Traum von -er Mutier.
Von Hermann Hesse.
Draußen auf den warmen Wiesen Will ich nach den Wolken sehen Und die müden Augen schließen Und ins Träumeland hinüber Und zu meiner Mutter gehen.
O, sie hat mich schon vernommen!
Leise geht sie mir entgegen, Der ich ferneher gekommen. Meine Stirne, meine Hände Still in ihren Schoß zu legen.
Wird sie jetzt nach Dingen fragen, Die ich nur mit Scham gestehe? Wird sie strafen? Wird sie klagen? Nein, sie lacht! Sie lacht und freut sich Meiner lang vermißten Nähe.
Kleine Kriminal-Komödie.
Von Waldemar Schulze-Sch uchardt.
Es gibt tolle Dinge auf der Welt! Da hatten sie um 8 Uhr mit Kant und Schopenhauer angefangen, waren sich um 9 Uhr über die Frage, >b Hyblskus ein Muskel oder eine Blume fei, in die mehr oder weniger parlichen Haare geraten. Um 10 Uhr hatte Edgar, der dämonische Aus- prüche liebte, die Welt „einen taumelnden Ball" genannt, woraus zu chließen war, daß er das sechste Glas bereits hinter sich hatte. Und wo war nun, um 11 Uhr, das Schifflein ihres Gesprächs gestrandet? Bei etwas, das sie die Morphologie des Kriminalromans nannten. Da sie ßch selber darunter nichts rechtes vorstellen konnten, hatten sie in die Müte der Debatte eine konkrete Säule gestellt: „Das Todeshaus von Greenback", einen Kriminalroman, in dem schließlich als der Massen- moroer ein derart ehrwürdiger Greis entlarvt wurde, daß der Autor m ihm jäh und meuchlings jenen Wahnsinn hatte ausbrechen lassen müssen, der zur Rettung der Wahrscheinlichkeit so häufig auf den letzten Seiten der Detektivgeschichten aufzutreten pflegt.
Da der etwas abenteuerliche Likör, den Edgar selbst fabriziert hatte, das Erwachen ebenso abenteuerlicher Instinkte in ihnen stark begün- stigte, sprachen sie von dem verbrecherischen Genie dieses^ heimtückischen Greises mit einer gewissen Hochachtung. Allerdings waren sie sich darüber einig, daß sie selbst seine gewissermaßen abendfüllende Maske schon viel früher durchschaut haben würden als der unter einem Uebermaß von Schrullen und witzigen Aussprüchen dahinwankende Inspektor von Scotland Uard.
„Schon der Umstand", sagte Eberhard mit verächtlich geschürzten Lippen, das sich unter dem Fingernagel des Buchhändlers Blütenstaub aus der Südostspitze von Sussex fand, hätte den Inspektor geradenwegs auf den Täter Hinweisen müssen!"
Jmnierhin hätte diesen Staub an Stelle des Toten auch eine Biene nach London bringen können!", gab Wilhelm zu bedenken, woraufhin sich eine längere Debatte über die Flugsähigkeit dieses Insekts erhob. (Wenn Frauen wüßten, worüber sich ernsthafte Männer in ihren Mußestunden unterhalten!)
Zu seinem Schaden stellte dann Wolfgang die schlichte Frage, ob man überhaupt verlangen dürfe, daß der Inspektor diesen Staub entdecke. Denn nun fielen sie alle über ihn her und erklärten es für die natürlichste Sache von der Welt, daß man einem Mann, den man im Straßengraben aufsände, zunächst einmal unter die Fingernägel schaue.
„Gerade diese Kleinigkeiten", dozierte Eberhard sind sah ziemlich bedeutend aus, „sind für den wahren Kriminalisten ungeheuer wichtig, und aus einem einzigen Stäubchen kann man die ganze Lebensgeschichte eines Mannes rekonstruieren!"
Das war ja nun ein etwas kühner Vorstoß. Aber Eberhard zuckte nicht mit der Wimper, als die andern ihn nun schnurstracks ersuchten, diese Behauptung durch eigene Produktion zu erhärten.
„Die durchgestoßenen Ecken deines Kragens beispielsweise, mein lieber Edgar", Hub er an, „zeigen deutlich —"
Weiter kam er leider nicht, denn Edgars Kopf glich bereits einem Zum Platzen gefüllten Kirmes-Luftballon. Das fei eine bewußte Gemeinheit, stieß er empört hervor, er habe nun einmal nicht die Mittel, sich' jeden Tag drei neue Kragen zu kaufen, und er betrachte das als eine persönliche Kränkung. Es bedurfte jedenfalls eines erheblichen Aufwandes an Palmzweigen und Friedensflügeln, um den Wütenden wieder in den Normalzustand zu versetzen. Recht eigentlich gelang es erst, als Wilhelm zur Ablenkung die Einzelheiten eines haarsträubenden und un- Semein komplizierten Verbrechens mit so zwingender Gewalt zu schildern begann, daß sogar die abgehärteten Sinne seiner drei Zuhörer ins Schwimmen gerieten und Edgar mit schweißbedeckter Stirn aufstand, um hie Balkontür zu öffnen.
Ja, und da geschah es. Als er sich, befriedigt über die hereindringende kühle Nachtluft, wieder ins Zimmer zurückwandte, starrten ihm dort drei derart kalkweiße Gesichter entgegen, daß es ihn eiskalt überkam.
„Was ist —?", brachte er schließlich hervor.
„— da —", schluckte Eberhard mit heiserer Stimme und wies mit kinem bedenklich zitternden Zeigefinger aus die Balkontür. Edgar dreht«
sich wieder um und — ja, so muß es fein, wenn dos Fallbeil fjerniebett faust, dachte er blitzartig.
tinte untere Ecke der Oesfnung ragte von draußen ein menschlicher Fuß herein. Auf dem Balkon lag ein Mensch! Edgar fuhr sich mit öer Hand über die Augen und sah dann abermals hin (denn er hatte im Silm gesehen, daß sich überraschte Leute so zu verhalten haben) — nein, es roar nicht der Likör, der Fuß blieb! Vier von Gänsehäuten bedeckte Manner rangen sich endlich zu der bekannten Frage durch: Was nun?!
„Seite 10. Fassungsloser Butler entdeckt Mord!", flüsterte Eberhard m,t einem gequälten Lächeln. Schön. Aber was tat der bedauernswerte Mr. Smith bann? Er tzriff zum Telephon und — nein, selbst ist bet Mann, besonders wenn man zu viert ist. Wie vom gleichen Gebanken getrieben, standen sie aus und bewegten sich sachte aus die Balkontür zu.
„Es ist ein Herrenschuh, also ist es ein Mann!", stellte Wilhelm fest, und alle nickten eifrig als freuten sie sich über diesen ersten Anhaltspunkt zur Aufklärung des Mysteriums. Und angesichts dieser wohltuenden Zustimmung zu seiner kriminalistischen Theorie richtete sich Wilhelm hoch auf, trat näher hinzu und lugte behutsam um die Ecke auf den Balkon hinaus.
Als die übrigen sahen, daß er trotz dieses waghalsigen Beginnens am Leben blieb, ruckten sie näher zu ihm auf und drängten ihn in das futjle Dunkel der Nacht hinaus. Dann sahen sie, wie er sich über etwas Schwarzes nieberbeugte.
„Kommt her! Er riecht nach Nitroglyzerin!", flüsterte feine Stimm« erregt zu ihnen her.
„Also vergiftet!", konstatierte Eberhard mit einem Schauer im Tonfall. Da ihnen also von dem unbekannten Herrn keine Gefahr mehr zu drohen schien, versammelten sie sich um ihn und begannen in blitzschneller Kombination ihre Mutmaßungen auszutauschen.
„Wie konnte das geschehen?!" — „Hier auf dem Balkon!" —
„Die Tür war geschlossen, und wir saßen im Zimmer!" — „Wie kam er überhaupt auf den Balkon?"
Eberhard beugte sich in hellem Eifer so weit über die Brüstung, daß ihn nur der rasche Zugriff Wilhelms vor einem jähen Absturz bewahrte. „Es ist keine Leiter zu sehen!"
„Sieh doch mal unter feinen Fingernägeln nach!", forderte ihn Wolfgang auf.
Aber noch ehe Eberhard diesem Wunsche nachkommen konnte, geschah das zweite Furchtbare. Plötzlich kam etwas Schwarzes auf sie herunter- geflattert und hüllte ihre Häupter in undurchdringliches Dunkel. Man weiß, welche Kräfte die Todesangst gebiert, und [o ist es verständlich, daß schon eine Sekunde spater die Vier so grimmig gegeneinander fochten, als seien sie von Kindesbeinen an Todfeinde gewesen. Dennoch dauerte es geraume Zeit, bis sie sich zerzaust und in malerischer Unordnung verstreut wiedersanden und als friedlichen Urheber ihres Kampfes einen großen schwarzen Mantel erkannten, den irgendein Unhold auf sie herab gesenkt hatte.
„Der Mörder ist noch im-Hause!", keuchte Edgar. „Er ist über uns in meinem Arbeitszimmer!"
Sie sahen sich einen Augenblick unschlüssig an, aber bann dachten sie z an den großen Kriminalinspektor Bully, der ganz allein in das Todeshaus von Greenback eingebrungen war — „Hinauf!" rief Wolfgang, unb schon sausten sie wie eine Meute losgelassener Bluthunde auf die Diele hinaus.
„Halt! Vorsicht! Vielleicht sind Seile gespannt!", zischte Eberhard und . dachte an Band 32: „Das Geheimnis der Themse". Aber die andern polterten schon die Treppe hinauf und so konnte er ihnen nur noch zu- rufen, er bleibe unten, um „bas Gelände zu sichern" und die Reserve zu bilden. In jeder anderen Situation hätten sie diesen Vorschlag als feige Ausrede gebrandmarkt, aber diesmal hatten sie Blut geleckt und stürmten unaufhaltsam weiter.
Da war die Tür — von innen verschlossen! Und von drinnen — Himmel! — drang ein weiblicher Aufschrei hervor. Keuchend standen sie da, und ein unheimlicher Schauer kroch ihnen über den Rücken.
„Werfen Sie sich dagegen, Sergeant!", herrschte Edgar den neben ihm stehenden Wilhelm an. Der streifte mit einem etwas mißtrauischen Blick die schwere Tür und dachte offenbar über die Folgen komplizierter Achselbrüche nach. Aber bann nahm er einen gewaltigen Anlauf, stieß vor — und lanbete haargenau am Türpfosten, so daß er schmerzerfüllt in die Knie sank. Edgar sandte einen verzweifelten Blick gen Himmel, aber ehe noch seine Augen die Horizontale wieder erreicht hatten, dröhnten plötzlich drei dumpfe Schläge von unten her durch das stille Haus.
Schreck und Erstarrung! Heilloser Zwiespalt! Drunten war Eberhard vielleicht in Gefahr, aber hier oben saß der Mörder ober vielleicht gar — Sensation! — die Mörderin!
„Die Tür bekommen wir doch nicht auf. Hinunter!"
Wie die Windsbraut (Sie kennen die Dame doch?) sauste die ganze Kavalkade wieder die Treppe hinunter. Es klang, als trampele eine Herde holsteinischer Ackergäule über eine Holzbrücke. Aus der Diele stand Eberhard und warf gerade mit einem Aufschrei ein Streichholz fort, das ihm die Finger verbrannt hatte.
„Ick kann den Schalter nicht finden!" stöhnte er aus der Dunkelheit her. Edgar machte, Licht.
„Woher kam das Klopfen?", fragten sie gierig.
„Vom Eingang her, glaube ich!"
,Ha, Scotland Pard greift ein!", schrie Edgar triumphierend und öffnete stolz die Tür. Und wirklich, vor ihm stand ein Polizist. Aber mit ihm war noch ein Mann da, der recht giftig dreinschaute. Aha, das schien der Mörder zu sein. Dankbar wollte Edgar den Beamten umarmen, aber der schob ihn brüsk zurück.
„Meine Herren, es ist hier vorhin eine Ftasche mit einer übelriechenden Flüssigkeit vom Balkon herabgeworfen worden. Dieser Mann wurde getroffen und verletzt. Das ist Körperverletzung, ich muh Sie vernehmen. Haden Sie «in Zimmer dazu frei?"


