Ausgabe 
16.12.1938
 
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Schon aber wie halb abgetragene rauchgeschw'ärzke Ziegelmauern, schwefelgefleckt, standen mir ble obersten Teile der Kraterwand entgegen, ein paar Schritte noch, und ich sah in das Inferno-Tal hinab, aus dessen Mitte sich der qualmende Tuffkegel erhebt. Ich nahm einen Führer, der eigentlich nicht nötig war, man unterscheidet sa leicht die erkalteten Laven von den heißen, die einem die Schuhe versengen. Solche Stellen verraten sich auch meistens durch den Rauch, und vielfach sieht man durch Ritzen und Sprünge das rotglüheirde Magma. Dem Kamin des Aschenturms entströmt unaufhörlich der dicke weißgelbe giftgasige Qualm, von Flammen durchflattert, und das geschieht mit einem totebeton, der nicht sehr laut ist, aber stark aus Gehör und Seele wirkt. Die Tätigkeit ist heute zahm, gewissermaßen das Alltagsoerhalten des Vulkans. Run aber drückt heftiger Wind den Rauchdampf nieder: dieser durchwirbelte minutenlang als ein schwefliger Nebel den ganzen Krater, so daß es das beste war, stehen zu bleiben und mit dem Taschentuch vor dem Munde abzuwarten, bis der Luftdruck nachließ.

Meliere Laven haben manchmal eine Oberfläche, die an Krokodilshaut erinnert; einige sind mit Schwefel geädert unb gesprenkelt. Die frischeren breiten sich aus in Form von Wülsten, Lappen, Fladen und Schiffs­tauen. An einer Stelle glühten sie noch stark; hier stand ein alter Mann mit einem Eisenstab; mit diesem nahm er einen Batzen aus dem zäh­flüssigen Brei, bat sich eine Kupfermünze aus und legte sie ein. Während ich die Höllenbühne langsam umwanderte, sollte der hellrote Schmelzfluß Zeit zum Erkalten haben.

Es ging schon auf Mittag, als ich aus dem Krater zurückstieg; erst jetzt fiel mir so recht auf, daß weit und breit nirgends ein Vogel, nirgends eine Pflanze zu sehen ist. Dem archäologischen Freund wird es niemand verdenken, wenn ihm vor dieser Naturgewalt wie vor dem Chaos graut; immerhin erweist er ihr durch sein Fernbleiben mehr Ehr­furcht als die Besucher, die neugierig im Krater herumkrabbeln, von ihren alltäglichen Sorgen reden oder dem Führer vom Lohn etwas wegzuhandeln versuchen. Man kann den unendlichen Vorgang wohl über­haupt nur ganz rein empfinden, wenn man mit ihm allein ist; aber wie wäre das untertags möglich? Meine Zeit ist leider um, und die Kleidung zu leicht; es würde mich sonst keine Ueberroinbung kosten, ein­sam eine Nacht hier zu verbringen. Käme nach ein paar Stunden die Morgenröte, so würde man sich vermutlich sagen, man habe Nächte durchwacht, in denen man dem Chaos weit näher war als auf diesem Vulkan, der eben in einem anderen Zeitmaß lebt als wir. Wenn ich an den wahnsinnigen jungen Mann in München zurückdenke, der mich rufen ließ und zuerst so grenzenlos dankbar war, daß er mir durchaus feine ganze Wohnungseinrichtung aufdrängen wollte, dann aber auf einmal Stimmen hörte, die ihm befahlen, den Eisenhammer aus dem Schrank zu nehmen und mich auf der Stelle zu erschlagen, ober an das Flam- mengewoge des galizischen Dorfes, das ohne Notwendigkeit in Vrand geschlossen worden war, bann fühle ich, daß dort wirklich das grausig Sinnlose wütete; hier aber ist alles doch Zeugnis einer unübersehbaren großen Ordnung; das Phänomen erinnert an den Urzustand der Erbe, es verbürgt uns bereu unmittelbare Herkunft vom Sonnenball, und ist einmal der letzte Vulkan erloschen, so wird gewiß auch bas Menschen­geschlecht älter und müder geworden fein

Ich näherte mich schon dem oberen Rande, da winkte von unten, laut rufend, der Mann, der Münzen in die Lavqklumpen legt. Ich hatte auf ihn vergessen; nun stieg ich zurück, während er mir keuchend entgegen» kam. Der glühende Fluß war zu einem körnigen schwarz glänzenden Stein geworden, der nun meinen Soldat umschließt. Zwei Lire forderte der Amre für das Andenken und fragte auch noch, ob es zu viel wäre. Sein Geschäft geht nicht gut; die meisten Besucher, sagte er, gehen an ihm vorüber. Ich erzählte ihm von dem wundersamen Vulkan, den es in der Nähe des Asowschen Meeres geben soll, und meinte, dies wäre der rechte für ihn. Seine Ausbrüche find feiten, feine Lava spärlich, ober reichlich mit Gold versetzt. Während ich dies sagte, reute es mich schon; zum Glück verstand er mich gar nicht. Mit einem höflichen .Grazie nulle' grüßte er und kehrte in die Tiefe zurück, durch die jetzt wieder der Druck des Windes die schwefelgelben Rauchschwaden trieb.

Christrose.

Von Hedwig F o r st reute r.

Wehende Blätterbüschel Zierlich gezackt und grün Hüten viel schlanke Knospen, Die wollen im Winter blühn.

Blühen trotz Wind und Kälte In weiß und rosiger Pracht Wunder aus Schnee geboren Wohl zu der halben Nacht.

Die zarte Winterrose, Die hier Im Werben ist. Wenn andre Blüten schlafen, Sie heißt die Blume des Christ.

Und ist ein Blüten-Gleichnis, Von himmlichem Licht umsprüht, Des holden Angesichtes, Das aus der Krippe blüht.

Michael Pocher von Vruneck.

Ein früher Meister der Ostmark.

Von HansSturm. x

Vor rund fünfhundert Jahren wuchs im Puftertal im südöstlichen Tirol ein Bildschnitzer von einzigartiger Bedeutung und weitreichender Wirkung heran, Michael Pacher, der spätere Meister von St. Florian und St. Wolfgang. Sein Vaterhaus stand in dem Stäbtlein Bruneck. das damals zu dem ehemals reichsunmittelbaren Bistum Brixen gehörte; hier war ble Grenzfcheide^ germanisch-romanischen Wesens und Empfindens, hier konnte sich Im Schatten der alten Han­delsstraße vom Norden nach dem Süden und Osten Pachers bobenver- haftetes und dennoch weltoffenes Können ganz entfalten, und was er in feiner Heimat mcht fand, suchte er in den großen Kunststätten Ober« Italiens. Starken Eindruck muß auf ihn die großräumige Art TO an­te g n a 5 in Padua gemacht haben; bewundernd stand er vor dieser klaren Anordnung, dieser hellen Weiträumigkeit und zwingenden Per­spektive, aber er verlor darüber nicht seine Eigenart, sein träfliges, durchsonntes Tiroler Wesen blieb vorherrschend in [einen sämtlichen Arbeiten. Eberhard Hempel, heute einer der namhaftesten Pacher- Forscher, kommt zu dem gleichen Ergebnis:Sein Schaffen gehört durch­aus in den Bereich der deutschen Kunst, mit der sie nicht nur die gleiche Aufgabenstellung und die äußeren spätgotischen Formen teilt, sondern vor allem auch den gestaltreichen und bewegungsvollen Charakter."

Wenn wir heute mehr über Michael Pachers Werden und Wirken wissen, |o verdanken wir dies der verdienstvollen Arbeit Hempels, der die neuesten Forschungsergebnisse niederlegte in dem schönen Buche Das Werk Michael Pacher s", das mit 88 Tafeln und einem farbigen Titelbild bei Anton Schroll in Wien erschienen ist. Um bas Jahr 1467 wird des Künstlers Name zum erstenmal in einer Urkunde seiner Heimatstadt Bruneck genannt; von da ab läßt sich dreißig Jahre hindurch seine künstlerische Entwicklung oersolgen, während sich über seine Jugendwerke, wie Hempel sagt,ble Forschung kein Bild machen" kann, da ein kleiner Flügelaltar des Schlosses bei Bozen, der Aufschlüsse vermitteln könnte, verschlossen ist. Pacher war schon ein weit über die Grenzen seiner Heimat anerkannter Meister, als ihm am 27. Mai 1471 die Bürgerschaft von Gries bei Bozen den Auftrag zu einem Marien- altar gab, der um 1475 vollendet wurde. Am 13. Dezember desselben Jahres übernahm er die Ausführung eines mächtigen Schreinaltars für die St. Wolfgang-Kirche am Aberfee, der nach den Inschriften 1479 und 1481 beendet werben konnte. Um 1475 schuf er für die Kirche in Ster­ling einen gemalten Altar aus ber Geschichte der Apostel Petrus und Paulus. 1484 führte er für Bozen einen Altar des hl. Michael aus, der einige Jahrzehnte später verschwand und bis heute nicht wiedergefunden worden ist; von feinem Marienaltar für die Frauenkirche in Salzburg ist nur eine sehr beschädigte Statue der Muttergottes erhalten geblieben, während sein letzter Altar für die St. Michaels-Kapelle am Aschhofe zu Salzburg aus den Jahren 1489/90 ganz verloren ging.

Zu den vielen, meist urkundlich beglaubigten Werken Pachers kom­men noch sehr viele Gemälde und Schnitzarbeiten, die feiner Art nahe- stehen; hieraus folgert man, daß er einen großen Kreis von Malern und Schnitzern als Gehilfen beschäftigt haben muß.

Für Pachers künstlerische Stilentwicklung kommen nur zwei Altäre in Betracht, der in Gries und der in St. W 0 Ifgan g. Der (Briefer Marienaltar bildet den vielversprechenden Auftakt, lehnt sich jedoch im wesentiichen (geruhsames Verweilen und ebenmäßiger Ausbau) noch an die älteren Meister an. Die Ausführung der einzelnen Gestalten aller­dings, verrät nicht nur hier und da den oberitalienifchen Einfluß, son­dern vor allem Pachers eigenwillige Selbständigkeit. In der Mittelnische des Schreins kniet Maria, leicht nach links gewendet, hinter ihr auf einer langen Thronbank sitzen Gottvater und Gottsohn, um ihr die Krone aufzusetzen; in den Seitennischen stehen der Bischof Erasmus und St. Michael, zu Füßen knien zwei mantelhaltende Engel. Klare An­ordnung, prächtiger Faltenwurf der Gewänder, harmonisches Zusammen­wirken aller Teile sowie weihevolle Hoheit machen das ganze zu einem Meisterwerk. Eberhard Hempel weist in seinem Buche darauf hin, der (Briefer Altar habe vor dem späteren St. Wolfgang-Altarden Vor­zug, daß die Dreieinigkeit besser zur Anschauung kommt und ein in den Verhältnissen aufs schönste ausgewogener Aufbau entsteht, der in feiner Klarheit einem italienischen Renaissancewerk an die Seite gestellt wer­den kann. <

Pachers einmaliges Meisterwerk ist ber .in dem schmalen Chor der gotischen Kirche von St. Wolfgang fast elf Meter hoch auffteigenbe Schreinaltar, der sich dreifach ändern läßt. Die äußeren gemalten Flügel zeigen das Leben des Bischofs Wolfgang; öffnet man die Flügel, so sieht man acht Bilder aus dem Leben Jesu, und öffnet man auch die inneren Flügel, so schaut man den Lebensgang und die Verklärung Mariens. Auf den Flügeln wechseln Malerei und Schnitzerei, denn Pacher war auch Maler. Die Hauptbarstellung im Schrein ist die Krönung der Gottesmutter Im Himmelssaal, an der in den Seiiennifchen verschiedene Heilige teilnehmen. In dem fünffach getürmten Fialenauf­bau werden der Gekreuzigte, Gottvater mit der Verkündigungsgruppe und verschiedene Heilige sichtbar; auf der Rückseite des Schreins ist Christophorus dargestellt mit acht Begleitern. Unerhört an diesem Altar ist die Harmonie: keine Figur, keine Gruppe steht allein, jede ist durch kühne Linien mit den anderen verbunden, mächtige Kurven schwingen herüber und hinüber, an allen Ecken sind die Gewänder gebauscht und zerwühlt, und doch steht alles fest in dem tektonischen Bau des Ganzen. Hempel sagt dazu:In seinem unergründlichen Reichtum, in der Viel­fältigkeit seiner Formen, in dem überströmenden Leben ist der Altar ein echtes deutsches Kunstwerk."

(verantwortlich: vr. Hans Thhriok. Druck undDerlag: Brühllche Univerf iiätsdruckerei R. Lange, Gießen.