Ausgabe 
18.3.1938
 
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sietzenerZamilieiiblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <938 Zrettag, den 18. März n»mm» n

Herz lm HW

^omon von Hans-Easpac von Zabeltitz

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

; 8. Fortsetzung.

.."Eine nette Suppe hat uns dieser Herr von Bülow, dieser merk- Wurdige feine Reichskanzler, da eingebrockt", sagt er zu Wallnitz. Kennen Sie Algeciras? Na, ich empfehle Ihnen, einmal hinzufahren, vs liegt zwar auf spanischem Boden, aber unter den Kanonen von Gibraltar, also so gut wie in England. Da ist Herr von Bülow natür- Ufl) klein geworden und ins Mauseloch gekrochen. Zuerst mit dem großen u«unt> ankommen und dann nachgeben müssen bis zur völligen Blamage, das ist das richtige. Erst in Tanger mit dem Säbel rasseln und sich dann in Algeciras so blamieren, daß keiner mehr was von Deutschland wissen will. Mutterseelenallein stehen wir jetzt da. Nur Feinde haben . Dir. Und alle Verbindungen, die Handel und Industrie mühselig auf- E gebaut haben, werden zerschlagen. Eine seine Politik ist das."

Ich verstehe nichts von Politik und will auch nichts von ihr ver­stehen", antwortet Wallnitz.

!Traurig genug. Alle müßten sich in Deutschland mit Politik beschäf- !>gen, alle. Schon um geschlossen gegen solchen Wahnsinn Einspruch er= i heben zu können."

Wir Offiziere sind nicht zum Einsprucherheben da, sondern zum I behorchen."

Also unfrei."

Unfrei? Nein, Herr von Schillings. Nur treu dem Eide, den wir | Kaiser geschworen haben, und treu unserer Ueberlieserung als ; .Ich bitte Sie, Herr von Wallnitz, Edelleute, Adel. Warum betonen sie das so? Ich weiß, der Adel tut immer, als ob er ftockkonseroativ, als st) er reaktionär wäre. Ich nehme das nicht so ernst. Ich muß da an den clten Fontane denken. Wissen Sie, was der inZwischen Zwanzig und Ireißig" sagt, als er, der Frondeur, seine Liebe zum märkischen Junker htennt? ,Ich glaube nicht an den Ernst dieses Ueberkonseroativen, Reak- s kmären, diese Junker werden einmal total umschlagen/"

Nie!" Wallnitz springt auf.Nie, Herr von Schillings. Wir Junker Verden zu unserem Kaiser stehen, solange^er es von uns fordert."

Und wenn Ihr Kaiser nun ..."

Wallnitz schneidet den Satz ab.Sie sprechen immer von meinem Kaiser, Herr von Schillings, ist er nicht auch der Ihre?"

Gewiß. Aber deshalb brauche ich doch nicht restlos alles zu billigen, vas er tut und spricht."

Doch, das müssen Sie. Adel verpflichtet zum Dienen, zum Gehor- | Vm, zur unbedingten Treue. Und schließlich haben Sie sich ja von diesem Mer adeln lassen."

Nun steht auch Schillings auf und mit ihm die anderen. Plötzlich steht wr ganze Kreis.

I-Ich glaube. Sie find noch zu jung, um mich aburteilen zu können, pirr von Wallnitz. Ich habe mich außerdem nicht adeln lassen, sondern w Kaiser hat mich geadelt."

Jawohl. Um Sie zu verpflichten. Sie und Ihr Haus und Ihre Werke wd Ihre Arbeit. Um Sie genau so zu verpflichten, wie wir uns seit B-nerationen verpflichtet fühlen als landgefesfene Junker, als preußische vsiiziere. Wie wir immer wieder Gut und Leben hingegeben haben für «veren König und Herrn."

Für Ihr Vaterland meinen Sie."

.Nein, für unseren König. Sie haben vorhin Fontane zitiert, ich bill Ihnen einen anderen zitieren, einen Heutigen, der vom Adel sagt:

,Wir sind die Alten, die trotzigen Treuen am Dhron, Heerfahrt und Folge lehrte der Vater dem Sohn, Söhne sagten den Enkeln das Weistum des Standes; Adel ist Adel des Fürsten und nicht des Landes!'"

| Er spricht die Verse ruhig, es ist, als ob unter ihnen die Welle des Heltes, die sich eben noch zu überschlagen drohte, abebbte. Lore, die Mer abseits stand, fühlt das, und sie atmet erleichtert auf. Sie tut die Wen Schritte, so daß sie mitten in dem Kreis der Herren steht.

. Da ist der Doktor Frank, den ihr Vater neu in die Werke eingestellt W und dem er als Konstrukteur eine große Zukunft voraussagt, ein *onn Ende der Zwanzig, vielleicht auch schon Anfang Dreißig. Er hat w ganze Zeit geschwiegen, vielleicht weil ihm die Szene peinlich war.

Jetzt fühlt er, daß die Lösung endlich dazusein scheint.Sehr schöne Verse sind das sagt er,und wahrscheinlich auch sehr wahre Verse. Nur muß

111 .^re Kaste hineingeboren fein, um sie ganz zu verstehen."

2BaQntt) nimmt den Ball auf, den ihm der andere zuwirst.Wir sind keine Kaste, Herr Doktor Frank. Wir stehen nicht allein und wollen nicht allein stehen. Wir sind eng verbunden mit unseren Soldaten und Mit unseren Bauern. Wir sind Volk wie alle anderen. Nur wissen wir eins: daß wir dem Volk Führer sein müssen."

Eine schwere Ausgabe."

Schwer? nein. Wenn man wirklich mit seinen Soldaten, mit leinen Bauern mit seinen Knechten zusammenlebt, ist sie nicht schwer. Sie ist durch Jahrhunderte leicht von uns-gelöst worden. Erst als man uns und ,ene anderen trennte, erst als die Verstädterung begann, kam Oer -Begriff auf, daß wir eine Kaste wären. Die Bauern verstehen uns heute noch genau so wie früher. Nur die man uns entfremdet hat, wollen nichts mehr von uns wissen. Sowie sie aber wieder bei uns sind, nämlich tn ihrer Soldatenzeit, gehen wir auch wieder zusammen. Sind Sie Soldat gewesen, Doktor Frank?" Der andere nickt nur.Ich glaube, dann wer- den Sie mir zustimmen müssen."

Sie mögen recht haben."

Ich habe recht." Bernd sagt es sehr sicher.

Alles scheint in ruhige Bahnen gelenkt. Das Gespräch scheint beendet, der Streit vermieden. Aber plötzlich schlägt die Welle wieder zurück. Andreas von Schillings greift noch einmal ein:Bauern, Knechte, Sol- daten Junker Offiziere ich glaube, Sie suchen sich den Kreis der Untertanen Ihres Kaisers da, wo Sie ihn finden wollen. Er hat auch noch andere: die Arbeiter."

Ich sprach von ihnen, sie sind die Entfremdeten."

Die Ihnen Entfremdeten, jawohl. Und deshalb wohl auch die wie Sie es nennen würden: der Krone Entfremdeten. Diese Entfremdung ist nicht deren Schuld, es ist die Ihre." b

"Ich wüßte nicht, warum. Wir haben sie nicht von uns gestoßen "

Doch! Weil Sie sagen: Adel ist Adel des Fürsten und nicht des Landes. Sie dort draugen Sie, die Junker, nehmen Ihr Vaterland zu eng. Für Sie ist das Vaterland der Kaiser. Eigentlich sogar nur: per König, der König von Preußen, die Hohenzollern. Für Sie, wie Sie letzt denken, wäre der Begriff Vaterland tot, wenn es keine Hohenzollern mehr gäbe. Für jene bleibt Deutschland das Vaterland, auch wenn es keine Fürsten mehr gäbe. Und auch für mich."

Es gibt kein Deutschland ohne die Hohenzollern."

Und wenn der Kaiser eine zweite Krüger-Depesche in die Welt sendet, wenn er ein zweites Mal eine Fahrt nach Tanger unternimmt, wenn fein Kanzler eine zweite, dritte, vierte Schlappe wie die von Algeciras erleidet, was bann? Kann dann nicht der Tag kommen, wo ein solches Regime nicht mehr tragbar ist für das Vaterland?"

3n Bernd steigt die Röte auf. Seine Zähne nagen an der Unterlippe. Er zögert, ehe er antwortet, von einem sieht er zum anderen, alle stehen stumm. Es sind Herren in Zivil, Herren aus den Werken an der Ober- fpree, Herren der Industrie. Es ist keine Uniform da, es ist fein Junker da, kein Mann der Scholle. Er fühlt sich allein, verlassen; aber er fühlt sich auch als Soldat, der eine Stellung zu verteidigen hat, die wichtigste Stellung seines Offiziertums. Er weiß, er muß hinaus aus der Enge, er muß angreifen; er sagt:Sie reden wie ein Sozialdemokrat, Herr von Schillings, und nicht wie ein Mann von Adel. Wenn Sie überhaupt einen Augenblick daran denken können, daran zu denken wagen, daß ein solcher Tag kommen könnte, bann üben Sie innerlich schon Verrat."

Nicht an meinem Vaterlande ..."

Aber an Ihrem Kaiser ..."

Mein Vaterland geht mir über den Kaiser."

Schlag auf Schlag folgen sich die Worte Auch Schillings hat sei,.. Stimme gehoben, spricht laut, fast heftig. Er ist ruhiger als Wallnitz, gewiß, jedoch alle spüren, daß auch er erregt ist.

Da tritt Wallnitz einen Schritt zurück. Er löst sich aus diesem Kreis. Er strafft sich, schlägt die Hacken militärisch zusammen, seine Sporen flirren leise.Ich bebaure, Herr von Schillings, daß es zu dieser Aus­einandersetzung fam. Ich fürchte, daß ich schärfer werden müßte, als es mir, als Ihrem Gaste, zufommt, wenn ich Ihnen weiter Rede und Ant­wort stünde. Unsere @ebanfengänge sind zu verschieden. Ich bitte Sie, mich verabschieden zu dürfen."

Er wartet noch einen Augenblick, wartet, bis er sieht, daß Andreas von Schillings den Kopf wie bejahend senkt, bann verbeugt er sich furz, aber verbindlich und wendet sich ab. Die Tür schließt sich hinter ihm.

Einen Augenblick ist Stille im Raum.

Dann sagt Schillings:Ich habe mich getäuscht. Dieser Herr ist doch noch sehr jung. Sprechen wir von etwas anderem."

Er hat seine Stimme wieder voll in der Gewalt, sie Hingt sachlich und überlegen. Die anderen Herren kennen das, sie wissen aus vielen hitzigen Vorstandssitzungen, wie er einen Aerger, der in ihm frißt, ver-