Ausgabe 
18.2.1938
 
Einzelbild herunterladen

GiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1938 Freitag, -en l8.Februar Nummer U

HeylmLchllü

Äoman von Hans^aspar von Zobeltih

dopyrigljt by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

- I.

Am letzten Sonntag des Mai 1903 stürzt im Hoppegartener Tribünen­sprung in derArmee" der Rittmeister im Garde-Kürassier-Regiment Alexander Graf Czeh-Waldhausen. Er führte auf seinem Hengst Grenadier vom Blackwater aus der Granada bis zu diesem Sprung in sehr scharfer Fahrt das starke Feld, in dem die Reiter die Uniformen der Offiziere der deutschen Kavallerie trugen, die bunten Attilas der Husaren, die dunkel­blauen Ulankas, die hellblauen Dragonerröcke; man schrieb dem Pferd des Grafen Czeh Siegesaussichten zu, die Eventualquote am Totalisator wird nach dem Rennen mit 22:10 errechnet.

Der Tribünensprung ist nicht schwer, er besteht aus quer über das Geläuf gestellten niedrigen Hürden; aber die Fahrt war wohl zu stark. Grenadier stößt mit der Vorderhand an, die Beine verheddern sich. Die Zuschauer sehen noch, wie Czeh sich bemüht, den Braunen ausrechtzuhalten, indem er die Trense scharf herannimmt, aber es ist zu spät. Das Unglück ist da: Pferd und Reiter Überschlagen sich, wälzen sich auf dem Boden, lieber sie hinweg braust das Feld; Grenadier ist schnell wieder hoch und jagt ihm mit leerem Sattel nach.

Das alles geschieht im Bruchteil von Sekunden.

Ein Schrei fliegt über die Tribünen, bann wird es still. Alle Augen verlassen das weiterstürmende Feld und heften sich auf die Hürden, deren mittelster Satz umgeworfen ist. Vor ihm liegt Czeh auf dem^Gesicht, be­wegungslos. Man begreift nicht: wie konnte dies dem Grafen Czeh zu- ftoßen, einem der erprobtesten Herrenreiter der Armee? Einige Zuschauer des ersten Platzes springen über die Barriere, fassen zu und drehen den Körper des Gestürzten um. Die Arme hängen schlaff, der Kopf fällt nach vorn.Das sieht böse aus", sagt jemand. Dann ist plötzlich der Rus da: Bachmayr sührtl" Viele Gläser heben sich, suchen das Feld, finden es; wirklich: vorn leuchtet eine rote Hufarenjacke.

Die meisten sehen nicht mehr, wie Graf Czeh vorsichtig auf eine Tragbahre gebettet wirb, die zwei Männer vom Roten Kreuz mit gleich­mäßig wiegenden Schritten an der äußeren Seite des Geläufs davon- tragen. Als sie mit ihrer fchweren Last durch die Zuschauerreihen muffen, bildet sich eine Gaffe, die Männer ziehen die Hüte. Im Gesicht des Grafen ist kein Blutstropfen, die Augen sind geschloffen.

Irene Czeh ist aufgesprungen, als ihr Mann stürzte. Sie teilt ihre Loge -mit Lore Falkenhausen, deren Mann auch im Rennen ist, und mit dem Prinzen und der Prinzefsin Liebenstein. Sie schwankt, ihre Hände umkrampfen die Brüstung, sie wendet den Kopf ab, sie will nicht Hin­sehen, sie kennt das: Stürze im Rennen; sie hat es schon oft erlebt, in Karlshorst, in Baden-Baden, in Hamburgern Köln, in Harzburg, überall, wo Pferde zwischen den Flaggen laufen. Sie weiß, es geht meist glimpf­lich ab. Aber diesmal: sie spürt einen Stich im Herzen. Sie zwingt ihren Blick zurück: da liegt Alexander, ein dunkler, stiller Fleck auf dem grünen Rasen. , ' >.

Der Prinz stützt sie.

Lore Falkenhausen sagt:Sieh fort, Irene."

Dann aber ist eine andere Stimme neben ihr, eine Stimme, die sie kaum kennt, die nicht in diese Loge gehört.Kalmen Sie, Gräfin." Eine Hand faßt ihren Arm, sie fühlt sich geführt und folgt dieser Füh­rung; sie steigt die vier ßogenftufen hinauf, schreitet, fast ohne zu wissen, daß sie es tut, den Gang zwischen den Sitzen der Zuschauer entlang, geht langsam eine Treppe hinab. Man macht Platz, man kennt hier die Gräfin Czeh, die Frau des Herrenreiters, die Frau des eben Gestürzten.

In Irenes Ohren ist ein Brausen, sie hört durch dies Brausen hin­durch den Ruf:Bachmayr führt!" Und wirklich ist der Gedanke da: Bachmayr auf Lübeck. Ihr ist ja jedes Pferd und jeder Reiter im Feld bekannt, und gestern abend hat Alexander noch gesagt:Lübeck hat auch eine Chance". Das klingt jetzt in ihr nach.

Der Platz hinter den Tribünen ist leer. Nur die Totalisatorbeamten sind aus ihren Ständen getreten, um ein paar Züge zu rauchen, und vor dem Aufgang zur Tribüne des Unionklubs stehen die beiden alten Klub­diener; sie nehmen die Mützen ab. Man weiß auch hier schon, was ge­schehen ist.

Irene ist noch immer wie im Traum.

Der Mann neben ihr führt sie weiter durch die helle Maisonne, vorbei an den Blumenbeeten, den sorglich gepflegten Rasenflächen, die Hoppe­gartens Stolz sind.

Wohin?" fragt Irene.

Zur Waage."

Zur Waage, denkt sie, richtig, dahin werden die Gestürzten immer ge­bracht. Sie weiß jetzt auch, wer der Mann ist, der sie leitet. Er trägt den blauen Ueberrock der Infanterie mit silbernen Knöpfen und gelben Unterlagen unter den Leutnantsachselftücken; er ist der junge Wallnitz von den Garde-Füsilieren, von denMaikäfern", wie die Berliner sagen, das blutjunge Kerlchen. Sie wundert sich selbst, daß der Name ihr einfällt.

Dann kniet sie neben der Bahre, auf der Alexander liegt.

Der leichte seidene Koller, den er immer in den Rennen trägt, ist geöffnet und das Hemd auseinandergezogen. Die Aerzte sind zur Stelle, aber sie haben noch kein Wort zu Irene gesprochen. Sie sieht sie an, einen nach dem anderen, sie weichen ihrem Blick aus. Da weiß sie, wie es steht, ganz klar weiß sie es, glasklar. Es würgt ihr im Hals, sie möchte so gern schreien ober auch nur meinen, aber sie kann es nicht. Sie möchte in eine tiefe Ohnmacht versinken, aber ihr Geist bleibt wach. Sie hört den Lärm, der gedämpft in den Raum bringt, Stimmen vieler Menschen, das Wiehern eines Pferdes, Rufe und ganz von fern das Klappern der Tatalifatarmaschinen, die die Wetten für das nächste Rennen anzeichnen. Das Leben da draußen geht weiter. Und hier liegt stumm und ohne Bewegung der Mann, der ihr Mann ist oder war. Sie wagt nicht zu fragen:,Lebt er noch?

Sie kniet. Endlich bringt sie den Mui auf, ihre Hand auf feine Hand zu legen, die fchlaff neben feinem Körper ruht. Sie fühlt menschliche Wärme. Etwas flockt in ihr auf, jedoch sie weiß nicht, ob es ein Hoffen ist. Zu Haufe in der Wohnung in der Großbeerenftraße spielen jetzt Lkxe und Günter Rennen, sie spielen es immer, wenn die Eltern nach Hoppe- garten ober Karlshorst gefahren finb. Lexe ist neun unb Günter sechs Jahre alt; sie kennen bie Namen vieler Pferbe, ben Dreß vieler Ställe und die Uniformen aller Regimenter der deutschen Kavallerie, sie sind Reiter- und Solbatentinber, ganz wie Alexanber es gewollt hat. Sie finb jung unb wissen nicht, wie ihre Umwelt eigentlich aussieht, sie können noch nicht durch den Schleier von Form, Erziehung unb Höflich­keit hjndurchsehen. Die englische Erzieherin sitzt bei ihnen und verbessert bann unb wann ein Wort in ihrem Geplapper, denn sie sprechen englisch. Auch das ist Alexanders Wunsch. Wenn Alexandrine ihr zwölftes Jahr vollendet Hot, soll eine Französin ins Haus kommen, damit sie in beiden Sprachen sicher ist, wenn sie mit siebzehn zu Hofe gehen wird.

Es soll alles bleiben, wie er es gewollt, denkt Irene. Sie schauert, die klaren Gedanken schmerzen. Wenn ich doch meinen könnte, er ist doch mein Mann, ist der Vater meiner Kinder.

Die Hand unter ihrer Hand rührt sich. Sie schrickt auf, mirft den Kops zurück und starrt die Aerzte an.

Da ist auch schon einer an der Bahre, richtet ben Körper auf, der sich strecken mill.

Ganz groß finb Alexanders Augen geöffnet. Irene sieht in sie hinein, braune Augen finb es mit hellen Tupfen um bie Iris. Ein Erkennen scheint in ihnen zu sein.

Die Sippen mollen sich bemegen, reellen Laute formen. Irene glaubt zu verstehen:Günter."

Der Kopf finkt nach vorn. Irene muß sich zur Seite beugen, bamit er sie nicht trifft. Da bricht sie zusammen, fällt über ben Leib Alexanber Czehs, ber auf bie Bahre zurückgleitet.

Exitus", fagt einer der Aerzte leise. *

Der Leutnant Bernd van, Wallnitz sitzt in einem Abteil dritter Klasse des Nachtzuges nach Breslau; er trägt Zivil, lieber ihm im Gepäcknetz liegt fein Kaffer mit den Uniformfachen, liegen fein Säbel in der Leder- Hülle und fein Helm in ber hohen schwarzen Schachtel. Er roirb am frühen Margen in Liegnitz fein unb gleich nach bem schlesischen Freiburg weiterfahren. In Freiburg wirb er sich im Hotel umtleiben. Von dort werben die Trauergäste mit Wagen nach Waldhausen abgeholt. In ber Anzeige hat es so gestanden, der Anzeige mit dem breiten schwarzen Rand, die er erhalten hat; der Umschlag trug seine Adresse, geschrieben von der Hand ber Gräfin Irene Czeh; er kennt ihre Schrift, sie hat ihn einmal eingelaben zu einem kleinen Essen in ihrem Hause, aber er hat absagen müssen, denn für seine Rekruten war eine Nachtübung angesetzt.

Er hat sich das Geld zu dieser Reise zusammenborgen müssen, das Monatsende steht dicht bevor, und er ist ein armer Kerl; fein Vater hat ein kleines Gut in der Neumark, Dapper heißt es, und feit fünfhundert Jahren quälen sich die Wallnitze mit feinem fliegenden Sand und feinen ..Kiefern; es wirft kaum etwas ab, unb bie Zulage, bie ber Vater ihm geben kann, ist daher noch kleiner als das Gehalt, das er vom Staat bekommt. Es wäre vielleicht richtiger gewesen, er wäre, nachdem er sein Abiturium in der Lichterfelder Hauptkadettenanftalt gemacht hatte, in