Ausgabe 
16.4.1938
 
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Herz im HW

Roman von Hans-Äaspar von Zobeltiy

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

16. Fortsetzung.

Während Lexe schreibt: .Herrn Hauptmann Bernd von Wallnitz, II. Bataillon Garde-Füsilier-Regiment, 3. Garde-Jnfanterie-Divifion", fragt sie:Wie alt ist denn der Junge da draußen?"

Bier Monate."

Haben Sie noch mehr Kinder?"

Noch einen Jungen, er ist schon acht."

Lexe blickte auf. Di« Frau ist älter als i leicht Ichon etwas darüber. Aber das Gefich! frisch. Und gute, gepflegte Hände hat sie, es ist eine Freude ihr zuzu­sehen, wie sie die Kleinigkeiten zusammenlegt und einordnet. Dann bleiben Lexes Augen an den Blumen haften: Ob ich sie wohl bitten kann, einen gelben Stern dazuzupacken?

Soll ich die Adresse aufkleben, gnädige Frau?"

Das wäre sehr nett."

Auf dem Kassenpult steht eine Flasche mit Leim, dicht neben dem Strauß.

Die Frau nimmt das Päckchen und die Adresse und geht zum Pult; Lexe folgt ihr langsam. Für Augenblicke ist der Strauß zwischen den beiden, so daß Lexe nicht sieht, wie die andere die Anschrift liest und daß ihre Hände plötzlich still neben dem kleinen Paket ruhen. Auch als sie dann ihr wieder gegenübersteht, kann sie nicht in das Herz dieser Frau hineinblicken, die jetzt denkt: Das also ist seine Frau. Bernds Frau, Sie fühlt nur einen prüfenden Blick, den sie nicht versteht. Sie weicht ihm aus, sie wird ein wenig rot und weiß nicht warum. Sie sieht wieder zu den Blumen, dann auf die Sachen, die nun zu Bernd gehen sollen, und dec Wunsch, eine Blume einzulegen, ist von neuem wach.

Da lächelt die Frau. Sie greift in den Strauß und pflückt zwei gelbe Sterne.Soll ich sie hineintun? Es ist so hübsch, wenn eine Blume in solchem Päckchen liegt." Sie zögert, ehe sie weiterspricht:Darf ich mir die Bilder wohl einmal ansehen?"

Aber gewiß", sagt Lexe,es sind doch Kriegskinder, wie Ihr Junge." Lebhaft wird sie, und Stolz wacht in ihr aus. Sie läuft um das Pult herum, steht nun neben der Fremden, ganz dicht, die Arme, die Schultern berühren sich. Sie erklärt:Das ist Jürgen, er wurde im Mai fünfzehn geboren. Wir sind nämlich kriegsgetraut." Wieder steigt die Röte in ihr auf.Und das ist Mädi, sie hat noch keinen richtigen Namen, sie soll erst getauft werden, wenn mein Mann Urlaub erhält. Ich hoffe, es wird bald sein. Er bekommt jetzt eine neue Generalstabsstellung." Sie spricht und spricht und wundert sich gar nicht, daß die andere die Bilder so aufmerksam betrachtet und daß es ihr fast schwer fällt, die kleine Tasche wieder zu schließen. Ganz behutsam legt sie die Blumen auf das glänzende Leder, hüllt alles noch einmal in Seldenpapier und streicht liebevoll über die Adresse, ehe sie den gaben um das Päckchen knüpft.

Das ist also seine Frau, das sind seine Kinder, denkt sie. Sie hätte noch so viel zu fragen, aber sie bringt nur eine Frage über die Lippen: Wohnen Sie ständig hier, gnädige Frau?"

Nein, ich bin nur zu Besuch in Potsdam. Sonst wohne ich in Schle­sien, bei meiner Mutter in Waldhausen. Aber das werden Sie nicht kennen."

Es brennt ihr auf den Lippen zu rufen: Doch doch. Ich weiß, du bist die Tochter der Gräfin Irene Czeh, um die wir uns damals gestritten haben, ich und Bernd... Aber sie sagt nichts. Es ist ja alles richtig gewesen, wie es kam. Es muß jeder da bleiben, wo er hingehört. Die kleine rührend junge Frau vor ihr ist glücklich, ist stolz auf ihren Mann, ist stolz auf ihre Kinder. Und sie selbst ist auch glücklich ja, und auch stolz auf Mann und Kinder und auf ihr Geschäft, das sie tapfer hindurch- leitet durch die schwere Zeit.

Was bin ich schuldig?" fragt Lex«.

Si« möchte sagen: Nichts, gar nichts. Ich schenke es dir, schenke es Bernd, wie ich ihm die Blumen schenke dort in dem Päckchen in deiner Hand. Aber das geht ja nicht. Sie nennt einen Preis und nimmt die Kriegsscheine entgegen.

Dann stehen die beiden Frauen gemeinsam an dem Wagen. Der Kleine schläft noch seinen Kinderschlaf.

Wo steht Ihr Mann?" erkundigt sich Lexe.

Ec ist Wachtmeister beim zweiten Garde-Feldartillerie-Regiment, bei dem er früher aktiv gedient hat hier in Potsdam, bevor er das Geschäft eröffnete."

,Lst er gut durchgekommen bisher?"

Er war zweimal verwundet, aber nicht schwer, Gott sei Dank."

Und wo ist sein Regiment jetzt?"

In den Argonnen, glaub' ich. Sie dürfen ja so wenig darüber schretben. Er hat es aber leichter zur Zeit, scheint es."

,H)!ein Mann ist gerade aus der Flandernschlacht herausgezogen

Wie Kriegsfrauen so miteinander sprechen.

Und wie geht es Ihnen?"

Das Geschäft läuft ganz gut. Rur die Ware ist knapp. Da helfe ich mir mit Strickereien und Schneidern. Man muß nur wollen dann kommt man schon über die Zeit weg."

Noch einmal sieht Lexe in den Wagen.Ein süßer Junge "

Dann reicht sie der Frau dir Hand. ,Zch dank« Ihnen, Frau Kreuschner."

Die andere hält die Hand etwas länger fest, als es wohl sonst üblich. Hilde Kreuschner", sagt sie und noch einmal ,Hilde". Vielleicht merkt sich Bernds Frau den Namen, vielleicht schreibt sie ihm von den Blumen oder erzählt es ihm, wenn er auf Urlaub kommt, zur Taufe.

Die Hände lösen sich.

Lexe geht die Straße hinab, der Friedenskirche zu; sie geht schnellen Schrittes mit ihrem federnden jungen Gang. Als sie an die Ecke kommt, dreht sie sich um und blickt zurück. Da steht die Frau noch immer am Wagen ihres Kindes. Lexe winkt, und di« Frau winkt wieder.

Plötzlich fällt Lexe ein: Hilde das ist eigentlich so ein einfacher Name, wie Bernd ihn haben will.

*

Im März 1918 bricht die große deutsche Offensive vor, auf die Mil­lionen die letzte Hoffnung setzen.

In den ersten Apriltagen läuft Lexe, mit der kleinen Hilde auf bem Arm, zu Irene und schwenkt die Zeitung:Da, Mutter, lies!" Sie zeigt auf den Heeresbericht. Und Irene Czeh lieft, lieft ganz langsam.Im Luftkampf schoß über den feindlichen Linien Leutnant Graf Czeh drei englische Flugzeuge ab."

Freust du dich denn nicht, Mutter? Bist du nicht stolz auf Günter?" 3a", sagt Irene und läßt die Zeitung sinken,sehr stolz, sehr." Doch beim zweitensehr" ist ihr, als ob sie die Lippen nicht mehr schließen könne, so bebt ihr Kinn.

Und dann ist eine Karte von Günter da:Liebe Mutter, ich schaffe es noch. Wie der siebzehnjährige Eberhardt bei Jena..."

Noch ein anderer lieft den deutschen Heeresbericht und den Namen, Sir William Bruce, und er weiß, daß dieser deutsche Kampfflieger Irenes Sohn ist.

Und wenige Tage später lieft er wieder einen Bericht, diesmal einen englischen; er steht in keiner Zeitung, er gehört zu den vielen Schrift­stücken, die vom War-Office Ins Foreign-Office gelangen. Der Sohn des Lord Morrifton ist Im Luftkampf mit einem deutschen Flugzeug zusam- mengestoßen; beide Maschinen sind, zu einem Trümmerhaufen geballt, westlich Albert gefunden worden; den Engländer haben sie tot, den Deutschen schwerverletzt aus dem Gewirr von Metallrippen, Drähten und Verspannungen geborgen. Der Name des Deutschen ist genannt: Leutnant Graf Czeh.

Nichts hält William Bruce, nicht fein Dienst, nicht die Arbeit, die in diesen Tagen, in denen der deutsche Durchbruch zu gelingen und die Einigkeit der Kabinette in London und Paris zu sprengen droht, beson­ders wichtig und dringend ist. Er rast im Auto zur Küste, es gelingt ihm, die Uebersahrt nach Frankreich beschleunigt zu erzwingen. In Boulogne braucht er fast Gewalt, um einen Kraftwagen zu bekommen, er will nach Amiens. Vielleicht kann ich ihn retten. Ich will für ihn sorgen, ich muß es. Die besten Aerzte werde ich heranschaffen.

Nicht zum erstenmal ist er während des Krieges auf französischem Boden, nicht zum erstenmal hinter der Front, doch eine solche zitternde Erregung hat er noch nie verspürt. Alles spricht vom Vormarsch der Boches er haßt dies Wort, alles ist voll Sorge und Angst. Die Straßen sind durch marschierende und fahrende Kolonnen fast verstopft. Englische Truppenteile kreuzen sich mit französischen; aber von Einigkeit ist nichts zu spüren. Flüche fliegen hinüber und herüber, man beschimpft sich in Sprachen, die man wechselseitig nicht versteht. Noch nie ist William Bruce so klar geworden, rote grundverschieden die Wesensart der beiden verbündeten Völker ist und wie dünn das Band, das sie zusammenhält; schon die Furcht vor einer Niederlage scheint es zu zerreißen.

Er gelangt unter ungeheuren Schwierigkeiten nach Amiens, denn man will ihn, den Zivilisten, nicht durchlassen. Die Franzosen sind unliebenswürdig und wollen die Papiere des britischen Auswärtigen Amtes nicht anerkennen. Er dankt seinem Schicksal, daß er wenigstens die Sprache des Landes voll beherrscht, denn das ist seine einzige Hilfe.

In Amiens fragt er sich nach dem Kommando der englischen Flieger durch. Er weiß, zwischen den Fliegern herrscht eine ritterliche Kamerad­schaft, die auch dem Gegner gerecht wird; man wird wissen, wo der ver- rounbete Feind liegt. Er hat sich nicht geirrt: man ist unterrichtet, man begreift sogar, was ihn herführt, man kommt ihm in jeder Weise ent­gegen; hier im englischen Lager kennt man seinen Namen und feine Stellung. Einige telephonische Rückfragen klären die letzten Zweifel: der junge Deutsche lebt noch, er ist in einem englischen Lazarett in besten Händen, aber es steht ernst um ihn, sehr ernst.

Ein Dienstauto fährt vor. Wieder geht es über Land, wieder ist dar Bild das gleiche: Kolonnen Kolonnen, feindroärts strebend und von der Front kommend, verstopfte Straßen. Von fern tönt das dumpfe Rollen der Geschütze und mischt sich mit dem Knarren der Wagenräder, dem Stampfen der Marschttitte, dem Singen der Mannschaften, den Befehlen, die geschrien, den Flüchen, die gebrüllt werden.

Die Stimmung ist nirgends gut; es ist Gefahr im Anzuge: der Deut­sche will den Eisenring sprengen, den die verbündete Welt um sein Land legte.

Es dunkelt, als der Wagen vor einem zweistöckigen Haufe hält, von besten Dach die Fahne des Roten Kreuzes weht. Eine ehemalige Schule scheint es zu fein.

Der englische Arzt führt William Bruce vor eine Tür.Wir haben ihn allein legen können. Der Raum wurde frei. Es geht mit ihm zu Ende."

Keine Hoffnung?"

Nein. Das Rückgrat ist angebrochen. Schwere innere Verletzungen." Der Arzt nennt einige lateinische Namen.

.Leidet er sehr?"

Wir hatten ihn unter Morphium", sagt der Arzt kurz.

Darf ich eintreten?"

"Bitte." (Fortsetzung folgt.)

Derantioortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Derlag. Brühlsch« UntversttätSdruckeret Ä. ßawfl«, Gießen.

sie selbst, dreißig wohl, viel- i ist immer noch hübsch und