Ausgabe 
15.8.1938
 
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Im Hochsommer.

Von Hermann Hesse.

Weites goldnes Aehrenmeer

Wogt im Wind aus reisen Stengeln. Husbeschlag und Sensendengeln Läuten fern vom Dorfe her.

Warme, düfteschwere Zeitl Zitternd in der Sonne Gluten Wiegen sich di« goldnen Fluten Reif und schon zum Schnitt bereit.

Fremdling, der ich ohne Pfad Suchend pilgere auf Erden, Werd' ich reif erfunden werden, Wenn auch mir der Schnitter naht?

Goldrausch in Australien.

Von Heinrich Hauser.

(Nachdruck verboten.)

Kalifornien ist aus Gold gemachtl" lautete der Refrain des bekann- tjten Seemannsliedes um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Das (terüdjt von den sagenhaft reichen Goldfunden in Amerika drang auch mct) Australien.

In das neue Ophir zog ein Goldsucher aus Sidney, Edvard Har- (xioes. Er hatte auf den Goldfeldern keinen befonberen Erfolg, bemerkte a er mit Erstaunen, daß die goldführenden Berge dort drüben eine anf­allende Ähnlichkeit hatten mit denen seiner Heimatlandschaft in Neu- k.idmales. Ausgerüstet mit etwas praktischer Kenntnis von Gestein und und mit den allereinfadjften Geräten zum Goldwäschen, derPfanne" md derWiege", kehrte er heim und zog mit einem Begleiter in jene Serge, die denen von Kalifornien so ähnlich sahen. Er hatte sagenhaftes OCütf; schon auf dem Grund der ersten Schüssel, die er auswusch, ent- tatte er den gelben Schimmer. Außer sich vor Freude, hieb er seinem Simeraben auf die Schulter:Mein Junge, ich werde ein Baron fein m-d du wirst geadelt werden und unseren alten Gaul da, den wird man o: sgestopft in einem Glaskasten ins Britische Museum stellen!"

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Als die Nachricht nach Sidney kam, wirkte sie auf die Stadt wie eine btuumpumpe, Männer aller Berufe verließen ihre Arbeitsplätze und s-ömten nach .Hphir" so hatte Hargraves seine Fundstelle genannt.

Victoria entsandte einen solchen Strom von Goldsuchern, daß die Monie Gefahr lief, gänzlich zu veröden. Ja, aus der ganzen Welt kam Schiffsladung auf Schiffsladung von Goldsuchern, Männer, die nur einen febanten im Kopf hatten: das Gold, Männer, die sich den Teufel darum tinmerten, ob fie genügend Wasser oder Nahrung finden würden. Jn- nrhalb von sieben Jahren wurde die Bevölkerung Australiens mehr als »rdoppelt. 1850 waren es vierhundertfünfzigtausend Seelen gewesen, 1'57 über eine Million.

Der eigentliche Goldrausch währte auf fast allen Goldfundstellen nur trz. Die Lager haben die Eigentümlichkeit, daß die reichen Erze an der Zerstäche liegen und immer mehr verarmen, je tiefer man der Ader m ton Boden folgt. Jede neue Entdeckung ging wie eine Rakete hoch, iizendein mächtiger Goldklumpen weckte phantastische Hoffnungen, Oie tlenfo schnell wieder erloschen. Kein anderes Goldgebiet der Welt hat so feie große Einzelfunde zutage gefördert, wie Victoria. Von den zwölf Mßten Goldklumpen besaß der kleinste drei Kilo Gewicht. Die großen Goldklumpen tragen alle Namen, der mächtigste war derHoltermann ,, ti» kleiner Berg von sechs Zentner, und derWellcome von Ballarat tog immer noch sechseinhalb Kilo. In der Phantasie der Menschen wirk- In sie wie ein Fieber, Lokomotivführer liehen ihre Maschinen stehen, Postbeamte verliehen ihre Schalter, niemand wollte sich mehr rm nüch­ternen Alltag abschinden, wo es auf den Goldfeldern Hunderte und Tau- smde von Äark an einem Tag zu gewinnen gab.

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Schwindel und Betrug fehlten nicht, doch es kam genug ®olb 3uta9*; ihn dem australischen Wirtschaftsleben einen riesigen Aufschwung zu 8'ten. Ein Goldfeld nach dem andern wurde entdeckt, die reichten erst d-eißig Jahre nach den ersten Funden, und zwar m Westaustralien. Em Goldsucher, der an einer Wasserstelle von Eingeborenen kampierte sam- nelte als erster zwischen Frühstück und Mittagessen für 3w°lfl)undert «-art Goldkörner auf. Das Denkmal dieses MannesPaddy steht heute ® f derreichsten Duabratmeile der Welt". In Bronze gegoss , s tz Paddy auf einem Felsen, den Pickel an der Seite, die Wasierkanne in der Nb. Natürlich hatte Westaustralien von Anfang an nicht hinter Neu- pbmalss und Victoria zurückstehen wollen: um Gold,zu entdecken, berief y westaustralische Regierung den erstenFachmann Australiens, nam- jenen Hargraves, der die Lager von Neu-Sudwales erschlossen hotte. Hargraves reifte auch überall herum, war aber nach den geologischen Neiden überzeugt, daß man in Westaustralien fern Gold ^den wurde. 8" hielt sogar in London vor der geographischen Geiellschast einen Bor- Ug mit dem Titel:Der nicht goldführende Charakter der roeftauftrali |t| en®efteinsbilbung." *

[ Genau zwanzig Jahre später fanb man bas erste westaustralische Ä-L h den Kimberley-Bergen. Die Geschichte dieser Entdeckung ist groiesk » e die von so vielen Goldfunden: Ein Farmer,unge hob eines Tages

einen Stein auf, um nach einem Vogel zu werfen. Der Stein war gelb unb so schwer, bah er dem Jungen auf fiel; es war ein Goldklumpen. Der Bürgermeister des nächsten Ortes mit Telegraphenstation geriet aus dem Häuschen. Er richtete ein dringendes Telegramm an den Gouverneur, unterbrach sich mitten im Schreiben, und das Telegramm ging unooll- tändig ab. Es lautete:Ich habe die Ehre, Eurer Exzellenz zu melden, laß heute ein Junge einen Stein aufhob, um nach einem Vogel zu wer- en. Der Bürgermeister von I."

Der Gouverneur drahtete zurück:Und was geschah mit dem Vogel?"

Die reichste Meile der Welt bei den beiden westaustralischen Städten, die so verwirrend ähnliche Namen tragen, nämlich Kalgoorlie und Cool- jarbie, hat bisher für zweieinhalb Milliarden Gold gefördert. Die reich­ten Lager, die an der Oberfläche, sind heute erschöpft, die Zeit der Gold­gräber ist vorbei. Große Gesellschaften mit riesigem Kapital und der ganzen Maschinerie des modernen Bergbaus fördern heute aus Schächten, die bis in tausend Meter Tiefe reichen. In den besten Jahren hat die goldene Meile hunderttausend Kilo Gold gefördert, in den letzten Jahren fünszigtausend.

Golbgräberstädte wuchsen unb vergingen, beides über Nächt. Sind die Lager erschöpft, dann ziehen Trecker und Ochsen die Häuschen auf Schlitten weg wenn sich bas lohnt, nur bie Fundamentspfähle bleiben zurück, zerbrochene Winden, verrostete Kessel, Gräber von Hoffnungen, unb Gras wächst wieder in der Hauptstraße.

In einer so toten Stadt waren schließlich nur noch zwei Hotelbesitzer übriggeblieben, zwei Iren, Pat und Dan. Sie hatten wohlgefüllte Keller, aber keine Kunden mehr. Dan ging aus seiner Bar in das gegenüber­liegende Lokal von Pat:Schlechte Zeiten, Pat, hier sind zwei Schillinge, mein letztes Geld, komm' laß uns einen trinken." Das taten fie denn auch, und Dan ging in feine eigene Bar zurück. Cs dauerte keine Vier­telstunde, da besuchte ihn Pat:Schlechte Zeiten, Dan; hier diese zwei Schillinge sind tatsächlich mein einziges Geld, komm, laß uns einen heben."

So wanderte denn das Zwei-Schillingstück täglich Dutzende von Malen zwischen den beiden Bars hin und her, und all die vielen konsumierten Whisky-Flaschen wurden mit ihm bezahlt.

In der kurzen Glanzzeit einer Goldgräberstadt hatte eine Minen- gesellschaft aus noch ziemlich stark goldhaltigem Abraumgestein eine Kirche ausführen lassen, glänzende Reklame sowohl für den Reichtum der Ge- fellschaft wie für ihre Frömmigkeit. Der Reichtum der Mine verging chneller als man gedacht, bie Stabt wurde verlassen, der Pastor blieb, und da die bankrotte Gesellschaft ihm kein Gehalt mehr bezahlte, strengte er eine Klage an. Aus dem Bankerott indessen war nichts herauszuholen. Da griff der Geistliche zur Selbsthilfe indem er feine goldhaltige Kirche verkaufte. Das Kirchenschiff deckte das rückständige Gehalt und der Glocken­turm die Heimreise.

hornig mit hervorstehenden Knö- liche Augen sprachen von einem

Weit draußen im Busch leben die Prospektoren, bie dem Gold ver­fallen find, und bas sind wohl die interessantesten Menschen, bie man in Australien treffen kann. Einen von ihnen wollen wir schilbern.

Sein graues Haar, fein Gesicht, seine Kleiber waren braun von Staub, aber seine Erscheinung war angenehm, ein aufrechter Mann, auf stille Weise würdevoll. Seine Hände waren hornig mit hervorstehenden Knö­cheln, tief gefurcht das Gesicht, freundliche Augen sprachen von einem ^"^Ja?ich°bin mein Lebtag hinter dem .Gewicht' hergewesen. Bin jetzt 75. Bin nach Westen gekommen, als der Kimberley-Goldrausch losging. Nein, ich hol nicht viel heraus; ein paar Unzen ab und zu. Grade genug fürs Essen. Ich will's Ihnen mal zeigen." ;

Er ging zu feinem Lager ein alter Sack als Windfang um einen Busch geworfen. Er brachte eine kleine Glasflasche zum Vorschein, die ungefähr zehn Gramm Gold enthielt, Körnchen wie Stecknadelköpfe bis zu Erbsengroße. ~ ,

Sehen Sie den Hügel da? Da hat man früher Diamanten ge­funden.s gibt noch viel Diamanten hier herum, man hat bloß nie ordentlich nachgegraben."

Rings um sein Lager lebten viele Vogel, sie waren ganz zahm. Er holte ein bißchen Brot und rief sie. Sie sammelten sich um ihn wie zah­mes Geflügel, saßen auf feinen Schultern unb auf feinen Händen, ließen aber keinen Fremden nah heran. Sie waren feine Nächsten und liebsten

$r<ffiine5 Tages werden bie Vögel ben Alten vermissen. Leute seines Schlages gehen nicht ins Krankenhaus, sie sterben, wo sie gelebt haben m gjU^ar ein feiner Kerl, unabhängig unb voll Tapferkeit. Die meisten feiner Art werden Sonderlinge, aber sie lieben das Leben in ber freien Natur verabscheuen die Stäbte, sind lieber ihre eigenen Herren im ärm­lichsten Leben, als baß fie Stellungen annähmen und ihre Freiheit ver­lören. Es lebt auch stets die Hoffnung in ihren Herzen, eines Tages doch noch den großen Glücksfchlag zu tun.

Reich werden wenige Pioniere und wenn sich zufällig über einen bas Füllhorn bes Glücks ergießt, bann ist bas Cnbergebms meist ent- täutoenb Ein frifdjgebadener Golbgräber-Millionär würbe einmal ge­front wie er sich benn nun eigentlich fühlte:Hundsmiserabel bie Multi-Millionäre schauen auf uns Millionäre runter, als waren wir Dreck " Mit einem Schlag kann sich so ein neuer Nabob alle Wunsche erfüllen aber er hat nichts bavon. Er tut eine Weltreise unb kehrt in bie fieimat zurück voll von Berichten: Was für prachtvolle Schweine er in England gesehen habe, was für schöne Mastganse in "nd was für interessante Schafrassen in der Campagna bei Rom. C- hat Nabobs aeqeben, die nichts so bitter beklagten als die Unmöglichkeit ihr Geld so schnell auszugeben, wie sie es verdienten. Aber wie gesagt: ihre Zahl ist klein.