Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1958 Montag, den 15. August Nummer 65
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Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.
Von Cherry Kearton.
Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
3. Fortsetzung.
Ganz triebmäßig hält sie sich im Laufen an die fliehenden Paviane; dann bleibt sie mit zitternden Gliedern hinter einem Busch stehen, bereit, wenn's sein muß, noch weiter zu flüchten. Unterdessen ist der Gepard noch näher herangekommen, aber nach ein paar Schritten zaudert er; der Anblick der sechs großen Paviane stimmt ihn doch etwas bedenklich. Er weiß: wenn er denen in die Nähe kommt, werden sie den Kampf mit Todesverachtung aufnehmen. Ueberdies ist von der Pallah nichts mehr zu entdecken. Lohnt es sich da überhaupt? Als ob es nicht anderswo Beute genug gäbe, die noch leichter zu haben iftl — Der gefleckte Bursche trollt sich lieber und schlägt sich seitwärts in die Büsche.
Noch einige Minuten geht das aufgeregte Geschrei der Paviane weiter; dann gibt der Führer seiner Schar durch ein Zeichen zu verstehen, daß die Luft wieder rein ist. Da setzen denn die Mütter ihre Ladies wieder ab, die Kleinen beginnen wieder zu spielen, und die Pavian- männer versammeln sich am Fuß eines Baumes zu einer Gruppe und fangen an, alle durcheinanderzuschnattern wie in lebhaftem Meinungsaustausch.
Nur die kleine Pallah rührt sich nicht von der Stells. Sie weiß: sie hat in großer Gefahr geschwebt, und zweifellos würde der Gepard sie gepackt haben, wenn der alte Pavian nicht gewesen wäre. Sein Warnruf war das erste Zeichen von Anteilnahme, das sie von feiten eines anderen Tieres erfahren hat, seit sie von ihrer Herde abgekommen ist. Und schon suhlt sie sich zu den Pavianen hingezogen wie zu Freunden. Sie werden es nicht nur zulassen, daß ste bei ihnen bleibt — sie werden sie auch vor Gefahr warnen, ja — wenn es darauf ankommt, sogar verteidigen! Wenn sie bei i h n e n bleibt, dann wird sie endlich in Sicherheit und nicht mehr dem Gefühl schrecklichster Verlassenheit ausgeliefert sein! —
So bewegt sie sich denn ruhig äsend mitten unter ihnen umher. Inzwischen ist die Redeschlacht der Paviane bis zu einem Punkte gediehen, wo sie In eine allgemeine Schlägerei auszuarten droht. Aber der Alte ist auf seinem Posten, und kaum fällt der erste Hieb, da ist er schon von seinem Hochsitz heruntergeklettert, um für Ordnung zu sorgen. Bei seinem Erscheinen stieben die Zänker auseinander, sausen ins Geäst hinauf und kommen erst wieder zum Vorschein, als der Alte sich von neuem auf feinen Ausguck zurückgezogen hat. Sie fangen an zu spielen, als wenn nichts geschehen wäre — und die Eintracht ist wiederhergestellt.
Lang dauert's nicht, da stößt der alte Pavian von oben wieder ein kurzes Bellen aus. Es klingt anders als der erste Warnruf von vorhin, ist aber auch ein Alarmzeichen; irgend etwas muß wohl nicht ganz geheuer sein. Die Paviane, ungewiß, was denn los ist, halten sich einen Augenblick fluchtbereit; — dann meldet der Alte wieder, daß die Gefahr vorüber ist, klettert bald danach von seinem Baurn herab und ordnet den allgemeinen Aufbruch an. Die Mütter drücken zärtlich ihre Kleinen an sich, die größeren Paviankinder krabbeln rittlings auf die Hinterteile ihrer Mütter, und alle ziehen über die Lichtung davon. Dabei lassen sie sich Zeit und halten sich öfters auf, um kleine Wurzeln ober Pflänzchen aus der Erde zu rupfen ober Steine urnzubrehen, unter benen sie Insekten ober Skorpione zu finben hoffen.
Die kleine Pallah hält Schritt mit ihnen unb fühlt sich geborgen wie lchon den ganzen langen Tag nach nicht. Hunger und Durst hat sie gestillt, unb nun hat sie auch noch Schutz gefunben! Alles wirb gut gehen, Mange sie bei den Pavianen bleibt.
Am äußersten Ende der Lichtung erhebt sich in einiger Entfernung ein großer Felsen. Auf der einen Seite ragt er in scharfen Zacken empor, auf der andern Seite fällt er, teilweise mit Erde und Gras bedeckt, ganz allmählich ab. Dort sind die Paviane zuhause. Eine Anzahl Meiner Höh- ten im Felsgestein bilden ihren Unterschlupf. Kaum find sie angenommen, ba geht es gleich mit Blitzeseile den Steilhang hinauf, von Zacke zu Zacke — unb bie kleine Pallah bleibt ganz allein am Fuß bes Felsens zurück und fühlt sich roieberum ganz verlassen; benn so wie bie Paviane farm sie nicht springen.
Ader verlieren will sie die neuen Kameraden um keinen Preis, und lo trippelt sie um den Felshügel herum unb sucht nach einem Weg, den üe erklimmen könnte. So entdeckt sie auf der andern Seite den sanft auf
wärts führenden Hang, auf dem sie nun endlich bis dicht unter den Gipfel ZU einer flachen Felsplatte gelangen kann. Dort legt sie sich nieder, froh in dem Bewußtsein, daß vier von den Pavianen ganz in ihrer Nähe !>nd; und nicht weit davon hört sie di« andern in ihren Höhlen schnattern
So kommt die Nacht. Die kleine Pallah schläft. Doch da schreckt sie mit einemmal auf — einer der Paviane hat ein gellendes Geschrei erhoben, und sofort geht auf dem ganzen Felsen ein wahrer Hexensabbath tos: sämtliche Paviane keifen, bellen und kreischen durcheinander--
Aber was ist denn nur geschehen? — Ganz verängstigt drückt sich die kleine Pallah eng an das felsige Gestein. Da wird sie gerade noch gewahr, wie unten im Mondlicht die gefürchtete gelbe Gestalt eines Leoparden vorbeihuscht, den Körper eines halbwüchsigen Pavians zwischen den Zahnen---
Feuer!
Fröstelndes Erwachen. — Eine trauernde Mutter. Nachmittagshitze. — Die Rauchwolke.
Eine rätselhafte Gefahr. — Der schützende Block. Entfesselte Urgewalt.
Die Nacht war sehr kalt. Aber sobald es Morgen wird kriechen die Paviane aus ihren Schlupfwinkeln hervor unb besetzen bie Felsnasen und Vorsprunge auf der ©teilfeite, um sich die Sonne auf den Pelz brennen ZU lassen. Halb erfroren wie sie sind, hocken sie zunächst noch stumm und ,n sich gekehrt da; doch dann wird es zusehends wärmer, und da beginnen bie Jungen denn em schönes Spiel: sie stoßen unb puffen sich gegenseitig oon einem Felsblock hinab unb krabbeln umgehend wieder nach oben, worauf dasselbe Spiel von neuem losgeht — der eine pufft den andern' wird wieder gepufft und fo fort. Nun kommt auch allmählich Leben in bte größeren Paviane, denen es inzwischen auch wärmer geworden ist Der Alle übernimmt wieder sein Wächteramt; außer ihm werden noch zwei andre Männchen auf Felsvorsprüngen untergebracht, um das Tal drunten und den grasbewachsenen Abhang auf der andern Hügelseite zu beobachten. Seit dem nächtlichen Ueberfall bes ßeoparben herrscht ein Seift ber Unruhe auf dem Hügel. Die Asfenmütler schnattern unb keckem norf; heftiger als sonst und geben noch sorgfältiger auf ihre Kleinen acht. Eben purzelt eines von ber untersten Felsstufe hinunter — aber anstatt wieder heraufzuklettern, steuert es auf einen Baum los, um sich Früchte ZU mchen; doch da saust seine Mutter bereits in heller Aufregung den Felsen hinab, um es zu holen. Und bas Warnungssignal „Gefahr im Anzug erfolgt in einer Häufigkeit, bie verrät, baß bie Nerven ber Wachen aufs Aeußerste gespannt sinb.
Auch bie kleine Pallah fröstelt beim Erwachen und erinnert sich mit Schrecken bes nächtlichen Geschreis und feiner Ursache. Wie sie noch so auf ihrer Felsplatte liegt, kommt ihr zum Bewußtsein, baß ber junge Pavian gerabe aus ber Höhle bicht neben ihr geraubt worben ist. Seine Mutter kauert noch vorn am Felsrand; sie läßt die Hände zwischen den Knien herabhängen und ist in ihrer hoffnungslosen Trauer so erstarrt in dieser Stellung, daß sie sich nicht einmal rührt, wenn die Alarmrufe ertönen. Sie ist auch die Letzte, als der Alte feine Schar zusammenrust, um den täglichen Beutezug anzutreten, der sie heute vielleicht bis zum Fluß fuhren soll.
Jetzt geht es in eiligen Sprüngen und Sätzen den Abhang hinab; bald wimmeln sie unten am Fuße bes Felsens herum, wo sie sogleich anfangen sich Zwischen Büschen, verstreuten Felsblöcken und einzelstehenben Bäumen ihre Nahrung zu suchen. Da verläßt auch bie kleine Pallah ihren Ruheplatz auf dem gleichen Weg, den sie am Abend vorher gekommen ist. Bald hat sie die Paviane eingeholt und weidet nun mitten unter ihnen Der Alte zeigt immer noch eine schärfere Wachsamkeit als gewöhnlich. Den andern stets um ein Stück voraus, erklimmt er immer und immer wieder einen Baum, um den Boden ringsum abzusuchen, klettert wieder herab, setzt seine Wanderung ein kurzes Stück fort, um abermals an einem Stamm hochzugehen, während die andern Wachen zu beiden Seiten des Trupps feinem Beispiel folgen; und als sie gegen Mittag zum Trinken an den Fluß kommen, hält er immer noch Wache; denn nicht einmal die kleine Pallah, die furchtsam und unruhig neben ihm trinkt, hat größere Angst vor Krokodilen als die Paviane!
Doch heute geschieht nichts. Zwar wird, während sie trinken, zweimal der scharfe Warnruf ausgestoßen, worauf bie Kleinen schleunigst zu ihren Müttern huschen, einer sich sogar voller Entsetzen bis aus eine Akazie flüchtet unb bie Pallah vor Schreck säst zu Stein erstarrt; aber jebesmal folgt gleich hinterher bas Signal „Gefahr vorüber" — unb ber Wasserspiegel träufelt sich im Kielwasser abziehender Krokodile.
In der Nachmittagshitze ruht die kleine Pallah, während Zebras, Kuhantiloven, Gnus unb Gazellen, beren Wachen in geringer Entfernung auf dem Ausguck stehen, unter den benachbarten Bäumen umherstehen


