bergen kann. Sie nehmen, nachdem er sich gesetzt hat, wieder Platz; alle sehen ihn erwartungsvoll an.
„Warum so stumm, meine Herren?" fragt er. „Sind Sie erschreckt? Ich fürchte, es wird in den nächsten Jahren noch viel härtere Auseinandersetzungen geben als diese."
Draußen aus der Diele steht Lore Schillings vor Bernd. Sie ist ihm nachgegangen und hat ihn erreicht, wie er sich seinen Mantel anzog. Sie sind allein.
„Wie konnten Sie Baker das antun?"
„Es lag nicht an mir. Er griff das an, was mir heilig ist."
„Seien Sie vernünftig, Bernd, kommen Sie wieder herein. Ich hole Ihnen Vater. Sie können mit ihm allein sprechen. Bitten Sie ihn um Verzeihung, und alles ist wieder gut. Sie waren erregt. Er wird das
begreifen." . _
,Jch, habe für nichts Verzeihung zu erbitten. Ich stehe zu jedem Satz, den ich vorhin sagte. Uns trennen eben Welten."
„Und deshalb dürfen Sie Vater einen Sozialdemokraten nennen?"
„Das habe ich nicht getan. Ich habe nur gesagt, daß er so sprach."
„Das ist das gleiche."
„Nein." _
Sie sieht ihn an. „Bernd, wissen Sie denn nicht, warum ich Sie so bitte?"
,Hch weiß es nicht. Ich will und ich darf es nicht wissen."
„Berndl" Biel Liebe, viel Weichheit liegt in dem einen Wort. Er fühlt es. Es überwältigt ihn fast. Er weiß, daß er jetzt nur die Hand ausstrecken braucht, und dies Mädchen gehört chm, dies reiche schöne Mädchen, das sie den „Großen Preis" nennen. Sie würden chn beglückwünschen, beneiden. Alle Schwierigkeiten wären fort: Grunfeld könnte gekauft, eine Brennerei könnte gebaut werden. Vater wäre entlastet, Mutter würde glücklich fein. Aber alles wäre eine Lüge. Das ist es.
Und Lore sieht chn an, sieht, daß es in ihm arbeitet, und wartet auf ein Wort von ihm. Und hofft. Der Zorn, der in chr erwacht, als er den Vater angriff, ist verschwunden, sie fühlt sogar etwas wie Stolz auf ihn, weil er seinen Standpunkt so fest vertrat, selbst Vater gegenüber, dessen Kraft sie kennt, von dem sie weiß, daß keiner von all den Herren, die jetzt dort im Zimmer um ihn sind, ihm zu widersprechen wagt. Sie fragt nicht mehr: Wer ist er, der kleine arme Leutnant, und wer bin ich? In ihr ist nichts wie Liebe. Sie möchte die Arme heben und um seinen Hals legen. Aber seine Augen blicken an ihr vorbei.
„Sehen Sie mich doch einmal an, Bernd", bittet sie. Sie fühlt, daß sie sich mit dieser Bitte viel vergibt, daß sie mit chr ihm offenbart, wie es in ihr aussieht, daß sie ihm das Geständnis chrer Liebe macht. Aber sie schämt sich dessen nicht ihr Wünschen ist zu stark.
Langsam wendet er chr den Kopf zu.
So stehen sie sich stumm gegenüber, Auge in Auge, viele Atemzüge lang.
Und wieder wartet sie auf ein Wort.
„Bernd", sagt sie noch einmal.
Da beginnt er zu sprechen, und sie weiß, es ist das Ergebnis dessen, was er durchdachte, als er ihren Blick so lange mied.
„Es geht nicht, Lore, es geht nicht. Es wäre alles falsch. Gerade, weil Sie das reiche Mädchen sind. Ich kann nicht lügen, ich kann mich vor allem nicht selbst belügen. Ich habe einmal gedacht: Lore Schillings. Verstehen Sie: Lore Schillings und ich, habe ich gedacht. Nicht für mich, sondern für Vater, für Dapper. Und ich habe mich geschämt, weil ich es überhaupt denken konnte des Geldes wegen. Verzeihen Sie, aber ich muß das sagen. Ich weiß, es klingt häßlich." Langsam kommen feine Worte, nicht' Schlag auf Schlag wie vorhin, als er sich verteidigte; er muß sie sich zujammensuchen.
Lore hört sie, aber sie erfaßt sie nicht voll. Sie hofft viel zu stark, um das Trennende zu spüren, sie klammert sich an das: Ich habe einmal gedacht, Lore Schillings und ich. — Es wird noch alles gut, denkt sie und lagt: „Sie reden ja Unsinn, Bernd, Sie machen sich Gedanken, die nicht richtig sind. Was habe ich denn mit dem Geld zu tun? Ich kann doch nichts dafür, daß ich ein reiches Mädchen bin."
„Nein, Lore, Sie können nichts dafür. Aber ich habe daran gedacht, ich — verstehen Sie doch. Eben nicht an Sie, sondern an das andere. Und es könnte ein Tag kommen, an dem Sie mir sagen würden: du hast mich ..."
Sie läßt ihn nicht aussprechen. „Nie werde ich das sagen."
,/Das Leben ist nicht so einfach."
„Ich weiß es. Gerade deshalb soll man um fein bißchen Glück kämpfen. Was habe ich denn von diesem Leben bisher gehabt NichtsI Glauben Sie, daß mich das ausfüllt: Reifen, Tanzen, Gesellschaften, für meine Mutter Teetassen herumtragen, mich mit fremben Menschen unterhalten, Besorgungen machen. Zett totschlagen? Was habe ich denn von dem sogenannten Reichtum? Ein paar Zimmer mehr als andere, vielleicht ein weicheres Bett, schönere Kleider, keine äußeren Sorgen. Wer sonst — Leere. Ich bin schon froh, wenn ich einmal jemand helfen darf. Wie damals den Brandts, als die Zwillinge ankamen. Doch das ist ja so wenig, so jämmerlich wenig. Und nun sprechen Sie von Ihrem Vater, Bernd, von Dapper. Da könnte ich doch helfen, das wäre doch eine Aufgabe für mich, für uns, Bernd."
. ,Hn Dapper ist Vater. Ich bin Soldat und will es bleiben. Sie wissen ja nicht, was das ist: Soldat fein. Sie sehen nur das Aeußere: den bunten Rock, den sogenannten flotten Leutnant. Bei uns ist aber auch Dienst, viel Dienst. Arbeit. Bei uns ist es verdammt ernst und verdammt nüchtern. Das, was Sie sehen, ist der Lack, die Tünche. Da, andere paßt nicht zu Ihnen. Sie sind Freiheit gewöhnt, wir leben in der Enge. Ueberall sind Gesetze, geschriebene und ungeschriebene. In die muß man hineingeboren fein, um sich in ihnen glücklich zu fühlen. Man muß in ihnen aufgehen, man muß diese Fesseln lieben. Sie kommen ganz woanders her, Lore, Sie würden sich beengt fühlen, sich ’^fien, sich wehe tun. Und eines Tages unglückllch sein."
Ihr scheinen alle seine Einwände so klein, fo nichtig. Sie hebt die Hände, saßt in die Falten des offenen Mantels vor feiner Brust, schüttelt chn. „Bernd, Bernd. Was geht mich das alles an? Ich werde mich fügen, ich werde stille halten. Sie vergessen eines, Bernd — muß ich es denn sagen, ganz deutlich sagen, muß ich denn so Nein werden? ..." Sie blickte zu chm auf, hebt den Kopf ihm zu ... „Ich liebe dich, Bernd." , v
Das Wort ist gesprochen. Schwer kam es chr von den Lippen, aber nun ist ihr leicht; sie denkt, jetzt ist alles gut und klar, jetzt kann er nichts anderes tun, als mich in seine Arme nehmen.
Doch er nimmt nur ihre Hände, löst sie von seinem Mantel, beugt sich über sie und küßt sie, erst die Rechte und dann die Linke. Und, über die Hände gebeugt, sagt er leise: ,Jch danke Ihnen, Lore,
Da tritt sie zurück. Plötzlich wird sie wach, weiß, daß sie das Spiel verlor. Und jetzt will sie volle Gewißheit haben. ,;Wen lieben Sie?"
Er ist erstaunt, er versteht sie nicht.
Da spricht sie weiter, eilend, drängend: ,Lst es jenes Mädchen, mit dem ich Sie im Boot auf der Oberspree sah?"
„Ich weiß nicht, was Sie meinen."
Sie redet sich immer stärker in ihre Hast hinein. „Sie wissen nicht? Aber ich weiß es. Und Sie wissen es auch. Soll ich Sie erinnern? Ich fuhr im Motorboot hinter Ihnen her. Ende Mai war es. Bei Hankels Ablage. Dicht nebeneinander faßen Sie. Ist es jene?"
Wieder antwortet er nicht. Ihre Worte überfallen ihn. Er findet sich ; nicht zurecht, nicht in ihren Sätzen, nicht in dem Ton, in dem sie plötzlich spricht. , _
„Da trennten Sie keine Welten, nicht wahr? Da waren keine Schram ken und Engen? Warum blieben Sie denn nicht dort? Warum kamen Sie überhaupt zu uns?"
Langsam begreift er, was sie meint: Hilde. Und er glaubt ganz ehrlich zu sprechen, als er sagt: „Das hat doch mit Ihnen nichts zu tun."
Sie wird immer starrer, immer verkrampfter. Sie fühlt sich herabgesetzt, beleidigt.
„Das hat mit mir nichts zu tun?" wiederholt sie. „Wohl weil das wieder eine andere Welt ist. Sie haben etwas viel Welten, Herr von Wallnitz: Ihre Soldatenwelt, Ihre Gesellschaftswelt, und nun noch diese Welt dort. Es ist gut, daß ich das jetzt weiß, und ich bin froh, daß ich | nicht in diese Bielheit Ihrer Welten hineingeraten bin."
Sie hat sich gestrafft, auch äußerlich, sie ist nicht mehr das liebende Mädchen, sie ist die beleidigte, erzürnte und eifersüchtige Frau.
Er sieht das: sie scheint ihm plötzlich älter, reifer; em Glanz ist in ihren Augen, den er noch nicht kennt. Er entdeckt zum erstenmal, daß wahr ist, was die anderen von ihr sagen: sie ist schön.
Da sagt sie ganz hart: ,Hch danke Ihnen für diese Lehre" und wendet sich ab und geht.
Die Halle ist leer. Sie scheint chm unendlich groß. Rings sind Türen, hohe Türen: alle für ihn verschlossen.
Als er den Streit mit dem Vater abbrach, fühlte er sich als Siegen er wußte, er war im Recht, in seinem Recht. Nun ist er geschlagen.
Sie haben etwas viel Welten. Das ist eine bittere Wahrheit.
Er nimmt seine Mütze vom Haken, holt seine weißen Handschuhe aus der Tasche, zieht sie an, schnell, hastig, als ob sie ihm etwas von der Sicherheit wiedergeben könnten, die er verlor. Er schließt die silbernen Knöpfe seines Unifonnmantels. Aäußerlich ist nun alles an ihm in Ordnung, alles straff, alles militärisch glatt.
So verläßt er das Haus. i
Nachts aber liegt er dann schlaflos. Er sucht vergeblich auch innerlich Ordnung zu schaffen. Wer es gelingt ihm nicht, die Gedanken gehen durcheinander. Er fragt sich: Wie stehst du zu Hilde? Sie gibt dir alles, und du nimmst es ohne Ueb erleg en wie eine Selbstverständlichkeit, nimmst es eigentlich ohne Liebe. Ist das anständig?
„Sie haben etwas viel Welten", hat Lore Schillings gesagt.
Er sieht sie vor sich: weich, liebend zuerst, und dann hart, zornig. Er weiß jetzt, sie ist schön: er weiß auch: sie ist klug. Wenn er erzählte, was zwischen ihr und chm vorgefallen, würde kaum einer verstehen, warum er nein sagte. Und jetzt — in der Nacht — versteht er sich fast selbst nicht mehr. Was fehlte denn eigentlich zwischen ihnen noch zur Liebe? Steht denn diese Lore ihm seelisch ferner als Hilde ihm steht? Steht sie ihm nicht sogar näher? Was ist denn überhaupt Liebe? Die große Liebe? Hatte Lore sie, als sie ihm sagte: „3d) will mit btt zusammenleben, ich will mich fügen, ich will stillehalten?" Hat Hilde sie, wenn sie ohne Fordern und Fragen zu chm kommt? Haben sie si« beide, und hat nur er sie nicht?
Er muß sich gestehen: Ich habe sie nicht. Ich denke immer an mich, an meinen Stand, an meine Karriere. Selbst wenn ich Vater ober Dapper sage, meine ich doch nur mich, weil ich mehr Ruhe hätte, wenn Vater ohne Sorgen wäre. Ich habe gar nicht zuviel Welten, ich habe nick eine: mich. Ich bin zu keiner Liebe fähig, weil ich nichts aufgeben, nichts opfern will. Hilde ist ja tausendmal anständiger als ich, weil sie ehrlich ist und ehrlich handelt. Warum denke ich nicht daran, sie zu heiraten? Weil ich dann meinen Rock ausziehen müßte. Ja, warum müßte ich dann meinen Rock ausziehen? Sie ist doch ein fleißiger, sauberer, anständiger Mensch.
Da sind eben diese Welten, die sich nicht ineinanderfügen lassen. D» stimmt etwas nicht. Und wo etwas nicht stimmt, müßte es geändert werden. Aber wer soll angehen gegen Sitten und Gesetze, gegen geschriebene und ungeschriebene? Was sagte dieser Doktor Frank, von dem der alte Schillings so viel für die Zukunft erhofft? „Kastel" Hatte er vielleicht doch recht? Waren sie alle im Kastengeist zu tief verfangen, die Kameraden, der Berklow, der Renkhausen, der Heidenberg, und die, die in der Neumark faßen, der dicke Schmersow, die Krüdener Müfflings, die Brandts, die Bertholds und wie sie alle heißen? War der Adel, der alte eingesessene Adel nicht doch eine Kaste? Und wo stand dann Lore. Wo stand Hilde?
(Fortsetzung folgt.)
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