Ausgabe 
16.4.1938
 
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GiehenerZamilienblAter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1938 __________ Samstag, den 16. April Nummer SV

Oster lieb.

Von Josef Weinheber.

Am Himmel wandert kühl und fern der Hirtenstern.

Auf einer goldnen Flöte klingt sein tiefes Lied.

Durch blauen Brückenbogen zieht die stille Schar, di« Herden schimmern silberblond in ihrem Seidenhaar.

Der Hirte trinkt im dunklen Quell, der Quell versinkt, und heimathell im Süden steigt der Mond.

Das Nortener Feuer schöner als das Parenser? Ihr seid wohl nicht klug! Wie eine brennende Scheune, so groß war es, ja, eine richtige Feuersbrunst, hinter der das alte Kloster Marienstein, grau und böse über den heidnischen Unfug, aufgrimmte. Aber eine Feuersbrunst ist doch noch lange kein Osterfeuer, wenn ihr das nicht seht, dann seid ihr eben nicht Fachmann in Osterfeuern, seid womöglich gar keine Hannover inerl

Ein kluger alter Pastor in Holstein sagte mir einmal:Die eigent­lichen Menschen, das sind bloß die Völker um die Nordsee herum, bei uns die Hannoveraner und anderen Niedersachsen, alles ander« ist bloß eine billige Imitation des Lieben Gottes!"

Allerhand für einen alten Pastoren, nicht wahr? Aber was ein Oster- feircr ist, könnt ihr anderen wirklich nicht beurteilen, so weit mutz doch jsder denkende Mensch dem geistlichen Herr« recht geben.

Osterfeuer in Parensen.

Von Borries Freiherrn von Münchhausen.

Sagt, was ihr wollt, aber unser Parenser Feuer war doch das aller- schänstel Ihr denkt wohl, weil ich selber Parenser bin, und als hiesiger Dynast" mir einen deftigen alten Steinhäger dabei geleistet habe, Gott bewahre! Ich sage es ohne alle Heimatverliebtheit: Unser Parenser Osterfeuer war das schönste im ganzen Leinetale, ja! Ostern ist hier­zulande noch eine Sache, wirklich, ist ein Fest wie vor tausend Jahren, als es noch das Ende des Kienspans in der dick vom Torf durchqualmten Diele bedeutete, das Ende der winterlich festverschlossenen und moosver­stopften Fensterläden, das Ende von so viel Külte und Dunkelheit, Not und Nordwind.

Früh fängt es natürlich mit dem Kirchgang an. Unser Kirchlein ist freilich nur ein klimperkleines Dingelchen, aber wie es im Liede heißt:

Das Morgenglöckchen schepperte fast wie Spott, Dock auch im Klang der kleinen Glocke ist Gott!

Und in den kleinsten Kirchen wohnt er gewiß am liebsten.

Und das Harmonium klingt ein wenig dünn und gläsern, und die Stimmen singen in der durchsichtigen Mundart der HeimatAufer- !-landen, aufers-tanden", und der grauhaarige Herr Pastor legt seiner leinen Schar eindringlich und eindrücklich das Evangelium auseinander. E» ist alles sehr lucherisch und voll heimlicher Hattung wie alles in Niedersachsen. Und ein wenig rührend ist es auch, von den mächtigen Aäpfen der Konfirmandinnen vorn bis zu dem schneeweißhaarigen Schäfer auf der letzten Bank hinten.

Das Rührendste aber an unserer Kirche ist ein Doppelgrab draußen auf dem verwahrlosten und verwilderten Kirchhofe. Zwei gußeiserne Kreuze stehen dort, die sicher den Ertrag einer halben Ernte gekostet haben, und was darauf steht, das ist kein vom Pastor ausgesuchter Bibel- wruch und auch kein Satz aus dem Katalog einer Grabdenkmal-Firma. Einer armen, alten Witwe war chr einziger Sohn gestorben, und was dar bedeutet, können wohl bloß die Mütter eines brennend und ab­göttisch geliebten einzigen Kindes ermessen. So starb sie dem Sohne hastig und verzweifelt nach ...

Auf den beiden Kreuzen aber reckt sich je eine Hand zur anderen auf dem anderen Kreuze hinüber, und unter der einen steht:

Mutter, wo wir bleiben, da bleiben wir beide!"

Und unter der anderen Hand:

Und reichen uns dort die Händel"

Ist das nicht wunderschön in seiner ganz leise plattdeutsch gefärbten Innigkeit?

Das Mittagessen, hurra, das Mittagessen! Es gab wie alljährlich ein Osterlamm, es schmolz auf der Zunge und war vom Zarten das Zar­teste, vom Delikaten das Delikateste. Ich habe den Verdacht, es war bloß mit Sahne grohgezogen und fett gemästet, unmöglich hätte es von was anderem jo köstlich schmecken können. Und doch war etwas am Tische, das noch köstlicher war, das war der Kranz von sechs Kindern, fünf Jungen und einem Mädchen, alle weizenblond, alle die Backen wie Milch und Blut, alle mit glänzenden blauen Augen wie die glücklichen Eitern neben mir. Im Meßbuch der katholischen Kirche steht irgendwo die schöne Weissagung: Filii tui erunt sicut novellae olivarum in circuitu mensae tuae, deine Söhne sollen sein wie die Zweiglein des Oelbaums rings am Rund deines Tisches. Meinem lieben Pächter ist das Wort aufs lieblichste in Erfüllung gegangen, wenn ihm auch die blanken Ruten der Eschen an der Seine drüben passender als Bild scheinen werden als das graustaubige Holzwerk vom Jordan.

*

Und dann das Eiersuchen im Parke! Wißt ihr, wie es aus einem zehnjährigen Jungen herausschreit, wenn er das erste silberumwickelte Schokoladene! in der Astgabel der Eibe entdeckt? Keine Ahnung habt ihr, wenn ihr nicht daneben gestanden habt und dabei vom Schrecken halb gelähmt zusammengefahren seid! Ich dachte, er wolle es bis Bovenden hm Mitteilen, i wo, bis Weende schrillte es durch die kühle Sonne des Vorfrühlingstages! Und nun das Durcheinandergerenne vom Herren- Hause bis zum Teichel Aber Waltraud ist natürlich die fixeste, die blon- den Locken zittern ihr vor Eifer ums Köpfchen, und selbst wenn sie sich lekundenlang über den großen Sammelkorb neben der Kastanie bückh, 1° trippeln ihre Füße, als wollten sie auch im Stehen ja keinen Schritt versäumen. Ach, und die Ente! Das muß ich noch erzählen:

Am erstauntesten war nämlich eine weiße Ente, die vom Gutshofe her durch eine ihr wohlbekannte Zaunlücke hereingekommen war. Sie fand ein Silberei im welken Gras, sie stutzte, sie guckte mit schiefem Kopfe nach oben, wie eine alte Dame, die nicht weiß, ob sie eine Neckerei Übelnehmen soll. Und dann ging sie kopfschüttelnd weg und sagte sehr ungehalten:Na, na, na!" Ja, das war das Ostereisuchen, und das war die Ente!

Das Feuer vom Hardenberge wäre auch ganz schön gewesen dann am Abend? Laßt mich mit dem Hardenberger Feuer in Ruhe! Wie ein Dolch, so stand es spitz und dürftig neben der mächtigen Ruine meiner Gutsnachbarn, viel zu klein vor dem mächtigen Bergzuge. Ihr habt eben unser Parenser Feuer nicht gesehen, jeder kann ja schließlich auch nicht von Parensen [ein, leid tut ihr mir. Leid! Damit die Zeit bis zum Abendessen ein bißchen schneller vergeht, trinken wir Kaffee. In sechs weitbauchige Tassen und in sechs riesige Näpfe voll köstlicher frisch­molkener Milch tauchen gleichzeitig zwölf Stücke des herrlichen Schmand- kuchens, von dem die Eingeborenen rühmen, daß er weder in Moringen, geschweige denn in Göttingen (dem hochnäsigen Weisheitsnestel) nach­zumachen wäre. Im Altenburgischen preisen sie ihren Quarkkuchen, na, Quart ist ja auch auf der Welt, und wer Kuchen daraus machen will, dem sei es unoerwehrt. Aber Schmand, das ist Sahne, schiere, bitte Sahne, da urteilt selber!

Zum Abendbrot wird der erste Schinken angeschnitten,, ihr wißt, der vom Novemberschwein. Man sagt Hierlands, er müßte erft den Kuckuck rufen hören. Nun, dies Jahr hatte der Kuckuck eben nicht den richtigen niedersächsischen Kalender im Kopse gehabt, denn drüben im Solling wie drüben im Eichsfelde keine Spur von Kuckuck! Aber es war Ostertag, und also der Tag des Schinkenanschnitts im Hannoverlande, wir wußten es besser als der Kuckuck, und wir behielten recht. Zart und milde war der Schinken mit einem feinen Ruch nach Birkenfeuerrauch. Und eine leise Wehmut der Erinnerung an das, allen Anwesenden noch so lebhaft vor Augen stehende Schwein verwehte schnell, wo sechs Kinder am Tisch« sitzen, hat immer der Schinken recht und nicht das Schwein.

Nun aber hinaus auf den Festplatz zum Holzstoß!

Wie ein großes Zimmer so hoch und breit ist er aufgetürmt, denn die Dorfjungens wissen, was sich gehört und was sie dem Rufe von Parensen schuldig sind. Unten ist alles mit Stroh ausgestopft, und innen ist vor­sorglich eine Art Kamin offen gelassen. Das Gerüst muß nach uralter Ueberlieferung eigentlich ein Rost auf neun Pfählen, und die Buchen dazu müssenja, wie sag ich's meinem Oberförster, die Buchen müssen g^estohlen fein, so verlangt es das heilige Herkommen. Laßt uns die Sitten der Vorfahren hochhalten, auch wo sie uns schmerzen! Von außen lehnen dürre Stämme und wirres Astwert gegen den Haufen, und hoch über allem schaukelt im Märzwinde aus Lumpen und Sack­leinen der böse Wintergott, der heute verbrannt wird.

Und da lodern auch schon die Flammen vorm dunklen Walde auf, jauchzen hinauf in den funkelnden Sternenhimmel, jubeln über das weite Seinetal hinüber zu den Feuern von Reyershausen und Eddigehausen, oa« Lütgenrode und Hevesen. 3n dieser Stunde wird mit einem Mal