Ausgabe 
18.7.1938
 
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SietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1938 Montag, den 18. Juli Nummer 55

Lady Hefter Stanhope

EINE FRAU OHNE FURCHT

Von Marla Josepha Krück von poturzyn

Copyright by Deutsche DerlagS-Anstalt Stuttgart

14. Fortsetzung.

,,Sie sagen das in einem Ton, als ob Sie meinten: laß sie reden! Nun meinetwegen, Sie werden es nie verstehen."

Wozu ist er eigentlich zu ihr gekommen, er fühlt sich überflüssig: ob­wohl er in die Nächte hinein bei Mylady sitzt, kennt er doch kaum die Halste ihres Tagewerks, ihrer Gedanken und Pläne. Einen Dummkopf nennt sie ihn, wenn er auf ihre Verrücktheiten nicht eingehen will, einen Kaltwassermenschen, an den sie umsonst ihre Lehren verschwendet! Ah, niemand noch hat ihm soviel zu sagen gewagt, wie diese Frau. Das Leben neben ihr ist eine Hölle, alles dirigert sie, alles weiß sie besser, niemand hält stand vor ihrem Blick. Kein Wunder, daß sein erster und letzter Nachfolger davonlief, bei Nacht und Nebel allerdings wurde er hernach schluchzend in einem Dorfe gefunden, als hätte er das Glück seines Lebens verscherzt.

Ja, das ist es eben. Auch er, Meryon, ist fünfzig Jahre alt, und immer wieder muß er zu ihr zurückkehren, trotzdem er feine Familie opfert, seine Zeit, seine Gesundheit, und nichts gewinnt dabei. Es ist ein Zauber, der von dieser Frau ausgeht: keiner entgeht ihm. Und wenn sie verrückt ist, dann gleicht sie einer alten kostbaren Vase, die auch in Trümmern noch herrlicher ist als ihre heilen Schwestern aus der Fabrik. ,Pitt pflegte zu sagen, ich habe immer Sklaven um mich", lächelt sie, :unb Meryon nickt lief überzeugt.

Bis in den Morgen sitzt er vor seinen Tagebüchern, um die losen Gespräche wortgetreu, bis ins Räuspern exakt, zu Papier zu bringen.

Zu welchem Ende? Er weiß es nicht. Manchmal nur vor sich selbst! wagt er nun doch zu zweifeln an Myladys Mission die im Grunde niemand kennt. Wenn sie sagt:Es sind noch lange nicht alle zu mir gekommen, denen ich helfen soll Europa wird untergehen und Dar Dschun muß auch für die europäischen Flüchtlinge Asyl sein", so kostet es ihn natürlich ein Lächeln. Auch das sie, wie der fran­zösische Narr es aufgebracht hat, eines Tages mit dem wiedererschie­nenen Messias reiten wird weshalb zwei Pferde in ihren Ställen abgöttisch gepflegt werden, hat er selbstverständlich nie geglaubt. Hieß es nicht auch in der gleichen Prophetie, ein mutterloser Knabe würde bei ihr Zuflucht nehmen? Erst hielt sie den Herzog von Reichstadt dasllr, dann den deutschen Findling Kaspar Hauser, den ihr Bruder Philipp adoptiert hatte. Aber beide sind gestorben, ehe sie daran dachten, itod) Dar Dschun zu kommen.

Und wenn nun die irische Erbschaft doch ausbleibt, England die Schulden nicht bezahlt und die Gläubiger nicht mehr warten ...? fragt Meryon kopfschüttelnd mit schweren Falten über den bebrillten Augen.

Sie Eisberg, Sie Ungläubiger!" ruft Mylady.Wenn der Himmel nnstürzt und die Sterne einzeln herunterfallen was dann?

Es könnte das andere immerhin wahrscheinlicher sein

Dann mauere ich Dar Dschun zu und weiß, daß meine Pflicht ge- lon ist und meine Stunde gekommen."

Mehemet Ali drängt. Lady Stanhope muß ihre Schulden bezahlenI Er kann nicht verzeihen, daß Dar Dschun der einzige Fleck Erde über kanz Syrien ist, für den Mehemet Alis Wille nicht Gesetz ist. Mylady joll nicht vergessen: sie sitzt nur zu Gast auf seiner Erde!

Im Januar 1838 kommt ein Brief aus England, durch den Konsul ton Saida selbst überbracht. Ah! Er wird die Bereinigung der Schulden innigen. Was onst! Es ist nicht mehr als ihr Recht, das sie verlangen lann. Denn hat sie nicht mehr für das Ansehen Englands getan, Us jemals ein Konsul in diesem Land? , ,,__

Der Bries ist von dem englischen Außenminister Lord Palmerston. Gr schreibt, er bedauere unendlich ... aber er sei genötigt, die Pension ihrer Ladyichast einzustellen, um ihre Schulden damit zu bezahlen. Ihre Majestät, die Königin Viktoria, habe angeordnet

Meryon ist zugegen als Hefter lieft.

Sie verfärbt sich, ringt nach Atem. Die Hande, die Fuße werden hlt, sie liegt, kann sich kaum mehr aufrichten, die Knochen zeichnen stch f(ün Weinei/kommt aus ihrer Brust, wild und schrecklich, wie Meryon (5 nie gehört, naturgewaltig ... ,, .

Ah, Mr. Pitt und mein Großvater haben wohl nichts genug getan, i'-e Familie Braunschweig auf dem Thron zu erhalten, stöhnt sie.

König Georg III. sagte nach dem Tode Pitts: Man gebe ihr die höchste Pension, die eine Frau haben kann! Und nun nimmt man mir mein Geld, läßt mich ohne Einnahmen in fremdem Land .. "

Meryon ringt die Hände. Er ist nicht überrascht, er hat es kommen sehen. Aber was tun? Er fühlt ihren Puls, sie ist so schwach, daß sie nicht wehre» kann. Er verordnet Kafsee.

Gegen Abend diktiert Mylady. An Lord Palmerston, den Herzog von Wellington, an alle die Lords und Politiker aus einstiger Zeit, zum Schluß an die Königin Viktoria:

Da keinerlei Nachforschungen angestellt wurden über die Umstünde, die mich gezwungen haben, Schulden zu machen, halte ich es für un­nütz, auf Erklärungen einzugehen. Aber ich werde nicht erlauben, daß die Pension, die ich Ihrem Königlichen Großvater verdanke, mit Ge­walt eingezogen wird. Ich werde sie aufgeben für die Zahlung meiner Schulden und zugleich mit ihr den Titel als englischer Untertan und Sklave, welches heute dasselbe bedeutet.

Hefter Lucy Stanhope."

Mit zwei Kopien werden die Briefe geschrieben, bis elf Uhr nachts diktierte sie Meryon, atemlos, zwischen Erstickungsanfällen. Alles lieft Mylady durch, gibt die Adressen an.

Dieser hier .Königin Viktoria" ganz einfach. Das wild ge­nügen. Und jener an den Herzog von Wellington guter Gott, Doktor, wissen Sie nicht, daß man solche Briefe von oben nach unten faltet?"

Meryon stehen die Haare zu Berg. Um drei morgens wird er ent­lassen. Der Bote bekommt Beseht von Mylady selbst.

Du wirst bei Tagesanbruch ausbrechen, nicht vorher und vor allem nicht später. Du wirst die Briefe nach Sonnenuntergang dem franzö­sischen Konsul übergeben. Denn es ist Freitag, und Freitag ist ein günstiger Tag ... Hier sind zehn Piaster für deine Reise, und niemand darf wissen, wohin zu gehst und weshalb!"

Meryon hat als Arzt prophezeien müssen, daß Mylady infolge aller Aufregungen das Bett nicht mehr werde verlassen können. Aber in den ersten Frühlingstagen findet er sie aufrecht fitzend und stolpert über einen Faden, der, an der Decke befestigt, zu ihr hinüberreicht.

Nehmen Sie einen Stock, Doktor, und hauen Sie mit ganzer Kraft auf den Faden!"

Er sieht nicht recht, seine Brille ist angelaufen, das Zimmer dunkel..«

Wie meinen Mylady?"

Schnell, der Zahn muß herausspringen."

Jetzt erst sieht er, daß das andere Ende des Fadens um einen ihrer Zähne gewickelt ist.

Mylady, soll ich nicht eine Zange holen, drüben aus dem Medizin­kasten?"

Doktor, Sie wissen doch, daß ich nichts Unnatürliches leiden kann, beeilen Sie sich."

Er schlägt, der Faden rutscht aus, es mißlingt.

Darf ich nicht doch die Zange ...?"

Ja, ausnahmsweise darf er. Das Werk gelingt auf Anhieb.

Gut, Doktor", sagt sie,diese Einrichtung ist klug: Sie können gleich noch den zweiten hier ziehen!"

Die Tage werden warm, von den Bergen kommt gute Nachricht. Die rebellischen Drusen haben sich im Lejda mit Frauen und Herden instal­liert, haben fünf Regimenter der Aegypter dezimiert, die Festung jhrer Berge ist uneinnehmbar nur das Wasser fehlt. Aber sie trinken Zie­genmilch. Die ägyptischen Truppen sind im Rückzug, Ibrahim, der Feld­herr, erkrankt.

Hefter gesundet über der Freude. Täglich geht, sie durch den Garten, schon blühen die ersten Rosen, und der Jasmin duftet schwer; sie emp­fängt stundenlang ihre Agenten lebt und schenkt vom allerletzten Kredit und schweigt über die Geschichte der Schulden. Nur Meryon sitzt fassungslos vor ihr wie ein Prophet des Unglücks. Soll er doch heim- fahren! Sie hat es gleich gewußt: verheiratete Männer mitsamt ihren Frauen taugen nicht in Kriegszeiten!

Meryon hosft zwar, daß sie bald wieder ganz hergestellt sein werde nie hat er solche Lebenskraft in einer Frau gesehen; aber sie allein zu lassen, jetzt, wo sie morgen nicht mehr wissen wird, woher das Geld für ihr eigenes Leben zu nehmen, wo immer noch Krieg im Lande tobt, der Herr des Landes und alle Konsuln ihre Feinde sind das bringt er nicht übers Herz. Dennach sehnt er sich heimwärts, und das ewige Weinen seiner Frau wird unerträglich.

Um mich brmicfjen Sie dach keine Angst zu haben", lacht Mylady; ich sagte Ihnen doch, daß ich mich einmauere, wenn kein Geld kommt. Vielleicht ist-ks besser, daß ich verhungere; vielleicht aber wird es mir wie jenem alten blinden Adler im Libanon gehen, den kürzlich einer meiner Diener gefunden hat: er wurde von zwei Raben gefüttert! Glau­ben Sie, daß Gott keine Möglichkeit hat, für mich zu sorgen? Uebrigens werde ich nicht im Bett sterben, sondern mit der Waffe in der Hand!