sonnenblitzen, heiter, kräftig, als habe das ewigen Bestand. Bis um Mittag wieder die Wolken ausquellen und das Drama von gestern beginnt.

Das wissen alle Tiere, darum nützen sie den Morgen. Am geschäftigsten die Brüllaffen, denen heute unsere Aufmerksamkeit gelten soll, wenn man sie auch in dieser frühesten Morgenstunde erst zu einem schwarzen Klum­pen zusammengeballt sieht. So hockten sie auf Astgabeln, Mann und Frau eng verschlungen, die Kinder zwischen ihnen angeklammert voll Frösteln und Angst. Das stiebt aber jetzt auseinander, sucht Sonne und wärmt sich den über Nacht feucht gewordenen Pelz. Da schwingt sich der Alte über sie, weit greift er mit dem Schwanz, der Eigenbewegungen hat wie eine Schlange, in das Geäst, wie ein Akrobat pendelt er nun an ihm, plötz­lich steht er eine Etage höher und beginnt jetzt sein Morgenlied. Ist es ein Hymnus an die Sonne? Zuerst ein paar heisere Brusttöne, wie ein Sänger, der übt. Dann Trommelfeuer von Schreien, hastig und in Erregung hervor- gestoßen. Und nun antwortet die ganze Familie, daß uns die Ohren weh tun. Alle brüllen aus Leibeskräften im Chor, andere Affenfamilien ant­worten, und für eine Viertelminute scheint ganz Darien zu heulen.

Während dieses Gesanges kann man die im Sangestaumel ganz un­vorsichtig gewordenen Brüllaffen in Muhe beobachten. Man versteht, warum sie Breitnasen-Affen heißen. Alle Affen der neuen Welt haben diese seitlichen Nasenlöcher, gegenüber den Schmalnasen Asiens und Afrikas. Alle sind sie geschwänzt, und die Brüllaffen benützen ihren Schwanz wie ein fünftes Bein. Stets ist er in Tätigkeit, wickelt sich auf, greift nach Aesten, er ist ebenso lang wie das etwa halbmetergroße, schwarz- sellige Aeffchen mit seinem nach unten spitz verlaufenden und mit einem Vollbart umrahmten hohen Kopf, der einen mächtigen Kropf trägt. Gerade jetzt, da der Alte aus Leibeskräften schreit, sieht man diesen Schallsack besonders gut. Das Zungenbein dieser Tiere ist nämlich zu einer hohlen Schalldose "aufgetrieben, in die sich vom Kehlkopf aus eine zur Lautver- ftärtung dienende sog.Schallblase" erstreckt. Es muß also das Schreien irgendeine lebenswichtige Bedeutung haben, wenn wir uns auch heute noch keinen Begriff davon machen können. Sonst weift der ganze Körperbau dieser Tiere, sowie aller ihrer Verwandten hinab bis zu den Halbaffen von Madagaskar und Afrika auf echteste Baumtiere und Kletterlebens­weise. Viele, und das gilt namentlich für die Makis, sind Dämmerungs­und Nachttiere, was aus ihren großen Augen mit den riesigen Pupillen hervorgeht, alle haben Greisfüße und zum Klettern eingerichtete Hände, oft sogar, wie bei den amerikanischen Krallenafsen, mit großen Krallen, die das Klettern noch erleichtern. Wenn auch den Affen der Alten Welt, weder den Meerkatzen des heißen Afrika, noch den Pavianen der Schwanz abgeht, so hat er doch feine Meisterleiftungen erst im lianendurchsetzten Urwald Südamerikas erreicht. Dort sind die Strickleitern derAffentrep­pen" und der Hängebrücken besonders ausgebildet, die Seilschnüre und Verschlingungen, auf denen diese Tiere mit vollendeter Sicherheit Sprünge und Aufschwünge von vielen Metern unternehmen, mit dem Kopf nach unten hängend schaukeln, mit einem Wort eine Meisterschaft der Raum- beherrfchung gewonnen haben, als ob sie fliegen könnten. Eine Liane ist ein Abzugsfeil, ein Baumstamm eine Promenadenstraße für diese Assen, die darauf ebenso gut vor wie rückwärts, Kops oben ober umgekehrt klet­tern, ob sich nun die Jungen an sie klammern ober nicht. Mitten unter bem schwierigsten Saltomortale wirb geschnattert, währenb bes Springens bricht ein Familienzank los unb nur wenn bies allzu arg wirb, klettert der Leibaffe, gewöhnlich ein roürbiger, langbärtiger Walbesalter, blitzschnell zurück, teilt ein paar Ohrfeigen und Piifse aus, zaust den ärgsten Schreier, ebenso flink ist er aber wieder an der Spitze bes ben Wald nach Früchten absuchenben Trupps, schwingt sich auf einen Umschau gewährenben bürren Baum. Dort hat er uns erblickt, ein heulenber Pfiff, unb gleichsam kopf­über stürzt bie ganze Banbe ins Dickicht. Unbegreiflich, wohin. Sie sind verschwunben, gebeckt im Schatten. Er hat sie gut beschützt, barum hat er auch so viel Rechte über bie Sippe, über beren Frauen er wie ein Pascha schaltet.

Noch mehr Entsetzen als ber Anblick eines weißen Menschen bereitet ben Brüllaffen unb allen ihren geschwänzten Genossen bie Begegnung mit einer Baumschlange. Die kleinste Schlange jagt eine große Afsenherbe in die Flucht, und niemals lassen sie sich auf einen Kampf ein. Man hat in englischen Naturforscherkreisen diesen Punkt besonders untersucht unb gefunben, baß unter allen Tieren nur bie Sperlingsvögel unb bie Affen eine berartig instinktive Schlangenangst haben. Sonst schreckt gerabe bie großen unb kräftigen Brüllaffen selten etwas, sie finb geroanbte unb freche Nesträuber, wagen sich auf Plantagen, nachbem sie sich, wie man in Süd­amerika allgemein glaubt, durch Laute und Zurufe verständigt haben, wie weit der Boden sicher ist, scheuen auch die Indianer nicht besonders, vielleicht deswegen, weil diese ihr Fleisch verschmähen und sie nicht jagen. Der Weiße ist ihnen fremd, darum fürchten sie ihn; ihr eigentlicher unb vielleicht einziger Feinb benn ber ßeoparb gebt nicht so hoch in bas Geäst, wo sie Hausen, sind oben wohl nur bie Baumschlangen, bie mit ben Lianen so leicht verwechselt werben können.

Im allgemeinen gelten gerabe diese Urwaldtiere für dumm, unb man wirb bas begreifen, wenn man ihr einförmiges Walbleben bebentt. Es ist in ben Wälbern um bas Flußnetz ber sübamerikanischen Riesenströme auch bem Menschen nicht anbers gegangen, auch er ist primitiv geblieben, vielleicht beshalb, weil ihn bie ihn umgebenbe Natur so leicht unb reich ernährt. Dr. Th. Zell setzt sich zwar für eine recht riihrenb fltngenbe Brüllaffengeschichte ein. die diesen Tieren einen ganz anderen Rang an­weisen würde. Danach hätte man beobachtet, wie sich angeschossene Brüll­affen gegenseitig helfen. Die einen führen ihre Finger in die Wunde des Kameraden ein, als wollten sie die Kugel feststellen, die anderen suchen eiligst Baumblätter, die sie in die Wunde stopfen, um das Blut zu stillen. Noch andere machen sich auf und suchen heilende Kräuter, bie sie auf die Wunde legen, um so eine schnelle Heilung herbeizuführen. So steht wört­lich bei ihm zu lesen, und man muß diese Geschichte nur glauben, was mir mehr als schwer fällt. Ich habe sie aber wiedergegeben, um das Ge­strüpp der zahllosen Histörchen zu zeigen, in die verstrickt die Natur- sorschung nur durch allerstrengste Kritik einigermaßen sich in der Natur­geschichte solcher exotischen Tiere zurechtfinden kann.

Aber während wir noch in Erinnerung an diese und manche andere wunderliche Affengeschichte uns vornehmen, heute, da wir das Glück fjaben, sie so nahe beobachten zu können, die Augen recht kritisch auf­machen, sind sie auch schon im Laub- und Lianenlabyrinth verschwunden. Noch hört man ihre lärmenden Gesänge und ihr zänkisches Schreien, bann wirb alles still. Unb auf einmal fällt es auf, wie lautlos ber Tropen- urmalb in ben eigentlichen Tagesstunben ist. Schon steht die Sonne hoch, mit schreckhaften Blitzen gehen bie Sonnenpfeile nieber, baß sie schmerzen, wo sie bie unbebectte Haut treffen. Man versteht sehr wohl, warum alle Tiere in diesen Sonnenstunden den Schatten suchen' und ruhen. Er­schlaffend brauen oben Gewitterwolken, der Gesang der Moskitos schwillt an, jede Bewegung wird zur Qual, und wieder hat sich ein herrlicher, beobachtungsverheißender Tropenmorgen in das bleierne Einerlei eines lärmenden Tropentages verwandelt.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.