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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (958
Hreitag, -en (6. Dezember
Nummer 98
Der Kernmacher von Sankt Stephan
Lin heiterer Llebeoroman von Alfons o. Lzibulka
«kopyrlght by A. G. Colla'sche Buchhandlung Nachfolger/ Stuttgarl
8. Fortsetzung.
Brand, der am Fensterbrett saß, Keß die Flöte sinken und legte den Finger an den Mund: „Schrei doch ntt so, Kirndorfer!"
„Ja warum denn nicht? — Oder hast du mit der List no nrt q'redt?" Der Kerzelmacher schüttelte den Kops und legte das Instrument in den Kasten.
Kirndorfer hieb ihm freundschaftlich auf den Rücken. Er nahm heute nichts krumm. „Macht auch nix! Drum stoßen wir heute doch noch aus ernen glücklichen EH'stand an. Verlaß dich drauf, Brand! — Den richtigen Wein hab ich auch schon dafür."
Der Wachszieher seufzte und schloß den Flötenkasten. Er bezweifelte, daß dieser Ehestand gar so glücklich sein werde.
Der Weinkönig schüttelte den Kopf: „Komisch bist manchmal schon, Brand — aber jetzt fahr' ma, sonst brennt der Braten noch an —" An der Türe blieb er noch einmal stchen: „Und gelt, Brand, ja hast du ja schließlich schon g'fagt, und das gilt!"
- Der Seelenzustand des Aloisias Brand wurde durch diese leise Drohung nicht besser. Aber er -bezwang sich, denn er wollte der List, die seit zwei Wochen heute wieder zum erstenmal trällerte und pfiff, nicht den Tag verderben. Als er hinaus auf die Treppe trat, ließ er sogar den fröhlichen Pfiff ertönen, mit dem er, wenn er bei guter Laune war, setne-n Hausstand zu versammeln pflegte.
1 Als sie dann hinunter über die Stiege gingen, sahen sie durch den dunklen Rahmen der offenen Türe schon die Beine der Pferde auf dem glitzernden Schnee und die Köpfe der Neugierigen zwischen Schlitten und Haus. Der Bursche des Leutnants war nicht der einzige gewesen, dem die Vielgratterin gestern erzählt, daß sie alle mitsammen heute nach Nußdorf zum reichen Weinhändler fuhren.
Diesem „alle mitsammen" setzte Johann Kirndorfer freilich fürs erste einen kleinen Dämpfer auf. Als er jetzt neben der List auch die Alte im Sonntagsstaat sah, blieb er stehen: „San Sie aber heut schön, Vielgratterin! Mir scheint's gar, Sie wollen a mitfahren —"
Katharina Vielgratterin versuchte einen lahmen Knicks: „Freilich, Herr Kirndorfer!"
Schmarotzer haßte der $ß eintönig sonst wie den Teufel. Aber heute konnte ihm schon gar nichts die Laune verderben: weder die Seufzer des Brand, noch der Anblick der Alten. Er zwinkerte nur boshaft und meinte: „Eing'laden hab i Ihnen Zwar nit. Aber von mir aus!" Als er dann mit der Lisl am Arm durch das Spalier der Gaffer schon zum Schlitten marschierte, drehte er sich noch einmal um und trompetete laut: „Kommens nur, Vielgratterin! Ohne Drachen soll ma die Jungfrau Nit lassen!"
Als Hausvater kam Aloisias Brand auf die rechte Seite des Schlittens zu fitzen, daneben die List und auf dem Rücksitz die Vielgratterin, di-e zwar die Frau Tant und weiß Gott bei Jahren war, aber doch auch zum Gesinde gehörte-
Johann Kirndorfer half noch der Lisl in den Fußsack aus Bärenfell, nicht ohne schallend zu verkünden, daß ihm das Stück zwanzig bare Gulden gekostet. Als er den kleinen, zart gefesselten Fuß mit seinen groben Pranken umfaßte, dachte er an das Glück, das fein Franzl eigentlich habe, lieber die Kirndorfenn ließ er nichts kommen. War eine brave Frau. Aber das schlanke Fußwerk der List hätte ihm schon besser gefallen als die Christbaumbretteln seiner Alten Jünger, jünger sollt man halt sein! Beinahe zärtlich breitete er die Decken über die Knie der Demoifelle und notgedrungen auch über die Beine des Brand. Dis Vielgratterin mochte zusehen, wie sie selber ihr Gebein vor der Kälte bewahrte. Dann kletterte er guf den Kutschbock, griff nach Zügel und Peitsche und schnalzte. In raschem Trab umfuhr er zwischen Chor und Domherrenhäusern das Münster.
Als er eben gegen die Rotenturmstraße einbog, trat gerade der Regenschori Matthias Wimmer aus dem Dom, aus dem noch vereinzelte Kirchgänger kamen. Auch Matthias Wimmer war bester Laune. Eben hatte er erfahren, daß er übermorgen an Stelle des Ritters Gluck, den der Leibarzt van <5mieten ins Bett gesteckt hatte, im Betfsin der Kaiserin die Messe anläßlich des Geburtstags der jüngsten Erzherzogin dirigieren sollte. Kein Wunder, daß er außer Rand und Band vor Seligkeit war. Den Dreispitz in der Rechten, den Geigenkasten in der Linken haltend, stellte er sich mit ausgebreiteten Händen gerade vor
Glück"'v e rk ünden tlin9cnÖcn ®efäi>rt entgegen, um den Brands sein mruborLer in verwandter Seelenstimmnng gar an^t er,t, r^en- Wahrend er noch parierte, rief er schon: „Jessas der Wimmer! Steigens nur ein! Musik können ma heut brauchen!?'
Matthias Wimmer protestierte: „Ich kann doch nicht, Herr Kirn» dorfer. Meine Alte wartet doch mit dem Sonntagsbraten auf mich!"
„Den - gibt's bei uns a. Zu an Sonntagsbraten hat's beim Johann teilen‘’ripL n° Qna>x 9 lat?9L ~ Einsteigen, sag i!" Gnaden auszu- Nußdorfer'^Weinkönig. Einladung beim
Wimmer wehrte sich. Da bemerkte Brand an einem der geöffneten gen-fteT des vierten Stockwerks den neugierig herunterspähenden Kops der Wl-mmerin und grüßte. Sie hielt gerade Ausschau, ob ihr Eheherr nicht am Ende mit einem seiner hübschen Flederwische flaniere Kirn- S hvb den Schädel und brüllte zum Fenster hinauf, daß die -scheiben klirrten wie Anno 1683, wenn von den Wällen die Grobstücke gegen die Türken donnerten: „Der Wimmer fahrt mit uns nach Nußdorf "aus und wanns no soviel schimpfen!" Dann griff er mit der Rechten nadj bem Kragen des Musikus, der immer noch unschlüssig neben dem r*nä v"‘Ö 'du mit Schwung neben die Vielgratterin. Wahrend schon die Pferde anzogen, hob er noch einmal das Haupt: Ä; emnn^5la'U m,nntS a. morgen no essen!" Den im hohen C trom- peteten ®roteft der Wimmerin horte er nicht mehr. Cs war ihm auch gleid). Mupk war an einem solchen Tage vonnöten. Auch wollte er dem - zeigen, daß er mit seinem Geraunz im „Silbernen Schneck"
nicht recht gehabt hatte. ’
Zwischen den Häusern, in deren Mauern noch die schwarzen Türken, kugeln steckten, am Schanzt vorbei, wo an Wochentagen die Fischweiber lärmten, fegte der Schlitten zum Roten Turm, tauchte durch das Tor m das hallende Dunkel unter der Stadtmauer, hob sich wieder ins Frete und polterte über die hölzerne Schlagbrücke des Donauarms auf "b'ien Uferbollwerken im Sonntagsstaat die Schisser über ihren Flößen uni) Rillen [tonben, in bic 93orftabt hinaus. Die Sonne btcrvbetc von ben weißen Hängen der Weinhügel, leuchtete von den gelben Mauern und
Jalousien der Häuser und glitzerte noch von den dunklen Forsten des Wiener Waldes, über dessen noch fernen, leichtverschleierten Hügeln und Bergen stahlblau und hoch der Himmel stand. Und weil der Reoens- chon seine Späße trieb — er wollte den Tag recht genießen, ehe chn dann am Abend das Gekeif feiner Alten empfing —, der Fahrtwind die Lungen füllte und rascher das Blut durch die Herzen jagte, wurde es ein fröhliches Fahren.
Als die letzten Häuser von Lichtenthal hinter ihnen versanken, schien dem Nußdorfer Weinkönig der Augenblick gekommen, der Demoijelle Brand zu zeigen, was sein Marstall vermöge. Wieder schnalzte er mit ber Zunge und strich mit der Peitsche sonst um die Ohren der Pferde. Die Gäule griffen aus, daß die Schneebrocken von den Hufen flogen und der glitzernde Schnee leise unter den Kufen zu fingen begann Auf ber von Schneedämmen verengten Straße sprangen vor ben warnenden Zurufen des Kirndorfer lachend ober fluchend die Menschen zur Seite, die aus ben Kirchen kamen und den Wirtshäusern zustrebten Der Schlitten brauste vorüber, daß sich im Luftzug die Schneelasten von den schwarzen Aesten der Bäume lösten Kirndorfer hatte wieder einmal recht: rascher fuhr auch die Kaiserin sechsspännig nicht.
Ferne hinter dem Schlitten galoppierte ein Reiter.
Man war an der Donau. Hinter den noch weißverhängten Weiden drehten sich die Eisschollen im gurgelnden, wirbelnden Strom. Der Frühling war nahe, lieber dem fernen Gebirge im Süden hob sich schon der heiße Atem des Föhnsturms. In dem braungelben Wasser zwischen den Schollen blitzte da und dort schon die Bläue des Himmels.
Der Reiter kam näher. Sein weißer Mantel flammte m einer Wolke von Sonne und stäubendem Schnee. Matthias Wimmer bemerkte ihn zuerst. Auch Elisabech Brand sah sich um.
„Wird ein Kurier für die Armee fein", meinte der Kerzelmacher.
Der Regenschori nickte: „3s leicht möglich. Es heißt ja, daß wieder marschiert wird —"
„3a, und daß der König von Preußen diesmal gar bis nach Wien rücken will." Brand sagte es ernst.
Der Weinkönig wandte ben Kopf: „Mein Wein und deine Lebzelten kaufen uns auch die Preußen ab." Geld war dem Kirndorfer die Haupt- 'ache. Es mar ihm gli.ich, wer es zahlte. „Sollen halt unsere Soldaten zeigen, was können! Wozu Hammers denn? Kosten uns eh g’nug Geld!"
So nahe war jetzt der Reiter, daß man schon ben Galoopschlag und das Schnauben seines Pferdes vernahm. Kirndorfer blickte sich böse um. Der wollte wohl den Schlitten überholen? Wäre noch schöner, Bürgersleute bei ihrer Sonntagsfahrt zu stören 1 Er ließ die Peitsche knallen. Die Pferde legten die Ohren zurück. Der Schlitten wischte und ruckle


