ORaf einer Alien.
Von Eduard Mörike.
Bin jung gewesen, Kann auch mitreden, Und alt geworden, Drum gilt mein Wort.
Schöne reife Beeren Am Bäumchen hangen: Nachbar, da hilft kein Zaun um den Garten;
Lustige Vögel Wissen den Weg.
Aber, mein Dirnchen, Du laß dir raten: Halte dein Schätzchen Wohl in der Liebe, Wohl im Respekt!
Mit den zwei Fädlein, In eins gedrehet. Ziehst du am kleinen Finger ihn nach.
Aufrichtig Herze, Doch schweigen können. Früh mit der Sonne Mutig zur Arbeit, Gesunde Glieder, Saubere Sinnen, Das machet Mädchen Und Weibchen wert.
Bin jung gewesen, Kann auch mitreden. Und alt geworden, Drum gilt mein Wort.
Ein böhmischer Sauer.
Von Gustav Lerch.
Gustav Lerch, dessen Familie seit über vier Jahrhunderten in Böhmen ansässig ist, schrieb auf Grund eigener Kriegserlebnisse einen Kriegsgefangenenroman „Die Heimkehr". Ein kleines Bändchen „Nordböhmische Dorfchronik" führt uns in die bäuerliche Welt feiner Heimat (beide Bücher erschienen im Verlag Adam Kraft, Karlsbad).
Bürger Andries war ein kleiner, sehniger Bauer mit einem glattrasierten, klugen Gesicht und hellen Augen. Er erinnerte an die bäuerlichen Bildnisse der deutschen Meister im Mittelalter. Er sprach nicht viel und überlegte erst lange, bevor er was sagte. Das aber klang sicher und bestimmt. Die neue Feit machte ihn nicht irre, er hing nicht von ihr ab. Die Welt, für die er verantwortlich war, reichte von seinem Hofe neben der Ringelshainer Dorfkirche bis an die Jungfernlahne, wo Kunewalde anfängt. Hier hielt er Ordnung. Tausendmal war er auf dem Wege zwischen seinen beiden breiten Streifen hinaus- und hereingefahren. Seit Generationen fuhren die Bürger Bauern hier hin und her und Generationen sollten hier noch hin- und herfahren . .
Bürger Andries war nicht so knickerich wie die Rjese, seine Frau, die sich kaum im Dorfe sehen ließ, denn wenn sie Sonntags zur Kirche ging, ging sie über den Garten und den alten Kirchhof. Bürger Andries ließ sich manchmal im Wirtshaus sehen. Die Rjese gönnte sich überhaupt nichts. Nur die Wirtschaft und die Arbeit kannte sie. Lois, ihr Sohn, sollte einmal ein Anwesen übernehmen, das sich sehen lassen konnte. Kein Kreuzer Schulden durfte darauf stehen. Geld sollte obendrein in der Kasse liegen. Diesen Sinn hatte ihre Schinderei.
In dieser Hinsicht kam ihr Lois nicht nach. Wenn die Bürger An- driesen uns Jungen unter ihren Obstbäumen sah, fing sie gleich zu zetern an. Loisl aber holte uns, wenn die Schnitteräpfel reif wurden! „Kummt ok mit!", sprach er, „die Mutter es of'n Falbe!" Und wenn wir an der Lehne auf den Kirschbäumen sahen und sie uns vom Felde aus sah, ließ er sie ruhig schrein. Wenn die Birnen alle waren, ging’s über die Pflaumen her. Und wenn dann gar nichts mehr da war, führte uns Loisl durch den Stall in die Stube und holte ein großes Bauernbrot „aus dem Häusel" und einen Mordsfetzen Speck. Dazu tranken wir den Most aus dem Keller. Lois ließ alle leben, er war wirklich ein prachtvoller Junge. Trotz ihrer Knickrigkeit ließ die Mutter nichts auf ihn kommen. Sie hätte ihn am liebsten in Gold gefaßt. Wir waren die Lausbuben.
*
Wir verloren Loisn während der Brussilow-Offensive in den wolhy- nischen Sümpfen. Niemand konnte sagen, wohin er geraten war. Er war einfach weg. Vielleicht war es gut fo, denn wenn er totgemeldet worden wäre, hätte die Bürger Andriesen wahrscheinlich den Verstand verloren. SoJjat sie noch jahrelang gehofft. Dieser Junge war der Sinn ihrer lebenslangen Schinderei, durfte denn solch ein Leben sinnlos werden? Konnte er denn verloren sein? Immer hatte sie ihn vor Augen, wenn sie auf dem Felde war. Unablässig zermarterte sie chr Hirn, wie sie es hätte richten müssen, damit die Wirtschaft erhalten geblieben wäre. „Herr und Heiland, lass'n ok wieder hejmkumm' ... lass'n ok wieder hejmkumm! ..." bettelte sie jeden Tag händeringend auf den Knien. Die Angst um diesen verlorenen Sohn brachte sie fast um den
Verstand, so daß sie manchmal ganz irre zu reden und Bürger Andriesen Vorwürfe zu machen anfing. Wenn er den Jungen studieren lassen hätte, wäre vielleicht etwas aus ihm geworden! So aber hätte er halt Sommer und Winter ganz vorne im Drecke liegen müssen.
„Wenn du dir's ok ne fu schwer machen tiit'st, Rjese!" sagte Bürger Andries wohl an die hundert Male: „Gefallen es a ne! Warum soll a denn nemie hejmkomm?!"
Was war denn zu machen, dachte er im stillen, wenn er nicht mehr heimkam? Du lieber Gott, das Vieh fchreit weiter im Stalle und will gefüttert fein und auch die Felder kannst du nicht brach liegen lassen. Die Wirtschaft führt ihr Leben weiter und will weiter betreut (ein. Sie läßt dich nicht die Hände ringen und zusammenbrechen. Du mußt für sie weiter rackern und schinden, bis es nicht mehr geht. Dann wird es wohl Gott irgendwie richten.
Lois war in derselben Schlacht verschollen wie ich. Da kam ich eines schönen Tages mitten im Kriege aus der Gefangenschaft heim. Lange saß ich noch nicht zu Hause, kam eine Magd: „Sie soll'n ok fu gutt fein und zu Bürger Andriesen kumm', der Herr schickt mich!" sagte sie mit einer Betonung, die verriet, wie aufgeregt sie mich erwarteten. Durch meine unverhoffte Heimkehr tat sich vor ihnen das große Tor der Hoffnung von neuem auf. Ich ging, weil wir miteinander gut bekannt waren, unsere großväterlichen Felder lagen neben ihren, sofort hinüber und trat in den großen Hof. Bürger Andries, der eben mit den Pferden vom Felde hereingekommen war, kam mir entgegen, begrüßte mich mit meinem alten Knabennamen und führte mich ins Haus.
„Schön' Willkomm!" sagte er, als ich in die große Stube trat. Ich setzte mich an den mächtigen weißen Eichentisch, an dem vor mehr als hundert Jahren General Laudon mit seinen Offizieren über den Kriegskarten gesessen hatte. Ganz ohne Leben war jetzt die große, sechsfenstrige Stube, und was da manchmal, als wir Jungen waren, für ein Sums gewesen war!
„Na, wie ist dir's denn gang'n, Gustl!" fing Bürger Andries an. Nach Loisn zu fragen vermied er. Da trat abgehärmt die Rjese ein: „Schön Willkomm!" sprach sie, und sah mich in Tränen an. „Hast du denn ne Loisn ei Rußland gesahn? Ob a ok nuch labt?" Sie fing bitterlich zu Weinen an.
Gesehn hatte ich ihn leider nicht. Ich erzählte ihr aber von den ab erlaufenden Kriegsgefangenen in Rußland und erklärte ihr, wie groß Rußland fei. Erzählte ihr von den Gegenden, wo es keine Bahn und bas ganze Jahr über keine Post gibt.
„Wenn d'ok Loisn hejmbracht hätt'stl" rief sie aus. „Du tät’ft vo mir kriegen, was du ha'nn wällst!"
Nach vielen, vielen Reden überzeugte ich sie, daß Lois irgendwo in Rußland unter den vielen hunderttausenden Kriegsgefangenen stecken müsse und aus irgendeinem Grunde nicht Heimschreiben könne.
„Steh' ok, Rjese!" beruhigte sie Bürger Andries, „Gustl es ja ou hejmkomm', mord denn Loisl nemie komm!"
Draußen im Hofer hielt er, als ich mich von ihm verabschiedete, meine Hand lange in der seinen und sprach: ,Äch weiß, daß Lois nemie kömmt! Aber kumm' ok 'rüber su lange du da bist. Wenn se dich sieht und hiert, hofft je wieder!"
So hat sie auch noch Jahre gehofft. Bürger Andries aber ging still aus der Welt, die ihn um seinen einzigen Sohn und Erben gebracht hatte und sein Tod war so klar und einfach wie sein Leben. Eines Morgens stand er auf, um zu sterben.
„Rjese", hatte er gesagt, „lass' ok einspann! Ich will mir noch einmal die Wirtschaft anfehn, eh' ich sterbe!"
„Du hast wohl Dinge!" hatte sie ungläubig zur Antwort gegeben und war ihrer Arbeit nachgegangen.
Die Pferde werden aus dem Stall geholt und eingespannt. Bürger Andries hängt den unruhigen Füchsen die Zäune ein und streicht ihnen über die Mähnen. Dann setzt er sich auf den Wagen und sieht sie noch einmal Haus und Hof an, als ob er auf immer verreise.
„Hüo Liesl! Hüo Fuchs!" Sie fuhren los. Den Hohlweg hinauf, an dessen Rändern die uralten Aepfelbäume stehen, lieber die Wiese drüben liegt die weiße Dorfkirche. Ungezählte Generationen haben in ihr Trost gesucht. Dann geht es die steile Lehne hinunter, an der die Kirschbäume stehn. Sechzig Jahre lang hat er die Ernte diesen Hügel heraufgeschasft! Unten im Gründel liegen die Wiesen. Die alten Wassertümpel hatte er zugeschüttet und den Jungfernbach in ein ordentliches Bett gebracht. Jenseits der fte’nernen Brücke fuhren sie durch Rüben- und Kornfelder. Alles war in bester Ordnung. Alles stand gut. Oben an der Jungfernlehne ließ er halten. Junger Wald schoß hier auf. Der alte Bestand hatte das Balken- und Sparrenwerk für die neue Scheune hergeben müssen.
Alle diese Felder und Wiesen und den Wald hatte Bürger Andries über ein halbes Jahrhundert betreut — und nun konnte er sie keinem Erben übergeben. Es schnürte ihm die Kehle zu. Zitternd streckte er die Hand aus und tastete leise die Fluren ab. Er nahm Abschied von ihnen. Er konnte nicht mehr. Aber er sah, daß er sein« Sache gut gemacht hatte von der Uebernahm« bis zum Ende. Warum er nicht übergeben konnte, wußte Gott allein. .
„Foahr' ok hejm!" sagte er gütig zum Knecht. Noch einmal sah er groß auf, dann sank er, das Haupt auf die Brust gesenkt, auf dem Ackerwagen in sich zusammen. Wie die Pferde den Steilweg vor dem Dorfe hinauf sollten, blieben sie plötzlich stehn und fingen laut zu wiehern an. Bürger Andries starb da auf dem Ackerwagen.
„Woas soll oenn doas heißen?" schrie der Knecht und schwippte mit der Peitsche über die Pferde hin.
„Hüo Liesl, hüo Fuchs!" Sie zogen wieder an.
Bürger Andriefens irdische Hülle war, bei Gott, nicht schwer! Er war, wie ich schon sagte, ein kleiner, sehniger Bauer.
Seine Seele aber pilgerte bereits über die Berge zum Richterstuhle des Herrn, um ihm Rechenschaft zu legen über die Talente, die er ihm geliehen hatte. Andries hat sie nicht nutzlos im Acker vergraben. Seht hinüber! ®olbec leuchten drüben die Kornseider.


