Irgendein billiges Linien-Infanterie-Regiment eingetreten, aber die Wall- nitze haben alle bei der Garde gedient und fein Vater und fein Großvater auch schon bei den Garde-Füsilieren. Da schränkt man sich lieber ein und wahrt die Ueberlieserung. .«.«»»«. t s.
Zehn Mark hat ihm Berklow, zehn Mark hat ihm Renkhausen und fünf Mark Erich Heidenberg gegeben; sie haben ja alle nicht viel und sind immer knapp. Heidenberg hat geschimpft: „Was willst du denn in Waldhausen bei Czehs Begräbnis, was geht uns das an? Du kennst da ja keinen Menschen. Lauter schlesische Magnaten und die ganze Garde- Kavallerie werden da sein. Dazu die Breslauer Kürassiere und et< paar Dragoner aus Lüben und ein paar Husaren aus Ohlau. Laß die hochgestochene Bande doch unter sich."
Auch Urlaub zu bekommen war nicht leicht. Das Regiment ist aus dem Truppenübungsplatz in Döberitz, und das alljährliche Kaiserexerzieren der Brigade am 29. Mai steht dicht bevor; da wird jeder Leutnant gebraucht, damit nachher alles klappt. Wie die anderen hat auch der Regl- mentsadjutant gefragt: „Was wollen Cie denn in Waldhaufen, Wallmtz? — „Ich habe im Czehfchen Hause verkehrt." — „Sie sollten dies blödsinnige Laufen auf alle Rennen lieber lassen. Wir sind Infanteristen. Die Rennen kosten nur Geld, und bei der Wetterei kommen zum Schluß nur Schulden heraus." — „Ich wette nicht." — „3d) weiß, Wallnitz, Sie sind vernünftig; aber trotzdem..."
Der Kommandeur hat dann den Urlaub bewilligt, er sieht gern, wenn seine Offiziere sich zeigen, und er weih, daß Wallnitz überall eine gute Figur macht, trotz feiner Jugend.
Der Zug rattert durch die Nacht, jeder Schienenstoß klappt, jede Weiche klingt. Der Mann, der Bernd Wallnitz gegenübersitzt, schlaft fest; auch der neben ihm schnarcht. Es ist unerträglich heiß im Abteil, und die Luft ist verbraucht und schal. Wallnitz kann nicht schlafen, seine Gedanken sind zu wach. Er starrt aus dem Fenster in die Finsternis; nur selten flammt draußen ein Licht aus, wenn etwa ein Bahnwärterhaus voruber- hujcht oder eine kleine Station. Bernd sehnt das Morgengrauen herbei, er haßt Dunkelheiten, er liebt Licht, Helle; es kann nicht mehr lange währen, Mainächte sind kurz. «
Sie verstehen beim Regiment alle feine Fahrt nicht, er weih es; aber er kann ihnen die Gründe doch nicht erklären, er kann ihnen doch nicht agen, dah er diese Irene Gräfin Czeh liebt, daß er sie liebt wie ein chöues Bild, wie etwas Unnahbares. Er kann ihnen nicht sagen, dah er m letzten Winter alle Empfänge in den Ministerien, in den Gesandt- chasten, auf den Botschaften nur deshalb besuchte, weil er hoffte, sie »ort zu treffen, daß er aus allen Rennen nur war, weil er wußte, daß er ie darf sah. Sie ist wohl zehn Jahre älter als er. Er fragt nicht danach und denkt nicht daran. Er liebt sie, und er ist einundzwanzig.
Es war fo: Auf einem Hofball stand er int Weißen Saal während eines Walzers im Kreis der Wartenden und stand, weil es der Zufall wollte, neben Irene Czeh. Da leerte sich für einige Augenblicke die Tanzfläche. Der Kaiser mag das nicht. Der Vortänzer eilte die Reihen entlang und flüsterte den Herren zu: „Tanzen!" Es gab kein Zögern: Bernd verbeugte sich vor der Gräfin Czeh und tanzte mit ihr, die er nicht kannte, die ihn nicht kannte. Sie ist schön, dachte er. Als die Musik abbrach, schritten sie durch den Saal, durch die Reihen der festlichen Menschen; Bernd war befangen. „Verzeihung!" sagte er, „aber ich mußte tanzens — „Ich weiß. Warum sollen Sie nicht mit mir tanzen? Cs freute mich. Bis zur Weißen-Saal-Galerie gingen sie und in ihr gedämpftes Licht hinein. Irene sprach mit ihm: erst vom Ball, dann von seinem Dienst und dann plötzlich von ganz anderen Dingen: von einem Buch, von einem Gedicht. Erst als der Auftakt zum Menuett erklang und sie sich trennen muhten, fragte sie mit einem Lächeln: „Wie heihen Sie eigentlich?" — „Bernd Wallnitz." — Sie reichte ihm die Hand. „Ich bin Gräfin Czeh."
Draußen steigt ein fahler Morgen hoch. Und dann ist ßiegnig da. Er muß umsteigen.
Im Wartesaal trinkt er eine Tasse Kaffee und läßt sich Brötchen und Butter dazu reichen. Er ist jung, kräftig und gesund, da kann ihm eine Nacht ohne Schlaf nicht viel anhaben. Der Kaffee frischt auf, der Rest der Müdigkeit ist verflogen. Er nimmt fein Köfferchen, seine Helmschachtel und seinen Säbel auf, um in Ruhe zum Freiburger Zug zu gehen, er ist kein Freund von Eile, aber ein Freund von Pünktlichkeit, sie ist ihm Fleisch und Blut geworden in der Zucht des Kadettenkorps, wo sich jeder Tag nach der Uhr mit Klingelzeichen und Trommelruf regelte. Aber als er auf den Bahnsteig kommt, beschleunigt er doch seinen Schritt und drückt sich schnell in ein Abteil dritter Klasse; sie brauchen ihn nicht zu sehen, die wohlhabenden Herren von der Kavallerie, die sich vor dem einzigen Wagen zweiter und erster Klasse, den der Zug mitsührt, versammeln. Er schämt sich für Augenblicke seiner Armut und denkt an Heidenbergs Worte: „Laß die hochgestochene Bande doch unter sich." Er denkt auch an die Witzereißer und Karikaturenzeichner im „Simplizissi- mus" und in der „Jugend", die sich über die Leutnants luftig machen und alles, was mit dem Offtziersstand zusammenhängt, mit Schmutz bewerfen. Die da draußen geben vielleicht manchmal Anlaß für solche Sudeleien, obwohl auch sie ihren Dienst verdammt genau nehmen müssen. Aber diese Herren, die so gern des Kaisers Rock und seine Träger beschimpfen, sollten sich einmal seine Leutnantsbude in der Kaserne ansehen mit dem Kammihbett und dem Ledersosa aus den Beständen des königlichen Utensils, mit dem alten verzogenen Schrank, dem Axminsterteppich und den zwei Korbstühlen, die Mutter aus Dapper dazu gestiftet hat, damit es etwas behaglicher würde, sie sollten einmal in sein Portemonnaie sehen, in dem immer Ebbe ist, sie sollten einmal versuchen, mit ein- hundertsünfzig Mark im Monat dieses Leutnantsdasein zu bestreiten, sie würden dann wohl anders denken lernen. „Je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, desto mehr muß der Offizier bemüht fein...", heißt es in der Allerhöchsten Kabinettsorder, die sie auf der Kriegsschule auswendig lernen mußten und die ihnen in jeder Ofsiziersverjammlung immer von neuem vom Regimentskommandeur vorgehalten wird. Von Luxus und Wohlleben aus eigener Tasche hat er bisher wenig verspürt. Luxus und Wohlleben jibt es draußen, außerhalb der Kafeme, da, wo man
gesellschaftlich dann und wann verkehrt, in den Gesandtschaften, im Berliner Westen, in den Häusern der Industrie. Aber das liegt doch nur an der Grenze seines Alltages, und es fällt ihm meist bitter schwer, die fünfzig Pfennig, die er nach den Bällen oder nach dem Essen dem Diener als Trinkgeld in die Hand drücken muß, loszueisen, ihm und seinen Kameraden. Sie laufen dann nach den Gesellschaften, um die Groschen wieder einzusparen, zu Fuß in die Kaserne zurück, anderthalb Stunden durch die Nacht vom Kurfürstendamm bis in den Norden, bis in die Chausseestraße; dort liegen die drei langen grauen Häuserblocks, in denen ihr Regiment untergebracht ist. Um drei Uhr kommen sie endlich dort an, und um sieben Uhr stehen sie vor ihren Rekruten und halten Jnstruktwus- stunde ab über die Kriegsartikel und über die Pflichten der Soldaten. Hat sich was mit Luxus und Wohlleben! Die Wut könnte man manchmal kriegen, wenn man nicht den Stolz auf seinen Rock und sein Regiment in den Knochen hätte und wenn man das alles nicht so unbändig liebte.
Der Zug rollt durch Schlesien. Es ist ein fettes Land. Friedrich der Große wußte, warum er drei Kriege um diese Provinz führte. Ruben- boden, Weizenboden. Feldbahngeleise liegen quer durch die Aecker, weil die Gespanne die schwerbelasteten Wagen sonst nicht durch die lehmige Krume ziehen könnten. Hier verdient der Großgrundbesitz. Fast neben jedem Gutshof ragen Schlote in den Himmel: Zuckerfabriken, Brennereien. Die Landwirtschaft ist hier schon Industrie geworden. Zu Haufe in der Neumark sieht es anders aus: Sand; da muß der Gutsbesitzer zusehen, wie er mit seinem Roggen und seinen Kartoffeln zurechtkommt, und wenn der Sommer ohne Regen ist, gehen die auch zum Teufel. Die Söhne von den Gütern hier stehen bei der Kavallerie, dje Söhne von den Gütern dort bei der Infanterie. Man muh über solche Dinge nicht Nachdenken: Heimat ist Heimat. Die Kiefern in Dapper sind die schönsten int ganzen Preußen. Wo man hingestellt worden ist, da steht man und da fällt män auch, wenn es sein muß.
Freiburg, das kleine Nest, ist voll von Uniformen. Helme mit dein Preußenadler, wohin man sieht. Halb Schlesien scheint sich zu Alexander Czehs Besetzung versammelt zu haben, und jeder Reserveoffizier hat sich natürlich feinen bunten Rock angezogen und feinen Säbel umge« schnallt. Reserveoffizier aber ist jeder, der hier auf dem Lande sitzt.
Das kleine Hotel liegt dem Bahnhof gegenüber. Bernd Wallnitz verhandelt mit dem Oberkellner. Es ist kein Zimmer frei, alles ist besetzt bis unter das Dach. „Ich muß mich aber umziehen, irgendeinen Raum werden Sie doch haben." — „Bedaure sehr, Herr Leutnant." Da kommt ein General die Treppe herunter und fragt: „Was gibt’s?" Der Oberkellner erstattet Bericht, ehe Wallnitz selbst antworten kann. Der General zieht die Uhr. „Wir haben noch eine Stunde Zeit." Er blickt Wallnitz an, blickt auf Degenfutteral und Helmschachtel. „Kommen Sie mit zu mir herauf, da ist Platz genug. Haben Sie schon gefrühstückt?" — „Zu Befehl, Herr General, auf dem Bahnhof in Liegnitz." — „Wird lange genug dauern, die Sache in Waldhausen. Kellner, zweimal Kaffee und Schinken mit Spiegeleiern auf mein Zimmer."
Plötzlich ist auch der Hausdiener da, nimmt Bernds Koffer und trägt ihn den Flur entlang der Treppe zu.
Oben sagt der General: „Genieren Sie sich nicht, fangen Sie ruhig an.“ Er zeigt auf den Waschtisch. „Sie können sich auch waschen und rasieren, es steht alles zu Ihrer Verfügung."
Wallmtz schließt feinen Koffer auf. Der General steht am Fenster und beobachtet ihn. „Selbst gepackt", fragt er, „oder vom Burschen packen lassen?" „Selbst gepackt, Herr General." — Wallnitz nimmt den Waffenrock heraus, die Stickereien an Kragen und Ausschlägen sind sorglich in Seidenpapier gehüllt; er entfernt es, knöpft die Epauletten ein. Eine neue Frage kommt: „Maikäfer?" — „Zu Befehl, Herr General.“ — „Und Sie heißen?" — „Wallnitz, Herr General." — „Aus Dapper?" —> „Jawohl, Herr General."
Eine Weile ist es still. Bernd beeilt sich mit dem Umkleiden. Als er zum Waschtisch gehen will, zögert er doch einen Augenblick, aber der General ermuntert ihn: „Los, los, keine falsche Scham. In solchen Lagen muß einer dem anderen helfen." Und dann, während Wallnitz sich rasiert: „Sie wissen nicht, wer ich bin?" Es ist Wallnitz unangenehm, scheußlich unangenehm, aber er muß eingestehen: „Nein, Herr General." — „Ich bin der General von Lassow." Nun ist Wallnitz im Bilde: General von Lassow, Kommandeur der ersten Garde-Kavallerie-Brigade, die sich aus dem Regiment Gardesdukorps und dem Garde-Kürassier-Regiment zusammensetzt, Preußens vornehmster Reiterbrigade. „Wie lange sind Sie schon Offizier?" — „Zwei Jahre, Herr General." — „Ich will Ihnen einen Rat geben. Wenn Sie Karriere in der Garde machen wollen, müssen Sie jeden General, mindestens vom Aussehen her, kennen; besser noch jeden Stabsoffizier. Personalkenntnis nutzt immer."
Der Kaffee und die Spiegeleier werden gebracht. Der Kellner nimmt die befranste Plüschdecke von dem ovalen Disch, der in der Nähe des Fensters steht, deckt ein weißes Leinentuch auf, stellt Tassen und Teller aus die. Platte und rückt zwei unmögliche Polstersessel zurecht, die ein Schmuck des Zimmers sein sollen. Dann verschwindet er.
Wallnitz ist fertig. Der General setzt sich, steht wieder auf. „Bringen Sie mir mal einen vernünftigen Stuhl — da norm Bett steht einer — auf diesem Monstrum kann kein anständiger Soldat sitzen." Wallnitz tut, wie besohlen. „Dante. Und nun los, gefuttert. Sie werden' Hunger haben." Es ist etwas Väterliches in diesem Satz. Wallnitz greift zu, auch der General ißt. Vier Spiegeleier sind da, er nimmt aber nur eins und schiebt Bernd drei hin. „Wie geht's Ihrem Vater? Er war ja auch Garde-Füsilier. Ich stand damals bei den Garde-Husaren. Wir kennen uns. Ich habe auch mal in Dapper im Quartier gelegen." Bernd blüht auf, der hohe Herr kennt Dapper, kennt die Heimat. Plötzlich ist eine Verbundenheit da, und sie wird noch stärker, als der General sagt: „Ihre Frau Mutter ..." und erzählt, wie gut sie damals für die Ma- nöoereinquartierung gesorgt hätte. „Ihre Frau Mutter ist doch eine Kracht?" — „Jawohl, Herr General, eine Kracht aus Romsen.“
(Fortsetzung folgt.) ,


