Ausgabe 
18.2.1938
 
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Drohung.

Von Carl Spitteler.

Wenn du dich noch einmal unterstehst Und mir im Kopf herumgehst, Hol ich gleich nebenbei Di« Stadtpolizei.

Die hängt dir jedenfalls

Einen Schandbrief um den Hals, Damit jeder es liest. Was für ein Spitzbub du bist.

Wenn du mir das noch einmal machst Und mich im Traum anlachst, Guckt aus der Münstertür

Der Kapuziner herfür.

Der malefizt dich mit feinem Latein Von Schwarzkunst fo rein. Daß von dir Hexenweib Bloß das Apfelhäuschen bleibt.

Wenn du mir nur noch einmal kommst, Und nicht gleich zu mir kommst. Hetz ich mein Hundlein nach dir.

Das beißt dich zu mir. , Dann sperr ich dich, Gott sei Dank, In einen gläsernen Schrank.

Ein Schlüssel hängt dran, Daß ich auch hinein kann.

Gang zum Geliebten.

Von Karl Heinrich Waggerl.

Aus dem Hause tritt das Mädchen, aus dem strohgedeckten Haus am Wasser. Das Haus ist alt und armselig, nicht mehr als eine Hütte, aber i)le Fischertochter ist jung und stolz, eine Prinzessin, wie jeder im Dorf weiß, der die Augen nach ihr verdreht.

Das Mädchen heißt Veronika, was für ein schöner Name ist das! Die Fischertochter könnte leicht einen weniger hübschen haben, das würde nichts ausmachen. Es ist ohnehin fast zu viel, so prächtig dunkles Ringclhaar über der Stirn, so himmelfarbene Augen, solch eine Fülle und Glätte und Wohlgeratenheit Hinterm Mieder und unter den schwingenden Röcken und dazu noch dieser Name, der so zärtlich klingt, wie gesungen, ein Vogel könnte ihn erfunden haben.

Gleichviel, so heißt das Mädchen nun einmal. Und jetzt ist es Abend, die sachte Stunde um die Dämmerzeit, und die Luft sckon klar und die Erde noch sonnenwarm. Und Veronika tritt aus dem Hause mit einem Korb in der Hand.

In dem Korb liegt ein Fisch unter saftigen Ampferblättern und obenauf rin Stück süßen Brotes. Das alles wird sie nun der Jungfer Gertraud dringen, kein Mensch weiß es anders. Die Jungfer Gertraud hat zwar auch einen hübschen Namen, aber sie ist schon alt, es hilft nichts mehr. Unb darum leben sie auch nicht bei den andern Leuten im Dorf, sondern ihre Hütte steht einsam draußen hinter der Schafweide, und sonst wohnt dort niemand mehr. Nur noch der junge Jäger mit seinem Hund, aber schon weiter oben im Wald. Wer dächte an den?

Veronika geht am Wasser entlang durch das kühle Spätfommergras, |ie hat keine Eile, nein. Drüben steht der Vater in seinem Kahn und ordnet die Netze, und der Vater ist streng und argwöhnisch, er hat schon lang »ergeffen, wie es einst zuging, daß er eine Tochter bekam.

Aber ein wenig weiter unter den Bäumen verliert er sie aus den Augen, unter den Apfelbäumen am Ufer. Hier steht bas Wasser tief unb schwarz im Schatten bes Laubes, kaum von der Strömung bewegt. Und l>uch sonst ist alles still und schweigsam und läßt den Abend kommen, die Sträucher am Zaun und dgs Korn auf dem Feld und das ruhlose Schilf. Manchmal löst sich ein Apfel aus dem Gezweig und klatscht in das Wasser, eis sei er dem Baum im Schlaf entfallen, und bann erwacht der Baum unb rührt beschämt die Blätter ein wenig. Aus der Tiefe aber schießen ^schreckte Fische und gleiten ins Helle hinaus, ihre Leiber blitzen silbrig im Widerschein des Himmels.

Nach einer Weile kommt der Wind über die Lecker heran, der Feier- «benbroinb, gleich^ versucht er einen Spaß mit dem Mädchen. Er saßt ihre Röcke und blättert sie auseinander, einen rotgeblümten zuerst und einen weißgestärkten darunter, das ist ein frecher Wind. Niemand braucht zu wissen, daß Veronika so festliche Unterröcke trägt, wenn sie zur Jungfer Gertraud geht: niemand weiß es, auch der Vater nicht.

Veronika fängt ein bißchen zu trällern an, sie versucht ein paar Tanz­schritte auf dem schmalen Weg. Der Vater ist viel zu alt und zu mürrisch. Der begreift nun einmal nicht, wie es tut, wenn man so ganz mit dem Glück des Jungseins angefüllt ist, so mit lauter Erdenfreude, daß man gleich wie von Küssen schauert, wenn einem nur ein Halm die Wange streift. Lachen hilft nicht, man möchte viel lieber meinen, uhb Tränen finb doch auch wieber kein Trost. Ach, oft saß Veronika im Garten unb um­schlang ihre eigenen Knie und liebkoste sie, bloß um etwas Lebendiges an Me Brust zu drücken, sie hatte nichts Besseres. Im letzten Sommer war es noch fo, heuer schon nicht mehr, darum trällert sie ja und tanzt auf dem Weg. .

Nun aber muß sie wieder sittsam gehen, denn sie kommt an die Brücke. Dort steht ein Mann. Sie kennt ihn, es ist der Bauer, dem die vielen

Schafe auf der Weide gehören. Er lehnt auf dem Geländer, «mch all irttS mürrisch, und starrt in das Wasser hinein.

Guten Adendl" sagt Veronika.

Guten Abend, Mädchen!" sagt der Dauer.

Was tust du hier allein?" fragt sie und schaut auch in die Diese.Wa* suchst du da unten?"

Meine Tochter!" sagt der Bauer.

Rabenschwarz ist das Wasser und grabestief, und es weht kalt herauf Veronika sieht ihr eigenes Spiegelbild auf der glatten Flache, da erschrickt sie bis ins Herz hinein und flüchtet ans Ufer hinüber.

Drüben auf der Weide ist der Spuk bald wieder verflogen. Es duftet warm und würzig aus dem kurzen Gras, die Schafe drängen sich heran und schnuppern an dem Korb, und hinterdrein kommt bedächtig der Schäfer gegangen. Sein Mantel weht ihm um die Beine, dann und wann steigt eivi blaues Wölkchen Rauch aus (einer Pfeife.

Der Schäfer ist auch alt, aber nicht mürrisch. Darum fängt er ein Gespräch mit dem Mädchen an.Wohin des Abends, Veronika, wohin so spät?"

Zur Jungfer Gertraud", antwortet sie, und darüber kann nur ein Mensch zu kichern haben, der so dumm ist oder so listig wie ein Schüfen.

Er geleitet sie auf ihrem Weg und schwatzt über allerlei. Ja, wenn et nur jünger wäre! Das Herz hielte noch manches aus, aber die Beine, versteht sich, die Knochen sind morsch.

Höre einmal", fragt Veronika dazwischen,wie war es in deiner Jugend, hast du nie ein Mädchen gehabt?"

Eines nur?" sagt der Schäfer. Oho, ein Kerl wie er einer war, iit früheren Jahren I

Ach, schweig still!" Veronika will wissen, ob er niemals eine wirklich geliebt hat, unb sie ihn wieder, und so aus Leib und Seele, daß sie gleich gestorben wäre, wenn er sie verlassen hätte?

Ja", sagte der Schäfer ein wenig stiller,einmal war es fast so. Aber es wurde doch nichts daraus."

Unb warum?" fragt Veronika ängstlich.Starb sie denn wirklich? Muhte sie ins tiefe Wasser springen?"

Nein", sagte ber Schäfer wieder fröhlich,sie ist mir nur davon« gelaufen."

Und das läßt sich verstehen, wenn man den alten Burschen betrachtet, kahlköpfig und zahnlos wie er ist. Wer weiß, ob er in seiner besten Zeit um fo viel stattlicher war, daß man sich hätte viel um ihn grämen mögen- Du hast eine Nelke auf deinem Hut", sagte Veronika zum Abschied- Schenk mir die Nelke!"

Gern, wenn er sie selbst an ihr Mieder stecken darf.

Und nun zeigt es sich, daß der alte Schäfer noch sehr gut Bescheid weiß, wie die Mädchen ihre Mieder knöpfen, unb wo bort Platz für eine Blum« ist, unb seine Augen finb mit einemmal so voll Glanz und Feuer, daß Veronika wirklich ein wenig schwach in den Knien wird. Ein Glück, daß sich der Mann jetzt um seine Schafe kümmern muß, ehe sie ausbrechen, sie haben ein Loch im Zaun gesunden.Schönen Dank!" ruft ihm Veronika! nach. Und er winkt mit dem Hut zurück.Nichts zu danken, Mädchen« nichts zu danken! ..."

Es dämmert eben erst, aber die Jungfer Gertraud brennt schon Lichk in ihrer Kammer. Vielleicht sind ihre Augen schwach, vielleicht wird ihr auch manchmal bang, wenn sie fo allein in ihrem Lehnstuhl sitzen muß, es kommt nur noch selten Besuch zu ihr. Freilich, in diesem Sommer hat sie kaum zu klagen. Immer einmal in der Woche spricht Veronika bei der Patin zu und bringt ihr etwas zur Stärkung, einen Kuchen ober einen Fisch, wie biesmal. Sie bleibt bann auch gern ein Weilchen auf dein Schemel sitzen unb fragt nach allerlei.

Jungfer ©ertraub", fragt sie,warum hast du eigentlich keinen Man« genommen?"

Ja, warum? Zuerst mochte sie nicht, sie dachte, es hätte keine Eile. Unb als sie sich anbers besann, fanb sie keinen rechten mehr, da war eS versäumt. Ach, versäumt? Dabei fällt Veronika ein, daß sie noch ein paar Pilze oben im Walde suchen könnte, die würden gut zu dem FischgeriM schmecken. Aber der Vater dürste es nicht wissen, ber dächte immer gleich an etwas Arges.

Geh nur zu den Pilzen", sagte die alte Gertraud,jetzt ist noch die Zekk dafür. Aber nimm nicht alle auf einmal", sagt sie,damit im andern Jahr auch noch welche wachsen."

Indessen ist es dunkel geworden, viel zu dunkel unter den Baumen int Wald. Pilze kann man nicht mehr finden. Veronika verhält ein wenig auf dem Wege und schaut in das Tal zurück. Weit hinten liegt das Dorf mit feinen ärmlichen Lichtern, aus dem Fluh steigt schon ber Nebel unb wallt gespensterbleich über die Felder heran. Das Mädchen denkt an den Vater, daß er wohl noch vor der Tür sitzt und auf die Tochter wartet. Vielleicht ist er im Grunde gar nicht so mürrisch, sondern er meint es gut, wenn er zuweilen seltsame Reden führt und sagt, wir stünden alle den Fische« gleich vor dunklen Netzen und spürten die Maschen und verfingen uns ^0C2tn°ben Bauern auf der Brücke denkt Veronika, an die Gespielin, die ihre Schande im tiefen Wasser ertränken mußte. Und an den Schäfer auch, dem so viele Mädchen zuliefen, nur das eine nicht, das er am liebsten mochte, das lief ihm davon. Und endlich an die alte Gertraud, die fo weife lächeln und so klug raten kann und doch allein in der Kammer sitzen muß. Ach. das alles ist sehr unheimlich und drohend und verworren. Viel­leicht sollte Veronika jetzt lieber umkehren und nicht mehr tiefer in bett Wald hineingehen.

Aber das Mädchen fragt zuletzt auch fein eigenes Herz, und das Herz klopft wild und jubelt laut auf, weil es doch noch gefragt wird Cs rat beffer als das dürre Alter, es weiß nichts von Kummer unb Tränen, unb sogar der Tod, sagt das Herz, der Tod ist nur ein Trug.

Da wendet sich die Zögernde dem Walde zu, ein wenig spater steht sie vor einer Tür und klopft. Schnell wird die Tür aufgetan, ja, und was geschieht dann, was weiter?

Ach, nichts weiter, ihr neugierigen Mädchen! Ihr wißt es alle!