<Fin Giern singt.
Von Hans Carola.
Schleift nur Gläser, schmiedet Röhren, meine Wandlung zu belauern I Könnt Ihr meinen Sang nicht hören, bleibt Euch nur ein «rdhast Schauern.
Während ich die Wesen ordne, stockt mein Puls! Ich mutz beginnen, alles lies aus mir Gewordne still in mich zurückzuspinnen.
Schon zu neuen Klangfiguren lagern sich die Grund-Atome.
Meine dumpsen Kreaturen bauen mit am heiligen Dome.
Endlich, ganz und gar durchsichtig, liebende krtstallne Rose, nur noch meiner Seele pslichtig, schwing ich mich ums Zeitenlose.
Keiner wird mich künstig sehen, der mich nicht wahrhaftig bräuchte.
Vielen muß ich untergehen, daß ich wenigen stärker leuchte.
Carossa.
Aum öl). Geburtslage des Dichter» am IS, Dezember.
Von Walther Schwerdtseger.
Das seltsame Wort des jungen Giaoina, das über dem „Rumänischen Tagebuch" steht, „Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!", es könnte der Leitspruch sein für das gesamte Schassen Hans C a r o s f a s.
Aus der unmenschlichen Zerstörung des Krieges strahlt dieses helle Leuchten auf in dem jungen fränkischen Soldaten Giaoina wie in dem galizischen Dorsmädchen von Dobrowlany, der Glücklichen, „die sich ihr Herz in edlen Wahnsinn h.ngerettet ..." Cs strahlt aus der kleinen Gemeinde um den Arzt Gion, der seinen Weg sucht durch die Traurigkeit des Niedergangs. Alles wird keusch, licht und heiter In der klaren Weisheit und der reinen Menschlichkeit, die in Carossas Prosa rhythmisch beschlossen ist. Selbst in der dunklen Triebhastigkeit der Liebenden weiß er das Licht zu finden: /
„Das K>nd ist in den Liebenden verborgen
Wie lichter Schnee in dunkler Wolke ruht ..."
So können auch die Auszeichnungen Angermanns in reiner Harmonie ausklingcn: „Der Mann, zu dem schon das Alter herüberhaucht, — er weiß, daß hinter uns große Mächte stehen; er weiß auch, daß verschiedene Seelen zu einem Sternbild zusammentreten können, nrenn eer gelingt, eine Mitte zu finden, die sie im Einklang hält. Indem er ferne Person vom Glücke loslöft, kann er aus eine selige Stufe gelangen, wo es wirklich unendliche Lösungen gibt."
Ein paar schmale Bände Erzählungen — selbstbiographisch, auch wenn es nicht die Jch-Form verrät — und etwa hundert Setten Gedachte: das ist Carossas dichterisches Werk. Er stand schon an der Schwelle der Mannesjahre, war ein geschätzter Arzt, hatte bereits eine Anzahl Gedichte, den Traum von der „Stella Mystica und die kleine Erzählung „Doktor Bürgers Ende" veröfsenilicht, als der Krieg über ihn hereinbrach. Der Dr. Hans Carosfa, Nachkomme einer aus der Lombardei nach Süddeutschland eingewanderten Landarztesamilie. wurde Bataillonsarzt an einer der Balkanfronten, eine von den Mttlionen kleiner grauer Federn, die zu der finsteren Riefenschwinge des Krieges
9 ^J^n den karg bemessenen freien Stunden füllte sich sein Merkbuch mit Aufzeichnungen und Entwürfen., „Die nachleuchtende Erscheinung eines jungen Soldaten aus Unterfranken, der am Runculmare gefallen war, gab mir eine Reihe halbdichterischer Sätze em, Die spater mein „Rumänisches Tagebuch" nach sich zogen .." Es wuch'en die Arbeiten zu seinen Lebensgedenkbüchern „Eine Kindheit und „Derwan lungen einer Ingen d". Sie zeigen deutlich, daß der D.chter nicht der Frontgeneration angehört, der der Krieg zum allesbeherrschsndcn Erlebnis wurde. „Unsere Kindheit war geschontes Wachstum, die ihrige ist ewiger Aufbruch." Sie können nicht zu jener klassischen Ausgewogenheit gelangen, die Carosfa sich zu dem kanlischen Sag bekennen ließ. „Das große Leben bestehen, und über sich dabei die Sterne fühlen, daß ist's. worauf es ankommt .. " , , „ o.<,„
Mit der Hellsicht des Dichters erkennt er daß alles Leben wie Kristalle durch Erleiden ungeheuren Druckes zu fe'nerUönsten, kühnsten Form gesteigert wird. „Die Jahre des Wiederausrichtens nach dem un geheuren Einsturz, da- find die großen.Wachstums °h»^r Volker , sagt der Arzt Gion. Wie Gion sammel Carosfa die besonnen-a igen Geister um sich, die mcht „genießen, klagen, verfluchen °ufwühlen, sondern still die Zukunft vorbereiten. „Großen Worten haben sie ab- geschworen, ... und nur noch Im Alltag erscheint Ihnen manchmal d höhere Welt." In diesem stillen Wirken findet auch da- große Le^d feinen Sinn. „Wir wirbeln hin wie Laub in .fremd« Felder, - wa- q-uillt aus unferm Tod? glauben, stemhaft geiammelt. loht ihn gluyn mit beständigem «Licht!"
3n diesem Jahre Ist Carosfa Träger des Goethe-Preises geworden. Die Mainstadt Frankfurt verlieb ihn „dem Kämpjer für deutsch« Art und deutsche Kuttur, wie dem Dichter der Stille, in dessen reifen, zuchtvollen Werken sich das geistige Erbe Goethes in eitlen Formen verkörpert." Selten ist einem Dichter diese Ehrung mit größerem inneren Recht geworden, denn selten ist Goethe einem Menschen stärker Führung und Geleit geworden, al» dem süddeutschen Dichter-Arzt. Er war ein halber Knabe noch, als er aus Goeche traf. Und nach den ersten Selten gleich schlug ihn etwas Unerklärliches in unlösbaren Bann. „Die dunkelsten Stellen des zweiten Faust, des West-östlichen Divans, der Wander- >ahre, der Metamorphose der Pflanzen wußte ich bald für immer auswendig, ohne zu ahnen, was für ungeheure Elemente ich damit in mein kleines Leben aufnahm." Die Verse Goethes gaben ihm, kostbares Ar- canum, jene Leichtigkeit, wie sie seinem schwerblütigem Stamme fönst fehlt. „Ihm kann man folgen, ohne ihm zu verfallen, und wer ihm verfällt, bleibt immer noch frei genug."
Unverkennbar ist dieser Einfluß in Carossas Werk. Seine Frauen- Calten, vor allem die des letzten Buches, leben aus sich selbst, wie in tthes späten Prosawerken und bei den Romantikern. Die Darstellung feiner Jugendgefchlchte Ist von Goethes Geist getragen. Die Tagebuchblätter Doktor Bürgers, in denen die Verzweiflung eines Arztes an den Leiden feines lungenkranken Patienten zur Tragik führt, hat man mit dem Werther verglichen. „D'er Arzt Gion" gelangt später zu der Erkenntnis, daß der Arzt dem Tragischen entrückt bleiben mutz. Doch diese Entrücktheit geht bei Carossa nie bis zur Erstarrung der Gefühle. In der Weisheit des Alters spürt man noch Glut und Wachstum des Lebens, ohne olympische Kälte. „Wir werden reif und fangen zu welken an", heißt es in feinem letzten Werk, „aber der Tod bleibt noch aus, und nun kann, über alle Erfahrung hin, etwas geschehen: ein höheres Wachstum, eine reinere Schau kann beginnen. Ja, ein Zustand scheint möglich — ich bin weit entfernt, ihn zu kennen, er deutet sich nur an —, ein Zustand, vergleichbar den seltenen Abendminuten, wo schon ein Stern im Osten flimmert, während noch die Sonne nicht ganz versunken ist . ." Das allumfassende Streben der Jugend ist abgeftrdft, die Begnügung des Alters erreicht, da aus dem Unbegrettlichen der Hauch ewiger Fülle kommt. Carosfa gibt keine kalten EwigkeitRiogmen. Wie schöne, in Stille und Sonnenwärme ausgereifte Früchte, von sorglicher Hand gelöst, bietet er sie dar, jene „Geheimnisse des reifen Lebens"
Ein Dichter der Stille Ist er. Und doch ... „das Innig-Ewige, wehlls über Meere nicht von Stirn zu Stirn als wie ein Hauch? Und find's die zarten Hauche nicht, aus denen Gott-Sturm wächst? ...
Auf dem tiefuV
*"n Hans Carossa*.
Ich will als Gast von Feuer zu Feuer wandern, bis mich der Schlaf übermannt.
Wann hörte man als Kind zum ersten Male das Wort Italien? Es war an einem Weihnachtsabend, als der heimatliche deutsche Marktplatz unter Schneelasten halb vergraben lag und die dunkle lichtervolle Tanne im Zimmer brannte, da stand auf dem kleineren Gabentisch zwischen Lebkuchen uni> Mandelstritzeln eine Schüssel voll brauner hartschaliger Früchte; das waren Edelkastanien oder Maronen, und sie stammten aus Italien. Zwar wuchsen auch Zitronen und Orangen in jenem Wunderlande; aber die gab es auch zu anderen Jahreszeiten; fast galten sie als einheimisch. Dagegen erschien die Edelkastanie in unserem abseitigen Flecken nur einmal; es war, als käme sie aus einem tieferen Italien und könnte nur durch die Weihnachten zu uns gelangen. Nach meinen damaligen Begriffen lag das Land in kaum erreichbarer Ferne; ein ftetnalter Benefiziat war als junger Priester dort gewesen; er hatte den Segen des Papstes mitgebracht und stand seither im Ruse der Heiligkeit. "
Einmal war unter dem Tannenbaum auch ein Stereoskop gelegen, und plastischer als jede Wirklichkeit erschien aus einmal die Stadt Neapel mit dem ilammengipsligen Vesuv. Nun wollte man immer wieder von Italien erzählen hören; aber den schweigsamen Vater bewegten andere Dinge; auch zog ihn der Norden unvergleichlich viel, stärker als der Süden, und wenig lag ihm daran, daß noch sein Urgroßvater in einem Lande gelebt hatte, wo es Edelkastanien gab. einen feuerspeienden Berg und einen Heiligen Vater.
Dergleichen Erinnerungen ging mir durch den Sinn, während ich über den jungen Kastanienwäldern, die sich bis zur neueren Lava hinaus erstrecken, ganz nah den grünlich-bleichen Essenrauch wahrnahm, der sich schon am Rande so fremd von den Himmelswolken sondert Er mar jetzt am Rande voll Sonnenglanz; ins Innere aber züne/'te unten her das Feuer hinein. Ich mußte nun auch der Abfchieüsworte des römischen Freundes gedenken, der sagte, er habe nie den Venw bestiegen und werde ihn auch nie besteigen, er fürchte sich vor dem Chaos. Dies hatte nur wie eine Redewendung geklungen; als ich aber aus dem Wagen stieg und weit unten in durchsichtigen Schleiern das frei- gelegte Pompeji sah, da begriff ich, daß es der große Archäologe war, der aus ihm sprach. Der geist- und liebevolle Kenner alter Säulen und Architraoe, der hellsichtige Leser zerfallender Inschriften, der Erforscher und Bewohner bildgeichmückter Wohnungen, er kann unmöglich mit jenen kormfelndlichen Kräften etwas zu tun haben wollen, die zur Zerstörung herrlichster Menschenwerke stündlich bereit sind.
* Wir entnehmen diese Erzählung des mit dem Frankfurter Goethe- Preise 1938 ausgezeichneten Dichters Hans Carossa, der am 15 De- zember leinen 60 ©’tmrtstag beging, dem „Jnselschifs" (20. Jahrgang, 1. Heft, Weihnachten 1938).


