versetzende Musik. , , .
In einer lebendigen Sprache wird immer der Zusammenhang noch fühlbar und erkennbar sein zu dem ersten Quell der Sprache überhaupt, zu dem hallenden Laut, den übermächtiges Gefühl ungestaltet noch, hm- ausschrie Wie da das Gefühl in die Kehle drängte, die Luft als Schall hinauspreßte und plötzlich den Rohstoff befaß zuberdem, J? und der Musik — das ist ein Vorgang, mag er weit in d e Fruhzeit des Menschengeschlechtes zurückgreifen und vielleicht Jahrtausende der Mit Wicklung gebraucht haben, so groß und gewaltig, daß er n mythischer Erstmaligkeit, wie die Herabbringung des Feuers, vor unserem ruck schauenden Auge steht. Dieser Vorgang klingt überall in der Dichter
,t nsie die Hevabbringung de- Feuers, vor unserem rück- Auge steht. Dieser Vorgang klingt überall in der Dichter- 'Pra&nahört man in manchen durch unendliche Entwicklung noch so veränderten Wörtern den frühen Menschen hindurch, wie er Laute n ch zuahmen sucht und sich freut, wenn es chm gelingt. Ist nicht aus Wor
Oie Nacht.
Don Friedrich Hölderlin.
Ringsum ruhet die Stadt, still wird die erleuchtete Gasse, Und mit Fackeln geschmückt raschen die Wagen hinweg. Satt gehn heim, von Freuden des Tages zu ruhen, die Menschen, Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt Wohl zufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen, Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt. Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß Dort ein Liebender spielt oder ein einsamer Mann Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen, Jmmerquillend und frisch, rauschen an duftendem Beet, Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken, Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.
Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf, Sieht Und das Ebenbald unserer Erde, der Mond Kommet geheim nun auch, die Schwärmerische, die Nacht kommt; Voll mit Sternen und wohin wenig bekümmert um uns Glänzt die Erstaunende dort, die Fremlingin unter uns Menschen, Ueber Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.
Oie Sprache des Dichters.
Von Wilhelm von Scholz.
Ich erinnere mich daran, daß man uns in der Schule etwas von „poetischer Lizenz" erzählt hat, was mir nie recht hat einleuchten wollen. Poetische Lizenz — das sollte soviel heißen wie: der Dichter darf sich der Sprache gegenüber mancherlei herausnehmen, was dem Prosaisten und dem nüchternen Mann des Alltags, wenn sie die Sprache anwenden, verboten ist. Der Dichter sollte die Worte im Satz ohne weiteres gegenüber den Forderungen des richtigen Satzbaus umstellen dürfen, wenn es ihm den Reim ermöglichte, oder auch veraltete Formen anwenden, wie „liebet" statt „liebt", wenn er einen Versfuß mehr brauchte; gewagte, selbst unsinnige Bilder und Vergleiche sollten ihm gestattet sein, wenn sie nur seiner Leidenschaft, seinem Ueberfchwang gemäß wären. Und was der Torheiten mehr sind, die Dichter begehen und die Schulmeister (hier in ungutem Sinne) gerne als Recht der Dichter aushecken. Ich sage gleich: von diesen armseligen Notbrücken, mit denen man den Dichtern einen Dienst zu erweisen dachte, aus führt kein Weg zum Verstandms der Dichterfprache und ihres tiefen Unterschieds von der Alltagssprache.
Man denke sich einmal einen Vorzeitmenschen, der aus Mitteilungsbedürfnis, statt mit Worten zu schreiben, in grobem Umriß das Ding zeichnete, das er nicht benennen konnte (ein Vorgang, der noch m unserem Ausdruck „etwas bezeichnen" erhalten ist), ein Haus also so hinstrichelte, wie es unsere Kleinsten, wenn sie eben den Griffel halten, zusammenkritzeln — und daneben dann die kunstvolle Zeichnung oder Malerei eines wirklichen Künstlers, der durch sein Werk niemandem eine bloße Mitteilung machen, sondern einen Eindruck, ein äußeres und inneres Geschautes aus reiner Freude daran, wie. erregend schön und gegenwärtig es ist, festhalten und wiedergeben möchte; dann hat man Alltags- sprache und Dichtersprache nebeneinander.
Die Alltagssprache ist ein reines Verständigungsmittel zwischen den Menschen, die Dichtersprache ist Ton in der Hand eines Bildhauers, Farbe in der Hand eines Malers, Saiteninstrument m der des Musikers. Sie will nicht, wie die Alltagssprache, Mitteilungen, Berichte, Erklärungen weitergeben, sondern Freude, Gefühl, Anschauung, tiefe Lebenserkenntnis, ja Glück ausstrahlen.
Die Worte des Dichters klingen und singen, sie malen sie gestalten, selbst wenn sie im Hinblick auf ein gewandtes Sprechen oder Schreiben nur zu stammeln scheinen. Das Stammeln des Dichters kann rn seinem Suchen unendlich sinnenhafttt, gefühlsstarker Ausdruck fein. Wenn der junge Goethe unbedenklich so ein paar Verse hinsetzt:
„Denn mein Herz hat groß und viel, Begehr, was doch in der Welt an Freude war, allen Sonnenschein und alle Bäume, alles Meergestad' und alle Träume in mein Herz zu fassen miteianöer —
so ist das hingestammelt und doch tausendmal schöner als manch wohlgefügtes Gedicht und ist echteste lyrifche Dichtung. „ .;ht
Aber abgesehen davon, daß die Sprache des DMers sich be^ht alles so zu sagen, daß es als Wirklichkeit gefühlt wird daß das Wort mit feinem Zauber alle Erinnerungen und Erlebnisse in unswachrch.an denen sich nun unsere Phantasie belebt und °u- denen sie d.e Bilder zu der Dichtung schafft — abgesehen davon gibt_bie Sprache des ters dem Lesenden ober Hörenden Bewegung, Schwung, Rhythmus. Sie ist wie eine mitziehende, die Seele und fast den Körper in Schw g g
ten wie „dunkel", ,Humps", „hohl", die raumfjaftc Dämpfung, die der Ton in Höhlen, unter Gewölben erfährt, deutlich gegeben? Dem wird die Dichterjprache immer nachtrachten. Denn die lebendige Sprache, wie sie der Dichter haben muh, fchasst, wenn sie ohne gedankliche Zersetzung aus dem Innern des Menschen hervorgeht, nicht bloß die leicht in die Mittel der Sprache zu übertragenden kennzeichnenden Laute nach, sondern mit ihrer Hilfe stellt sie auch Gesichts- und Gefühlsvorstellungen sinnenhaft dar. Ich glaube, daß in der Zeile
„Scheiben klirren in Scherben"
weit mehr als der bloße Gehörsvorgang in die Vorstellung gezwungen wird; daß mit dem Eindringen des „r" statt des „i" in das Wort „Scheiben" das unmittelbare Dasein des Gesichtsbildes der zersplitternden Glasflächen durch den klanglich entsprechenden Ausdruck aufs höchste unterstützt wird. Die starke innere Gesichtsvorstellung erzwang sich unmittelbar das gemäßefte Wort.
Eichendorfs erweckt einmal den Gesang der Wolkenfrauen irrt Winde, das unwillkürliche Erklingen einer Melodie durch eine Verszeile, die fast nur aus langen und kurzen, von selbst melodisch-rhythmisch stimmenden I-Lauten besteht:
„Die singen im Wind ihr Lied —"
Wie diese verhältnismäßig einfachen Sinneneindrücke vermag die Sprache in immer feinerer Bereitung zuletzt auch rein geistige Vorgänge sinnlich lebendig zu machenl
Der Dichter muß eben mit dem Gefühl in feiner Sprache weit zurückgetaucht fein bis zur sinnenhaften Klanggeburt des Wortes aus den Dingen.
Oer gestürzte Adler.
Von Otto A l f ch e r.
Manchmal tarnen ihm leichte Schleierwolken entgegen, er glitt in sie hinein ohne Schwingenschlag; dann war plötzlich ein Jagen und Schießen um ihn, während er sonst in der Luft stille zu stehen schien und nur, das Rauschen des Windes in den weitgespreizten Schwungfedern ihm sagte, daß er flog. Aber das milchige Treiben währte immer nur kurz, schon lag wieder die Sonne auf seinem Gesieder, die Tiefe öffnete sich; eine kleine, ferne Bergwelt mit waldverschloffenen Schluchten und glänzenden Triften. Mit leuchtenden Felsgipseln, die zu ihm emporgriffen, ohne ihn doch je erreichen zu können.
Diese Ferne der Erde, dieses Luftmeer, das ihn von ihr trennte« welches er zu verkleinern oder zu vergrößern vermochte, wie er wollte, war ihm die tragende Kraft, das Bewußtsein seines Wesens, jenes Herrschergefühls über Weite und Tiefe und allem, was sich dort unten bewegte.
Denn trotz der Tiefe, die ihn von der Erde schied, war diese immer gleich offen für ihn. Seine scharfen Augen hoben alles, was sich uniert regte, klar und deutlich zu ihm empor, und, obwohl man auf der Erde nichts mehr von ihm im fernen Blau sah, erkannte er jebes Huschen einer Eidechse, das Schwirren eines Vogels von Busch zu Busch, ja selbst den Umriß eines Hasen, der sich gleichfarbig im trockenen Grase gedrückt hatte.
Der Steinadler zog jeden Tag die gleiche Sttecke. Wenn die ersten Sonnenstrahlen die Felswand trafen, wo er feinen nächtlichen Einstand hatte, warf er sich über die Tiefe hinweg, schraubte sich rasch höher und zog dann einen Bergrücken entlang, dessen einzelne Gipfel bis zum Sommerbeginn Schnee in den Runsen trugen. Hier, im Gebiet der Latschen, fand er feine Beute: Birkhühner und Hafen, die der Morgen an die Sonne lockte und manchmal auch ein Geißkitz, das sich zu weit von der Muttergeih fortgewagt hatte. -
Der Tag war ganz klar geworden. Ferne nur, über einer Niederung stand noch der Morgendunst. Da sah der Adler plötzlich einen Schneehasen über einen freien Grat wechseln. Mit angelegten Schwingen schoß er im Sturzflug dem Hasen nach, ihn noch zu schlagen, bevor er jenseits den Waldrand erreichte. Schon war er dicht über dem Hasen angelangt, als plötzlich unter einer Schirmbuche ein Mensch hervorsprang und ein Ge. wehr anlegte. Der Steinadler schwenkte jäh ab, da ein peitschender Knall und ein stechender Schmerz in den Muskel feiner linken Schwinge traf.
Wohl Überschlug er sich einmal in der Luft, fing sich aber wieder auf, und da der Schwingenknochen nicht gebrochen war, ließ er sich über das Tal hinweg einem Bergkegel zuqleiten. Seine Kraft ließ rasch nach, er begann zu schwanken, wollte im Wipfel eines alten Baumes inmitten des Kegels aufbaumen, verfehlte aber den Baum und stürzte in das Gewirr niederen Gestrüppes ab. .
Im Gezweig verfangen, sank er langsam durch seine Schwere tiefer, erreichte zwar den Boden, war aber so dicht vom Gesperre umgeben, daß er sich kaum zu regen vermochte. Bestürzt schaute er umher. Noch-nie hatte er sich in einer solchen Lage befunden, selbst als Iungyogel sah er stets über den Rand des Horstes hinweg die blauende Weite, hier aber war nicht einmal eine Spur des Himmels zu erblicken. Auf ^mmal empfand er dieses Gesangensein wie eine furchtbare Gefahr, und trotz seiner verwundeten Schwinge, die er nicht einzuziehen vermochte, begann er sich durch das Gestrüpp zu arbeiten. So kam er denn auf eine Stelle wo ein Fallbaum eine Lücke in den Wald gerissen, die Sonne blendend hereinreichte und oben, freilich nur begrenzt, sich der Himmel fpannte. Er schwang sich auf einen aufragenden Ast und, obwohl ihn rings dicht der Wald umstand, hatte er doch nicht mehr dieses furchtbare Bewußtsein einer rettungslosen Gefangenschaft. ■
Nun erst betrachtete der Adler seine Umgebung. Er befand sich M einem Graben von Blättergrün, zu seinen Fußen der Waldboden, über sich der Himmel fern und fremd und keine Möglichkeit, sich in die Weite hinaus zu schwingen. Um sich, unter sich ein ständiges Geraschel, ein Rauschen, Summen und Zirpen, das ihn wie eine Mauer umfmg, ihn mit qeschäfttger Nähe bedrängte. Wandte er feine wilden, scharfen Augen abwärts, so stießen sie gegen den Boden, prallten wie blind davon ab und fanden nicht die blauende Tiefe mit der wunderbaren Beruhigung des Hinweggleitens über sie. Er hatte das Gefühl, als fei für seine Schwinge fein Platz mehr, es gab für ihn kein Steigen und Sinken des Fluges,


