Bon der Gartenmauer, z« der sich die Himbeeren hinzogen, kam ein scharfer Pfiff. Es waren die drei ersten Takte des badischen Revolutionsliedes, des Heckerliedes.
Christine sah auf. Ihr schmales Gesicht, das eben noch im Schatten eines tiefen Kinderkummers lag, wurde hell. Sie führte den Zeigefinger der rechten und den der linken Hand in die starken Mundwinkel und gab einen schrillenden, jagenden Pfiff von sich. Dann zog sie die Finger heraus, spitzte den Mund und pfiff die drei nächsten Takte des Heckerliedes. Sie blieb sitzen und blickte gespannt nach der rötlichen, von der Zeit verblaßten Ziegelmauer, die durch das noch dichte Grün der Him- beerpslanzen schimmerte. Auf der Mauer, an der Stelle, wo die Flaschenscherben, die man darausgemauert hatte, sorgfältig ausgebrochen waren, erschien die lange, schmale Gestalt eines jungen Menschen. Sie stand dort oben einen Augenblick in der hellen Nachmittagssonne, die blonden Haare bogen sich im Winde, wie die Silhouette eines griechischen Jünglings, der nach Norden verschlagen wurde, dann ein kurzer Aufschlag im sandigen Boden, Rascheln der Blätter, und Peter stand vor ihr. Er sah mit einem Blick das Blut am Kleid.
„Da kriegst du doch Hiebe", sagte er lakonisch. „Warutn wäschst du es nicht aus?"
„Peter, du kommst dir wieder groß vor und bist ganz blöde! Ich habe Hausarrest, bin heruntergesprungen auf den Hof und dann bin ich hierhergehumpelt wie ein lahmer Hund. Wie soll ich auswaschen? Sobald ich in den Hos gehe, wo der einzige Brunnen ist, werde ich geklappt."
„Ob er die Flucht gemerkt hat, steht nicht fest?"
„Weiß ich nicht", sagte Christine. „Es ist ja erst fünf Minuten her." „Schön", sagte Peter, „aber das Blut im Kleid, das sind Tatsachen, das kapiert er. Warte, ich laus« zu uns und komme mit einem Eimer Wasser wieder."
Peter war mit drei Schritten an der Mauer, schmiß sich im Klimmzug hoch, warf das rechte Bein hinüber, stand einen Augenblick auf der Mauer und sprang dann ab.
Christine sah auf den blutigen Fleck ihres besten Kleides, das bis zu den Knöcheln fast ging, ihr Stolz. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Warum hatte sie das Kleid nicht ausgezogen! Ihr fiel ein, daß sie vielleicht daran gedacht hatte, Peter zu begegnen. Ihr fiel ein, daß so ein Satz in ihr gewesen war, man sollte in die weite Welt gehen, für immer fort von hier, und dazu brauchte man das beste Kleid, das war doch klar. Außerdem, Peter hatte so eine niederträchtige Art, einen wie ein halbes Kind zu behandeln, seitdem er in der Prima war! Das neue Cheviotkleid hätte eine solche Behandlung von vornherein unmöglich gemacht. Außerdem, vor vier Wochen wäre sie vielleicht noch ohne Kleid heruntergesprungen. Da war sie ein Junge, sie war noch ein Jung«, aber es war so eine dumme Einbildung, sie wußte, ein« ganz dumm« Einbildung, sie hätte sich vor Peter säst geniert. Vielleicht auch nicht. Aber der Peter war in letzter Zeit albern geworden, ausgesprochen albern, so albern wie die ganzen Jungens. Sie konnte das nicht ausstehen, wenn sie Augen machten so wie gestochene Kälber. Ach, es gab doch so viel Mädchen in der Welt und so viel hübsche. Nun hatte man die Bescherung. Der Peter hatte ganz recht: An dem Blutfleck würde jede Ausrede scheitern, selbst wenn es gelänge, unbemerkt ins Haus zurückzukommen.
Da klang schon der wilde Pfiff des Revolutionsliedes. Peter rief: »Du bist ganz verrückt, Christine! Willst du mir den Eimer vielleicht abnehmen!"
Sie humpelte zur Mauer. Er hob den schweren Kücheneimer, es war ein halsbrecherisches Kunststück, auf die Mauerkrone. Dann setzte er sich daneben und reichte ihn vorsichtig herunter. Christine hob die dünnen Arme. Als sie sich aufreckte, schmerzte das Knie unerträglich, ober sie biß die Zähne zusammen. Sie nahm den Eimer, sie setzte ihn auf die Erde, dann brach sie zusammen.
Peter von Kehl stand ratlos neben ihr. Er sah auf das schmale, blasse Gesicht, in dem die klugen Augen nun geschlossen waren. Er sah auf die dünne Batistbluse, die sich leise hob und senkte. Er sah auf den Blutfleck in dem weißen Cheviotkleid und auf die kleinen Füße in Wildlederschuhen, die unter dem Rande hervorsahen. Er atmete tief. Er tauchte feine großen Jungenshände in das kühle Wasser und sprengte ihr ein' paar Tropfen über das Gesicht. Dann wurde er entschlossener und legte ihr feine nasse Hand auf di« Stirn.
Christine schlug die Augen auf. Er wollte die Hand zurückziehen, die wilde Christine mochte eine Bewegung mit ihrer Rechten und hielt die Hand fest. Er kniete neben ihr.
„Was tut dir weh, Christine?" fragte er.
Christine schloß wieder die Augen: „Es ist gar nicht so schlimm, Peter", sagte sie ganz leis«, während die Lider sich langsam «in wenig öffneten. „Es ist gar nicht so schlimm!"
Da beugte sich Peter von Kehl ein wenig nieder, sah aufmerksam In diese großen grauen Augen, die ruhig seinem Blick standhielten, und küßte die breiten, kühlen Lippen.
Christine wehrte sich nicht. Sie ließ die Lippen fest geschlossen: während sie den sanften Druck verspürte, dachte sie: Es ist gor nichts daran, aber auch gar nichts.
Sie fuhr ihm mit der rechten Hand über das Haar. Es war einen Augenblick, dann stieß sie ihn zurück: „Peter! Peter, du bist verrückt! Peter, das ist gar nicht anständig, ich kann mich doch nicht wehren! Peter, du bist ein Schuft!" Sie boxte ihn mit kleinen schnellen Boxhieben gegen die Schulter.
Ach, als Peter ein erwachsener Monn war und vor Arras lag, sah er in seine Jugend hinein, fühlte eine kleine schnelle Folge von Hieben einer Mädchenfaust und die Stelle an der Schulter, durch die eine französische Kugel gegangen war, schmerzte säst gar nicht mehr.
Peter also erhob sich, sah auf das liegende Mädchen, das sich nun auf die Arme stützte, und sagte: „Du nimmst das vielleicht zurück?"
„Nichts nehme ich zurück", sagte Christine. „Du warst schlecht, schlecht,
schlecht! Du wirst nie anders als schlecht fein!*
„Dann werde ich gehen", sagte Peter.
„Das sieht dir ähnlich! Was wird dann aus meinem Kleid?"
Peter drehte sofort um: „Wollen wir uns w'edcr vertragen?' fragt« er.
Christine gab ihm die Hand: „Gut, aber nie wieder!"
„Bis zum nächsten Mal!" sagte Peter.
„Dann ist unsere Freundschaft aus, ich schwöre dir, sie ist aus! Ich kann keine Jungens leiden, die die Mädchen abküsfen, ich finde Küssen widerlich!"
„Ich nicht", sagte Peter. „Ader ich verspreche..."
„Ehrenwort?"
„Ehrenwort!"
„So", sagte Christine. „Ach, was bist du für ein komischer Junge! Was machen wir nun?" Sie saß aufrecht.
„Du mußt den Rock ausziehen", erklärte Peter. „Ich werde ihn waschen."
„Du bist verrückt!" erklärte Christine. „Völlig verrückt!" Sie wurde plötzlich dunkelrot: „Dreh dich um!"
„Aber Christine!" sagte der Junge nun verblüfft.
„Dreh dich um!"
Er blickte zur Mauer, wo man über der Krone die großen roten Aepfel des väterlichen Gartens erblickte. Mit dumpfem Schlag fiel eine reife Frucht auf den Rasen jenseits der Mauer.
Christine hatte den Rock ausgezogen und saß nun da in ihren Schlüpfern mit zerrissenen seidenen weißen Strümpfen, die Beine hach s gezogen, die Hände darumgefaltet, und starrte auf die Wunde am Knie.
Peter tauchte vorsichtig mit großer Geschicklichkeit die eine Seite des Rockes in den Wassereimer. Das Wasser färbte sich rot.
„Viel Blut!" rief er über di« Schulter zurück zu Christine.
Er schwenkte und rieb den Stoss. „Man müßte das Wasser erneuern!" sagt« Peter. „Aber mit der Mauer, das gibt Wirtschaft, und das Abnehmen vom Eimer", sagte er listig, „ist dir schlecht bekommen."
„Würde ich auch gar nicht", sagte Christin«.
„Also wart« mal!" Er schob sich durch die dichten Himbeeren vorwärts wie ein Indianer und sah den Leitungsanschluß für den Gartenschlauch im vorderen Teil des Gartens.
„Es ist niemand da! Henriette, die alte Petze, schläst ja seht!"
Er hängt bas Kleid über einen der Drähte, die gezogen waren, um den Himbeerpflanzen Halt zu geben. Die Ranken bog er vorsichtig beiseite, bann goß er bas blutige Wasser aus und sprang mit ein paar Sätzen zu dem Anschluß. Er trug den Eimer in ber Hand und sah Christine sitzen.
Sie lächelte: „Du spielst immerzu noch Indianer, Peter! Ach, ihr Jungens werbet ja nie erwachsen!"
Er stellte den Eimer vor sich nieder und sagte: hübsche.Beine hast du, Christine!"
Sie erwiderte nichts, streckte das eine Bein lang aus und begann, den Strumpf auszuziehen.
„Du bist ein Affe! Ich muß beide Strümpfe ausziehen, und wir müssen sie hier vergraben, bann sind sie eben weg." Vorsichtig löste sie den zweiten Strumpf. Sie stöhnte ein wenig.
„Tut es weh?"
„Unsinn, es tut gar nicht weh! Aber du könntest ein bißchen ziehen: helfen."
Vorsichtig zog er an dem Strumpf und hielt einen Herzschlag lang das dünne, schlanke Mädchenbein in seiner Hand. Sie sprachen beide: kein Wort. Er grub mit der Hand — es war nicht leicht — in der Gartenerde eine kleine Vertiefung, und bann tat er die blutigen Strümpfe: in bie Heine Grube, die er wieder beberfte.
„Verdammt!" sagte er. „Das hätte ich nachher machen müssen, jetzt wird das Wasser doch schwarz, wenn ich das Kleid zum zweitenmal! wasche!"
„Laß sein, ich werde es tun", sagte Christine. Sie erhob sich ganj unbefangen, nahm das Kleid und wusch es zum zweitenmal und hängte es dann in die schon schräg fallenden Strahlen der Sonne. Dann ging, sie ein paar Schritte bis zur Mguer, lehnte sich mit dem Rücken dagegen, und Peter setzte sich neben sie.
„Du bist eigentlich ein großartiges Mädchen, Christine!" sagte er.
„Ach, mir geht es schlecht, Peter, da nützt alles Großartige nichts! Ich halte es nicht aus da!" Sie zeigte nach der Villa. „Manchmal denke ich ja, er meint es ganz gut, aber dann kommt die Wut. Er ist ein Pe> dank, er ist ein Pfennigfuchser, er versteht mich auch keinen Augenblick! Weißt du, nach wem ich mich manchmal sehne?"
„Nein", sagte Peter. „Ich sehne mich überhaupt nicht, wie sthni man sich?"
„Nach Großvater. Er hat mich einmal mitgenommen nach seiner Wein- ftube in der Potsdamer Straße, weißt du! Da saßen lauter alte Herren, ich glaube, es waren alles Exzellenzen. Großvater setzte mich auf einen Stuhl und ließ zwei Kissen unterlegen, und ich bekam Eis, soviel ich haben wollte, weiht du, Eis mit Früchten und Schlagsahne! Papa hätte vor Angst Magendrücken bekommen, wenn er gesehen hätte, was ich alles gegeßen habe. Papa hat ja immer Angst. Großvater aber ließ sich ein halbes Dutzend Speisekarten geben, und auf der Rückseite malte er jeden von den komischen alten Männern mit ein paar Strichen, weißt du. Aber sie sahen nun alle aus wie die Tiere. Der eine wie ein Panther, der andere wie eine Katze, der nächste wie ein alter Hirsch, es war zum Totlachen, denn bie alten Leute rissen sich um die Speisekarten. Und Großvater sagte dazu: „Hier hast du die Exzellenz Uhu", und schenkte sie mir, und bann sagte er: „Wenn sie jemand haben will, meine Freunde, so müssen Sie sie meiner Enkelin Christine abtaufen." Und dann tarnen sie und tauften mir die Karten ab, und Großvater schmunzelte und sagte: „Verlaufe sie teuer, mein Kind! Malen gibt (Bott, Verlaufen ist Bet- standessache! Unter fünf Tafeln Schotolad« leine Karte!"
(Fortsetzung folgt.)


