Ausgabe 
16.5.1938
 
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hasten Begierde, um zu wissen, zu erkennen, zu begreifen. Heere zogen aus und wurden geschlagen, Länder kamen empor und versanken wieder ih Vergessenheit. Kulturen entstanden und starben. Die Menschen haßten und löteten einander, sie hatten sich lieb und litten. Aber es kam ihm vor, als ob er zu der wahren Erkenntnis noch immer nicht durch­gedrungen sei, auch dann nicht, als er zwei von den drei großen Schrän­ken ganz ausgelesen hatte. Er war nicht befriedigt und wußte nicht recht, weshalb. Zuweilen lief er mit einem Buch durch den Garten bis ans Ende, wo unter einer mächtigen Eiche eine lange Bank stand, und da vergaß er beim Lesen alles. Er bemerkte auch kaum das Mädchen aus dem Nachbarhaus, das da auch gelegentlich saß, mit einer Häkelarbeit oder etwas Aehnlichem. Dennoch kannte er Martha schon von ihrer Ge­burt an. Sie war zwei Jahre jünger als er. Sie war sehr blond und zart. Er hatte früher auch wohl mit ihr gespielt, aus seine ruhige, ernste Art. Das war nun schon lange her.

Nun las er. Nun suchte er nach Erkennen des Lebens. Es war oft mühsam, ost unsagbar schwer.

So gingen die Jahre dahin, gleichmäßig, ohne Höhen und Diesen, eins wie das andere. Gerard war achtzehn Jahre geworden, und er faß an einem Frühlingsabend wieder auf seiner Bank, vor sich ein altes, dickes, schweinsledernes Buch. Er faß und blätterte, und wie er so blät­terte, fiel aus den vergilbten Seiten ein Streifen Pergamentpapier. Er hob ihn auf und sah, daß das Papier beschrieben war. Die Tinte war stärk verblaßt, aber er konnte die Worte doch entzissern.

Mit großen, festen Buchstaben stand do geschrieben:

Mein Lieb! Komm, wenn es dunkelt, in den Lindengang. ®."

Er stand eine Zeit bewegungslos da und starrte nur immer wieder aus den pergamentnen Streifen nieder. Das war merkwürdig, eine Ver­abredung zwischen zwei Liebenden. Er hatte davon ja ost gelesen. Eine Verabredung, die schon ... ja, wie alt mochte sie wohl sein? Das Buch trug die Jahreszahl 1721. Vielleicht stammte die Verabredung noch aus jener Zeit. Wie zart das Hang:Mein Sieb..."

Gerard las weiter in dem Buch von 1721, aber es ging mit dem Lesen heute nicht so wie sonst. Eine merkwürdige Unruhe war in ihm. Ab und zu griff er nach dem Pergamentstreifen, mit nachdenklichen Aiugen.Mein Lieb ..."

Nach einer Stunde stand er auf und ging ins Haus. Hier versuchte er weiterzulesen. Aber da merkte er, daß der Pergamentstreifen nicht mehr Im Buch war. Er hatte ihn verloren. Vielleicht lag er unter der Bank ober sonstwo im Garten. Er mußte ihn suchen.

Es war säst dunkel, als er durch den Garten ging. Duft von Syringen und Thymian drang ihm entgegen. Er sog ihn ein. Er hatte nie gefühlt, daß Blumen so schön duften können. Hoch oben, ungewöhnlich friih an diesem Abend, fing eine Nachtigall an, mit aller Lieblichkeit zu fingen Nie war der Gesang einer Nachtigall so tief in (ein Herz gedrungen.

Langsam, in sich versunken, ging er weiter. Jetzt war er in dem Gang, wo die Linden standen. Er war noch zehn Schritte gegangen, da wurde sein Hals gefangen in zwei sanften Armen und die Stimme Marthas sagte bebend, dicht an seinem Ohr:

Ich habe das Zettelchen auf der Bank bei der Eiche gesunden... Hier bin ich ..."

In der Ferne sang die Nachtigall mit so viel jubelnder Innigkeit, mit so unwiderstehlichem Liebesdrang, daß Gerard am ganzen Körper zitterte. Die sanften Arme umschlangen noch seinen Hals, das blonde Haar schimmerte durch die weiche Dämmerung des Abends. Er küßte ihre Lippen, und fast mußte er meinen.

Gerard begriff jetzt die allesumsasfende Weisheit, die Tausende von Büchern ihm nicht zu geben vermochten. Er fühlte und begriff, daß ein verirrtes Stückchen pergamentenes Papier die Lebenslehren aller Bücher der Welt umstoßen kann, ein einziger kleiner Satz:Mein Lieb..."

Oer Traum des alten Barden.

Geschichte aus dem schottischen Hochland.

Von Neil M. G u n n.

Um das Feuer saßen ein paar von den älteren Dorfleuten, die jungen kämen schnell einmal herein, ruhten zwischen zwei Tänzen aus und gingen wieder, manchmal suchte auch einer einen anderen. In einer Ecke stand das Whiskyfaß, und sie schlürften das köstliche Naß mit einer Mischung von Andacht und iröhlichem Behagen in sich hinein. Angus hatte schon einige Runden mitgetrunken und war sehr gesprächig gewor­den. Sie fingen an Geschichten zu erzählen, und Vater Angus rief auf einmal:Also, Kinder, dann will ich euch jetzt die Geschichte von dem Traum des alten Barden erzählen; es ist die Lieblingsgeschichte meines kleinen Freundes Davie."

Alle riefenBravo" und klatschten in die Hände.Dunnerschlag, da müssen wir aber erst eins draus trinken!" rief einer.

Vater Angus sah den Knaben Davie an und begann dann:Fingals Haus steht immer offen für jeden, der des Weges kommt, Freund oder Feind."

Und nie ist jemand ungetröstet von Fingals Haus« fortgegangen", fuhren Davies Lippen unbewußt murmelnd fort.

Angus legte feinen Arm fest um Davies Schultern:Du wirft uns mit deinen Geistesblitzen noch einmal das Dorf anzünden!"

Sie tranken eine Runde mit den üblichen schönen Reden und Hoch­rufen aus die Hausfrau und aus die Bewohner des Hauses und das Haus selbst. Davie durfte am Whisky nippen.Sei still, Anna", sagte Angus zu seiner Schwiegertochter,es sind die Sck)öpfungstage der Mensch­heit, von denen ich jetzt sprechen will." Davie hustete, unb die Männer lachten.

Vater Angus setzte sich und begann mit der Einleitung zu seiner Geschichte. Das machte er immer so, sie formten es saft schon auswendig.

Aber es gehörte dazu wie das Stimmen von Instrumenten und bracht« fi« in die rechte Stimmung; denn um solch eine große Geschichte hören zu können, müssen die Herzen bereit sein. Manchmal slocht Vater Angus auch etwas Neues ein, was sie noch nie gehört hatten, das sah man bann sogleich an der Verwunderung in ihren Gesichtern. Wenn er aber etwas sagte, was neu und Überraschend für sie war, aber ganz bestimmt richtig, bann leuchteten alle Gesichter vor Freude hell auf.

Der alte Barde also lebte in längst vergangenen Zeiten, ehe noch der heilige Columban nach Iona und Jnverneß gekommen war. Wahr­scheinlich lebte er sogar schon, bevor der Heiland selber geboren wurde. Man muß das wissen, um manches in der Geschichte richtig zu verstehen, zum Beispiel, daß das Paradies des alten Barden ein anderes Paradies war als das vom lieben Gott. Denn er war ein Heide. Und auch di« Tiere, die damals lebten, gibt es nun schon seit taufend Jahren in Alba nicht mehr. Wo wohl die Elche hingekommen fein mögen, von denen in der Geschichte erzählt wird, und die Bären und Wölfe und Wildschwein« und andere Tiere, die wie kleine Löwen aussahen, und ganz komisch« Ungeheuer, fast wie Menschen, nur über und über behaart. Die Menschen jener Zeit aber waren herrlicl-e Geschöpfe, wenn sie auch Heiden waren wie Fnigal und Cuchulain von Skye, und alle die anderen Helden. Schöne Frauen hatten sie Deirdre und Maeve und Emir. Der alte Barde war feiner von den ganz großen Helden. Er war nur ein alter Barde, und er lag im Sterben. Da dachte er nach und sand, daß von allen Dingen dieser Welt, nun und immerdar, nichts so schön und herrlich war wie sein eigenes Land. Und er fang:

Legt mich zur letzten Rast neben den Heinen Bach ber mit leisen Wellen so fröhlich zu Tal eilt;

Laßt mein Haupt im Schatten der breiten Userstämme ruhen;

Legt mich sanft auf den Rasen, von Blumen und lieblichen

Düften geborgen;

Die blassen Primeln mit ihrem stillen Gelb und Gänseblümchen sollen an meinem Grabhügel blühen

Und das taufrische Grün..."

Je länger Angus erzählte, desto mehr tarnen all« in den Bann der alten Geschichte. Vater Angus war ein Heiner Mann mit zierlichen Händen und immer sauber anzusehen. Durch fein einfaches, gutes Gesicht tonnte ganz plötzlich der Schalk zucken, feine Augen fingen bann listig zu blinzeln an, als hätten sie nur auf der Lauer gelegen nach dem kom­menden Spaß. Aber jetzt war [ein Gesicht ganz ernst, und ein weh­mütiger Zug der Erinnerung lag darin, als hätte er selbst den Bach und die Sonne, die Primeln und den grünen Rasen in jenem Lande einer längst vergangenen Zeit noch gekannt, und freute sich nun in der Erinnerung daran, so wie man sich auf liebe Dinge aus der eigenen Kindheit besinnt. Es war sreilich das Land, in dem der alte Barbe ge­lebt hatte; ber alte Barde war aber gerade so ein Mann gewesen wie Vater Angus. Und ber alte Barde war nicht nur so ein bummer, armer Alter gewesen, fonbern ein Mensch, der grau an Jahren und reich an Wissen um diese Welt am Ende feines Lebens stand, ber den Dingen ins Auge geschaut und Lust und Freude des Menschenloses selbst erfahren hatte, und der nun darum betete, bei den kleinen Bächen liegen zu dürfen. Das war das Ende von soviel Liebe und von soviel Kampf mit Göttern und Menschen.

Und wie er davon zu ihnen sprach, zauberten [eine Worte ihnen den Duft der Primel in ihrem lieblichen Gelb vor. Und dieser Duft bewegt« sie wie Liebe. Nicht mehr den Menschen galt die Liebe des alten Barden; die Primeln aber und die Gänseblumen und den grünen Rasen liebte er weiter bis in all« Ewigkeit. Oh, sei gut zu mir, liebe Sonne! Liebe blühte in ihren Herzen auf, Liebe zu dem alten Mann, der die Primeln und die Bäche fo geliebt und zu der Sonne gebetet hatte, die alle Dinge mit warmem Leben erfüllt. Wie gut sie ihn verstanden! Das Blut rann bei feinen Worten wie fünftes Feuer durch ihre Adern. Bis in ihr Innerstes begriffen sie ihn. Ganz warm wurde ihnen ums Herz so sehnten sie sich nach ihm. Wie gern sie ihn getröstet und jeden Stein aus feinem Wege geräumt hätten! Sie sannen nur noch darauf, wie sie ihm dienen könnten und seinen ewigen Worten lauschen. Sie sahen ihn vor sich, wie er sich umroenbete und ihnen mit seinem freundlichen Gesicht zulächelte, gerade so wie Vater Angus. Und Davie dachte, er sei der Pfeil, der hm- unb herfliegen und mit Zaubergewalt alle Wünsche des alten Barden erfüllen konnte, und bann würde der Alte ihm mit einem Dankeslächeln lohnen. Denn Davie hatte die Bäche sehr lieb, in denen Forellen schwam­men, und auch die Geschichten von den großen Jagden der alten Zeit...

. In ehrfürchtiger Liebe lauschten sie ber Geschichte des alten Angus, und nicht bedrückt, sondern frei und glücklich fühlte sich dabei ihr Herz; waren es doch die ewige Mutter Erde und ber Sonnenschein über ihr, die sie in dem alten Barden verehrten und liebten wie die Natur selbst. Nur mit Gott oder dem, was sie sich unter ihm und feiner Religion vor- ftellten, wollte diese jäh einvachke Liebe und Andacht nicht recht stimmen. Für den alten Barden hatte es keine Hölle gegeben, und bi« Menschen hatten damals nicht in steter Angst vor dem Gott der Rache und ber Vergeltung gelebt. Jetzt war das alles anders. Als nun Angus ihr« Gedanken zurück zur Gegenwart lenkte, da waren ihre Herzen wie auf­geschlossene Blumen, und ihre Glieder streckten sich im Vollgefühl einer fast gottähnlichen Kraft und Gesundheit.

Die alte Welt war noch einmal in ihnen erstanden, gut, frei und aufrecht da drangen Schatten und irre Schrei« von draußen zu ihnen herein, wo man zur Musik tanzte, lachte und lärmte. Es war ihre eigene Welt «infames Flattern an verlassenen Küsten, nächtliche Vogelrufe über dem Moor, WalbgMer, die im Dunkel ihr Wesen trieben, jähes Ausslackern der Triebe bei Mensch und Tier, Begehren und Sättigung dunkler Leidenschaften... Aus einer Welt jenseits der Fjorde und ber Serge und der Meere, durch das Wirrfal des Tanzes und ihrer Leiden- fchaften und all ihres Tuns war der alte Barde zu ihnen gekommen und hakle [ein Haupt und alle (eine Sehnsüchte und Wünsche bei den Primeln zur Ruh« gebettet.

Verantwortlich: vr. HanS Thyriol. Druck und Verlag: Vrühlsche Univers itätSbruckerei R. Lange, Gießen.