dieser Stunde auf den Küstenfelsen Südenglands, denn so vermißt sie die Mutierlaute nicht so sehr in Schloß und Dorf. Sie weiß: Glory und Glencoe, Harkeway und Jim, Faithfull und Jcy-wind verstehen sie auch so, Wort für Wort. Sie trollen sich davon, wenn sie sagt: „Nun ist's genug, geht", nur daß sie dann in einiger Entfernung doch noch einmal stehenbleiben und sich wie sehnsüchtig umschauen.
Es hat schon seinen besonderen Reiz, mit Pferden zu leben und in Pferdeseelen zu blicken. Daß sie das erst jetzt erkannte, schmerzt Irene manchmal, sie hätte es wohl schon wissen müssen, damals, als sie Alexanders Frau war.
Sie ist nun ganz in Dreadsord zu Hause. Die Leute hinter dem Hang in den strohgedeckten altertümlichen Hütten lieben die deutsche Gräfin. Erst kam sie nur auf zwei Wochen hierher, dann wurde es ein Monat, dann ein Vierteljahr. „Ich muh nach London", sagte William, „willst du nicht während der Zeit für Dreadsord sorgen?" Und dann mutzte er nach Kapstadt und einmal sogar nach Melbourne, trotz seiner Jahre; sie schätzen seine Erfahrung im Foreign Office.
Es war wohl chre Bestimmung, datz sie beieinander bleiben muhten, jetzt, da chr Wünschen ohne Sehnsucht und chr Sehnen ohne Wünsche war.
Dreadsord ist die Stätte ihres abendlichen Friedens.
Irene Czeh steigt barhaupt den Hügel hinan, sie läßt den Seewind durch chr ergrautes Haar wehen, das ihren Kopf in kurzen welligen Locken fest umschließt. Als sie das erstemal nach Dreadford kam, damals, nachdem Bernd Wallnitz im Strahenkampf gefasten war und sie ihn in Dapper zur ewigen Ruhe beigejetzt hasten, war es noch ganz blond, doch das ist jetzt schon Jahre her.
Oft, oft ist die Sonne seitdem drüben als glühende Feuerkugel ins Meer gesunken, aber Irene hat die Tage nie gezählt.
Die Zeit läuft chren Weg ab, keiner kann sie aushallen, sie kennt nur ihre eigenen Gesetze und nicht die der Menschen, sie schreitet fort über alle Fragen, die so groß und wichtig erscheinen: über Wirtschaft und Politik, über Krieg und Frieden; über Leben und Tod. Sie kennt nur ein Wort: Weiter! Sie denkt nie an das, was gewesen, und zögert nie vor dem, tvas sein wird. Sie scheint unerbittlich und ist doch gütig, gerade weil sie kein Verharren duldet. So endet jedes Glück und jede Liebe, aber sie setzt auch jeder Enttäuschung und jedem Schmerz ein Ziel.
Die untergehende Sonne hat Irene vieles gelehrt. Auch das: den Tod, den sie jo ost sehen muhte, nicht fürchten, und das Leben, das ihr so oft ohne Sinn schien, achten.
Auch ihren Stunden hier oben ist immer ein Ziel gesetzt, ein Ziel, das vielleicht lächerlich erscheint und doch ins Räderwerk der Tage gehört: sie muß ins Schloß zurück, um sich umzukleiden. Die Dinnerstunde kommt, und William wartet im feierlichen Frack. Er sieht es gern, wenn sie sich schön macht, ihren Schmuck trügt und eine Blume ansteckt. Sie sitzen dann zu zweit am Tisch, und der Butler geht auf leisen Sohlen durch den Raum. William spricht gern vom Lauf der Welt, gern und klug. Er kennt die Zusammenhänge dessen, was draußen jenseits b'es Kanals und jenseits der Meere vor sich geht; er versucht, in alles Geschehen einzudringen, und er beginnt sogar, Deutschland zu begreifen, das neue Deutschland.
Es hat vordem schwere Stunden gegeben für Irene, Stunden, in denen der Wunsch heiß war, von Dreadsord zu fliehen; aber dann blieb sie doch: sie wollte William überzeugen von der Gtöße ihres Vaterlandes.
Und nun will sie wieder heim, heim nach Deutschland.
Nicht für immer, aber doch für Wochen, vielleicht für Monate.
Alexandrine hat ihr geschrieben Sie ruft sie, denn sie erwartet wieder ein Kind, das dritte, das in Ratsamsstein zur Well kommen soll, feit sie Dieter Notz in seine Heimat geholt hat. Er hat nicht viel gefragt, er hat sie einfach mitgenommen, und Lexe ist aufgeblüht unter feinem Lachen. Die Kinderstube in Raifamsstein scheint nicht leer werden zu sollen; sie können gar nicht genug haben, sagen sie, die Lexe und der Dieter. Es soll lärmen und toben im Notzhause. Es soll auf der Ziehharmonika orgeln und auf der Blockflöte blasen, trommeln und singen und krähen aus immer wieder vollen Kinderwagen.
Irene wird froh, wenn sie an diese Fülle des Segens denkt.
Der Krieg kostete viele Leben, aber der Wille der Natur ist stärker als alles Sterben. Alte Geschlechter versinken, neue Geschlechter erheben sich.
In der Gruft zu Waldhausen steht Alexander Ezehs Sarg, aber die schweren Eichenturen sind geschlossen, und Stephan Ezehs Frau denkt nicht an den Tod, wenn sie den Erben in seinem kleinen Wagen an der Tür der Gruft vorüberfährt.
Auf dem Friedhof zu Dapper ruht Bernd Wallnitz, aber im alten Hause hinter den Kastanien, jenseits des Gatters, hat Conrads Frau zwei Söhne geboren, und der Aelteste von ihnen heißt wieder Bernd.
Das Leben ist stärker als der Tod.
• Eine neue Generation wächst heran zu neuen Aufgaben. Die Zeit geht weiter und kennt nur einen Befehl: Vorwärts.
Streben, Arbeiten, Sich-Erhalten. Ziele haben und Ziele erreichen. Was sind der Zeit Gräber?
Irene blickt auf das Kreuz.
Es ist kein Schmerz mehr in ihr.
Sie will nun zurück in die Heimat. Sie will wieder deutsche Aecker sehen, wieder die Hand über deutschen Roggen halten und den Wald rauschen hören. Denn der Boden hat seine alte Kraft nun zurückgewonnen, der heilige Boden, der seine Kinder nährt Sie werden wieder säen und wieder ernten im ewigen Wechsel des Lebens, das unser aller
' 'ier ist. Nicht die Gräber rufen Irene Czeh, das Leben ruft sie, das ‘eben.
Irene Czeh steht auf.
,Zch komme", sagt sie.
Und unten am Strand des Meeres wiehert ein Pferd.
— Ende. —
neue
Savoyardenlnaben.
Bon Lina Staab.
Durch den stillen hügeligen Garten treiben sich die kleinen Savoyarden, rufend mit dem runden Kindermund. Auf der Treppen steinernes Geländer breiten sie aus Kasten seidene Bänder, Spiegel, Kämme — Tand, verspielt und bunt. Fröstelnd und aus leeren Augen spähend, den verstimmten Leierkasten drehend zu dem Lied, das müde ward und alt, mit der Frucht die Murmeltiere lockend, struppig, krank zu ihren Füßen hockend — allen Heimwehs traurige Gestalt.
An die Hüte, rund und aufgebogen, düster in die Snabenftirn gezogen, legen sie zerstreut die braune Hand, und die fremden farbigen Kokarden schweben ob den scheuen Savoyarden — Sterne hell aus ihrer Kindheit Land, und mit steinern zarten Blattgefiedern wächst aus ihrer Sehnsucht armen Liedern märchenmächtig, groß der Heimat Baum. Treu und tröstlich wölbt er seine Zweige, alles Heimweh flieht und geht zur Neige, schmilzt vor eines Himmels blauem Traum.
Eugenio von Gavoy.
Don Walter von Molo*.
I.
Als unerwartet warmer Wind über das dichtverschneite bayerisch« Gebirge gekommen war und die Schlittenfahrt mit Musik an einen der vielen zugefrorenen Seen verhindert hatte, beriet der junge Eugen den bayerischen Kurfürsten dahin, eine Saalunterhaltung mit verteilten Rollen' zu veranstalten.
Aus den nahen Waldungen mutzten die Hofjäger viele hohe Fichten und Tannen holen, die im großen Konzertsaale lieblich duftend aufgestellt wurden, und die Hofmaler richteten auf der Bühne die Leinwandfassade eines ländlichen Gasthofes auf.
Die Kavaliere und deren Damen nahmen im Parkett ihre Plätze ein, und der Kurfürst zeigte sich als Fuhrmann. Er hatte sich in einen blauen Kittel gesteckt, hielt eine gewaltige Peitsche in der Hand und teilte mit, die Wirtin des Leinwandgasthofes gefalle seinem Fahrgaste, dem Bischof von Passau, so gut, daß er sich entschlossen habe, hier zu übernachten. Darüber freute sich die Wirtin, welche die Gattin des kaiserlichen Gesandten war, und tanzte in ihrer Maskierung singend auf der Bühne herum, wobei sie ihre Beine unter dem kurzen Trachtenrock viel und bettächtlich zeigte, was nicht nur dem Kurfürsten zur Ergötzung geriet.
In der ersten Bankreihe sah die junge ftanzösische Schauspielerin in ihrer aufreizenden Pariser Toilette, die ihr der König von Frankreich geschenkt hatte, der gerne Damen für diplomatische Missionen gebrauchte.
Als türkischer Diener verkleidet tarn mit einem großen Turban auf dem Kopfe der kleine Eugen von Savoyen und sank mit über der Brust gekreuzten Armen vor dem Bischof von Passau aus die Knie nieder und incldete, daß sich die Wirttn glücklich schätze, den großen Zauberer der Christenheit bei sich beherbergen zu dürfen. Aber vorher, fügte Eugen hinzu, ohne daß dies mit dem Kurfürsten abgemacht worden war, möchte er von Seiner Gnaden getauft werden!
Ob er, als heidnischer Hundesohn, denn im Christentum Bescheid wisse? versetzte betroffen der Bischof von Passau.
Hoffentlich kennten die Christen, antwortete Eugen, ihren Koran, in dem es heiße: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. So dächte jedenfalls der allerchriftlichste König von Frankreich.
Der ftanzösische Gesandte erhob sich und verließ den Saal; ihm eignete schnelle Erfassung unerwarteter Vorkommnisse.
In eurem Buche Esra ist geroeisfagt, fuhr der kleine Eugen von Savoyen zu sprechen fort, daß die verdammt werden, die Weiber an- nehmen, die nicht chres Stammes sind.
Wir sind gleichen Stammes! flüsterte die anmutige Gattin des kaiserlichen Gesandten dem bayerischen Kurfürsten zu. Sie legte den Arm um ihn, dah er nicht sehen konnte, wie demüttg die französische Liebesbottn unter ihren langen Wimpern zu ihm emporwarb und zog ihn hinter die Leinwandtüre. Sofort eilten Diener mit auf Stangen vorbereitet gehaltenen nnffen Tüchern im Saale herum und verlöschten alle Kerzen. Schal starrte der trübe Winternachmittag durch die Fenster.
Der Bischof von Passau hob die Hand. Unter Rollen und Polter» ging ein großer silberner Halbmond über dem füllen Gasthose aus.
Eugen setzte sich vorne auf der verdunkelten Bühne nieder und blies in das Ende einer Gießkanne, die hier herumstmch.
So emsig und grauenvoll blies der Savoyer auf feiner Meßkanne, daß der Bischof von Passau kopfschüttelnd davonschritt. Di« Kavaliere, im Halbdunkel zu ihren Damen geneigt, kosten herzhaft. Gewaltsam lachend rief di« Französin zu Eugen empor:
Himmel, Prinz! Welche Töne beschäftigen Sie, seit Sie das schön« Paris verließen?
Mißtöne, Mitztöne, Madame! antwortete Eugen von Savoyen und ließ höflich die Gießkanne in Ruhe.
* Aus der Erstschrift des „Eugenio von Savoy". Wir entnehmen diese Skizze dem Buche „Der endlose Zug" von Walter von Molo, Verlag Holle 8- Co., Berlin.


