Ausgabe 
16.4.1938
 
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fte Wnze alle ^(mnoocrfant) lobenvlg, In dieser Munde brennen die Feuer ja auch am Süntel und am Harze, in den Weserbergen, vorm Ith und am Hils. Und im Frühlingssturme brausen droben die alten Götter über ihre alte Heimat, Tor und Freya und der wilde Wode.

Unser Parenser Feuer aber ist wirklich das schönste meilenweit, wir Parenser wissen es, und das ist die Hauptsache, denn wir stehen durchaus im Mittelpunkte der Welt und unserer eigenen Begeisterung. Höchstens drüben an der Ruine Pleß, wo die Göttinger Studenten ihren Holzstoß haben, verstehen sie es ebensogut. Aber dafür haben wir schönere Fackeln.

Die Fackeln, das sind zweimannslange Stangen, die an der einen Seite mehrfach eingespalten werden. Hattet ihr zur Goelheseier euern Eckermann oorgenommen, statt überGoethe und die Feuerbestattung", Goethe und Illinois",Goeche und die Schmalzsabrikation" Vorträge zu hören, so würde ich schreiben können, daß die Fackelstangen geschlachten wären. Denn so benannte und erklärte der Lüneburger Heidesohn dem greisen Dichter die Herstellung eines gerechten Flitzbogens, mit dem die beiden dann im Garten hinterm Frauenplane Pfeile schossen wie zwei glückselige Jungens.

Also, eingesplittert sind die Stangen und mit Teer und Oel schön sastig getränkt. Man zündet sie am großen Feuer an und schwingt sie dann in weiten Kreisen um sich herum. Ein wunderhübscher Anblick ist das, rings im Lande um die mächtigen Feuer, die waagerecht kreisenden, glühenden Funken vor den Bergen.

Ein echt niedersächsisches Vergnügen ist es! Denn wegen der Länge der Stangen braucht jeder sehr viel Platz, jeder steht sehr allein, plaudern kann man gar nicht dabei, die Sache erfordert ziemlich viel Kraft, und jeder hat durchaus sein Genüge an sich selber und feinem eigenen Feuerwerk. Weithin die Hude hinab und die Halb hinauf bis zum Walde springen die Jungens und die Mädchen. Und wenn die Fackeln erlöschen, so finden sich auch wohl ihrer zweie hier und dort zu einem nächtlichen Osterspaziergange, der gewiß nicht weniger kurzweilig ist als jener berühmte nachmittägliche, von dem geschrieben steht:

Sie wurden rot, sie wurden warm Und ruhten atmend Arm in Arm, Juchhe! Juchhe!

Und Hllft an Ellenbogen ...

Und die großen Feuer im Hannoverlande verglühen. Ein letztes Zucken und Widerscheinen in den Wellen der Harste, ein letzter Jubelruf, als die letzte Fackel weiten Schwunges hoch in den Nachthimmel stiebt, ein letztes Mädchenlachen aus den Buchen der Lieth. Dann ist der Oster- tag vorbei, die alten Götter wehen leise hinüber, zurück in die einsamsten Täler des Sollings, in denen sie das Jahr bis zum nächsten Opfertage verträumen.

Und nun sind alle Osterfeuer tot.

Aber so schön wie unser Parenser Osterfeuer war kein anderes, nein, Nicht ein einziges, dabei bin ich, und dabei bleibe ich, und wenn ihr mir die Feuer von ganz Hannover aufzählt. Es war ja unser Osterfeuer!

Oestliche Ostern.

Von Friedrich Reck-Malleczewen.

Sie werden das alles, in einem milderen Klima, schwer begreifen. Die Weichsel aber ist nun einmal ein tiefer, Völker- und auch klima- scheidender Strom, und wer, aus dem winterlichen Ostpreußen kommend, sie passierte, umins Reich" zu fahren, der erzählte, heimgekehrt, von Veilchen, die ervorgestern im Tiergarten" habe blühen sehen, während in Masuren bei 20 Grad Frost alte Herren mit roten Pontac-Nasen ihren Burgunder aus Gläsern tranken, die wie gestielte Goldfischbassins aus­sahen und einen entsprechenden Inhalt faßten. Ich blätterte in alten Tage­büchern: ich habe am 9. März 1907 in Masuren 42 Grad Frost gemessen und bin im gleichen Jahre am 8. April im schweren Schlitten über den See gefahren. Kam aber erst einmal das große Tauen, so kam es auch gleich mit 500 PS, und dann war bei dem tiefen, tiefen Bodenfrost und den grundlosen Wegen solch ein Gut, das sieben Kilometer von der russischen Grenze entfernt lag, von der Welt abgeschnitten, und die Ofter- gäfte, die da tarnen, hatten abenteuerliche Reisen hinter sich und blieben dementsprechend der Sicherheit halber gleich bis Pfingsten da. Ostern dort oben? Der giftig-schwüle Föhn, der heute im Chiemgau den letzten Schnee schmelzt, der war das nicht ...

Es war eine keusche, würzige Frische, die nach Tauwasser und junger Sonne roch, weit trug von den Hügeln der Blick über die sarmatische Ebene, tief und schwer bis zu uns herüber klangen von jenseits der Grenze die Glocken der russischen Garnisonkirche.

Die Bäche traten aus, die Fohlenkoppel war ein See, wir selbst waren tagsüber unsichtbar und durchpilgerten den Ostermorgen mit dem Hecht­speer und zapften für den Ostertrunk eine der gigantischen schwarz- silbernen Birken an.

Wir waren ja wohl auch, wieder einmal, auf Quarta hängengeblieben, und Tante Slngeligue behauptete, wir würden noch im Zuchthaus enden. Wir fanden Tante Angeliques Sprache unfein und ließen unteren Aerger über sie aus an dem Predigtamtskandidaten Wiebe, der zur Aufbesserung unserer lateinischen Kenntnisse engagiert worden war: wir sattelten unsere Ponnys und kamen die steile Treppe hoch in das über der Brennerei gelegene Elevenzimmer geritten, wo wir die Nachhilfestundengenießen" sollten. Hatte sich was mit Genuß! Wir stampften mit schwerem Hufschlag ins Zimmer und mitten hinein in den Humanismus, der Kandidat Wiebe faßte es als Kundgebung einer verborgenen Mißachtung auf, fand auch, daß die Szene sich nicht mit demErnst des Lebens" vereinbaren ließe und beschwerte sich, die Tante aber verprügelte uns mit ihrem Sonnen­schirm. Als er sich während dieser von der Schirmindustrie keineswegs vorgesehenen Verwendung öffnete und wir die Tante auf dieses Faktum aufmerksam machten und auch in Erinnerung brachten, daß manmit jo

was* doch nM prügele, wnrtte fTe ros, gcrtt uns ?echk und steMe Re Zeremonie ein.

Abends gab es Hecht, der mit viel Speck gespickt und in Rahm gebraten war, und es war ein Gast da, der, frisch aus Kanada gekommen, furchtbar bestaunt wurde, und Onkel Roger, der einst auf der weltenfernen Insel ein Gut gehabt hatte und nicht über die Peripherie feiner kimmerischen Insel hinausdenken konnte Onkel Roger also sandte folgende Sentenz in die Lüfte:Als junger Mensch, da wollte ich ja auch mal nach Amerika. Aber man hat mir denn ja auch gejagt, daß man da nicht mit eigenen Pferden hinfahren könnte, und daß der Kaiser von Amerika den baltischen Adel nicht so recht leiden kann. Und da bin ich denn zu Hause geblieben." Jawohl, so war Onkel Roger. Und so mar Ostern in Masuren. Es ist schon ziemlich lange her. Vielleicht ist's heute anders!

Am Ostersonntag war Wasja gestorben. Wir wissen bis heute nicht, wer er gewesen ist. Wasja war vor vielen Jahren lange vor meiner Geburt über die Grenze gekommen, wir hatten ihn für einen russischen Deserteur gehalten, wenn seine Manieren nicht die eines Kavaliers gewesen wären, Tante Angslique hat mir kurz vor ihrem Tode (unb fi« hat fast das hundertste Jahr erreicht) erzählt, daß irgendein Gast in Wasja, der gerade (was fehr, sehr selten geschah) auf den Hof gekommen war; einen früheren Petersburger Garde-Obersten erkannt haben wollte.

Ich weih nicht, ob es richtig ist, ich weih bis heute nicht, wer er war. Er trug einen langen, silbernen Bart und trug sich ärmlich, aber unendlich sauber, er bekam von Tante Angölique die Imkerei, die freilich nur eine tief im Walde gelegene Bretterbude bei den in ein paar Fichtenstämmen residierenden Bienenstöcken war, zugewiesen; ich habe ihn dort bis in meine Jünglingsjahre besucht. Dem Kinde erzählte er Tiermärchen von dem russischen Bauern und dem Bären, der in seiner Sprache derHonig» wisser" hieß, er erzählte von dem Riesen Gangut, und wie der Bauer vor seinen Wagen, um das Pferdchen zu schonen, Schwan, Krebs und Fisch spannte und wie infolgedessen das Fuhrwerk nicht so recht vom Fleck kam. Diese alten russischen Märchen hörte ich von ihm, und Wasjas Augen strahlten dabei, wie Augen nur nach einem gut verbrachten und gut zu Ende gehenden Leben strahlen können.

Später wurden die Gespräche ernster, später, als ich heranwuchs. Ein Nachbar war gestorben; da Wasja so gut wie nie seinen Wald verlieh, hörte er es erst fünf Monate später aus meinem Munde.Er ist einen schweren Tod gestorben, er hat sehr leiden müssen; nun, so hat er auf Erden abgezahlt, und Gott ist ihm gnädig gewesen." Da es mir nicht einging, was der arme Mann denn gar fo viel sollte gesündigt haben, stellte ich Wasja zur Rede und erhielt seltsame Antwort.Lebe du einen einzigen Tag, Söhnchen. Wieviel hast du, ehe es Abend wird, beleidigt, wieviel mal Gott gekränkt, wie oft die Hand ausgestreckt nach fremden Dingen, wie oft deine Zunge nicht gehütet! Denk nach, Söhnchen, denk nach. Aber fürchte du dich, Bruder, deswegen nicht ... leb du nur jo gut du kannst. Tief fallen muh, wer sehn will, wie hoch Gott thront."

Das mar Wasja. An einem Dfterfamstag, ein paar Jahre vor dem Krieg, schickte er einen gerade aus dem Wald gekommenen Jungen al» Boten, daß er sterben wolle, und man möge ihm einen Pfarrer schicken, gleichgültig, welchen Bekenntnisses. Tante Angelique schickte den Guts­geistlichen (den sie, nebenbei gesagt, wegen seiner ewigen Bitten um Gehaltserhöhung ihrenBettelmönch" zu nennen beliebte), der geistliche Herr mar nicht gleich zur Stelle und konnte in den Abendstunden erst die Jmkerhütte erreichen und sand Wasja tot.

In feinem Feiertagsanzug auf feinem Bett ausgestreckt in der blitz­sauber gekehrten Hütte, mit einer Sterbekerze in der Hand. Silberbärtig und so schön, wie der Mensch ist, wenn hinter ihm ein wohlverwaltet Leben liegt, ja, genau so.

Wir wissen nicht, wer er mar. Wir glauben nicht, daß hinter ihm irgendeine romantische Geschichte mit irgendeiner großen Schuld steckt ach nein, daran denkt niemand von uns, roenn er heute noch von dem alten Manne spricht nach so viel Jahren ...

Wir glaubten, daß er einmal ein reicher, vornehmer Mann gemesen ist, dem das Leben plötzlich leer und schal vorkam, und der von allem bis­herigen fortging, um über sich selbst nachzudenken. Wer da einmenbet, daß man ein Leben tätiger und beifpielsmeife durch eine Generalagentur für Suppenwürfel vertreiben kann, mag, objektiv gesehn, recht Haden, gehört aber einer anderen Welt an, mit der nicht viel anzufangen ist. Gut ist der Acker, der emsig Weizen trägt, siehe, gut ist aber auch das Moor und der Sumpfmald, wo die Natur ruhen will.

Ja, das alles fiel mir ein, bei dem alten Onkel Wasja, der irgendwo in einem masurischen Wald unter einem Holzkreuz schläft, nachdem er abberufen wurde an einem stillen feierlichen Ostersonntag. Ich weiß, wie gesagt, nicht, wer er gewesen ist, unb niemand wirb bas Geheimnis seines schon sagenhaften Lebens enträtfeln. Ader ich benke nun oft, baß es gut wäre, fo zu scheiben. Unb bah ber Tob zu ihm kam als Lohn für ein weife verwaltetes gütiges Leben.

Föhn ging bie ganze Nacht, kam aus ber Gebiraslücke des Jnniales, blies über den See, blies mir ben Schlaf fort. Schwül ist's heute unb süß unb schwer bie Stift, unb ber Gärtner bringt ben ersten Krokus, unb am Hause verschwinben alle bie aeaen bie Schneeverwehungen errichteten winterlichen Schutzbauten, unb bie Belagerung, bie jeber einsame Hof im Chiemgau alljährlich zu bestehn hat, ist gesprengt.

Sie ist gesprengt, ber Poltganq ist keine Norbvolarerpebition mehr, Berliner Verleger brauchen sich nicht mehr über Verzögerunaen in ber Korresponbenz zu beklagen, bie Weae tragen schon ben Waaen, bie ersten Autos, beladen mit ben im Winter rar gewordenen Münchner Freunden, bie werben nun wohl auch balb über ben Höhenzug gerollt kommen. Im Dorf hats. was nach meinen Chiemgau-Erfadrunaen auf beftänbiges, warmes Frühlingswetter hinbeutet, bie erste große Rauferei gegeben. Es geht, wieber einmal alles ben orbentlichen Gang.

Die Heimat ist vor vielen, vielen fahren versunken Ostern dort ist nicht Ostern hier, es ist hier ein fröhlicheres unbeschwerteres Ostern