Eine Hütte mit goldenem Dach.
Erzählung von Sorge Spervogel.
Keiner von den Jungen der Patina wird diesen Abend vergessen. Wir faßen auf der Lukenkante im Lee des Mittelschisfaufbaues und sahen die Sonne hinter die Kimm gehen. Es war ein kühler, klarer Abend mit ressem Wind aus Nordwest. Unsere Biermastbark lag vor Anker, weil der Schlepper zu schwach war, sie genau gegen den Wind durch das schmale Wasser zwischen Neuwerk und dem Bogelsand zu bringen. Alle Sande ringsum, noch naß vom fallenden Walser, spiegelten die Helligkeit des Himmels wider. Dadurch ging der Horizont unsichtbar in sie über, und weil er nun, ein gutes Stück tiefer, durch die schwache Brandung begrenzt wurde, sah die Erde ganz klein aus, eine Kugel mit deutlicher Rundung.
Im Westen war der Himmel rot, darüber gelblich, dann grün und in der Höhe immer blauer. Als der Segelmacher vorüberkam, nahm er die Pfeife aus dem Mund und fragte, ob ihm wohl einer sagen konnte, warum der Himmel fetzt rot und grün wäre.
Niemand antwortete vorerst. Er hatte immer solche Fragen im Sinn, und er war auf die genauesten Erklärungen versessen. Wir hatten bald herausbekommen, daß er nur nach Dingen fragte, über die er selbst nicht klar war, und wenn man sich bann herausziehen wollte, trieb er einen in die Enge, und am Ende fragte er meist mit seiner Stimme, die immer ruhig vor Nachdenken war, ob wir denn nun aus Schule gewesen wären oder nicht: das Schlimmste aber, was man tun konnte, war zuzugeben, man hätte es vergessen. Ionni Brackwoldt zum Beispiel, von dem er erfahren wollte, wie eigentlich Stickstoff aus der Luft gewonnen wird — daß man so etwas gewußt haben und dann einfach vergessen konnte, er begriff es nicht und glaubte es nicht.
Aber warum ist nun der Himmel abends rot? Wir brachten nichts darüber zustande. Anstatt den Kopf zu schütteln wie sonst und wegzugehen, blieb der Segelmacher, dieser alte Mann, den wir gor nicht recht bei uns haben wollten, da stehen und sah die Sünde und den Himmel an, schließlich setzte er sich gleichfalls auf die Luke. Schon während er seine Pfeife neu stopfte, kam er ins Erzählen. Die Welt fab so klein und rund aus, er nun, er saß da zwischen uns jungen Kerls und war alt und hatte so viel mitgemacht in feinem Leben, und wenn er es jetzt ansehen mochte, war es wohl doch nicht viel oder nun weniges vielleicht, das gelohnt hatte, und davon begann er uns zu erzählen.
Er war einmal Goldgräber gewesen.
Wir hörten zu.
Goldgräber In Alaska. Neun Jahre lang. In der Gegend von Nome, fagle er, hatte ich einen Claim, die Suchrechte für ein großes Stück Land an einem Creek entlang Ein Creek ist ein Bach. Man fängt immer an
bet Mündung eines Creek an zu suchen und geht bann nach und nach baraii entlang bis ins Gebirge hinauf. Ich baute mir eine Hütte unten an ber Bucht unb ging ans Waschen. Man wäscht bas Golb aus bem Sand- kies. Ich fand auch etwas, der Creek führte Gold. Wenn es nicht viel war, so zeigte es immerhin, daß überhaupt etwas da war. In den Sommern wusch ich unb fing Fische, viel Lachs ist da, in den Wintern war ich in Nome Ich fand immer gerade so viel, daß ich ganz schön zu leben hatte, unb Nome ist teuer. Ich wartete Immer, baß ich einmal eine richtige Pocket finben sollte. Pocket ist eine Stelle, ein zugeschüttetes Loch, ein alter Strudel im Bett des Creek ober wo er früher einmal geflossen ist, eine Stelle, wo sich bie Nuggets angesammelt haben burd) ihre Schwere und nicht weitergeschwemmt worden sind. Nuggets heißen die Goldkörner, die das Wasser aus bem Gestein gewaschen hat. Hinter so einer Pocket war ich her. Alle, bie als Prospektor losgehen, finb hinter einer guten Pocket her. Das bebeutet bann mehr als genug für biefes Leben. Ich verstand ja nichts von dem Suchen, als ich danut anfing, aber Ich dachte, man braucht nur etwas Glück, und warum soll man nicht Glück haben?
Nach neun Jahren war ich mit bem Creek unb ben Nebencreeks unb toten Creeks unb ben Löchern unb allem Kies unb Geröll bis oben in bie Berge fertig. Neun Jahre Lachs unb biefe kleine Sorte Hafen, unb immer bas Mehl, wenn es stockig geworben ist, unb berfelbe Tabak, bie Witterung, wo es nicht einmal richtig bunkel wirb, unb immer fünf Monate ahne einen Menschenlaut unb die sieben Monate In Nome, das war nichts mehr. m
Im neunten Jahr, vier Monate waren draußen um, tarn em Motorboot in die Bucht mit drei norwegischen Leuten. Ich war an dem Tage unten bei ber Hütte unb sah bas Boot kommen. Es waren ruhige Leute, biefe Norweger, sie sahen sich alles an unb gingen ben Creek hinauf, ein kurzes Stück nur; zuerst sagte einer noch einmal etwas, bann waren sie ganz still. Ick, ging Essen machen, Lachs, was sonst, sie tarnen rein unb aßen. Nachher fragten sie nach den Stellen, wo Lachs war. Sie wollten einen Betrieb aufmachen, mit dem Motorboot Lachs fangen und sie in Dosen wegschicken. Sie hatten wohl etwas Geld, das sie anlegen wollten, so oder so. Denen verkaufte ich meinen Claim, ich konnte ja zeigen, daß Gold darin war, und wlr tarnen überein. Ich hatte nie daran gedacht, den Claim so günstig loszuwerden.
Wir fuhren mit ihrem Motorboot nach Nome, um den Vertrag und die Umschreibung bei der Behörde in Ordnung zu bringen. Ich blieb in Nome, well erst In fünf Wochen einer von ben Alaska-Stars zu erwarten war, bie nach Seattle unb San Franzisko gehen. Nach brei Wochen waren bie Norweger roteber zurück mit ihrem Boot, unb bie letzten belbcn Wochen, bis bas Schiff enblich kam, wagte ich mich nicht aus bem Zimmer. Ich hängte eine Decke vor das Fenster unb fetzte ben Schrank gegen bie Tür. ,
Hört jetzt zu, sagte ber Segelmacher, hört genau zu. Ich habe euch btes nicht erzählt, bamit ihr eine Story habt. Einer von ben Norwegern war Ingenieur. Sein Bater hatte ihn auf Schule geschickt, unb ba hatte er etwas gelernt. Er war, so sagt man wohl, Bergingenieur. Er ging ben Creek hinaus unb sah sich um unb erinnerte genau, was ihm seine Lehrer gesagt hatten. Er kaufte mit seinen Makkern ben Claim. Das erste, was B taten, war, bie alte Hütte aus ber Kehr zu räumen. Es war eine Holz- tte, ich hatte sie aus Stämmen gebaut unb verschinbelt unb Moos auf s Dach gebracht. Sie nahmen bas Moos ab. Der Ingenieur wußte, wie Nuggets aussehen. Ich hatte das zuerst nicht gewußt. Er sand Nuggets in ben Wurzeln ber Moosklumpen auf meiner Hütte. Er konnte sich wohl beulen, baß ich nicht weit nach Moos gelaufen war, wo aller Boden über ben Steinen bauen oollftanb. Er hätte das Moos nicht einmal gebraucht, denn er wußte ja von Anbeginn, wo bie Pocket liegen mußte; er hatte (a gelernt, bie Erbe zu lesen. Ich hatte bamats das Moos von ber Stelle genommen, wo ich Ebene brauchte für bie Hütte, unb ba fanb er bie Pocket. Es war nicht viel Arbeit für bie drei, sie auszu waschen. Als sie keine Beutel mehr hatten, nahmen sie Blechdosen für bie Körner.
Neun Jahre lang habe ich auf einem Fußboden aus Gold unter goldenem Dach gewohnt, neun Jahre, unb gesuchl. Neun Tage würben genügt haben, um aufzuheben, was ich hatte — wenn bas Glück mit mir gewesen wäre, bachte ich, als mich bann in Nome bie Scham nicht vor bie Tür ließ, nur eine Spur Glück. .
Glück ... Es ist fünfunbzwanzig Jahre her. Wenn ich bebente, was ich mit bnm Gelbe unb es mit mir gemacht haben mürbe, wenn biefe Spur von Glück wirklich über mich gekommen wäre. Hätte ich gewußt, was ber Norweger wußte, fo wäre es Glück gewesen, ohne ... ohne Gefahr. Aber wenn man nicht bas Wißen hat, etwas zu finben, so ist man auch nicht klug genug, es zu verwenden. Ich, ich hatte nichts gelernt. Mir geschah recht, es war richtig so. Aber lernen unb vergessen, bagegen ist Dummheit unschulbig.
Er ftanb auf: Ich wollte euch nur sagen. Jungen, baß ich mir mein altes Geben nicht benfen kann ohne bie Einsicht, baß Wissen unb — er suchte eine Weile nach bem Wort — unb Lesen können, mit unseren blinben Augen lesen, baß es nichts gibt, worauf es eher ankommt. Das, meine ich, ist Glück. Für mich ... Was macht man sonst, wenn man einfach so lebt ... \
Die leise, nachdenkliche Stimme verstummte. sah nach bem Westen, wo jetzt ein dunkler Hauch von Rot über der See ftanb, verblichene» Grün barüber unb bas schwärzliche Blau der Nacht. Wir alle sahen hinüber.
Wie sollten wir diesen Abend vergessen? Ihn nicht und den Brief nicht, Ionni Breckwoldts Bries. Er hatte ihn noch selbst geschrieben. In Adelaide, wo wir ihn lassen mußten, er hatte Unglück gehabt. Als wir von diesem Hafen in See gingen, wußten wir, daß er nicht durchkommen würde, höchstens ... nein, es kam denn auch fp, und in Hamburg bei der Reederei lag drei Monate lang dieser Bries und wartete aus uns. In ihm stand die Erklärung für das Abendrot. Sie ist so einfach. Ich mag sie nicht aufschreiben. Schließlich sind es Jannis Worte/
Es gelang den Bieren nicht, sich zu dieser überraschenden Schicksals- Wendung irgendwie zu äußern. Wie im Traum wies Edgar aus die Tür zum Balkonzimmer, ging voran unb öffnete.
,Wer ist denn das?", fragte ber Beamte im Eintreten. Ebgar suhlte den Boden unter sich wanken. Am Tisch saß ein Mann unb bemühte sich schwankend, ein Glas Likör feinem Munde zuzuführen.
der Ermordete —", keuchte Edgar mit erstickter Stimme.
„Wie bitte?", fragte der Beamte und entsandte einen mißtrauischen Amtsblick auf die Bier. Aber er wartete vergebens auf eine Antwort. Sie starrten regungslos unb mit hervorquellenden Augen auf bies offensichtliche Wunder einer Auferstehung. . .
„Prost!" lallte der Mann ba unb versuchte sich iah rn eine weltmännische Verneigung zu stürzen. „Ich bin — ber Bräutigam von — °°ngn sechs glühheiße Köpse zischte wie ein eisiger Strahl bie Frage: Wer ist Marie? Nur ber Siebente, ber Hausherr Edgar, wußte es, und ihm chwante Fürchterliches. Wie ein reißender Tiger wandte er sich und wollte mit dem Ausschrei: ,Zch hole sie!" aus bem Zimmer stürzen. Aber sie ftanb schon In ber Tür, Marie, bas Stubenmäbchen — ein tranenuber- ftrömtes Monument tiefster Zerknirschung.
Jawohl, gestand sic unb gab erhebliche Mengen feuchten Schluchzens von sich, ihr Bräutigam habe sie heute nachmittaa besucht, unb als die Herren früher, als erwartet, heimgekehrt feien, habe sie sich nicht anders zu helfen gewußt, als ihn schleunigst auf den Balkon hinauszuschieben. Dort habe er die ganze Zeit gelebt unb vermutlich bem Inhalt einer mit- hinausgenommenen Flasche gefrönt Vorhin habe sie ihm, bamit er nicht so fröre, einen Mantel hinuntergeworfen, ber leider mit des Schicksals gnädiger Hilfe auf die vier Herren gefallen sei. Da sie sich nun entdeckt gesehen habe und die Herren in so fürchterlichem Zorn die Treppe hinaufgestürmt feien, habe sie sich geängstigt und im Herrenzimmer eingeschlossen. Sie täte es bestimmt nie wieder, unb sie sei ja so unglücklich.
„Somit hat also dieser Herr bie Flasche mit ber übelriechenben Flüssigkeit vom Balkon herabgeworfen!" bemerkte ber Beamte nicht ohne Wohlwollen zu ben bisherigen Objekten seiner Amishanblung, bie sich sichtlich bemühten, ihrer grenzenlosen Verblüffung Herr zu werben.
„Woraufhin er einschlief, von uns geweckt würbe unb sich zwecks Fortsetzung seiner Völlerei wieder in dies Zimmer zurückbegab", ergänzte Wilhelm unb blickte stolz ob seiner Sombinationsgabe im Kreise umher.
„Nun aber noch eins", sagte ber Beamte, unb seine Miene wurde toleber ernst. Was war denn nun in ber Flasche?"
„Nitroglyzerin!" meinte Wilhelm.
„Nein — mein Likör!" erroiberte Ebgar empört.
„Das ist dasselbe!" schloß Eberhard bie Debatte.
Und wenn nicht der Beamte zugegen gewesen wäre — wer weiß, ob nicht Edgar nun am Ende der turbulenten Angelegenheit doch noch zu der Körperverletzung geschritten wäre, die ihm bisher so unverschuldet angetaftet worden war.
Derantwortlich; Dr. HanS Thhrivt. — Druck und Derlag: Brühlsch» Universitätsdruckerei A.Lange, Dießen.


