Prüfung und Schicksal.
Von Irmgard von Faber du Faur.
Der alte Schuster hatte Unglück mit seinen Gesellen und auch sonst. Er war leidend und muhte oft das Bett hüten. Dann nahmen ihm die Gesellen das Leder und machten Schuhe aus eigene Rechnung. Wenn der Alte um des lieben Friedens willen auch nachsichtig war, packten sie doch bald ihr Bündel und zogen weiter. Es war ihnen zu wenig Abwechslung im stillen Dorf.
Die alte Schusterin und die Tochter Anno bestellten die kleine Wirtschaft, die zur Schusterei gehörte, die Wiese, den Acker, den Stall, auch im Garten war viel zu tun. Eine Magd half ihnen dabei. Anna war wie die Mutter ernst und streng. Mit den Mägden kam es ost zum Streit. Sie hielten auch nie lange aus.
Seit Andreas in der Werkstatt sah, war alles anders. Jetzt wurden wieder gute Schuhe gemacht und alles pünktlich ausgeführt. Dazu war er frühmorgens im Stall, und im Abenddunkel schnitt er noch Gras auf der Wiese. Der Alte bekam selber wieder Lebensmut, die Krankheit schien zu weichen. Sie sahen zu zweit und hämmerten und zogen die Drähte. Bald konnte noch ein Lehrbub angenommen werden.
Andreas war ein stiller Mensch und immer freundlich. Aber er lächelte selten, lachte nie. Er lebte ganz zurückgezogen, nie trank er einen Tropfen. Darüber wunderten sich die anderen. Er sagte, er habe es gelobt.
Die Mutter muhte sich jetzt nicht mehr so plagen, das bekam ihr gut. Ihr Ernst wich, und eine Heiterkeit kam über sie, wie sie den alten Leuten kommt, wenn sie das Ihrige in guter Bahn sehen und selber schon halb über dem Irdischen stehen.
Auch Anna wurde eine ander«. Sie fing an, sich ein wenig zu putzen; sie hatte es noch für keinen Mann getan, lieber ein Jahr waren Andreas und sie verlobte Leute.
Der Vater konnte die ganze Freude nicht mehr erleben. Ein Rückfall seiner Krankheit brachte ihm einen raschen Tod.
Andreas hatte Anna öfters fchon um eine Unterredung zu zweit gebeten, er wollte ihr etwas Wichtiges sogen; aber sie müßten ungestört sein. Sie zog es immer hinaus. Nun sollten sie morgen aufgeboten werden.
Andreas setzte es durch, daß sie. mit ihn hinaus auf den Feldweg ging. Es war gegen Abend. Um die Hausecke klang fröhliche Musik. Rest, die kleine Magd, sang mit ihrer Zwitscherstimme, die man den ganzen Tag im Haus herum hörte. Der Lehrbub spielte die Ziehharmonika, und ein Bursch aus dem Nachbardorf half beim Singen.
Anna sagte: „Die können wir nicht lange behalten. Die Burschen rennen uns das Hous ein. Sie weiß nicht wo hinaus vor Uebermut. Das ist so eine Leichte."
Andreas sagte: „Ja? Ich hab' nichts Unrechtes bemerkt, ober ich hab' auch wenig achtgegeben."
Anna wußte, daß er kaum nach dem Mädchen hingesehen hatte. Es war eine schwere Grübelei in ihm die letzte Zeit. Noch schwerer als sonst.
„Also", sagte sie, „was willst du mir sagen? Ich hab bis morgen noch so viel zu tun."
„Anna", sagte er, ,chu weißt nichts von mir. Das ist alles so gekommen. Aus einmal war es da. Wir hatten uns lieb, wir waren einig. Aber du weißt ja nicht, wer ich bin. Ich hob dir wenig aus meiner Jugend erzählt. Sie ging schlimm zu Ende. Ich habe einen Gesellen im Streit erstochen und im Zuchthaus dafür gebüßt. Jetzt sage, was du denkst!"
Er hatte das Gefühl, dazustehen wie ein Nackter.
Sie war bleich geworden und sah ihn an. Ihre Augen flackerten. Dann wiederholte sie seine Worte. Das habe er also getan. Ein solcher sei er und habe gewagt, sich bei ihnen einzuschleichen. „Wenigstens sagst du mir’s heute. Daß mein Vater es nicht mehr weiß! Der hätte dich ja mit Schimpf und Schande davongejagt. Schimpf und Schande willst du mir schenken, das ist dein Brautgeschenk. Es ist, Gott sei Dank, noch Zeit. Dem Pfarrer wird es gesagt. Alle Leute im Dors sollen es wissen. Damit ließ sie ihn stehen und lief ins Haus. Dort fing sie ein heftiges Gezeter an. Di« luftige Musik war jäh abgebrochen. Bald jammerte die Mutter laut Sie redete auf die Tochter ein. Die überschrie die Mutter.
Andreas stand lange im Feld. Der Wind wehte schon herbstlich kühl. Auf einmal spürte er es. Die Wolken über ihm jagten, als wäre der ganze Himmel unstet und flüchtig.
Als es im Hous stiller geworden war, ging er heim. Er kam unbehelligt in feine Kammer. Er machte Licht und suchte alles, was ihm gehörte, zusammen. Das sollte morgen ftüh in seine Kiste kommen. Der neue Anzug zur Hochzeit, alles.
Dann lag er im Bett und schaut« in die Kerzenflamme Cs war in ihm seltsam leer. Nicht einmal ein Schmerz war da. Er hatte sich olles schon lange im voraus vorgestellt. Er hatte es so erwartet. Es war vielleicht etwas schlimmer gekommen, er hatte doch von Anna ein vitz- chen mehr Liebe, ober nicht Siebe, aber Rücksicht erhofft. Es war immer dies in (einem Leben noch schlimmer gekommen, als worauf er gerüstet war. Nur diesmal schien der Frieden zu kommen. Es gab den für ryn nicht.
Er hörte Schritte. Er wollte fein Licht ausblasen. Da klopfte es an die Türe. Er dachte: Anna. Weiter nichts, nur dies: Anna.
Aber da stand die kleine Magd. Ganz verwirrt sah sie aus. Gegen das Dunkel draußen standen ihre blonden krausen Haare rote ein lichter Kreis um ihr Gesicht. Sie legte eine dicke alte Geldbörse Andreas aufs Bett. Die Kammer war so klein, daß dos Bett bis an die Tur reichte, oom Fenster entlang an der Wand. _ r
„Sie hat es uns gesagt", sagte die kleine Magd. Zum ersten Male lah Andreas ihr Gesicht ohne Lachen. Er staunte über dieses Gesicht .sIetzt müßt Ihr fort Ihr tut mir ja leid. Das ist olles, was ich erspart habe. Es gehört Euch."
„Resi", sagte Andreas, „ich nehme es nicht.
„Ihr müßt', sagte Resi, „ich bitt Euch darum."
Sie wandte sich und zog die Tür hinter sich zu.
Draußen klang ein Schrei. Die Tür flog auf. Anna zerrte Resi in di« Kammer. „Das habe ich nun doch erwartet", schrie sie. „Das auch noch» Andreas. Nur gut, daß Schluß ist. Resi, du gehst morgen auch. Dir wollte ich's gerade sagen, Andreas. Jetzt weißt du's."
„Schau meine Sachen dort", sagte Andreas. „Aber dem Kind bitte ab."
Er hob die Börse in die Hand. „Dos hat sie mir niedergelegt hiev, Darum war sie da. Sie kannst du nicht verjagen wie mich."
„Doch", sagte Resi. „Ich will's auch nicht besser haben als er. Er hat so viel Schweres gehabt, er hätte jetzt ein Gutes verdient. Ich harn immer nur Gutes gehabt, vielleicht, soll ich's jetzt auch einmal schwer haben."
Am nächsten Tage gingen sie beide. Bald trennten sie sich.
Aber dann kamen sie wieder zusammen und trugen fortan Leichtes und Schweres vereint.
Gesichter in den Bergen.
Von Josef Friedrich Perkoni g.
Noch meine ich den leisen Duft zu spüren, der aus dem Schrank der Bäuerin in dem Gehöft insgemein Tomanschger auf dem Berg kam; es war ein riesiger Schrank, der die Stube völlig erfüllte, obwohl da noch anderer Hausrat stand, Tisch und Bank und Truhe und an dem sommerkalten Ofen zwei Spinnräder wie im Ausgedinge. Es war ein Schrank aus Vorväterzeit, auf feinen taubengrauen Untergrund hat eine brave Hand di« roten, blauen und grünen Blumen gemalt, ein wenig unförmig und seltsam, aber sie paßten gut zu dem Ungetüm, das dis Bäuerin da geöffnet hatte, indem sie die zwei Türflügel weit zurück- fchlug. Es wehte aus dem Schrank der Duft eines kühlen Moders, gemengt aus abgestandener Zeit, wenig gelüfteter Seide und Erinnerung. Es war der Duft eines Grabes, das nicht erschreckt, das nur leise rührt, denn die Bauersfrau nahm aus dem Schrank den Vänderhut, den schon ihre Mutter getragen hatte, ein Ungetüm von Hut, hoch von Schleifen und Aufputz, einer dunklen Krone ähnelnd, und da sie die seidenen Bänder in die Hände nahm, sie glättend und ausbreitend, und es knisterte die Seide in einem feinen, unirdifchen Ton, da war es mit einer» Mal eine fremde Frau, die den Schrank dann wieder verschloß, fchon den Bänderhut auf den schütteren Haaren. Die Würde aller Frauen, die auf diesem Hofe, als Herrinnen gewohnt und dem Gesinde befohlen hatten, war in ihrem Gesicht vereinigt, und da sie nun zur Kirche ging» ging sie für alle Frauen ihres Geschlechts.
Ich habe solche Verwandlung eines Mädchens, einer Frau in den Bergen öfter gesehen, und es war mir, als bedeckten sie nicht von ungefähr, weil es die Sitte so von ihnen haben wollte, ihr Haupt; mit einem Hut, einem Tuch, einer Haube ergänzten sie ihr Wesen, vermehrten sie einen Liebreiz, aber sie verkleideten manchmal auch ihre 'Seele. Da war plötzlich eine helle Stirne dämmriger geworden, beschattet ein lebhaftes Auge, ober es waren lichter die Höfe unter den Augen, Schatten eines sanften Kummers, es glänzte eine Braue, als hinge an jedem Haar ein Tropfen Lichtes, und es verdüsterte sich ein Antlitz, als schwände von ihm die Sonne.
Das haben sich die Menschen in den Bergen wunderbar gedichtet, daß sie ihren Kopf in seidene Tücher hüllen, Tücher in allen Farben, und die jungen Mädchen berät ein sicherer Sinn, rote ihr Tuch gefärbt fein muß, daß es nicht fremd fei der Tönung ihrer Haut. Und sie tragen Hüte von feltfamer Form; aber so ungewöhnlich sie auch sein mögen, so eigenwillig sie die geheimnisvolle Einfalt des Volkes gebildet hat, sie werden mit dem Gesichte ein Wesen, hundertmal immer wieder ein Wesen, so kühn sie ersonnen sind, so kühn sie getragen werden. Sie mögen bann aus Stroh oder Spitzen sein, aus Filz oder Samt, fie mögen Flitter ober Seide an sich haben, Schnüre,. Bänder und anderen Behang, es mag echtes Silber ober Gold an ihnen glänzen, es ist, als hätte jeweils zu einem Gesicht nichts anderes geschaffen sein können, als herrsche auch hier das wunderbare Gesetz der ländlichen Harmonie.
Sieh das welke Greisenantlitz unter dem Strohhut und die glatte Schönheit unter dem schäumenden Aufputz, zurückgehalten und in einer keuschen Würde verwahrt das Lächeln unter einem Hut, der gleichet einem dunklen Bienenkorb, und es leuchten die Gesichter unter einem goldenen Helm. Im Schatten einer weiten Krempe bleibt wohl verborgen alles Ungemach eines Bauernlebens, aber lies die Runen auf der Stirne und sieh, wie der Bart bereift ist gleich dem Bergwald, den ein früher Schnee bestäubt hat. In dem einen Männerangesicht wird offenbar die Gewalt vieler Männer, da fie hinter dem Pfluge schreiten und dem Gott der Flur opfern, da sie sich das wilde Jahr unterwerfen und Ausschau halten nach einem Feind, immer ist einer unterwegs zu ihnen; es flammen die Sterne in den Augen und es zittert bas Spinnweb um die Schläfen. Ja, hast du nur einen richtigen Mann aus dem Gebirge gesehen, bann ist dir kein anderer mehr fremd, bann sind fie dir nahe in bem einen, und auf feinem Gesichte glänzt und hämmert der Widerschein von tausend Leben.
Noch lärmen die alten Schlachten über bie Gesichter der Manner hin, man muß nur Augen hoben für die Schatten der Helden, vielen ist der Blick gebrochen, viele glühen im Licht des Sieges, und in ihren Rufen hallt das weite Land, der Schritt von eilenden Leuten, der Klang von Pferdehufen auf Steinen und Erde und Gras, milder aber ist bas Leuchten in bem Antlitz der Frauen, und bei ihm lastet uns ein wenig verweilen. Da ist ein Lächeln ber Verheißung, der Erwartung, em Lächeln bes Unglaubens unb bes Zweifels, wie bei jungen Menschen überall, vielleicht um einen Ton tiefer gestimmt als draußen in der Welt. Liegt über den Augen der älteren Frauen nicht ein unsichtbarer Schleier, sie sahen in leere Wiegen, aus denen die Kinder fortgestorben fertgeroanbert sind, sie sahen in volle Truhen, aus denen den Ueberflutz ein anderes Geschlecht nach ihnen nehmen wird, schon wissen sie daß man in diesem Leben die Augen häufiger niederschlagen muß, als sie


