Aachtlied.
Vön Friedrich Hebbel.
Quellende, schwellende Nacht voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, sage, was ist da erwachtl
Herz in der Brust wird beengt, steigendes, neigendes Leben, riesenhaft fühle ich's weben, welches das meine verdrängt.
Schlaf, da nahst du dich leis, wie dem Kinde die Amme, und um die dürftige Flamme ziehst du den schützenden Kreis.
Friedrich Hebbel.
3 um 125. Geburtslage des Dichters.
Von Wilhelm von Scholz.
Am 18. März 1938 sind es 125 Jahre, daß Hebbel geboren wurde. Den friesischen Dramatiker sah meine Altersschaft, als er 1893 für den Buchhandel und die Bühnen „frei" wurde, in die Epoche seines endgültigen Ruhmes eintreten. Die Umstrittenhett, die sein Leben begleitet, verbittert und selbst seinen Tod überdauert hatte (die „Grenzboten" im Nekrolog 1863: „Der dramatische Charlatan par excellence"!!), schwand oder nahm wenigstens die Gesamtbejahung der mächtigen Erscheinung in Sauf. Die Bezweiflung, die erst das ganze Werk ersaßt hatte, blieb glich Kritik daran. Und nun feiern wir schon den 125. Geburtstag des Mannes als eines dem Streit entrückten Klassikers.
Ein paar Daten der Theatergeschichte: „Gyges und sein Ring" wurde in Berlin erstaufgeführt — dreizehn Jahre nach Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang". Das Stück, heute in glanzvollen Aufführungen der ersten Theater bewundert, war also bei Lebzeiten Hebbels von den in Frage kommenden Berliner Bühnen abgelehnt worden. In den neunziger Jcchren des vorigen Jahrhunderts wurde „Maria Magdalena" in Berlin an zwei großen Bühnen einstudiert, im Königlichen Schauspielhaus und im Deutschen Theater. Beide Vorstellungen brachten es auf je eine Wiederholung.
Hebbel schrieb zum hundertsten Geburtstag Schillers einen Kantus, der sehr bezeichnenderweise beginnt:
„Die Welt gleicht immerdar dem Wirt, der sich in seinen Gästen
zu feinem größten Nachteil irrt, besonders in den besten."
Das Wort gilt auch von Hebbel.
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Friedrich Hebbel stammte aus ganz armen Verhältnissen. Sein Vater, der früh starb, war Maurer in einem kleinen schleswig-holsteinischen Dorf. Wir haben, wenn diese Tatsache rasch durch unsere Gedanken geht, noch kein Gefühl davon, was sie bedeutet, was es heißt, aus der geistigen Enge dieser Umwelt Schritt für Schritt sich bis dahin durchringen zu müssen, wo Hebbel schließlich stand. Und doch ist dadurch, durch dies Ringenmüssen, seine Persönlichkeit entwickelt, ja geradezu geschaffen worden.
Wir müssen, wenn wir di« Bedeutung dieses Lebenskampfes richtig einschätzen wollen, auch daran denken, daß in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Verkehr noch nickst wie heute überallhin geistige Brücken geschlagen halle, daß namentlich auf dem Lande damals das Leben fern, ohne Verbindungen, abgeschieden hinfloß. Außer einer Reihe von glücklichen Zufällen war eine elementare Kraft der Persönlichkeit nötig, damit ein Mensch von dort den Weg in die breite Helle der Epoche, aus der Weltabgeschlossenheit des entlegenen Erdenwinkels zu dem Erleben, zu den geistigen Quellen und Vorbildern, zu den Existenzbedingungen fand, welche die Schöpfung großer dramatischer Dichtungen ermöglichen konnten. Und es ist ferner sicher, daß eine Persönlichkeit, der dieser schwere Kampf gelang, von ihm ihre wesentlichsten Züge erhallen mußte.
Auch dort im Volte, wo noch keine Bildung hinzudringen vermochte, wo der Geist sich noch nicht aus Dumpfheit befreit, werden starke dichterische Begabungen geboren, die verborgen, ja chrer selbst unbewußt bleiben, di« nie zur Entwicklung ihres Talentes kommen und von denen etwa ein namenloses Volkslied, ein tiefsinniges, wie zufällig gefundenes Märchen, eine seltsame Ortssage allein Kunde geben.
Hebbels Los hülle das eines solchen in seiner Gesellschaftsschickst verborgen bleibenden Dichters, der seine Kraft nicht kennen lernt und, ohne es selbst zu ahnen, nur ein unbekanntes Stück unserer Dichtung ist — Hebbels Los hätte das nie fein können. Allzufrüh wird er sich seines starken Geistes, seiner dichterischen Kraft bewußt, als daß er beruhigt in den Verhältnissen hätte bleiben können, denen er entstammte. Er hat fast als Kind schon seinen ganzen Willen darauf gerichtet, aus der Enge hinaus zu gelangen, dorthin, wo das geistige Ringen der Zeit geschah, und daran bedeutsam mitzuwirken. Er suhlte sich, mit der ganzen irrtunstosen Sicherheit des Genies, berufen. Er wäre zerbrochen, zugrunde gegangen — und mehrmals schien das nahe — wenn ihm das Geschick nicht aufwärts geholfen hätte. Aber er hätte sich nie beschieden.
Dieser harte zähe Wille, diese fast freudlose Energie, das klare Bewußtsein einer Ausgabe und das dunkel drängende Gefühl von einem Ziel, das find die Wesenszüge des friesischen Maurersohnes, deren sein Leben am meisten bedurfte und die deshalb sich am ausgeprägtesten entwickeln. Was war das Ergebnis feiner Energie? Sie erzwang ihm unter schwersten Entbehrungen eine geachtete und befehdete literarische
Stellung, die Ihn mit den höchsten Kreisen in Verbindung brachte, unkt die Schafsensfreiheit für fein Lebenswerk. Seine bescheidene bürgerliche Existenz aber mußte er bis an sein Lebensende Wohltätern, der Freund» schast und der Liebe danken, die den großen verkannten Mann schirmten und schützten.
Wenn man die Dokumente über Hebbels Leben, jein« Briefe und Tagebücher, die Berichte und Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen sich, Ihrem Gesamteindruck nach, vergegenwärtigt, so scheint es, als ob dies« zähe, selten von einem Glück gemilderte Energie den Dichter in fort» währender krampfhafter Anspannung hält — aus der sein Wesen manchmal in einen düsteren, unergründlichen, verzweiflungsvollen Schmerz hinabsinkt, seltener sich friedlich löst: dann oerscheint der hart Ringend« plötzlich entweder in ein Kind verwandelt, das in die Welt staunt, oder — so zum Beispiel in seinem innig verstehenden Verhältnis zu Tieren — in einen gütigen liebenden Weisen. In seiner späteren, mehr vom Glück begünstigten Zeit werden diese Momente häufiger. In seiner Dichtung aber haben solche Augenblicke befreiter und gelöster Spannung sicher immer das Schönste gezeugt. Die wundervollen Heidelberger Däm- merungs- und Nachtbilder sind daraus entsprungen und manche einzeln« Schönheit in seinen Dramen; wie vielleicht die tiefe Antwort auf des Holosernes Frage an Judith, was Sünde fei. Hebbel läßt Judich zu dem Könige sagen: „Ein Kind hat mich einmal dasselbe gefragt. Dies Kind habe ich geküßt. Was ich dir antworten soll, weiß ich nicht".
Hebbel war ein problematischer Geist voller Disharmonien, Zerrissenheiten, Zweifel — aber im Grunde ein ziemlich unkomplizierter einfach-starker Charakter, der sich durch einen hauptsächlichen Zug kennzeichnet, eben seinen geradlinigen zähen Willen, der auch bei den schweren Konflikten im Verstände oder int Gefühl Hebbels nie weit von seinem vorgefaßten Wege abgelenkt werden konnte. Und schließlich durchdrang dieser Willensgrund auch immer wieder Hebbels Geist und gab seinen Gestalten die schonungslose Folgerichtigkeit des Denkers und das unbeirrt« klare Handeln des Politikers.
Unbändig, trotzig war die Bauernnatur Hebbels. Aber ein noch stärkerer hat sie gebändigt und sie chr Leben lang sich dienstbar gemacht: der schöpferische Geist des Mannes, der Geist, der sie hinaustrieb, ihm in der Welt eine Stätte zu bereiten, der aber auch wie ein Wirbel alle Kräfte seiner menschlichen Natur in sich hineinrih und zu innerer Anschauung machte.
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Mit der Bibel lernte Hebbel die ersten Gedichte und Geschichten kennen — sie und die spärlichen anderen Anregungen aus der Dichtung, die um 1825 zu einem Maurerssohn in ein entlegenes Dorf drangen, genügten schon, in der genialen Bewußtheit des armen Knaben das Ziel» bild seines Lebens entstehen zu lassen: ein großer Dichter zu werden. Und sogleich vollzieht sich die Unterordnung aller noch unentwickelten Leidenschaften und Kräfte in der Persönlichkeit des jungen Hebbel unter diese als Dichtung begriffene Leidenschaft zum Lebensganzen. Alle einzelnen Triebe, die ohne diesen Zenttalwillen den Menschen Hebbel nach vielen Seiten gerissen hätten, werden geistig, enttörpem sich zu Gestalt und dichterischem Bild: fein Ehrgeiz und Machtdurst wird Holofernes, seine Wollust Golo, sein Haß ist wie eine Drachensaat, aus der bi« Nibelungenrecken, aufstehn.
Wie war der Geist beschaffen, der einen Menschen sich so ganz zu Dienst zwang? Wir kennen ihn aus den Tagebüchern genau. Hebbels Tagebücher sind ein Niederschlag, eine Spiegelung seines geistigen Lebensprozesses. Wenn auch natürlich oft Tage und Wochen zwischen den einzelnen Aufzeichnungen liegen, so ist doch Jahre hindurch sicherlich kein« Vorstellung, kein Bild, kein Gedanke, die diesem scharfen Selbstbeobachtek durch den Kopf gingen und ihm irgendwie bemerkenswert erschienen, übersehen ober vergessen worden. Wir wissen, welche (Erregungen aus dem Leben Hebbels Geist aufnahm, welche Seile der Dinge ihm wichtig war, mit welcher Art von Vorstellungen und Gedanken er spielte. Da zeigt sich benn, daß ihm zu den Vorstellungen stets seltsame Beziehungen und Fortführungen auftauchen, oft abstruse Fragen und Möglichkeiten, wie etwa die, ob wohl ein Mensch, der sich die Pulsader geöffnet hat, in seinem eigenen Blut auch noch ertrinken könne, und Aehnliches. Aber solche Spitzfindigkeiten, die an mittelalterliche Scholastik erinnern, sind schließlich doch nur eine Auswirkung desselben schassenden Prinzips in diesem Geiste, das große ttagische Schicksal und Möglichkeiten dem Unbewußten entringt.
Es ist der klarste Ausdruck für diesen Grundzug des Hebbelschen Geistes, wenn er den furchtbaren Gegensatz findet, wie eine Mutter über den gewaltsamen Tod ihres Kindes jubeln kann. In einem Fragment steht dieser ungeheuerliche Gestaltungsgedanke: der kleine Jesus ist krank und seine Mutter Maria fürchtet schon, daß er stirbt. Da umhüllt sie eine Vision, die chr das Kind am Kreuz zeigt — und sie ruft freudig, indem sie in diesem Bilde zunächst nur das eine empfindet, daß Jesus jetzt noch nicht stirbt: „Man schlägt keine Kinder ans Kreuz. Noch lange Jahre habe ich ihn!"
Hebbels schöpferische Gedanken sind schlagend bildhaft und find erschütternd. Vielleicht hat sein großer lebendiger Verstand, der allerdings immer bald nach der Entstehung jeden geiftigen Prozeß in Bewußtseinshelle riß, den Blick Hebbels sich nicht lange genug an der Illusion dem schönen trügerischen Schein des Lebens freuen lassen und ihn zu rasch in alle Tiefen und Abgründe gesandt. Vor Hebbels durchdringendem, sengendem Blick zerfallen die Illusionen zu rasch. Hebel selbst sagt einmal, daß er die Blumen auf der Erde nicht mehr sehe, weil er immer die Toten unter ihr sehen müsse.
Hebbel interessiert nicht mehr nur die einfache Vorstellung einer Tat, eines Geschehnisses, so wie er sie fleht, sondern die dialektische Debatte der in der Tat liegenden Ideen; sozusagen: die Bestätigung des Absoluten in ihr. In die Debatte über die Idee gießt es seinen ganzen bewußten Schöpferwillen. Sein dialektisch-ethischer Trieb zwingt ihn, tiefer hinein,zuleuchten in die seelische Struktur, das Gewebe der Motive deutlicher ans Licht zu holen, so daß man die feinsten Verästelungen fleht. Damit hat er dem Drama, das sich von dem Kampfe


