Ausgabe 
15.8.1938
 
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Doppeltes Leben.

Von Hedwig Forstreuter.

Fremd schwingt sich oft ein Jubeln über mich hinaus, Kam es aus meiner Brust? Es klingt so fern uni» froh. Ganz junge helle Menschen lachen so, Und ihre reine Stirn ist nicht von Zweifeln kraus.

Dumpf rührt sich oft ein Leid und weint in meiner Niemals gelebten Schicksals dunkle Saat, Ein Locken weht von Usern, die ich nie betrat.

Doch ihr Geheimnis ist mir tief bewußt.

O Lachen du und Weinen! Flötenlaut Bist du in eines großen Meisters Hand, Der Glück und Schmerzen in mein Lied gebannt Rührt an die Seele, der im Schweigen graut.

Robinson Wirklichkeit und Dichtung.

Robinson ErusoelJeder wird einmal die abenteuerliche Ge­schichte des auf eine einsame Ozeaninsel verschlagenen Matrosen gelesen haben. Daniel Defoe's Buch gehört mit zu den unsterb­lichen Werken der Weltliteratur, die von Jungen immer wieder mit atemloser Spannung verschlungen werden. Nun will ein deut­scher Regisseur, Dr. Arnold F a n ck, im Auftrag der Bavaria nach Juan Fernandez reisen, um das Schicksal Robinsons in einem Großfilm zu gestalten. Aus diesem Anlaß wird im fol­genden den Schicksalen und Schauplätzen nachgegangen, die mit der Robinson-Insel verknüpft sind.

Juan Fernandez, die Robinson-Insel im Stillen Ozean, ist, genau so wie die weliberiihmte Kokos-Jnsel, immer wieder bis in unsere Zeit der Ort seltsamen abenteuerlich-romantischen Geschehens. Zwar gibt es dort keine sagenhaften Schätze zu heben, die, wie von der Kokos-Jnsel berichtet wird, Piraten und Freibeuter einstmals dort versteckt hätten, sondern es sind vielmehr die Schicksale zweier Männer, die von Zeit zu Zeit in den Berichten und Meldungen der Zeitungen auftauchen und von sich reden machen.

Der spanische Seefahrer Juan Fernandez, der die Inseln (die Robinson-Insel besteht aus den EilandenMas a Tierra" undMas a Quero") entdeckte, hätte es sich wohl nicht träumen lassen, daß sein Name noch einmal insGerede der Leute" käme. Gerade das wollte er ja ver­meiden: denn warum verbot Spanien damals wohl sonst, daß die Inseln in eine Seekarte eingezeichnet würden? Juan Fernandez wollte dort einen geheimen Flotten st ützpunkt anlegen. Er fand, als sein Schiff in die winzige Bucht vonMas a Tierra" einfuhr, ganz in der Nähe eine Sllßwasserquelle, genug Brennholz und eine üppige Vegetation vor. So­fort machte er sich daran, seine Entdeckung praktisch auszubauen, er ließ Samen von Nutzpflanzen ausstreuen und eine Anzahl Ziegen aussetzen. Im Jahre 1563 wurde ihm die Insel, die nun seinen Namen trug, von der spanischen Regierung zugeeignet.

Inzwischen aber hatten auch einige andere Leute ein Auge auf die Eilande geworfen, und darum ist es nicht weiter verwunderlich, wenn wir alten Berichten entnehmen können, daß nach Fernandez' Tod Freibeuter, Piraten und Kaperfahrer aus Portugal, England, den Niederlanden und Spanien sich harte Kämpfe um die Insel lieferten. Das Paradies im Stil­len Ozean, 1000 Kilometer von Chiles Küste entfernt, hatte feinen Frieden verloren. Zwar gab es zuweilen noch einmal ruhigere Zeiten, so z. B. in den Jahren, als die SpanierMas a Tierra" zu besiedeln versuchten. Sie bauten Aecker an, pflanzten Obstbäume, setzten Gemüsesamen aus und legten sogar eine Straße mit Kopfsteinpflaster an, von der noch heute Reste vorhanden sind. Aber bann kam wieder eine Zeit der blutigen Ueberfälle und Machtkämpse. Juan Fernandez' Strand trank Blut, und für eine Weile getraute sich kein Mensch mehr, sich dort niederzulassen. Die Block­häuser verfielen, die Siedler flohen auf das Festland, und nur ab und zu legten in der Bucht Kaperschiffe an, um dort ihre Wasservorräte zu er­gänzen.

Das englische PiratenschiffCingue Port" war eins von ihnen: von ihm wäre weiter nichts zu berichten, wenn nicht jener schottische Matrose Alexander S e l k i r k gewesen wäre, der, kurz nachdem das Schiss Anker geworfen hatte man schrieb das Jahr 1704 (eine Seemanns­kiste packte und aus die Insel floh. Er hatte seine guten Gründe dafür: denn William Dampier, sein Kapitän, war ein grausamer Bursche, der seine Mannschast mißhandelte und tyrannisierte. Selkirk hatte die Nase voll, wie man zu sagen pflegt, er schlug sich in den Dschungel vonMas a Tierra". Dampier ließ seinen Matrosen einen Tag lang suchen, und als seine Männer bann nichts fanden, ließ er Segel setzen. Dem Matrosen Selkirk, der von einer Anhöhe den Manövern zusah, muß, wie in alten ^uf|5e'1$nun9en Zu lesen ist, so etwas wie Angst angekommen sein vor so plötzlicher Verlassenheit, denn er winkte und schrie aber niemand hörte ihn, dieCingue Port" entschwand am Horizont.

Was blieb dem Matrosen Selkirk anders übrig, als um sein Leben zu kämpfen? Zum Glück fand er in den Wäldern reichlich Nahrung. Mit primitiven Werkzeugen fertigte er sich Jagd massen an, und es wird von chm gesagt, daß er eine ungeheure Fertigkeit darin besaß, die wilden Zngen und sonstigen Haustiere mit einer Fixigkeit ohnegleichen auf den steilsten Berggraten zu erjagen.

Vier Jahre und vier Monate wohnte Selkirk auf Juan Fer­nandez. Gewiß hatten inzwischen Schiffe in der Bucht Anker geworfen, aber der entflohene. Matrose traute sich nicht aus seinem Versteck. Wenn ein spanischer Kapitän ihn in die Hände bekommen hätte, dann hätte er, damit mußte er rechnen, sicher bald am höchsten Mast gebaumelt: bei den Engländern wäre es ihm nicht anders ergangen. Die Sehnsucht nach der Heimat, die grausame Qual des Alleinseins trieb ihn jedoch eines Tages doch an die Bucht, als dort wieder einmal ein englisches Schiff anlegte. Die Sage erzählt nun, daß der erste Mann, dem Selkirk in die Arme lief, jener Dampier war, dessen Grausamkeit unseren Matrosen damals vertrieben hatte. Der alte Pirat tat jetzt auf dem englischen Schiff Dienst als einfacher Matrose. Selkirk söhnte sich mit seinem Gegner aus und kehrte nach Schottland zurück.

Der englische Schriftsteller Daniel Defoe hörte von dem feltfameit Schicksal dieses Matrosen und besuchte ihn in seinem Heimatdorf Fist. Später schrieb er dann jenes unsterbliche Werk, in dem er dem schottischen. Matrosen Alexander Selkirk als Robinson Crusoe ein DentmdC setzte. Daß er es dabei mit der Wahrheit nicht so genau nahm, wollen wir ihm nicht verübeln, er würzte seine Geschichte mit etlichen Abenteuern, di« der gute Selkirk nie erlebt hatte: so ist denn das, was von dem getreuen Freitag" erzählt wird und von den Ueberfäden der Wilden in das Reich der Fabel zu verweisen.

222 Jahre später landete ein zweiter Robinson auf Juan Fernandez, der Deutsche Hugo Weber. Er war Signalmaat auf dem deutschen KreuzerDresden" gewesen, der im März 1915 bekanntlich in der Cum­berland-Bucht von Juan Fernandez von Übermächtigen englischen See­streitkräften wider alles Völkerrecht Juan Fernandez gehört Chile, und die Cumberland-Bucht war neutraler Hafen beschossen wurde. Do es kein Entrinnen mehr gab, erteilte der mutige und entschlossene Komman­dant des deutschen Kreuzers den Befehl, dieDresden" in di« Luft zn sprengen. Weber floh mit seinen Kameraden auf die Insel, wurde später aufKuiriguina" interniert, brach aus und segelte in abenteuerlicher Fahrt mit dem alten WackelkastenTinto" nach Deutschland. Aber dort hielt er es nicht lange aus. In der Zeit des deutschen Niederganges fand er sich nicht mehr zurecht, die Sehnsucht nach der einsamen Insel im Ozean ließ ihn nicht mehr los.

So finden wir ihn eines Tages im Jahre 1930 auf Juan Fernandez. Es ist erstaunlich, was Weber sich in kurzer Zeit alles baute und anlegte. Er rodete den Dschungel, er legte einen (Barten an, baute ein Blockhaus mit einer Windkrastturbine, die fein Haus mit Strom versorgte, stellte einen Radio-Apparat aus und lebte glücklich und zufrieden dahin. Eines Tages fuhr er nach Valparaiso hinüber und heiratete dort ein deutsches Mädchen, das durch Vermittlung feiner Mutter aus Deutsch­land gekommen war.

Aber lange sollte sein Glück nicht dauern: denn was sind schon sieben Jahre für rinen Mann, der jedes Maß für die Zeit in der Einsamkeit verloren hat. Eines Tages entdeckten Reisegesellschaften, daß mit Juan Fernandez etwas zu verdienen war. Luxusdampfer brachten allwöchent­lich 2000 Fremde über den Ozean. Die stöberten nun in den Höhlen herum, die, wie findige Reiseführer ihnen erzählten, von Robinson stammen sollten. In Wirklichkeit handelte es sich um Felsengefängmsse, die von der chilenischen Regierung für politische Verbrecher im vergange­nen Jahrhundert dort angelegt worden waren. Sie zeigten ihnenSei- tirts Lookout", jenen Hügel, von dem Robinson tagtäglich über die Weit« des Ozeans schaute, und auf dem heute eine Bronzetafel in kurzen Wor­ten seine Geschichte erzählt.

Der Friede des Eilandes war wieder einmal dahin. Robinson Nr. 2 hatte bald genug von diesen Fremden, die seine Felder betraten, ihn photographierten und ausfragten. Schließlich umgab er feinAnwesen" mit einem hohen Zaun. Als dann die Anstaunerei noch nicht aufhörte, gedachte er sich ein wenig an den Neugierigen zu rächen, indem er ihnen Postkarten verkaufte. Er muß damit ein ganz einträgliches Geschäft ge­macht haben: denn die neuesten Zeitungsmeldungen bestätigen, daß er sich mit der Absicht trüge, die Insel zu verlassen, um sich in Chile eine Farm zu kaufen.

Die größere der Robinson-Inseln,Mas a Tierr a", der Aufent­haltsort von Robinson Nr. 1 und 2, wird heute, wie der deutsche For­scher Max Junge berichtet, von ungefähr 400 Menschen bewohnt, die sich vom Langustensang ernähren. Die Fischerei an der Cumberland-Bucht ist übrigens in den Händen eines Deutschen. Steil fallen die Felswände der Inseln, die vulkanischen Ursprungs sipd, ins Meer. AufMas a Tierra", die 30 Kilometer lang ist, erheben sich zwei Bergkegel bis zu einer Hohe von 900 Meter. Während an der Küste, in den Schluchten und Talern nur eine karge Vegetation herrscht, ist der höhere Teil der Inseln von üppigem Urwald bewachsen. Agaven-Blütenstämme wachsen dort haushoch, Palmen, Eukalypten. Araukarien, riesige Rhabarber- und Kohlgewächse, Magnolien, Myrtenbäume und eine unerhörte Vielzahl von Baumfarnen.Mos a Fuera", die sich an einer Stelle bis zu 2000 Meter über dem Meeresspiegel erhebt, ist gänzlich unbewohnt, aber auch hier gibt es eine herrliche und üppige Flora, die zahlreiche Forscher im­mer wieder verleitet hat, dort Studien zu treiben.

Die paradiesischen Eilande find laut geworden in den letzten Jahren. Man plant sogar, wie Zeitungsmeldungen bestätigen, ein riesiges Hotel aufMas a Tierra" zu bauen, vielleicht werden "die Insel-Klippen, auf denen sich Hunderte von Seehunden fummeln, noch ein---9 mondänes (5 tranbieben auf der Robinson-Insel sehen.

In einer Schlucht in der Nähe der Cumberland-Bucht ragen die Kreuze von drei deutschen Seemannsgräbern, von jenen Männern, die damals ihr Leben ließen, als feindliche Seestreit- krofte dieDresden" beschossen. Im klaren Wasser der Cumberland-Bucht aber erkennt man heute noch die Teile desDresden"-Wracks, die von dem Mut und der Entschlossenheit Deutscher kündene.

Deranttvortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Brühlsche UniversitätSdruckerei R. Lange, Gießen.