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________Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1958_________________________Zreitag, ben 16. Zeptember Nummer 72
Christine von ÄkiloLLL
Noman von Rolf Brandt
Copyright bp August Scherl Nachfolger, Berlin
Es sollt« bestimmt ein Sühn werden. Der Sohn sollte Christoph hechen nach seinem Großvater, dem alten Christoph von Rucktasch, dem beruhmiea Maler. Es wurde ein Mädchen. Der Regierungsrat nannte sie Christine. So hieß sie Christine von Rucktasch. Der Großvater war von dem alten Kaiser geadelt worden.
Dies ist der Roman von Christine von Milotti, die als junges Mädchen von Rucktasch hieß und die Enkelin des berühmten Malers des neunzehnten Jahrhunderts war. Sie war nicht schön, aber sie war hochbeinig und hatte ein kühnes, kluges Gesicht, in dem graue, verwegene Jungens- augen funkelten. Auch der Mund war viel zu groß, als daß er in ein Madchengeficht gepaßt hätte. Es war ein gewaltsamer Mund, wie ihn der alte Maler gehabt, hatte. Die Stimme war eine tiefe und tragende Altstimme. Sie konnte schwingen, als ob Metall in ihr wäre, und sie konnte so weich schmeicheln wie eine sonst klingende Abendglocke.
Der Regierungsrat schloß einmal seine Tochter Christine ein, sie sprang vom zweiten Stock der Billa in den Garten. Sie hatte stets zerrissene Kleider und blutende Knie. Sie raufte sich mit den Jungens, sie stahl Aepfel, sie aß am liebsten gestohlenes Obst. Sie tollte mit den Kunden, sie sprang so stürmisch in das Segelboot, daß es beinahe kenterte.
sie sechzehn Jahre war, wäre sie beinahe ertrunken, weil sie über öie Elbe schwimmen wollte und der Strom sehr stark war. In der Ober« fetunöa ohrfeigte sie einen Lehrer, weil er ihr die Hand gestreichelt hatte. S>e war unbändig. Sie lernte überhaupt nichts, aber sie sprach plötzlich, als sei «s ihr angeboren, mit siebzehn Jahren fließend Englisch. „Das muß man", sagte sie, „das muß man können/'
Dies nun ist der Roman von Christine von Milotti.
Exzellenz Christoph von Rucktasch, der große Maler, nahm das Buch der Quäkergemeinde mit zitternder Greisenhand von seinem Rachitisch. Er führt« es dicht an die Augen. Für jeden Tag des Jahres war ein Spruch aufgezeichnet. Für den 13. August 1913 stand da der Spruch: „Selig sind die Fried fertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen."
„Ist auch nicht so leicht, das mit der Friedfertigkeit", murmelte di« Exzellenz. Er seufzte: „Ach, wenn man friedfertig wärel" Sein« Gedanken verwirrten sich, der Arzt nahm das Buch aus der Hand, die es kraftlos hergab, der Atem raffelte, die Augen waren geschloffen.
Als der Arzt nach dem Puls fühlte, legte er die Hand still auf das Bettlaken Der berühmte Maler war gestorben.
Um die Liegestatt des Toten häuften sich die Kränze. Vier Studenten der Kunstakademie hielten in vollem Wichs, die blanken Schläger in der Hand, die Totenwache. Zu häupten des Toten brannten zwei sechsflammige Kandelaber. „Es riecht so schön nach Wachs", hätte der Tote gssagt. Aber er war nun in dem Reich seiner Unsterblichkeit und des Schweigens. Er sah jünger aus im Tode, die hohe, weiße Stirn leuchtete klar über dem ausruhenden Gesicht. Es roch in dem Zimmer ganz stark »ach Lorbeer und welken Blumen.
Christine wurde von dem Baier hereingefichrt. Sie sah das Gesicht »es Großvaters und sah die flackernden Kerzen. Sie weinte einmal laut auf, es war fast kein Weinen, sondern ein Schrei, dann lief sie hinaus.
Als die Leiche eingesargt war, brachte ein Prinz des königlichen Hauses «inen Kranz des Kaisers. Auf dem Marmortisch im Vestibül häuften sich
Telegramme zu hohen Bergen.
Christine hatte ein weißes Kleid an mit einer schwarzen Schärpe. 3bre blonden haare hingen in zwei dünnen Zöpfchen über den schmalen Lücken. Der Vater war völlig verwirrt und konnte kaum die notwendige Haltung zur Repräsentation finden. Am Morgen hatte man das Testament geöffnet, um festzustellen, ob irgendwelche Vorschriften für di« Beisetzung !.n ihm enthalten feien; und der Notar hatte gleichzeitig den Vermögens- ckand aufgestellt. Er hatte dem einzigen Sohn und Erben schonend, aber Mtb recht klar mitgeteilt, daß außer den wenigen noch nicht verkauften Blidern keinerlei Erbmasse vorhanden sei, wohl aber erhebliche Schulden, ©ie alte Exzellenz hatte wie ein Fürst gelebt.
Der Regierungsrat stand am Grabe und drückte Hände und Hände. Neben ihm stand ein kleines, schmales Mädchen, Christine, und sah ernsthaft in die vielen Gesichter, die vorllberzogen. Helme blitzten, Orden klirrten, weiße Frackbrüste leuchteten. Ein Sängerchor sang: „Wenn ich einmal soll scheiden", und die Kapelle des Garderegiments, das der Ber» storbene in seinem großen Bilde „Sturm auf die Kirchhofsmauer" unsterblich gemacht hatte, spielte „Ich halt' einen Kameraden".
Dann ging man in das große steinerne Haus am Wasser, in dem es immer noch nach Lorbeer und verwelkten Blumen roch.
Am nädrften Tage schon veranlaßte der Regierungsrat, daß eine bekannte Maklerfirma das ganze Haus und das Mobiliar zum Berkaus« stellte, schluchzend ging Christine durch die geliebten Räume, streichelt« die hohen Stuhle, die prachtvollen Samtdecken und die kostbaren Teppiche, ging noch einmal durch den Park zum Wasser nach ihrer Liebllngs- bant machte kehrt, verließ den Garten und betrat ihn niemals wieder in ihrem Leben.
Die Auktion der Bilder war ein großer pekuniärer Erfolg. Ein Beauftragter des königlichen Hauses bot unter allen Umständen höhere Summen als die zahlreichen Kunsthändler, Galeriedirektoren und reichen Privatleute, die erschienen waren. Noch einmal ging der Name des großen Meisters bei dieser Gelegenheit durch die Weltpresse. Dann wurde es ftill.
Als der Regierungsrat mit dem alten Iustizrat Tuchmann abgerechnet hatte, zeigte es sich, daß er eigentlich wider Erwarten in der Lage war, die eigene kleine Billa und den Garten zu behalten. Er bezahlte alle Schulden des Vaters, selbst solche, bei denen der Iustizrat Bedenken hatte, ob nicht ein unerhörter Wucher der Fordernden vorlag. Er wünschte nicht, daß ein Geraune um den großen Namen ginge, der Meister fei lemandem etwas schuldig geblieben.
Der Regierungsrat war ein korrekter Mensch. Er trug über der linken Schlafe einen haarscharf gezogenen Scheitel in dem lichtblonden haar, er trug vor den grauen, etwas kurzsichtigen Augen eine goldene Brille. Am liebsten zeigte er sich im Gehrock mit schwarzen seidenen Aufschlägen, das Band des Roten Adlerordens vierter Klaffe im Knopfloch.
Das Leben des Regierungsrates war wohlgeordnet. Um neun Uhr erschien er im Ministerium des Innern, das er mit dem Glockenschlag drei verließ. Dann fuhr er mit der Wannseebahn; und um dreiviertel vier Uhr hatte das Mittagessen auf dem runden Eßtisch im Speisezimmer zu stehen. D>e alte Henriette hatte ein Häubchen aus weißem Batist auf dem Scheitel zu tragen und eine weiße Schürze über dem schwarzen Kleide. Sie sagte nun seit vielen, vielen Jahren dabei den einen Satz: „Ich wünsche wohl zu speisen, Herr Negierungsrat. hoffenilich findet das Essen Ihren öeifall!
Christine saß dem Vater gegenüber. Meistens begann der Regierungsrat das Gespräch mit der Feststellung, daß die haare von Christine völlig in Unordnung seien, er müsse darüber mit Berta, dem Kinder- fräulein, einmal ernstlich reden. So käme man nicht zu Tisch. Nach der Suppe folgte eine weitere unangenehme Frage: „Wie war es beute In der Schule, Christine?"
Als Christin« beinahe vierzehn Jahre alt war, antwortete sie auf diese Frage einmal: „Ach, die Lehrer, die sind schlecht, meistens sind sie ungerecht!"
Der Vater verbat sich solche Bemerkungen, und Christine warf das Mundtuch in großem Bogen auf den Tisch und lief aus dem Zimmer. Sie, halte es in diesem verdammten blödsinnigen Hause nicht mehr aus, schri« sie dabei. Sie bekam dafür zwei Tage Zimmerarrest, das heißt, sie durfte nicht zu den Hunden und nicht zu den Katzen. Am zweiten Tage öffnete sie den Fensterflügel, es war Herbst draußen. Di« Luft war von himmlischer Bläue, die Aepfel im Garten dufteten bis zu dem Fenster herauf. Zuweilen schlug eine ber schweren reifen Früchte mit dumpfem Fall auf den ganz dunkelgrünen, dichten Rasen. Ein Blatt segelt« von dem alten Ahornbaum an Ihrem Fenster vorbei, es war rot, braun und gelb gesprenkelt. Die Sonne lag in gelben, dichten Kringeln wie goldene Flecke in dem Laub der Bäume und im Grün des Rasens. Christine zog die Lust ein, schlug mit ber hanb gegen das Fensterkreuz, hob den leichten Körper, stand plötzlich auf dem Gesims und sprang in die Tiefe. Der Aufprall schmerzte, die Knie waren blutig, aber es schien, als sei nichts Ernstes passiert. Als ber dumpfe Schmerz in allen Gliedern nachließ, reckte sie sich wie eine junge Katze und ging in den entferntesten Teil des Gartens zwischen die Himbeersträucher, wo eine kleine Bank aus ihrer Kinderzeit stand, hier kauerte fie nieder und schluchzte wild vor sich hin: „Er ist ein Scheusal, ich hasse ihn! Ich hasse ihn! Ich hasse ihn!" Dann sah sie auf ihr weißes Cheviotkleid, bas an ber Stelle, wo bi« Knie aufgeschlagen hatten, ganz von Blut burchzogen war.
Das wirb eine schöne Bescherung geben, buchte sie. Warum stirbt man nicht? Ich glaube aber, er würde sich gar nicht ärgern, wenn ich stürbe. Er hat ja kein Herz!


