Ausgabe 
18.2.1938
 
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nie Wolke.

Von Joses Weinheber.

Hochher schimmernde Burg, die sich der Himmel baut!

Zwischen Baum und Gebüsch, hinter dem schwarzen Berg steigst gewaltig du auf, golden die Türme umsäumt, Herrin über des Abends Reich.

Wie du wunderbar dich wandelst von Blick zu Blick, dennoch bleibst, was du bist: himmlischer Traum und Hauch: Folgend tiesstem Gesetz, schenkst du dem Aug das Bild, das der Dichter in sich geschaut.

Nun aus seinem Gedicht strahlend der Gott hertritt, Abbild ist es von dir, die du den Donner trägst, in den Hallen aus Hauch birgst das erhabne Haupt und die Stirn,-"bie den Blitz gebiert.

Ein italienischer Tag.

Reisebild von Wera Wagens ch e i n.

Am frühen Morgen singt der Olivenvogel seine süße schrille Strophe von hoher Kraft, von Helligkeit und Frische. Die geheimnisvollen Gerüche erwachen. Es wird ein heißer blauer Tag.

Der Weg zum Meer hinab geht über Gras und Steine. Im Halb­dunkel seiner kleinen Küche sitzt ein Fischer, spielt Gitarre und singt. Es ist nicht laut, eins von den schwermütig-heiteren Liedern mit schleifen­dem Ende. War er in der Nacht auf dem Meer, und ehe er sich nun schlafen legt, singt er sich ein? Niemand ist bei ihm, aber draußen in der Sonne bleiben sie eine Weile stehen, um lächelnd zu horchen. Sie sind wie eine große Familie. Wo die Zikade singt, wohnt der junge Schu­ster mit dem schönen kleinen Mädchen. An der Hauswand lehnt sie, eine winzige Prinzessin, barfuß, mit einer immer neuen Grazie und ver­träumten Koketterie. Sie schlägt die langen Wimpern zu uns auf, in den kühlen braunen Augen eine Bereitschaft zu lächeln.

Am Strand, wo bie Fischerboote liegen, spielen die Kinder. In klei­nen Gruppen hocken sie braun und eifrig zusammen, mit ernsten Augen, und graben ihre Höhlen in den schwärzlichen Sand. Sie fassen sich an den Händen und suchen wie Irrlichter nach den scheckigen Steinen. Ihr glückliches und gar nicht lautes Gezwitscher erfüllt den ganzen Strand. Wenn eins große Welle brandet und im Donner die hellen Stimmen ver­löschen, vergessen sie das Spiel und laufen ihr entgegen, die Arme aus­gebreitet und im Lächeln Angst und Entzücken. Viele leiste braune Ge­stalten vor dem weihen Schaum und der tiefen großen Bläue.

Wie freundlich und geduldig sind die Väter mit ihren Kleinen! Sie hängen ihnen am Hals, vertrauend und ergeben in ihr Schicksal, nun eingetaucht zu werden in die blaue Welle und den brausenden Schaum. Die Größeren gehen mit schwingenden Schritten anPapas" Hand, und beide haben helle Erwartung im Gesicht: der Vater eine ernste feste und stille, der Kleine eine ungewisse und wunderhafte.

Barfuß, unter dem Strohhut ein gegerbtes freundliches altes Buben- gesicht mit breiter Nase, zieht der Strandwärter umher, mit verblichenem Sweater und kurzer weißer Hofe, die Zigarette hinderm Ohr. Er streicht langsam, mit leichten Tritten, zwischen den Booten herum, nachdenklich wie ein alter Vogel. Manchmal liegt er auf dem Rücken und schläft mit der tiefen Friedlichkeit eines Kindes. Wenn der lustige junge Lehrer kommt mit seinem Haufen von neunjährigen Buben, ist er mitten da­zwischen; und ein leiser fröhlicher Anruf, die Güte und der weise Ernst seiner Augen läßt sie alle parieren.

Ein kleines Mädchen kommt aus den Bergen, der Vater hat es an der Hand. Es geht ganz steif und wippend vor Freude, und an den braunen Zöpfchen sitzen rasa Schleifen. Es hüpft, als der Vater ihm das weiße Kleid abstreift; das bräunlich-blasse Gesicht mit dem reinsten Schein van Heiterkeit ist schon dem Meere zugewandt. Nun springt es mit einem leisen Schrei der Lust in die Brandung, zögert und schlägt in Andacht ein Kreuz, und mit weiten Armen wirft es sich in die erste Welle. Die nassen Zöpfchen tanzen, es hüpft das Amulett am Hals, das ganze kleine Mädchen zwitschert und winkt lächelnd dem Vater.

Die Kleinsten mit Eimercheu möchten Wasser holen, sie trippeln eilig dem fliehenden Schaume nach und rennen furchtsam zurück, wenn neu die Woge heranstürmt. Dann blicken sie alle aus den Spitz, der über die Klippen tänzelt, weiß mit gelben Flecken und wibbernd vor Ver­gnügen. Er sieht sich um, legt die Ohren zurück und lacht, macht seine runde Stirn noch runder und wagt sich bis zu den Dauchhaaren in die Brandung.

Es leuchtet das Meer, schwarzblau mit apfelgrünen Streifen. Ich schwimme weit hinaus. Und einmal kommt die Grenze, wo das fröhliche zarte Getose der Kinder am Strand wie in einer bunten Grube ver­sinkt und nur das rhythmische Plätschern meiner Hände bleibt. Um mich her sind lauter Augen, tausend ovale schwankende Augen, graublau mit weißen Rändern sich immer erneuernd wie umtanzen und verzaubern sie mich! Unter mir spielen die Sonnenkringel im gläsernen Grün

Am Mittag schwimmt Glockengeläute über die Stadt, eilig und leicht wie Spieldosenklang. Kleine Mädchen ziehn singend den Pfad hinauf, alle in rosa-weißen Kleidern. Ganz langsam wogen die vielen Sonnen­hute die Stufen zur Kirche hin. Sie singen, hundertstimmig und flirrend, jedes mit seinem Ton, ein einfaches süßes kühles Liedchen: von der Sonne, die aufgeht am Morgen matina jeden Morgen, und nieder am Abend sera an jedem Abend. Die Gesichter verträumt und von Licht umspült, kleine Gebetbücher in Händen, die nichts von sich wissen.

Ei» Pfad aus steilen Grasterrassen führt durch den Kastanienwald.

Das Grün steht leuchtend vor dem wolkigen Silber des Oelberges jen­seits der Schlucht Ein graues Bauernhaus liegt geborgen harin unter den Schleiern der Schwüle. Kleine Kinder hocken auf der Schwelle, dicht aneinander gedrängt, mit schwerem, schwarzem Sarazenenblick. Wir haben Bällchen für fie: ein rotes, ein blaues, ein grünes. Wie Bienen schießen sie da durcheinander, es gibt ein Gesumm, und dann laufen sie zum Haus, zur Schwester, zur Mutter, die Bällchen zu zeigen Wir hören noch lange die entzückten kleinen heiseren Stimmen, sie schwirren kaum lauter als ein Geflüster: tre balle! drei Bälle! Da sind wir schon weiter am Berge.

Eine Zeitlang folgen wir dem Hirschkäfer wie verhext. Ganz aufrecht fliegt er und wie in wunderliche Runden geweht, das Geweih zum Him­mel gestreckt, die Flügel innen van tiefem Rot. Rings um uns sirren die jungen Stimmen der Vögel im Nest. Und die prunkenden kleinen Madonnen sehn aus der Mauer. Wie trillern die Grillen! In den Oel- bäumen klirrt der Wind.

Nun geht es steil und weglos bergan, in Wildnis und Stille. Wir ziehen uns hoch an Stein und Strauch. Ein Myrtenbusch ein Mäuerchen über uns auf dem Grat da ist ein Hund und erwartet uns. Sandgelb und schlank steht er da und wedelt, windet sich vor Freund­lichkeit, macht mit dem Leibe unser mühsames Klimmen mit (noch etwas Scheu und Befremdung im Grunde der Augen), bis mein Gefährte zu­erst ihn erreicht und streichelnd umarmt. Da tänzelt er vor Wohligkeit, springt uns so leicht voraus auf die Mauer, dahinter in lächeln­dem Staunen zwei Frauen stehn und ein junger Mann. Sie mckthen Heu hier oben, das kleine Bißchen zwischen den steilen Terrassen, und ihre Blicke sind voller Heiterkeit. Wir fragen sie, versuchen ihr Italienisch zu verstehen, die Jüngere geht ein paar Schritte zur Mauerlücke und lächelt mir zu aber da bin ich schon übergeklettert und wir sind zwischen sie gesprungen. »Der Hund wedelt fröhlich vom einen zum an­dern. Schließlich zeigt er uns nach den Pfad zu seinem Hof, der, wie eine kleine Festung, mit den Kücken und roten Geranien allein gelaßen im späten Nachmittag liegt.

Die höchste Kuppe aber ruht in tiefer Einsamkeit. Käfer brummen durch die Gräser. Schwalben hauchen unter uns hin. Drüben in weitem Halbrund, wie eine riesige Arena, umsteht uns das Gebirge. Auf den nächsten Rücken gibt es nach Oelgärten und besonnte Kirchen. Dahinter aber schlingen sich die höchsten Berge zum Kreis in einer wilden Har­monie und frommer gewaltiger Einsamkeit. Felsige Hänge sinh hell van fernem Grün überhaucht, wo sie nicht schon in das selige Blau der vielen Schattenschluchten sinken. Kein Pfad wird dort sein. Und keine Seele?

Eine Zikade singt. Die Stille rauscht. Pan ist nah.

Dann sind wir umgekehrt. Auf unserm Dache kommt die schöne Stunde des Zwielichts. Meer und Himmel verschweben in ein sanftes Kinder­hellblau, und das Gelb und Rosa der Häuser am Strand kommt ins Fliegen und löst sich auf in eine holde und ungewisse Buntheit. Aber die slattrig-grauen Dächer des Asyls für Waisenkinder haben einen helleren Schimmer als im Tage. Eben noch hörten mir die spielenden Stimmen im Garten. Jetzt hallt aus den Fensterchen, die um den Hof liegen in vier engen Reihen, ihr singendes Beten im Chor. Das Meer war wie Mond­stein, nun siegen die Funken der Fischerlichter. Wie bannen sie uns immer auf dem abendlichen Meer, wenn sie golden zucken und blinken und für Atemzüge verschwinden in den Wogen oder für Minuten hinter den Kuppeln der Kirchen.

Unten in der kleinen Stadt braust noch die Fröhlichkeit. Aus dem Dom bricht Kerzengefunkel und Musik. Der Gegensatz seiner tausendfältigen Pracht zur Eintönigkeit des geistlichen Gesanges der Knaben er zieht magisch die Menschen an. Schon stehen sie bis auf die Straße, aus dem kühlen Platze unter Palmen und einen Himmel wie Samt mit seinen winzigen vergessenen Sternen. Die kleinen Kinder hängen den Müttern übe. der Schulter wie schwere müde Blüten, und in ihren weiten Augen verschmeizen der Schlaf und die große funkelnde Pracht des Domes, ver­trauendes Staunen und Traum.

Aber nicht alle sind hier. In einer Seitenstraße hocken sie im Kreise, die ganze Familie, ein gelbes Laternchen hängt an der Wand und sie singen. Die Großen sitzen auf Strohhockern, den selbst geflochtenen, die Jungen am Boden, und ihr Gesang der flirrende Chorgesang von Frauen und Knaben weht auf wie ein Nachtwind und vergeht wenn mit junger verhaltener schwereloser Wildheit die Stimme eines Mannes hineinspringt und eine sremde Strophe erzählt. In die letzten Töne fällt wieder der Chor der andern ein, suchend zuerst und dann schwellend und schleifend in süßer Schärfe.

Aber da gibt es eine Konkurrenz gegenüber. Ein Alter, vielleicht ein Matrose, schlägt in die Saiten seiner Gambe und beginnt ein komisches Lied. Seine Stimme, schon ein wenig zerbrochen, hat große Kraft, und die bunte witzig-wilde Melodie, sein lachendes Gesicht zwingen die Vor­übergehenden, bei ihm stille zu stehn und zu horchen.

Doch auch die anberh fangen ihren Nachtgefang wieder an Er geht noch lange mit uns.

Schäfchen-Wolken ziehen auf, jede bläulich-silbern umrandet mit bunf(em Kern, ber ganze Himmel in lautloser Bewegung. Um ben Mond lauft ein Kranz von rötlichem Schein. Mars unb Jupiter, zwischen benen er emge pannt ist sie alle vergehen unb kommen in bem Gewimmel. Im gleichen Rhythmus wallt ber Glanz auf dem Meere.

Unser Olivenvogel ist zur Ruhe gekommen.

Vom Gebirge irrt ber Nachkwinb her unb bringt seine fünfte Kühle und die betorenben Düfte nach Feigen unb mandelgleichem Oleanber

Je hoher bie Nacht aus ben Gärten steigt uyb alles mit Silber unb "lau verhängt, bis Fledermäuse bie letzten Farben verwischen, __ je

fratA<t-$er J'e, sich crf)ebt, die Fenster mit rötlichen Scheinen erfüllt unb den Olivenhain mit Kafergefunkel, bas rhythmisch zuckend bie Gartengründe burchgesttert desto wilder branden die Chöre ber Frösche unb Grillen. Sie tragen uns aus uns selber fort in ben Traum.

verantwortlich: vr. HanS Thhriot. - Druck und Derlag: Brühlsche Universitätsbruckerei R. Lange, Gießen.