Oer Huf.
Don Hedwig For st reute r.
Eine Stimme aus den Bergen rief, Jubelfroh und hell. Die Tannen lauschten, Und die Quelle hielt ihr Läuten an, Da der Stimme Hall von weither tönte — „Vater!" rief sie, Wort, das alles einschließt An Geborgenheit und reiner Liebe.
Klang so machtvoll, jung und freudenstark, Daß mir war, als hebe fern ein Beter Voller Andacht die beglänzte Stirn, Dank zu sagen für die Wucht der Berge, Für der unermessnen Weite Licht Aller Schönheit Herrn, dem Himmelsvater.
Friedrich Nietzsche und Lou Salome.
Von Dr. E r n st W a ch l e r.
Vorbemerkung: Nachdem in absehbarer Zeit die Veröffentlichung der Briefe Fr. Nietzsches an Lou Salome und Paul Ree durch K. Schlechta vom Nietzsche-Archiv in Weimar und den Nachlaßverwalter der 1937 in Göttingen verstorbenen Frau Andreas-Salome zu erwarten ist, wird eine knappe Darstellung der Beziehungen des 38jährigen Philosophen zu dem jungen 20jährigen Mädchen willkommen sein.
Im April 1882 kam Fr. Nietzsche, nachdem er Genua verlassen, von Messina über Neapel nach Rom, wo er bei Malvida von Meysenbug in der Via della Poloeriera vorsprach. Als er den ihm und Malvida befreundeten Dr. Paul Ree (der sechs Jahre jünger als er war) in der Peterskirche aufsuchte, wo er, des gedämpften Lichtes wegen, in einer Seitenkapelle an einem Buche voll psychologischer Beobachtungen täglich arbeitete, traf er Lou (abgekürzt von Louise) Salomä, die zarter Gesundheit wegen ihre philosophischen und kunstwissenschaftlichen Studien in Zürich unterbrochen, um die rauhere Jahreszeit im Süden zu verbringen, mit ihrer Mutter, einer russischen Generalswitwe, zu den Gästen des Salons Malvidas gehörte und rasch mit dem gescheiten Arzte Freundschaft geschlossen hatte. — Nietzsche wurde ihr vorgestellt; seine ersten Worte waren: „Von welchen Sternen wurden wir einander zugeführt?"
Der Plan Sous, gemeinsam, drei-einig, an einer guten Universität — Wien oder besser Paris — naturwissenschaftliche Vorlesungen über Physik, Zoologie usw. vom Herbst ab zu hören, ward von Nietzsche mit Enthusiasmus ausgenommen. Hatte doch die Idealistin Malvida schon vor Jahren in Sorrent, als Nietzsche mit Ree und Albert Brenner bei ihr in der Villa Rubinacci weilten, ein „Kloster für freie Geister" gründen wollen — ihr Lieblingstraum: die Vereinigung gleichgesinnter Menschen in entzückender Natur, mit völliger persönlicher Freiheit für jeden, aber mit der Möglichkeit• geistigen Austausches in edelster Gemeinschaft; ein verlassenes Kapuzinerkloster war ins Auge gefaßt; aber die Absicht, den Orden durch ein Fremdenheim zu ermöglichen, scheiterten an materiellen Bedingungen. War nicht ein kleiner Zirkel möglich? Ja, Nietzsche scheute vor einem übereilten Heiratsantrag an Lou nicht zurück, den Ree überbrachte — der aber von der bestürzten Lou sogleich abge- lchnt wurde: eine Ehe oder Liebesgeschichte käme für sie nicht in Frage, hatte sie R<le selbst erklärt; zumal eine aussichtslose Neigung zu ihrem früheren Petersburger Lehrer, dem verheirateten Hendrik Gillot, Pre- diger an der holländischen Gesandtschaft, hinter ihr lag, - Auch Ree konnte sich Nietzsche als Ehemann nicht vorstellen. Schonend legte er dem Freunde dar: Laus Familie sei nicht begütert, eine Heirat daher ausgeschlossen.
Nach der Abreise von Rom traf sich die kleine Gesellschaft — Frau Salome mit Tochter, Ree und Nietzsche — wieder in Mailand und hernach in dem Bergstädtchen Orta. Hier gab Nietzsche die Handschrift der „Fröhlichen Wissenschaft" an Ree; und dessen Vorlesung daraus machte aus Lou tiefen Eindruck. Es kam zu längeren Gesprächen mit Nietzsche. Während Ree mit der älteren Dame am Seeufer zurückblieb, verbanden sich Nietzsche und Lou zu Ausflügen. Eines Nachmittags bestiegen sie den Monte sacro, um die Alpenrundsicht und den Sonnenuntergang hinter dem Schneegipfel des Monte Rosa zu genießen. In dieser Stunde ?geriet Lou in den Bann der zauberischen Persönlichkeit des Denkers: cm* Worte schienen visionär — die leise Stimme von glühender Leidenschaft durchzittert. Welche Qual des Schmerzes um die verlorene Gottheit! Dies Thema rief Erinnerungen ihrer Kindheit herauf: das Höchste — so vielen Halt und Hoffnung — war ihr entschwunden. Die Gemeinsamkeit des Leidens verband sie: hatten sie nicht gleich gelebt — gleich gedacht? — Nietzsche war tief bewegt; dankbar über das Glück ihrer Zusammengehörigkeit; das Mädchen aber erkannte in ihm, dem Freigeist, den Heroismus — das religiöse Genie, Täuschte sich aber Nietzsche in dem-Glauben, dies Herz gehöre ihm — er brauche es bloß zu ergreifen, so täuschte sich Lou darin, daß sie das geistige Band für unerschütterlich hielt ...
Die Damen Salome reisten mit Ree nach der Schweiz weiter. Als Nietzsche am 13. Mai aus Basel in Luzern eintraf, wo ihn Ree und Lou am Bahnhof empfingen, erfuhr er durch dell Freund und hernach durch Lou selbst ihre Ablehnung: er war betrübt, aber nicht gekränkt, weil dadurch die letzte Möglichkeit, an die er gedacht — eine wilde Ehe mit Lou —, ausschied. Die Eintracht und wiedergewonnene Heiterkeit wurde durch ein Scherzbild des Photographen Jules Bonnet festgehalten, das, nach Nietzsches Einsall, die beiden ungleichen philosophischen Freier vor einen Karren gespannt zeigt, in dem Lou kniet und eine blumengeschmückte Peitsche schwingt ... Nietzsche gab ihr sein Frühwerk
„Schopenhauer als Erzieher" zu lesen. Er wanderte mit ihr nach Trieb- schen, erzählte von den glücklichen Tagen seines Bundes mit Richard und Cosima Wager — ein Jahrzehnt war verflossen; im Gedenken daran konnte er sich der Tränen nicht enthalten. Da Ree seine Patronatskarte für Bayreuth überlassen hatte, wollte Nietzsche sie sogar dorthin begleiten. Inzwischen überredete er sie für einige Sommerwochen zu einem Aufenthalt in dem idyllischen Tautenburg bei Dornburg. Seine Schwester Elisabeth, die mit ihrer Mutter, der Pfarrerswitwe, in Naumburg wohnte, sandte an Lou eine besondere Aussorderung; Rees Mutter, in deren Obhut das junge Mädchen seit der Rückreise Frau Salomes nach Petersburg war, gab ihre Zustimmung. Elisabeth und Lou trafen sich in Bayreuth und tauschten bald das schwesterliche Du.
Allein der Aufenthalt in Tautenburg brachte — trotz der gemeinsamen Arbeit, des traulichen Beisammenseins, der beglückenden Spaziergänge und Rasten in der Waldeinsamkeit, Spannungen, Mißverständnisse und schließlich eine Krisis. Nietzsche sah in Lou die Geistesgefährtin — einen Glücksfund —, feine künftige Jüngerin; er erkannte ihre „tapfre und ahnungsreiche Seele", ihre „herrliche Offenheit"; er suchte ihr Herz; stets spricht er zärtlich von der „lieben Lou" — er rühmt „Öen Glanz und die Anmut dieser heroischen Seele"; eine goldne Möglichkeit am Horizont seines ganzen künftigen Lebens stieg mit ihr auf: einen Waldsteg htnschlendernd, sagte er ihr leise: „Monte sacro — den entzückendsten Traum meines Lebens — danke ich Ihnen!" ... Lou hingegen sah in ihm den Lehrer und Wegweiser. Die höchsten Probleme bewegten beide; aber die Wirklichkeit ließ sie über eingebildete Hindernisse stolpern. An Ree schickte Lou aus Tautenburg Tagebuchberichte. Indes Nietzsche ihr fein positivstes, Voltaire gewidmetes Buch „Menschliches — Allzumenschliches" gab, weihte er sie — der bereits in die Periode des Zarathustra eingetreten war, in feine Geheimlehren ein. Der Moralkritiker fesselte sie; den Mystiker und Propheten verstand sie nicht; der Skeptiker, der ihr den älteren Freund — Ree — allzu scharf zergliederte, befremdete sie. Nietzsche suchte die Adeptin, Lou ihre geistige Freiheit. Seine Maßlosigkeit steigerte sie — wie vordem Richard Wagner — zum Ideal, zu einem „höheren Wesen". Die Folge war, daß er — anders als ETA. Hoffmann durch das „Engelsbild" Julia Marcs in dem Leben des Künstlers — durch ihr kühles Verhalten enttäuscht wurde.
Zwar vertonte er noch — in Naumburg — das Gedicht „Gebet an das Leben", das ihm Lou in Tautenburg überreichte, das er dauernd wert hielt; es gehörte, wie das „An den Schmerz" — „zu den Dingen, die eine vollständige Gewalt über mich hatten"; im ganzen waren es mehrere Gedichte: „Wellenwünsche", „Todesbitte", „An den Schmerz", die schon im September 1881 Gottfried Kinkel in Zürich Vorgelegen hatten, und die er stark und schön, von edler und tiefer Empfindung fand. Ebenso griff Nietzsche Lous Gedanken einer Rückführung der philosophischen Systeme auf die Personalakten ihrer Urheber au,, als einen „aus dem Geschwistergehirn". Aber Mißverständnisse und Verstimmungen blieben nicht aus. Elisabeth, deren Bevormundung Lou ad- lehnte, fühlte sich durch eine Bemerkung verletzt, die die „Heiligkeit" des Bruders bezweifelte; ihre Einmischung, so gut sie gemeint war, wirkte sich unheilvoll aus; Zwischenträgereien führten zu unerquicklichen Spannungen. Sie erkannte; daß die Russin als Gattin keineswegs zu ihrem Bruder paßte. Ihre „Morallosigkeit" entsetzte sie. Nicht weniger der Abfall des Bruders von Wagner, der Abbruch seiner Laufbahn, seine Heimatlosigkeit. Die Mutter pflichtete ihr bei. Nietzsche brach den Verkehr mit seinen Angehörigen ab. Aber die Zusammenkunft des Dreiblatts im Oktober in Leipzig machte die Verschiedenheit auch ihrer Einstellungen deutlich: Ree und Lou verharrten innerhalb der Aufklärung; für das Geheimnis der ewigen Wiederkunft versagte Lous Verständnis. Indes das — durch das Du verbundene — Paar nach Berlin fuhr, blieb Nietzsche in tiefer Schwermut zurück, die ihn auch in Italien, in St. Margharita, nicht verließ. Er fsthlte sich einsam und verlassen; Mißtrauen und Argwohn übermannten ihn. Der Pariser Plan war zerronnen: Freundschaft und Familie zerstört. Der Enttäuschte verflieg sich zu bitteren zügellosen Ausfällen und Beschimpfungen derer, die ihm zunächst gekommen waren. Menschliches — Allzumenschliches! Lou blieb ahnungslos: sie ließ im Sommer 1884 Nietzsche durch Heinrich von Stein grüßen und ein Wiedersehen in Vorschlag bringen ...
Die Zerwürfnisse, darein sich Nietzsche verstrickt hatte, erregten ihn um so mehr, als ihn „jedes verächtliche Wort, was gegen Ree und Fräulein S. geschrieben wird, das Herz bluten machte ..." Im Grunde war er selbst daran schuld, weil er von denen, die ihm nahe standen, den einen dem andern preisgab — weil er mit seinen menschlichen Beziehungen spielte. Zweifel und Schwanken, Zwiespältigkeit. Phantasterei, Untreue und Abtrünnigkeit, Selbstqual — waren sie denn mit seiner innersten Natur verbunden? Er brach, unterm Einfluß der Schwester, mit Ree, brach mit Lou — mit denen, die ihn verehrten und liebten, war verstimmt über Malvida und Overbecks; jene hat er nie wieder- gesehen. Dabei hatte sich Ree stets vornehm gegen ihn benommen, Lou keineswegs unehrerbietig; sie hatten ein tiefes Verständnis für „die Größe der Kraft".
Der Schöpfer des Uebermenschlichen verherrlichte die Eigenschaften, die gerade ihm fehlten. Ein wechselnden Stimmungen unterworfenes, feinfühliges, reizbares Temperament, gleicht er in der Krise einem Tasso an krankhafter Empfindlichkeit. Der Umschwung der Gefühle geht bis an die äußerste Grenze; ja, er droht mit Selbstzerstörung. — Die Begegnung mit Lou läßt sich von drei Standpunkten aus beurteilen: C. 21. Bernouilli mißt alle Schuld der Schwester Elisabeth bei — die Schwester selbst schiebt sie Lou zu — die Wahrheit liegt, wie Erich F. Podach dartut (in seinem Buch: Friedrich Nietzsche und Lou Salome) — wohl in der Mitte, wosern man nicht in der so schwierigen Natur Nietzsches selbst die Hauptursache des Mißverständnisses sehen will. Ader dies führt in die Tiefen der Psychologie des Künstlers; und ohne dies Element ist die Eigenart des größten deutschen philosophischen Schriftstellers nicht zu verstehen.
Verantwörtlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


