Ausgabe 
16.5.1938
 
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So blieb der bayerische Kurfürst von Frankreichs König, der ihn als Verbündeten gegen den Kaiser gewinnen wollte, abgezogen.

Vor dem Rathause in Breslau erzählt« ein Mets kutscher seinem Freund, dem Sänftenträger:

Als er damals hier war, fuhr in meiner Kalesche jede Nacht einer seiner Offiziere mit einer anheimelnden jungen Dame bis in die Frühe spazieren. u J

Das kenn' ich!

Dem Offizier ist in meinem Wagen die Uhr rausgefallen. Damit bin ich zum Prinzen Eugen gegangen. Exzellenz Hoheit, Kaiserlicher Herr Generalissimus, hab' ich zu ihm gesagt, mit dem Vornamen heißt er Franz. So hat ihn jedenfalls die Dame genannt.

Und da hat er dich rausgeschmissen?

Einen Dukaten hat er mir gegeben und gesagt: Bring' Er die Uhr selber dem Herrn ins Quartier. Der Eugen kennt jeden einzelnen mit Namen in seiner ganzen großen Armee.

Wie hat das Weibsbild geheißen?

Das darf ich dir nicht anvertrauen. Wenn man das Wort nicht hält, das man ihm gegeben hat, sieht einen sein Blick durch alle Mauern so lange an, bis man tot ist. Das ist schon einigen widerfahren.

III.

Es war im spanischen Erbfolgekriege, daß die Armeen des großen Ludwigs mit einem Male in Deutschland kehrtmachten und dem Rheine zu verschwanden. Viele, die bisher an den Sieg der französischen Waffen geglaubt hatten, schüttelten darüber ihr« Köpfe.

Unter diesen Verärgerten war auch ein Dorfschulze im Schwäbischen, der wegen seiner maßlosen Eigenwilligkeit berüchtigt war. Er lachte ungläubig, als er hörte, der Eugen habe die Franzosen wieder ordent- lich verklopft. Er ließ sich auch zu keiner anderen Meinung bekehren, kaiserliche Reiter eintrafen und den verschwundenen Franzosen nach­eilten. Dragoner saßen ab, und für deren Pferde forderte ihr General Heu und Hafer.

Es sei davon nichts da, und er gäbe auch nichts ab, ordnete der Schulze an, es solle sich keiner der Dorfinsassen unterstehen, gegen seinen Befehl zu handeln, den er damit ausdrücklich für jedermann ausaesvro- chen haben wolle. 8 'r

Der kaiserliche Herr General fordere ober!

Der kaiserliche General solle sich zum Teufel scheren, erwiderte auf­gebracht der Dorfschulze.

Er habe doch, ließen sich einige zaghaft vernehmen, den Franzosen erlaubt, zu furagieren?

Das sei saudummes Geschwätz! schrie daraufhin der Dorfschulz«, die Franzosen hätten nicht gefordert, sondern genommen, da sei er der Ge­walt gewichen: aber wenn es nach der Ordnung ginge, gelte allein seine Entschließung! Und er verbiete, dos geringste auszufolgen, da es unter Deutschen nach der Ordnung geht.

Als der entrüstete Schulze wieder zu Atem kam, bemerkte er, daß chn seine Untertanen ängstlich, ja bestürzt anblickten und scheu zurück- nnchen, denn es trat der kaiserliche General selbst vor ihn hin. Der nagte, ob er der Herr Schulze dieses Dorfes sei.

Das sei er, wurde ihm hochfahrend geantwortet.

Da zog der General sehr höflich seinen goldbetreßten Hut ab' und »at demütig, er möchte doch die große Gnade haben, dazu zu verhelfen, > seine abgesagten Pferde etwas Kräftiges zu futtern bekämen.

Nein, er gäbe nichts her, und der Kaiser habe in seinem Dorf ebenso­wenig Recht etwas zu fordern, wie der Herzog von Württemberg oder »« schwäbische Kreisverwaltung, denn hier sei er allein der Herr. Er >ekäme nichts, und wenn er vor ihm auf den Knien herumrutschen sollte.

Das Seltsame ereignete sich, daß unerwartet der kleine kaiserliche veneral vor dem Dorfschulzen auf seine Knie niedersank und so beweglich :m Heu und Hafer flehte, daß sich alle über die außerordentliche Bedeu- ung ihres Dorfschulzen verwunderten, vor dem sich sogar ein siegreicher österlicher General erniedrigen mußte. Dann aber begannen sie zu grie- en und ihre Mäuler zu verziehen. Es geschah im Schulzen etwas, das " lernanb, auch er selbst nicht, für möglich gehakten hatte. Unerwartet »ar er in seinem Hochmut so gesättigt, daß ihn durch das immer lauter »erdende Gelächter, mit dem bereits Spottrufe auf ihn eindrangen, die »ute erfaßte.

Genehmigt! sprach er großartig, ihr bekommt ausnahmsweise Heck md Hafer, weil euer General weih, was sich vor mir gehört.

Daraufhin erhob sich der kleine General mit dem verwitterten Gesicht lttd bedankte sich mit tiefer Verbeugung und mit einem Kratzfuß, wie <ei Hofe. Ich danke Ihnen, schwäbische Majestät, sagte er.

Da brach um den verwunderten Dorfgewaltigen ein, man kann es ncht anders sagen, so lautes, allgemein schallendes Gewieher los, daß übst di« Hühner entsetzt schreiend davonrannten.

Der Prinz Eugen wendete sich ab und ging davon. Er hatte durch Iwen unerwarteten Kniefall den eingebildeten Dorfschulzen so lächerlich p macht, daß es für die ganze Zeit seines übrigen Lebens vorhielt.

IV.

Ein Bauer ließ den Hammer ruhen, mit dem er die Schneid« seiner rsnse geklopft und geschärft hatte.

Wir hatten in Italien großes Malör, erzählte er. Die Pferde fielen ®le die Fliegen, wenn es kalt wird. Sie lagen mit aufgequollenen Bäu- »en und steif weggestreckten Beinen und stanken, und wir schimpften und Achten, als wir sie so zu Hunderten unter die Erde schieben mußten * ein lieber Peter Gaukel, hat der Prinz Eugen damals zu mir gesagt, .' Arbeit wird anders mit den Jahren. Und damit hat er seinen gold- Mßten Rock ausgezogen und die Hemdsärmel hochgeschobcn, daß wir 1 vielen Narben auf seinen Armen sahen, und hat geholfen, die kre- ~7ien Gäule mit Erde zuzudecken. Dabei hat er mit ganz sanfter 'me gebeten: Laßt die gestorbenen Kreaturen in ihre Freiheit zu- ' lehren, damit sie sich aus stillen Wasserspiegeln satt trinken können.

Da war uns im Gestank ganz ehrfürchtig zumute. Al- wir ferfl» nwren, hat er vor den verreckten Biestern seinen Generalshut höflich abgezogen, als seien sie lebendige Menschen, die er ehrt Weil er la mst aller Kreatur im Himmel und aus Erden steht, darum kann ihch keine Kugel etwas onhaben.

Ja, das sei freilich kein gewöhnlicher Mensch, gab der alt« Schäfer ml Der Bauer setzte sich wieder auf sein Holzgestell, das zum Schärfen der L-ense diente. Mitt einem Male begann er aber daraus herumzuhopsen, und er schnalzte mit der Zunge und trieb und spornte das Holzqestell an, als sei es ein Roß. ' 8 '

Der Blick des Bauern war wett weg, als ritte er durch fremde üanser, di« der Prinz all«, kannte, auch wenn er nie dort gewesen war.

V.

Es wird erzählt, daß ein alter englischer Schiffskapitän mit seiner Frau viele Nachte geweint habe, als sie die Nachricht erhielten, daß ihr einziges Kind in einer der vielen Seeschlachten mit den Franzosen im Meere ertrunken fei. '

, Da soll es sich gegen eine Frühe zu ereignet haben, daß die beiden beschlossen, ihrem Sohn ein Denkmal zu setzen, das ihnen als das schönst« erschien. Der Kapitän ließ sich vor seinem Schreibtisch nieder, nahm di« Kielfeder in die Hand, nicht ohne vorher deren Spitze auf dem Rock­ärmel sorgsam gesäubert zu haben, und schrieb:

.A" den Herrn Prinzen von Eugen in Deutschland. Wir kennen keinen besseren Mann, als Sie, Sir. Sie werden daher auch die irdischen Güter richtig verwenden, die wir in einem arbeitsreichen Leben für unser K,nd erworben haben, das nun nicht mehr ist. Unser Sohn hat gesagt Sie seien zu jedem gut und gerecht und wüßten, wohin die Welt läuft Darum übereignen wir Ihnen alles, was wir besitzen.'

Daraufhin sollen die beiden ihr Schriftstück gemeinsam gesiegelt haben, und damit [ei aller Schmerz, in wundersamer Weise, aus chnen gewichen.

Komm, wenn es dunkelt...

Erzählung von Felix H a g e m a n n.

Mt dieser Geschichte stellen wir unseren Lesern einen bei uns noch wenig bekannten holländischen Dichter vor.

Schon auf der Schule hatten seine Mitschüler Kameraden hatte er kaum und Freunde überhaupt nicht allerlei Spitznamen recht plastischer Art für ihn. Seine Lehrer, die weniger zu einer bildhaften Ausdrucks- weise neigten, nannten ihn einfach einen Duckmäuser. Wie das öfter vorkommt, irrten sich die Lehrer. Gerard war ein stiller, verträumter Knabe, aber ein Duckmäuser war er nicht.

Sein Vater war ein großer, dunkler, schweigsamer Mann, und er wohnte mit ihm und einer wie ein bleicher Schatten umhergehenden, oft­mals bettlägerigen Mutter in einem großen, dunklen, schweigsamen Hause, das am Ende des Dorfes mitten in einem großen verwilderten Garten stand. Jeden Tag fuhr er mit der Bahn hin und zurück in seine Schule m der Stadt, meist allein, obgleich noch andere Jungens aus dem Dorf in dieselbe Schule gingen.

Er fehlte nie; er kletterte nie auf Obstbäume, er schwamm nicht an verbotenen Plätzen, er zupfte nicht an den Zöpfen der Mädchen und nannte den Schuldirektor, der klein und rundlich war, nicht wie die anderen, Moppel, sondern Herr Jarsma, wie er hieß.

Er war nicht beliebt, aber auch nicht unbeliebt. Man beachtete ihn einfach nicht, als ob er überhaupt nicht da wäre. Die anderen hatten allerhand geheime Verbindungen, er gehörte zu keiner. Sie führten aller­lei Stteiche aus, er war nie dabei.

Zu Hause lebte fein Vater neben ihm wie ein finsterer Schatten. Ost sah seine Mutter Um an mit großen hellblauen Augen. Dann schien es, als ob sie etwas sagen wollte, aber sie sagte nichts und legte nur leise ihre Hand auf seinen Kopf. In dem großen hohlklingenden Haus« lief der kleine Gerard umher wie durch einen Nebel von Stille.

Am liebsten war er in der Bibliothek. Da war es noch stiller, noch kühler. Aus zwei hohen, schmalen Bogenfenstern floß mattgrünes Licht in den großen Raum mit den schweren alten Möbeln. In drei ge­schnitzten Schränken aus Eichenholz, das im Laufe der Jahre fast schwarz geworden war, standen an die zweitausend Bücher aller Art.

Gerard war zwölf Jahre, als er anfing, in den Büchern zu lesen. Er wußte nicht, ob er es wohl durste, aber es war niemand da, der es ihm verbieten konnte oder wollte. Er las, , und in seiner jungen, dem Phantastischen zuneigenden Seele wuchsen Träume, dämmernde Er­kenntnis und halbe Wahrheiten, tastendes Begreifen und ungestilltes Sehnen zu einer wunderlichen Pflanze, so daß sein kleines Herz fast zu springen'drohte.

Er las Bücher, in denen feine Geister von zarten Kinderseelen schrieben, und Bücher', wo von rauhen, starken Männern und wasfen- klirrenden Heldentaten die Rede war. Er las von gefangenen Prin­zessinnen, die in verzauberten Schlössern schliefen, und von Liebesaben­teuern, die ihm fremd blieben. Er las chinesische Legenden und Grimmsch« Märchen, Jndianergeschichten und Entdeckungsfahrten in ferne Länder, Andersen und Dante, Shakespeare und Goethe, Karl May und Tausend­undeine Nacht. Stundenlang saß er da in dem blassen Licht der Bogen- senster und las.

Gerard war fünfzehn Jahre alt, als feine Mutter starb. Er stand neben ihrem Bett, und sie blickte ihn an mit ihren großen, blauen Augen. Vielleicht hätte sie jetzt etwas gesagt, aber sie konnte es nicht mehr. Sie wurde begraben, und der Vater ging mit Gerard schweigend hinter dem Sarg einher. Dann kehrten sie nach dem großen stillen Haus zurück, das durch den Tod kaum stiller geworden war. Der Vater legte einen Augenblick feine kühle Hand auf das Haupt feines Sohnes Gerard und ging an feine Arbeit.

Der Junge las weiter in den Büchern. Es waren alte und kostbare dabei mit verzierten Drucken und Holzschnitten. Er las mit einer li-b----