Jahrgang 1938
Montag, -en 17. Oktober
Nummer 81
s ein ausgezeichneter Scherz! Warum Milotti lustig? Ich weiß sehr wohl, n törichten, kleinen Maler zu lieben,
wüßten, ich
Ich glaube, beugte den
„Also könnten Sie doch erwidern, daß Sie von mir wüßten, ich würde in zwei Monaten einundzwanzig Jahre, dann könnte ja doch d,e väterliche Gewalt nicht mehr ausgeübt werden. Vielleicht könnten Sic dann schreiben — das ist eben das Schlimme, ich weiß nicht ob Sie das schreiben könnten —, ich sei begabt, und es wäre eine Sünde und Schande, wenn ich nicht weitermalte."
• ®r„ .Jögernö on her lür, streichelte ihre Hand und sah sie mit ' immer zärtlicher werdenden Augen an.
Sie fuhr ihm mit der Hand über das Haar, streichelte ganz leicht seine Wange und schloß plötzlich die Tür. Der Schlüssel drehte sich hart herum Sie rief noch einmal: „Gute Nacht, Milotti! Das mit der Garnisonkirche überlegen wir noch!"
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Professor Rottenbach machte ein ernstes Gesicht, als Christine ihren Bericht beendet hatte. „Ich kann verstehen, daß Sie sich zu Hause sehr uoglucklich suhlen, aber Sie sind doch noch sehr jung, mein liebes Ruck- tajchchen!
„Heb immer Treu und Redlichkeit Ms an dein kühles Grab ..." "Was soll das heißen?" fragte Christine.
in* hs , von der Garnisonkirche in Potsdam", sagte Mi«
lott^ „dort wünsche ich, getraut zu werden." 19
Milotti' auch'das Wbe auf We Schulter: „Wenn Sie wollen,
°n fic° ziehen, sie stemmte fest die Arme gegen ihn: Decke"" " mar 65 gemeint! Holen Sie mir, bitte, eine
,9*n9 sein Schlafzimmer, und Christine nahm inzwischen
Schlussel aus der Tür und tat ihn auf ihrer Seite in das Schloß Sie öffnete dann das Fenster des Bibliothekzimmers und lehnte sich to™mm.”mJr'eÄ,6‘r "" ”™6-
Man sah kleine dunkle Punkte, Menschen über den Liitzowplatz sich mMt? P-Aenschnur E" Lichterreihe war am Ende des Platzes wie eine
Warum habe ich ihm das gesagt? Ich hätte es ihm gar nicht sagen mnnenn'r«%^r* M. uberr lustig machen! Es ist so dumm, daß man als Mädchen niemals zeigen soll, was man empfindet, und niemals sagen, was man denkt! Vielleicht erwartet dieser Milotti auch etwas ganz anderes! Warum hat niemand mit mir über solche Dinge gesprochen. Vater, ... ach, der weiß überhaupt nichts, ich möchte bloß b» ZU Mutter gekommen ist! Da stimmt auch etwas nirf>L 2)as Schlimmste wäre, wenn sich Milotti über mich lustig machte, Es liegt nahe, daß er sich lustig macht. B *
das^Scha' eilK ^'dene dunkle Decke und ein paar Kissen auf
n»Äftine ^"^e sich sofort um: „Milotti, ich war ein bißchen durchgedreht, verzeihen Sie schon den Scherz."
roar- ist es ein ausgezeichneter Scherz! Warum machen Stf sich über den armen Milotti lustig? Ich weiß sehr wobt daß Sie es nicht nötig haben, einen törichten, kleinen Maler zu liebem ich weiß sehr wohl, daß Sie aus einer gewissen Stimmung heraus einen Heinen Scherz machten! Er ächelte plötzlich: „Ader bei mir war das mit der Potsdamer Garnisonkirche Ernst."
mu6 letzt schlafen, sonst meine ich plötzlich. Nacht!" 4 übliche» und das wollen Sie gewiß nicht! Gute
Roman von Rolf Brandt
Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin
8. Fortsetzung.
M "illlsv Christine! Er überlegte einen Augenblick, dann begann wieder Die halblaute Stimme:
„Christinchen wollte früh aufstehn, Christinchen wollte zum Hafen gehn. Wo das große Meer beginnt. Wo die schönen, braunen Segel stehn, Wo immer träumt der Wind.
Christinchen, du, Christinchen klein. Sieh dich vor den Schiffern für, Es nimmt dich einer ins Schiff hinein Und schließt hinter dir die Tür.
Christinchen wollte früh aufstehn, Die Sonne lockt so sehr ..."
Er brach ab und legte Christine die Hand um die Schulter. Sie sah zu ihm auf: „Milotti, ich bin Gast hier, ich bin nicht so, daß man mich um Die Schultern nimmt und abküßt! Es ist dann aus mit uns. Wollen Sie das? Ich werde nicht einmal schreien, wenn Sie mich küssen."
Er löste den Arm: „Es ist eine komische Idee von euch Mädchen, daß die Liebe besser schmecke, wenn man wartet. Aber es muß sich ja jeder mit seinen Ideen abfinden!"
„Sehen Sie, Milotti, wenn immer gleich die Umarmung da wäre, was sollte aus uns werden?"
„Sie sprechen so weise! Was wissen Sie von der Liebe? Sie sind doch noch ein Kücken."
„Ich habe eigentlich einmal nur geküßt, einen Jugendfreund, der in das Feld ging. Aber ich weiß schon, ich habe ganz früh gefühlt, wie das ist! Man verliert sich. Es ist vielleicht sehr schön, sich zu verlieren, ich kann es nicht gebrauchen, am wenigsten jetzt! Aber hören wir doch auf. Ich will Ihre Bilder verkaufen, und Sie sollen mir ein wenig helfen in meiner Einsamkeit. Das tun Sie ja schon heute abend, und ich bin ganz glücklich hier."
Er legte die Laute auf den Tisch: „Ich bin auch ganz glücklich! Ich werde Ihnen erzählen, was es mit uns ist. Meine Vorfahren waren eigentlich Architekten, sie tarnen aus Mailand nach Wien. Dort wurde Felice von Milotti von Joseph II. geadelt. Ein zweiter Sohn ging dann nach Preußen. Sie waren immer noch Architekten. Wissen Sie, das eine hübsche Palais in der oberen Wilhelmstraße ist von einem Milotti gebaut, und bann wurde ein Milotti Offizier und ein anderer General und bann wieber einer Offizier, unb ber kam in ben Weltkrieg und starb in ber Champagneschlacht. Ich bekam bas Eiserne Kreuz zugeschickt unb ben Hohenzollern mit Schwertern, unb bann ging ber Krieg weiter ... und bann war er aus. Ich habe nicht einen Verwanbten mehr in Deutschland. Zu malen hatte ich angefangen, kurz, bevor der Krieg begann. Vater war nicht sehr glücklich darüber, aber er erlaubte mir im Grunde alles ... Ja, nun sitze ich hier!"
„Sie haben ein sehr gutes Bild gemalt." Sie stand auf und sah ihn ernst an: „Wenn Sie wollen, werde ich Sie heiraten, Milotti. Ich verspreche Ihnen, wir werden burckikommen."
„Donnerwetter!" sagte Milotti.
„Hören Sie, das ist keine Antwort!"
Milotti nahm umständlich ihre rechte Hand mit seinen beiden Händen unb führte sie langsam zu seinem Munde. Dann küßte er den Handrücken zwischen den Knöcheln. Er sah dabei aufmerksam auf die kleinen blnuen Adern, die durch die Haut schimmerten. So stand er eine ganze Weile ein wenig gebeugt vor Christine, und sie sah sein volles blondes Haar hell leuchten.
„Hören Sie mit dem Handküssen auf, Milotti!" sagte Christine. „Man merkt, daß ihr aus Oesterreich eingewandert seid. Wir wollen letzt abräumen, denn ich finde es gräßlich, wenn sich der Sardinen- geruch im Zimmer festnistet."
Während Milotti mit ihr zusammen die Teller hinaustrug, begann er plötzlich leise zu pfeifen: 1 ।
„Das wirb mit jedem Tage besser. Zu Hause gehe ich vor die Hunde, das ist sicher! Cr hat mir ja nicht einmal mehr erlaubt, bei Ihnen Stunde zu nehmen, er behandelt mich wie. ein Schulmädel! Gegen Theater hat er eine Abneigung, Musik kann er nicht leiden, das Kino ™ta5f.„erJur eine neue Methode ber Volksverdummung, sein einziges Wort ijt Arbeit, Arbeit! Ausgezeichnet, aber wenn ich nach meiner Art a-rbemen.ctl?^' 2“nn *8,65 °uch falsch. Am liebsten steckte er mich noch in
. ckflschinstitut. Als es dazu Zeit war, hat er es abqelehnt. Er ist vielleicht unglücklich, aber das ist kein Grund, daß ich es auch werde!" Der Professor ging auf und ab, wie es seine Gewohnheit war wenn ihn etwas bewegte: „Ihr Herr Vater hat mir einen Brief geschrieben. In diesem Brief steht, daß Sie sehr schwer erziehbar seien und daß er furchte, durch ben Besuch in meinem Atelier würben Instinkte in Ihnen aufgeweckt, die er für gefährlich hielte. Er bäte mich daher, Ihnen keinen Unterricht mehr zu erteilen unb meinen Einfluß gettenb zu machen, daß Sie sich feinen väterlichen Wünschen, bie auf einen geordneten bürgerlichen Lebensweg abzielten, fügten ~' ' ' ich habe richtig unb wörtlich zitiert. Was soll ich ba tun’"'
Christine faltete die Hände über ihr rechtes Knie und Kopf vor: „Professor, Sie sind doch ein Men ch!" „Hoffentlich. Also?"
GichemZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


