Ausgabe 
16.5.1938
 
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GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1958 - Montag, den 16. Mai Nummer 38

Herz im ÄW

Aoman von ^jans-Äaspar von Zabeltitz

«lopyrlght by deutsche Serlags-Ansiatt, Stuttgart

Schluß.

Vor dem Haus nimmt er seinen linken Arm aus der Binde, er will niemand erschrecken. .

Als er ins Zimmer tritt, schreit Lexe auf. Zitternd hängt sie an seinem Hals.Daß du da bist! Daß du wieder da bist! Ich habe mich so gefürchtet."

' Er streicht ihr über das dunkle Haar und lächelt.

Aber wie siehst du aus, Bernd, du hast ja ein ganz anderes Gesicht."

Ja, kleine Lexe", und sein Lächeln bleibt,die Stoppeln müssen jetzt wohl wieder 'runter."

Dann ist er für Augenblicke mit Irene allein.

,3ch habe einen neuen Menschen gefunden, Irene."

Sie sieht ihn an, aufmerksam, nachdenklich.Auch in dir?" fragt sie.

3a auch in mir."

Der Kamps um Deutschland geht weiter.

Und dieser Kampf füllt Bernds Leben ganz aus. Er löst sich von den Schillingswerken, er kann kein Amt mehr brauchen. Ein anderer Ruf ist da. Stärker, mächtiger, zwingender.

Freiwillige für das Ruhrgebiet, heißt es. Und Bernd ist dabei.

Freiwillige für Oberschlesien, heißt es. Und Bernd ist dabei.

Verräter wollen den Rhein vom deutschen Mutterlande reißen. Wer hilft sie niederringen? Bernd ist dabei.

Sie kennen ihn schon, die Kameraden. Keiner fragt mehr, ob er der Wallnitz vom Sturmbataillon sei. Sie wissen jetzt, wer er ist.

Er sammelt die Mutigen um sich. Er spricht zu den Verzagten. Er predigt den Hosfnungslosen:Glaubt an Deutschland!"

Er wirbt um die Herzen der Verführten. Er gewinnt die Abtrün­nigen. Das sind seine schwersten Kämpfe und seine liebsten. Er fühlt, wie er stark in ihnen wird, wie die letzten Schlacken von ihm absallen.

-Sein Wort läuft um:Bleibt Soldaten!"

Sie halten ihn für kugelfest. Er läßt sie dabei.

Franzosen marschieren ins Ruhrrevier ein. Die Menschen zwischen den Fördertürmen erstarren, gefrieren. Keine Hand regt sich für die Arbeit, die die Eindringlinge fordern. Es nützt nichts, daß die Fremden die Knute schwingen. Ein neuer Geist erwacht, alle stehen zusammen in einer Notgemeinschaft. Und die Freiwilligen sind auch wieder da, sie bilden Sprengtrupps, um den Verkehr zu lähmen, den der Feind not­dürftig aufrechterhält. Bernd ist unter ihnen. Eines Tages faßt man ihn und wirft chn ins Gefängnis.

Sein Rücken ist blutig von den Striemen der Schläge, die er empfing. Aber er fühlt keinen Schmerz. Er sieht die nackten Wände an: Ge­fängnis, er, Bernd von Wallnitz, der Offizier, im Gefängnis. Es ist keine Schmach, es greift nicht an seine Ehre. Nein.

Aber dann springt er auf und rüttelt an der Tür.Ich muß hin­aus, ich darf keine Zeit verlieren. Es ist zuviel zu schaffen. Jede Stunde ist kostbar. -Ich habe eine Aufgabe: ich muß reden, ich muß werben, ich muß trommeln, schreien, ich muß kämpfen." Er weiß es: es fließt ein Bach durch die deutsche» Lande, der Wasser des Wollens und Wasser der Freiheit mit sich führt. Dieser Bach muß zum Fluß werden und der Fluß zum Strom. Jeder Tropfen des Willens muß in ihn geleitet wer­den, jede sickernde Quelle muh für ihn freigelegt werden.

Ich muß graben, ich muß sammeln!"

Und wenige Tage später öffnet sich die Zellentür; man bringt ihn über die Grenze des Besatzungsgebietes und sagt ihm:Sie sind frei."

-Wieder ist er in Berlin. Lexe fleht ihn an:Bleibe bei uns, bleibe endlich bei uns. Denke an mich, denke an die Kinder."

Ich kann nicht bleiben, Lexe."

Was soll aus uns beiden werden, Bernd?"

Ich weiß es nicht."

Er weiß es wirklich nicht.

Er geht seinen Weg wie ein Nachtwandler, sicher und unbeirrt. Nie­mand weist ihm die Stellen, wo Quellen verschüttet liegen, aber er findet sie. Manchmal öffnet er eine Tür, die er noch nie sah, und hinter ihr steht ein Kamerad. Manchmal findet er ein Wort, das er nicht ergrübelte, und es fällt in hundert Herzen.

Erst nennen sie ihn einen Freiheitskämpfer, dann einen Aufrührer.

Er sitzt nachts in verborgenen Kellern, um sich eine Schar Getreuer. Er sitzt in Lokalen, die er früher nie betreten, und spricht zur Jugend von Deutschland. Er spricht von Knechtschaft und Freiheit, von Zersetzung und Ordnung, von Zerstörung und Aufbau, von Verführern und Führern.

Er lehrt sie singen:Wir marschieren, wir marschieren ..."

Notz fragt ihn:Was soll das alles?"

Die Freiheit, Notz! Ohne Kampf werden wir nie frei. Ich sammle Kämpfer."

Er sammelt, und andere sammeln wie er.

Der Bach ist längst ein Fluß geworden. Aber oft. färbt Blut feine Wellen.

Eines Nachts stürzt einer in den Keller, in dem Bernd mit den Seinen hockt.Helft!" ruft er. Da stürmen sie auf die Straße. Ein Hand­gemenge tobt. Hoch überlegen an Zahl find die anderen, die Roten. Aber Bernd fällt sie an, es gilt ja, die Freunde herauszuhauen.

Wallnitz ist da!" schreien sie auf beiden Seiten.

Wallnitz!"

Voll Wut die einen.

Voll Hoffnung die anderen.

Sie wissen, wer er ist, jetzt wissen sie es.

Hart ist der Anprall, so hart, daß die Gegner weiche». Sie fliehen um die nächsten Straßenecken, sie verkriechen sich in ihre Schlupfwinkel.

Die Straße scheint leer.

Da fällt noch ein Schuß. Abgegeben von einem, der sich in einem Torbogen versteckt gehalten und gewartet hat, bis Wallnitz, der Ver­haßte, frei dastand, aufrecht, stolz.

Bernd fühlt den Schlag vor der Brust. Er tut gar nicht weh. Eine Schramme, denkt er, wieder eine Schramme. Er will einen Schritt vor­wärts tun, auf die Kameraden zu. Er sieht in erschrockene starre Ge­sichter: sie können ja nicht glauben, daß er getroffen ist, er, den sie für unverwundbar hielten.

Was ist denn?" fragt er.

Ganz leicht wird ihm. Er muß die Augen schließen.

Müde bin ich wunderbar müde.

Er schwankt. Sie stützen ihn. Sein Kopf fällt auf die Brust. Langsam sinkt er in sich zusammen.

Noch halten sie ihn aufrecht, und ihm ist, als schwebe er. Ganz leise kommt die Dämmerung über ihn, ganz leise und gütig. Eine un­ermeßliche Sicherheit füllt seine Seele. Klarheit umgibt ihn: also das war das Ziel.

Es wird nicht dunkler um ihn. Es wird hell, leuchtend strahlend hell. Er sieht: den Strom, seine Wasser steigen, sie fluten, sie rauschen, das Bett füllt sich, das breite weite Bett: Deutschland.

Er lächelt. Er hört Musik, er hört fingen:Wir marschieren, wir marschieren, in langen Reihen ..." Die Kameraden sind es.

Soldaten.

Lauter Soldaten.

Und er ist mitten unter ihnen.

Irene Czeh geht von Schloß Dreadford den Hangweg hinauf, der zu Günters Grab führt. Das ist ihr Gang fast an jedem Abend. Sie trägt ein Jackenkleid aus dem groben Wollstoff, den die Bauern oben in Schottland in den langen Wintermonaten weben und der so wundervoll warm hält. Sie kann die Wärme gebrauchen, denn oben auf der Höhe windet es immer, und sie liebt es, lange dort ju bleiben.

Eine Bank steht neben dem Grab; auf der sitzt Irene gern und sieht über die Koppeln auf das Meer. Die Pferde kennen sie, sie kommen zum Birkenzaun, wenn ihre schlanke Gestall über die Linie des Hügels taucht, sie wissen, daß sie Zucker für sie mitbringt. Irene reicht ihnen die Stücke auf der flachen Hand und freut sich, wie vorsichtig die Tiere sich den Zucker nehmen. Die Pferdemäuler sind warm und seidig weich, und der Hauch der Nüstern schmeichelt auf der Haut.

Irene spricht mit den Stuten und den Hengsten.Wann bekommst du denn dein Fohlen, Glory?" fragt sie, undMußtest du denn auf der Jagd so ungeschickt springen, Glencoe, daß du dir wehtatest?" Sie weiß alle Namen. Sie spricht deutsch zu den Tieren, und das gehört mit zu