D e r Deutsche.
Lady Stanhope war Prinzen zu Dutzenden begegnet in ihrem Leben. Als daher tm Frühling 1838 ein sonderbarer, halb leidenschaftlicher und halb unterwürfiger Bries in Dar Dschrin anlangte, von einem deutschen Fürsten Hermann Pückler-Muskau unterzeichnet, musterte Lady Hefter ihn zwar genau — seiner eigenartigen Stilistik wegen —, aber sie zögerte keinen Augenblick mit der Absage.
„Gehen Sie, Doktor, reiten Sie nach Saida und sagen Sie dem Prinzen, daß ich ihn nicht empfangen kann. Meine Gesundheit ist zu schlecht — und was da kürzlich Lamartine über seinen Besuch bei mir veröffentlicht hat, macht mich auch nicht geneigter für Besuche ... Außerdem habe ich kein Geld."
Meryon verneigte sich:
„Ich werd« alles bestellen. Es freut mich, den Fürsten Pückler kennenzulernen. Er ist der Verfasser interessanter Schriften und führt ein ungewöhnliches Leben. Seit er im russischen Feldzug gegen Napoleon gekämpft hat, scheint er in großem Stil über die Erd« zu reifen."
„Was Sie nicht alles wissen, Doktor! Aber diesmal mögen Sie recht haben. Der Prinz hat eine so gute Feder ... Gehen Sie also morgen stüh nach Saida ihn besuchen ... Vor allem möchte ich, daß Sie ihm über die Schlangenhöhle erzählen — Sie wissen doch — jene bei Tarsus ...?"
Sie lag im Pavillon ihres streng gesonderten Gartens, die Nachtigallen sangen auf jedem Ast, blaue Blumen zogen Bänder durch den Rasen, und der Jasmin stand in voller Blüte. Meryon blinzelte scheu zu ihr hinüber. Ihre Erscheinung, heute in weißwallendem Gewand einer römischen Statue, ergriff ihn immer neu mit magischer Gewalt. Aber die Schlangenhöhle ...? Gewiß war das wieder eines der albernen Märchen.
„Ich erinnere mich nicht genau, Mylady ..."
„Die wichtigsten Dinge vergessen Siel Also passen Sie auf: zehn bis zwölf Stunden von Tarfus entfernt ist die Höhle. Darin lebt eine Schlange mit einem Menfchenkopf — genau wie jene, die Adam verführte. Sie hatte alle dämonischen Kräfte der Erde. Ein Weiser wollte sich ihre Kenntnisse aneignen, das konnte er nur, wenn er sie tötete. Er überredete seinen König, ihm zu helfen, und die Leute der Umgebung mußten mit ihm ausziehen, sie zu töten. Da begann die. Schlange zu sprechen: ,Ich weiß, es ist mein Schicksal zu sterben, und ich werde mich nicht widersetzen, aber gebt dem bösen Mann, der euch schickt, nicht den Kopf, sondern den Schwanz zu essen!' Sie töteten also die Schlange und taten wie sie gesagt. Daraufhin starb der Weise. — Seither gibt es keine Schlange mehr mit Menfchenkopf, doch in der Hohle leben viele andere Schlangen, und die Umwohner, die sie füttern, sind steuerfrei. Die Geschichte ist absolut authentisch, und da der Prinz jedenfalls die Hohle sehen will, sagen Sie ihm, daß er mit dem Schiff nach Tarsus fahren soll, wo er dann landeinwärts die Hohle findet."
Meryon senkte den Kops. Nun sollte er selbst der Meinung Vorschub leisten, die man in England hatte: daß Lady Stanhope verrückt geworden sei!
„Ich denke, Sie wollen mir jetzt sagen, daß ich eine Verrückte bin", fällt Mylady ein, ehe er eine Antwort finden kann; „verstehen Sie oder verstehen Sie nicht, was Sie dem Prinzen erzählen (ollen?"
Es hat keinen Sinn, zu widersprechen, er sieht es ein — und außerdem — sie liest feine Gedanken ihm vom Gesicht.
„Jawohl, Mylady", anwortet er.
„Dann gehen Sie — Ihre Suppe wird kalt!"
Meryon war froh um die Pause des Mittags. Vielleicht vergaß sie inzwischen. Aber er täuschte sich.
„Ich lasse dem Prinzen auch ein Derwifchkloster bei Tripolis empfehlen, er soll dort nur meinen Namen nennen ... Und — glauben Sie nun, was ich über die Schlangen sagte?"
„Nichts ist dem Allmächtigen unmöglich", bog er aus.
„Sie wollen es dem Prinzen nicht erzähley, wie?"
„Nicht sehr gerne!"
Es kam kein Ausbruch, wie Meryon befürchtet. Mylady besann sich einen Augenblick, dann sprach sie plötzlich:
„Wissen Sie was, Doktor? Sie werden dem Prinzen viel über die Schlangenhöhle erzählen und wenn jemand dabei ist, in sein Ohr sagen: Lady Stanhope wünscht: daß Sie Erkundigungen einziehen, denn nahe bei Tarsus ist die ägyptische Armee einquartiert, die Sie sicher gern besichtigen wollen — und wenn Sie von der Schlangenhöhle sprechen, wird niemand denken, Sie hätten ein politisches Motiv! ... Nun, Doktor, wollen Sie jetzt?"
Meryons Gesicht strahlte. Es war doch nichts zu befürchten für Myladys Gesundheit — denn nun kam es heraus: die ganze Schlangengeschichte war nichts als List! Und sie brachte es fertig, aus dem deutschen Prinzen sofort einen ihrer Agenten zu machen!
„Morgen in aller Frühe müssen Sie zu dem Prinzen gehen, Doktor!" Meryon versprach alles.
Aber Mylady traut niemandem als sich selbst. Am nächsten Morgen, eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, erscheint ein Diener vor Er. Meryons Haus:
„3m Namen der Sitt habe ich den Herrn zu wecken. Damit er rechtzeitig zum Prinzen gehe!"
In vorschriftsmäßigem Beduinenkostüm mit tadellosen englischen Manieren erscheint Meryon vor Pückler-Muskau in Saida.
Der ist ein hochgewachsener Mensch von imponierendem Blick, Mitte der Fünfzig.
„Erlauben Euer Durchlaucht, ich bin Dr. Meryon und bringe Botschaft von Lady Stanhope —"
„Lady Stanhope!" ruft er erfreut, „einen Augenblick, Dottor ..." Ueber seine Pfeife, an feinem Sessel vorbei, kriecht ein Chamäleon. „Wo ist mein Juwel?" ruft der Fürst.
Meryon wittert erneut geistigen Defekt ... Sollte der Fürst etwa auch ...? Er räuspert sich:
„Mylady bedauert außerordentlich, aber ihr Zustand ist im Augenblick nicht so gut, als daß sie einen Gast gebührend empfangen könnte —'
Pückler-Muskau schmunzelt seelenruhig:
„Dann werde ich warten, lieber Doktor ... Und wenn es ein Jahr dauert! ... Darf ich Ihnen meine beiden abessinischen Sklavinnen vor- stellen?"
Meryon hat zuviel Trübsal geblasen in letzter Zeit, um nicht an arabischem Vogelgeplauder zweier junger Damen Gefallen zu finden ... Außerdem wird ein vorzügliches Mahl serviert, Pückler ist liebenswürdig und außerordentlich gebildet, fein Französisch tabülos ... Meryon hat kein Bedenken mehr und scheidet des Abends als Verbündeter des Prinzen — nachdem er nicht vergessen hat, ihm die Schlangengeschichte — genau nach Lady Hefters Feldzugsplan — beizubringen. —
Nichtsdestoweniger dauerte die Belagerung dieser begehrten Dame von zweiundsechzig Jahren einige Wochen lang. Meryon kam des öfteren zu Gast, und Pückler schrieb allwöchentlich mit immer neu und originell begründeter Bitte. Sie antwortete voll Witz und Geist. Schließlich sandte Pückler jeden Tag den Boten nach Dar Dschun mit einem — sehr galanten Brief ... Immer zudringlicher wurde feine Sprache, die Wendungen verrieten studierte Kunst.
Eines Tages antwortete Mylady.
„Ich halte Eure Durchlaucht zwar für einen großen Philosophen, aber nichtsdestoweniger für einen sehr unoernüftigen Mann. Ist es Ihre Aw sicht herzukommen, um über ein fremdes Wesen zu lachen, das durch Krankheit auf Haut und Knochen reduziert ist — oder ist es, um wahre Philosophie zu hören? .. Aber ich will nicht eigensinnig fein. Wenn Sie Ihren Besuch acht bis zehn Tage aufschieben .... werde ich Sie empfangen. Sonntag, Montag, Dienstag und Freitag wären die besten Tage für unser erstes Zusammentreffen nach der Kalkulation, die ich über Ihre Sterne und Ihren Charakter angefteUt habe ..."
Pückler wagte es abzulehnen! Er würde lieber erst übernächste Woche kommen — und dann für länger als einen kurzen Besuch ... vielleicht habe er Wichtigeres mitzuteilen, als sie vermute ...Es war ein wcchl- durchdachter Feldzug, er marschierte, wie er sagte, nach Goethes Rat: Beleidige und verführe! .
Lady Hefter antwortete etwas gekränkt, verwundete ihrerseits — und lud ihn samt (Befolge auf übernächste Woche ein! Pückler hatte gesiegt. —
Gäste auf Dar Dschun! Es bedeutet keine leichte Sache. Denn „Sitt Mylady" ist nicht nur als Königin, sondern auch als Hausfrau durchaus vom Geschlecht der Tyrannen. Sie weiß alles, sie kann alles, und kein Ding ist klein genug, ihrem Befehl zu entgehen.
Sie kennt jedes Gewürz für jede Speise, näht mit eigener Hand Kleider und Hosen für die Dienerschaft, zeichnet die Stickereien ...
Am frühen Morgen fchon läutet die Glocke der Herrin — sie allein hat vom Sultan die Erlaubnis, eine Glocke zu besitzen, weiß die Dienerschaft zu erzählen. Frauen, Männer, Mädchen stürzen in die Vorzimmer.
Mylady visitiert, läßt sich die Liste der Diener zeigen, die anwesend, krank oder „verreist" find, für jeden einzelnen werden Befehle bis zur Stunde genau erteilt: Waschen, Bügeln, Brotbacken, Messerpuhen, Ställe reinigen, Katzen füttern.
Es läutet, läutet. Der Koch erscheint, wird getadelt, belehrt, ermahnt, seine ungehorsame Frau zu züchtigen. Zwischendurch wird eine Ehe geschlichtet — ein Araber hat seine Frau halb erwürgt vor Eifersucht — dann kommen die Strafen: einem Mann, der über den Zaun zu den Dienerinnen geklettert ist, wird vor versammeltem Personal der halbe Schnurrbart und eine Augenbraue cchrafiert; die faule junge Sklavin wird mit der Nase auf dem Teppich abgerieben, und eine andere bekommt regelrecht Schläge von dem dazu bestimmten Aufseher.
Meryon muß dabei fein, ganz wider seinen Geschmack, denn er kann sich an die asiatischen Prozeduren immer noch nicht gewöhnen. Obwohl er selbst erlebt, daß die Schwarzen erklären: „Wir wollen nicht von alten Hennen, sondern von Tigern geführt sein!" Und: „Wenn du unzufrieden bist, schlage uns — wenn du lange Ermahnungen gibst, glauben wir, es stecke etwas dahinter!"
Dann erst beginnt der Appell für die Agenten. Doch dabei ist Meryon nicht zugelassen. Er hort für Monate nicht, was im Heer vorgeht, ob ein Gouverneur abgefetzt ist, der Pascha angekommen, ein Konsul gestorben.. - Mylady weiß Geheimnisse zu machen. —
Für Fürst Pücklers kommenden Besuch hak die Sitt alles in Dar Dschun und bei den Wechslern beweglich gemacht. Schon beim Tor entdeckt Meryon, daß die Straße innerhalb der Wälle gerichtet wird, Türen frisch gemalt und Ställe gemistet werden. Mylady selbst thront wie ein Sultan vor einem Heerlager von Hausgeräten: Topfen, Tellern, Schüsseln, Resten von chinesischen Servicen, Messern, Gabeln, Gläsern, Flaschen ... Ihr Stock trifft die Wahl.
Vier Stunden lang sucht sie selbst die Bettwäsche für den deutschen Prinzen aus — Meryon weiß nicht, warum er anwesend fein fall, aber er wird nicht entlassen.
Dann muß geprobt werden, wie ein Tisch zu decken und ein Mahl zu bereiten sei... Es wird Abend darüber!
An einem Apriltag im Jahre 1838 öffneten sich die Tore von Dar Dschun vor der Kavalkade des Deutschen. Meryon empfing in aller Form, wies den Pavillon der Gäste, öffnete die große Veranda mit der Aussicht auf den Libanon, das Meer und die Fülle der Rosen — ah! es war alles einftubiert worden!
„Mylady hat mich beauftragt zu bestellen, daß sie hoffe, Cure Durchlaucht möchten acht Tage ihr Gast sein. Allerdings entspricht es ihrer augenblicklichen Lebensgewohnheit, kaum vor Mitternacht sichtbar zu werden. Weshalb Durchlaucht — Meryon lächelte ein vielsagendes Lächeln — vielmehr acht Nächte als acht Tage bei Ihrer Ladyschaft zubringen werden ..."
(Schluß folgt.)


