Ausgabe 
18.3.1938
 
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roher Kräfte Immer mehr ins Unkörperliche gewandt hak, ekne neue Stufe gezeigt 3um Hinabsteigen in^ die Seele

Wenn wir uns den Gesamteindruck seines Werkes vergegenwärtigen, so erkennen wir: er ist fester, ruhiger und weniger myprünglich als Kleist; nüchterner aber auch wirklicher als Schiller, dessenWallenstein" undTell" als Summe er nicht erreicht, den er als Jielwanderer aber soweit hinter sich läßt, wie er ihm als Vollender nachsteht. Bei fast gleicher Gestaltenstrenge ist er lebensvoller als die Griechen, die das tragische Problem zwar nicht so tief sehen wie er, es aber im Gegensatz zu seinem Debattieren der Idee rein aus sich, mit an­schaulicher Logik zum ergreifenden Ende führen. Er ist den Griechen um soviel als Szeniker überlegen, wie sie es ihm als Dramatiker sind, und wie ihm wieder Shakespeare als Szeniker überlegen ist.

Es kann nicht wundernehmen, daß dieser Grübler, dem kraft des Formgesetzes in seiner Persönlichkeit alles Erleben zu tragischer Erkennt­nis wurde, der vielleicht tiefer an die Wurzel der Tragik tastete als irgendein Dichter vor ihm, zu der Ueberzeugung kam, daß Shakespeare überwunden werden müsse. Hätte Hebbel, nicht verlockt von seinem ideellen, dialektischen Triebe zum Erklären und Rechtfertigen, das orga­nisch-dramatische Zu-Ende-denken des Problems der Griechen, soweit es in ihm lag, betätigt er wäre mit seinen Stoffen, seinen Konzep­tionen, auch ohne größeren Gestaltenreichtum und größere Fülle naiven sprudelnden Lebens ein gefährlicher Rivale des dramatisch-tragischen Fabulierers Shakespeare geworden. Ohne damit natürlich den Lebens­schöpfer Shakefpeare, das eigentliche Weltphänomen, zu erreichen.

Wir müssen Hebbels Bedeutung daran messen: es läßt sich von ihm aus zum erstenmal ein Weg sehen, aus dem Shakespeare überholt wer­den kann.

Ich und Du.

Von Friedrich Hebbel, Wir träumten voneinander und sind davon erwacht, wir leben, um zu lieben, und sinken zurück in die Nacht,

Du tratest aus meinem Traume, aus deinem trat ich hervor, wir sterben, wenn sich eines im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern zwei Tropfen rein und rund, zerfließen in eins und rollen hinab in des Kelches Grund.

Affenwirtschast.

Von Marie Schenck.

Wir haben uns vor einigen Jahren unser Haus, unfreArche Noah" gebaut und leben und weben nun darin, sind glücklich oder traurig und bilden uns auf alle Fälle ein, die Hauptpersonen im Hause zu sein. Ob wir es aber wirklich sind? Unsere Jüngsten, unser Zwillingspärchen ist sicher andrer Ansicht. Denn da lebt und webt noch ein Völkchen mit in Haus und Garten, kleinere und größere Herrschaften, mehr oder weniger behaart, mehr oder weniger bekleidet, oft unsichtbar, oft äußerst sichtbar, so daß man dauernd über sie und ihre Spuren stolpert, sie essen und trinken, sie tanzen und spielen, sie freien und lassen sich freien, und sind für die Zwillinge bestimmt viel anziehender als die Erwachsenen.

Es sind also, um es kurz zu machen, die Spieltiere unserer Zwillinge. Nicht umsonst heißt unser Haus die Arche Noah, es beherbergt tatsächlich so mancherlei Getier". Da gibt es Riesenbären und treue Esel, die nur noch liegen können, und winzige Hühnchen und rosa Hündchen, aber die Hauptpersonen, die unumschränkten Herrscher in diesem Reich, sind doch die Aeffchen. Sie sind klein und braun, etwa so groß wie eine Hand und haben einen Knopf im Ohr als Warenzeichen. Als sie neu waren, sahen sie so bezaubernd aus, daß auch große Leute ihren Reizen erliegen und abendelang mit ihnen spielen konnten. Las Ist nun schon lange her, und das eine Aeffchen hat auch schon einmal sechs Wochen lang im Walde gelegen, was seiner Schönheit nicht förderlich war. Es ging verloren, und trotz eifrigen Suchens und vieler Tränen blieb es verschollen. Aber dann fand man es wieder, und nie vergesse ich die Seligkeit, mit der Brüderchen den verlorenen Sohn ans Herz drückte. Aesschen bekam dann schnell ein Nachthemd an, wurde ins Bett gepackt, der Asfenbruder zur Erwärmung daneben, und zur inneren Erwärmung wurde ihm noch ein Fläschchen mit Milch an seine Lippen gelegt. So lag er da, ein Bild des Wohlbehagens nach überstandenen Nöten. Er erholte sich auch rasch, und daß er nun ein bißchen weniger schön ist als sein Mitregent, stört niemanden.

..Mutter, die Aeffchen möchten so gern Kartoffeln essen, im Korb sind noch so niedliche kleine Afsenkartofseln, dürfen wir ihnen die kochen?" »Ach Mutter, da hängen ja so .gräßlich süße' kleine Affenböhnchen, darf ich die haben für die Aeffchen?"Mutter, kannst du uns nicht ein paar Rosinen geben? Die Affen haben Geburtstag! Und noch ein Töpfchen Milch? Und hast du nicht vielleicht noch ein bißchen Zucker?"Mutter, zu Weihnachten muß ich unbedingt noch ein Kochtöpfchen kriegen. Aeffchen wollen doch nicht immer nur e i n Gericht essen!"

Man sieht, die Ernährung des Herrscherpaares ist gar nicht so einfach. Und leider, leider werden sie immer anspruchsvoller. (Auch hierin gleichen sie sehr den Menschen!) Zuerst begnügten sie sich mit Schneebeeren, Hage­butten, Eicheln usw. Sie huldigten also der Rohkost in ihrer strengsten

Form. Aber bann kam die Zeit, ba erschienen die Zwillinge mit winzigen Fläschchen und Kännchen und erklärten, die Aeffchen brauchten Mitch. Ich tat ihnen den Willen, obwohl es schwierig war, diese Afsengefäße zu füllen, kaum fing man an zu gießen, so liefen sie auch schon über und bekleckerten die ganze Küche. Aber es entstanden nun herrliche, gemischte Rohkostgerichte, etwa so: zu gleichen Teilen Zucker, Salz und Krümel, das Ganze schön mit Milch angefeuchtet, das mußte ja gut schmecken! Auch diese Ernährungssorm ging noch an, obwohl sie reichlich Spuren aus Tischen, Fußböden und Kleidern hinterließ. Aber dann gingen die Assen zu regelrechter bürgerlicher Küche über. Affentomaten, Affen» bohnen, Affenkartoffeln, es gab fast nichts auf unferm Speisezettel, was nicht in verkleinerter Form auch auf dem Affentisch erschien. Täglich standen die Asfentöpfchen seitwärts aus dem Herd und brodelten, eifrig bewacht von den Affenbesitzern. Daß die Affen jeden Sonntag ihren eigenen Kuchen beanspruchten, versteht sich von selbst. Man weiß nicht recht, wo das noch hinsllhren soll? Werden sich die Affest auf die Dauer mit unserer immerhin einfachen Lebensweise begnügen? Oder werden sie eines Tages ein Diner von sieben Gängen verlangen? Ich sehe mit Sorgen in die Zukunft.

Anspruchsvoll wie int Essen find die Assen auch in der Kleidung. Leider hat es im Tierreich meiner Zwillinge auch so etwas wie einen Sündenfall gegeben. Denn während früher alle Tiere einfach nackt gingen und sich nichts dabei dachten (höchstens, daß sie an hohen Festtagen mal ein Bändchen umbanden), finden sie es jetzt nötig, sich von Kopf zu Fuß zu bekleiden. Die Aeffchen find natürlich wieder bei weitem die Hof- färtigsten.Mutter, kannst du mir nicht einen Flicken geben? Aesschen hat doch noch gar keinen Bademantel!" Wer könnte da Nein sagen? Es geht ja auch wirklich nicht, daß Aeffchen keinen Bademantel hat! Mutter, hast du nicht so ein nettes Stückchen weißen Stoff? Aeffchen möchte so gern ein .Zierschürzchen' haben!" Das sind so königliche Launen! Also, Aeffchen erhält ein Zierschürzchen vor feinen winzigen braunen Bauch. Es ist so schwer, in die rosigen, treuherzigen Gesichtchen der kleinen Affeneltern ein hartes Nein zu sprechen, ich fürchte, ich bin selbst ein bißchen was von einer Affenmutter.

Ein Gutes hat ja die Prachtliebe der Aeffchen: die Zwillinge bilden sich zu sehr geschickten Schneidern aus. Nicht nur Schwester, auch Brüderchen führt erfolgreich die Nadel. Und was für eine Nadel! Sie nähen grund­sätzlich nur mit den allerdicksten Stopfnadeln, an die der Faden solide festgeknotet wird; und dann geht es los über Stock und Stein. Sie schrecken von keiner noch so schwierigen Aufgabe zurück. Einmal hat der Bruder sich sogar an einen Frack gewagt. Aeffchen war zum König ein» geladen, und jeder wird einsehen, daß er dazu einen Frack benötigte. Der eine Frackschoß war zwar gut doppelt so lang und breit wie der andere, aber wen störte das? Frack bleibt Frack! Man mochte noch so traurig sein, wenn man diesen Frack ansah, wurde man wieder lustig!

Eine eigenartige Nähweise haben die Zwillinge ausgebildet. Sie machen so eine Art von Rollnaht, die sie sehr eng umstechen, so daß die Kleidungs­stücke ganz steif werden und fast von selber stehen können. Die Aermel- löcher bohren sie mit einem Bleistift, das ist ihr Patent.Siehst du, Tante Hede, so mache ich ein Hemd!" sagte Brüderchen mit Stolz und legte ein unbeschreibliches kleines Gebilde vor die Tante hin. Sie hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Die Rollnähte, die grauliche Farbe, die mit dem Bleistift gebohrten Armlöcher, das alles wirkte zunächst ver­blüffend. Man mußte sich erst hineinsehen, wie in jedes wahre Kunstwerk. Ein ganz neuer Schwung kam in die Bekleidungsindustrie, als Schwester in der Schule häkeln lernte. Wie eine kleine blonde Spinne saß sie da und behäkelte ihre Opfer von oben bis unten, bis sie kein Glied mehr rühren konnten. Brüderchen blieb diese Kunst versagt. Einmal feierten Aesschen auch Hochzeit. Unvergeßlich bleibt mir die Braut im höchsten Staat, vas braune Affengesichtchen mit den runden Aeuglein umrahmt von einem duftigen, weißen Schleier. Für die Zwillinge war sie sicher der Inbegriff bräutlicher Lieblichkeit. (Wer kann sich da noch ganz hinein­denken?)

Ueberhaupt zeigen die Tiere eine Vorliebe für Festlichkeiten, es ist ein fröhliches Völkchen. Geburtstag haben sie alle paar Wochen mal, aber da sie so klein sind, ist wohl auch ihr Jahr etwas kürzer. Alles, was in der großen Welt geschieht, findet seinen kleinen Widerhall in der Tier­welt. Man geht nichtsahnend im Garten spazieren und trifft plötzlich einen richtigen kleinen Rummelplatz mit Karussell, Schaukel und Achter­bahn. (Die Zwillinge sind kürzlich auf solcher Stätte der Freude gewesen.) Oder man kommt in ein Zimmer und findet da eine festliche Gesellschaft beim Mahle. Mehrere Tische sind gedeckt, und würdig fitzen die Tiere vor vollen Schüsseln, und jedes hat mit einer Sicherheitsnadel einen kleinen Löffel an der erhobenen Pfote feftgeftetft. (Dies ist der Nachklang von einem größeren Familienfest.) Oder man trifft im Garten eine regelrechte Landpartie, das große grüne Lastauto, bis an den Rand regelrecht gefüllt mit feiertäglich geputzten Tieren, die sich an der schönen Natur erbauen.

Die Tiere haben, wie man sieht, eine große Neigung, sich auszubreiten und zu wuchern. Ja, es gibt Stunden, wo ich fast fürchte, sie könnten einmal den ganzen Erwachsenenbetrieb überwuchern und die Herrschaft in der Arche Noah endgültig an sich reißen. Ich sehe bann unseren Herd schon bedeckt mit unzähligen winzigen Töpfchen, in denen endlose und raffinierte Leckerbissen zubereitet werden für die gesamte Tierwelt. Hub ganz am Ranbe brodelt noch ein armseliger Topf für die Menschen! Ich sehe kommen, daß mir uns notdürftig in die Lappen hüllen, die von der Tierschneiderei übrig bleiben. Und ich sehe unsere Räume erfüllt von den rauschenden Festen der Tiere, und wir dürfen nur schüchtern in einer Ecke stehen und all den Glanz bestaunen. Aber schließlich, warum nicht? Die Tiere sind ja wirklich prächtige und sehr sympathische Leute, und Ist ihre Welt nicht in Wahrheit die schönere, die stärkere, die erfülllere?

Wenn sich die Zwillinge zu solchen Fragen äußern könnten, sie würden sich keinen Augenblick besinnen, der Affenwirtschaft den Vorzug zu geben!

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Vrühlfche Univerf ttätsdruckerei R. Lang«, Gießen.