hängen, einhundertachtzig syrische Ortschaften stammen auf. Emir Beschir, der Drusenfürst, ooth Golde Aegyptens gekauft, fordert im Frühling fein eigenes Volk auf, sich Seiner Hoheit dem Vizekönig Aegyptens nnder- standslos zu ergeben. Darauf marschiert Ibrahim in Eilmärschen mit sechstausend Mann über den Libanon. Die todesverachtenden Drusen sind überlistet — ohne daß ein Flintenschuß fiel.
Im Triumph erklärt Ibrahim:
„Diese Hunde von Drusen hatten keine einzige Kugel sür uns!
Das Wort wird ausgefangen, in Dar Dschun erzählt. Hefter empfangt einen drusischen Scheich: . . , ...
„Was, Hund von einem Drusen, du hast nicht eine einzige Kugel für Ibrahim?" , , , . m ,, -
Sie ahmt Ibrahims Stimme nach, seinen Tonfall, ferne Geste ... Der Druse zieht sich zurück, mit verdüsterter Stirn.
Wo ein Druse erscheint, ruft es ein Diener der Sitt ihm ins Gesicht, Mylady selbst wiederholt das Wort grollend vor einem Offizier des Aegypters. „ ...
Der Funke springt auf, in den lauen Nächten, bei den Gefangen der Drusen, unter Weibern und Kindern ... Der Funke kommt aus Dar Dschun. Mehemet Ali knirscht mit den Zähnen: welche Macht wird diese Fraü bezwingen?
Er ahnt nicht, daß diese Macht gefunden ist und eben beginnt, die Schlinge um Myladys Hals zu legen. —
In den letzten Jahren hat die Sitt nicht nur die Zinsen für die Bürgschaft des Paschas von Akkon zurückgestellt, sie mußte auch viel Geld neu aufnehmen, um ihr Flüchtlingslager zu ernähren, zu kleiden. Längst sind alle Kostbarkeiten verpsändet. Ihre Gläubiger füllen die Küstenstädte.
Sie haben lange gewartet, lange vertraut. Nun ist ihre Geduld am End«. In den Basars von Saida, von Beyruth, murren die Wechsler, und die Türken spötteln.
„Ich will dir raten: nimm den Schuldschein und trinke^ ihn in Limonade! Es wird das einzige fein, was du je dafür erhältst."
Mehemet Ali, der Herr des Landes, lächelt... Geld macht Mylady sterblich! Begreifen Ihre Exzellenzen, die Herren Konsuln, nicht, daß es Zeit wird zu zahlen? Höchste Zeit?
Und wie sie begreifen! Eine Engländerin, die Schuldner von syrischen Wechselgaunern wird, ist ein öffentliches Aergernis für England! Briefe, Bogen, Memoranden füllen sich, gehen hin und her zwischen Kairo und London.
Aber warum so viel Aufhebens? Selbstverständlich, erklärt Hefter, wird sie zahlen! Zwar sind ihre Schulden auf vierzehntausend Pfund Sterling angewachsen — es ging nicht anders, sie hat für Hunderte von Menschen durch drei Jahre sorgen müssen — natürlich: müssen! Wer hätte sonst für die Menschen gesorgt? — aber ein irischer Oberst ist soeben in diesen Wochen verstorben, dessen Erbin sie ist. Sobald die Formalitäten des Güterverkaufs erledigt sind, wird sie genügend Geld haben, um alles zu regeln.
Dr. Meryon wird nach Syrien gerufen, die Erbschaftsangelegenheiten müssen mündlich besprochen und dann schleunigst durch ihn erledigt werden. Meryon schisst sich ein, erleidet Schifsbruch, kehrt zurück; Mr. Meryon kann das Meer nicht vertragen, auch locken sie die Wildnis und die tyrannische Herrin von Dar Dschun gar wenig.
Endlich, im Juli 1837, kommt er mit Frau und Kind — entgegen dem ausdrücklichen Befehl Myladys, keine Familie mitzubringen, denn — Hefter liebt Ehefrauen nicht und hält einen verheirateten Mann für den elendesten Sklaven der Erde. Sie hat in ihrem ganzen Leben nur drei Frauen gekannt, die ihre Männer nicht behinderten. Mrs. Meryon muß irgendwo im Nachbardorf schlafen, und der Doktor wird jeden Tag zu ihr nach Dar Dfchun herüberreiten.
„Ah, Doktor", empfängt sie ihn, als fei er gestern von ihr geschieden, „setzen wir uns und sprechen wir."
Mylady sieht noch immer imponierend aus, aber wehmütig bemerkt Meryon, daß sie zur Orientalin geworden ist, den Turban nicht mehr ablegt — sie läßt sich sogar die Haare abrasieren —, keinen Tee mehr trinkt und im Garten seinen Arm nimmt — was in all den sieben Jahren der Reise nicht ein einziges Mal vorgekommen!
Ja, die irische Erbschaft ... Meryon bedauert zutiefst — aber er kann nicht glauben, daß sie anderswo als in Myladys Einbildung existiert.
„Doktor, ich bitte Sie, der Oberst hat doch Mr. Pitt seinerzeit als Generalerben eingesetzt!"
„Aber nun hat der Oberst doch Mr. Pitt um einundzwanzig Jahre Überlebt."
„Na eben. Jeder weih doch, daß ich Pitts Erbin bin — also werde ich den Oberst beerben."
Meryon hofft, daß Mylday recht behalten möge, wie so oft. Nur — er zweifelt.
„Was sind Sie doch für «ine alte Unke geworden", meint Mylady, kein Wunder — ein verheirateter Mann! Unter dem Pantoffel stehen Sie gewiß auch. Ja — wer seinen Bart an eine Frau verkauft!"
Ach, sie ist immer noch dieselbe. Dennoch — er fühlt, wie ihr Zauber ihn neu umfängt — dieses Weib voll strahlender Kraft und unzerbrechlichem Mut gibt es nur einmal aus der Welt — den Göttern sei Dank!
Er wagt an die enormen Ausgaben zu tasten, eben ist er wieder drei Mauleseln begegnet, die Kleider, Konserven, Möbel in die verarmten Dörfer bringen.
„Sie werden mir erlauben, der einzige Richter darüber zu sein, wie ich mein Geld verwenden soll", antwortet sie. „Schenken mag Ihnen überflüssig erscheinen — mir ist es Leben. Kommen mir nicht mehr auf diesen Punkt zurück." —
Der Herbstwind heult durch alle Ritzen, die Dächer von Dar Dschun sind nicht mehr regenfeft. Gäste werden nicht empfangen, Mylady hat kein Geld für europäische Besucher. Die Abgewiesenen verstehen sich zu rücken mit Europas wirksamster Waffe: dem Zeitungsbericht.
Indes sitzt sie und erzählt Meryon stundenlang, nächtelang aus ihrer Jugend, von den Londoner Salons, von dem kugelfesten Feldherrn Ibrahim, von stehlenden Dienern und eigenen Taten. Und — nach all ben Jahren des Schweigens, gestaut wie «ine Kraft, die alles überflutet, kommt Pitts Name wieder auf ihre Lippen
Nachts um zwei ober drei reitet Meryon heim zu feiner Frau, Oie in Tränen aufgelöst, krank vor Furcht, unter arabischen Dienern auf ihn wartet. Dann schreibt er, was die Herrin erzählt, in sein Tagebuch, denn trotz allem — er glaubt an eine Sendung dieser Frau, die in alterndem Körper eine rätselhaft brennend« Flamm« wahrt.
Rings um Dar Dschun reitet es durch die Nächte. Dor Ibrahims Soldatenaushebungen flüchten Drusen, Mohammedaner, Christen — sie alle wollen dem Aegypter nicht dienen. Alte Väter werden erschlagen, well die Söhne flüchtig sind, Mütter an den Haaren aufgehängt, bis sie die Kinder verraten. Die Drusen reißen sich selbst die Augen aus, schneiden sich Daumen ab — sie waren ein freies Volk und sind überlistet worden! . , m ...
Die Städte leeren sich, di« Wälder und Berge sind weit, alte Graber und Kreuzfahrerburgen bieten Versteck. Inmitten des Libanon liegt der Lejda, ein Berg mit Abgründen, Wüsten und erloschenen Kratern. Nach und nach verschwinden die Drusen, achttausend zähtt man weniger. Man sagt: sie sind im Lejda.
Die ägyptischen Regimenter gehen vor; sie treffen verlassene Dörfer, die Sonne bescheint Täler, in denen sich kein Hauch von Leben zeigt.
Endlich gewahrt man Flüchtlinge in der Ferne. Die Aegypter verfolgen sie empört, die Vorhut wird abgeschmtten — der Augenblick ist gekommen ... ,.
„Hund von einem Drusen — hast du keine Kugel für Ibrahim? zischt es von harten Lippen.
‘ Aus Löchern und Höhlen, hinter Felsen und Wassern zielen die Drusen ... Nur wenige verletzte Aegypter, die das Entsetzen verstört, entkommen; die letzten werfen die Waffen fort. Unter dem ersten Schuß der „Drusenhunde" sind sünshunderk Aegypter gesallen.
Hefter glüht unter der Nachricht des Sieges. Zwar leert sich Dar Dschun, die Drusenflüchtlinge kehren in ihre Dörfer zurück — sie, die nackt nach Dar Dschun geflüchtet, mit denen Hefter drei Jahre lang ihr Brot geteilt, kritisieren schließlich den Stoss der geschenkten Kleider, raubten alles Silberzeug und ließen chr Asyl kahlgeplündert hinter sich — dennoch schickt die Sitt ganze Karawanen von Lebensmitteln und Hausrat in die ausgebrannten Dörfer nach und beschäftigt ein Heer, um die zerstörten Hütten auszubauen.
Dabei fehlt ihr selbst gegen Ende des Monats der letzte Piaster, ihre Zimmer haben Locher im Boden und stürzende Decken, die Mattatzen faulen, der Käse hat Würmer. Ein alter Bauer bringt ein Kännchen Del, weil er weiß, daß die Sitt keines mehr hat.
Meryon ringt die Hände. Immer noch helfen — und dabei selbst verhungern!
,Zch kann jetzt nicht an diese Bagatellen denken", tadelt Mylady, „Geld kann das alles wieder ersetzen, und wenn Gott will, werde ich solches erhalten. Noch immer würde ich nicht mit dem Herzog von Buckingham oder Devonshire tauschen, ich habe sie beide über einen Verlust von zehn Guinees seufzen sehen."
„Gewiß — aber dafür waren sie nicht am Ende der Welt!"
„Pah, wenn ich wissen will, was in Konstantinopel oder London vorgeht, dirigiere ich meine Gedanken dorthin, und eine Viertelstunde danach rollt sich alles vor mir ab, wie in Wirklichkeit."
Meryon schaudert. Sie ist verrückt!
Zwar ist sie durch Lamartine, den Dichter, dem es noch kürzlich geglückt ist, empfangen zu werden, neuerdings durch ganz Europa berühmt geworden; er hat von ihr als der überragendsten Frau gesprochen, die er je gesehen, sie die Circe der Wüste genannt, laut ihr zärtliches Lächeln gepriesen und den strahlenden Blick, „der etwas Göttliches hat". Auch Kinglake, der englische Dichter, bestätigt, daß sie „normal sei in jeder Richtung, ausgenommen in ihrer Metaphysik". Dennoch — Meryon kann den Zweifel nicht mehr besiegen.
Wenn einer der Diener dabei ertappt wird, ihre Pferde zu reiten, werden die Tiere augenblicklich erschossen, allerdings nicht ohne daß ein zärtliches Lebewohl in ihre Ohren geflüstert wird. Ganze Ziegenherden werden getötet, weil der Hirte jene Tiere verwechselt hat, die allein der Herrin Milch geben dürfen. Ein Verbrechen ist es, wenn je ihre Teller, Tischtücher oder Gläser irgendeinem andern Menschen vorgesetzt werden, und sei es der geehrteste Gast!
Meryon sieht, daß Mylady eine schwere Lungenreizung hat, Asthma und Erstickungszustände, oft findet er sie erst gegen Abend außer Bett. Er wagt frische Luft zu empfehlen, wünscht, daß sie eine europäische Dienerin zur Pflege kommen läßt. Aber seit James, der Bruder, den sie einst geliebt, sich im Gram um seine tote Frau fern in England erhängt hat, überschreitet Mylady nie mehr die Wälle von Dar Dschun. Selten geht sie im Garten spazieren, ganz zu schweigen davon, daß sie sich jeden Mittwoch einschließt, weil „Mittwoch ein dunkler Tag" sei! Niemand weiß, was sie dann tut, man könnte ebensogut erfahren, womit der Mann im Mond sich beschäftigt. Denn gewiß ist es nur eine ihrer Launen, wenn sie erklärt, di« Sterne seien des Nachts ihre Lehrer, und jeder einzelne sage ihr mehr als alle Bücher der Menschen, die doch nur den Kopf verdrehen und die Augen trüben.
Meryon kommt schlecht an mit seinem Rat: Bewegung in freier Luft. Wohlgemerkt, nicht als Arzt hat sie ihn kommen lassen, sondern als Freund und wirtschaftlichen Berater. Sie ist ihr eigener Arzt, und außerdem gibt sie keinen Pfennig für die europäische Medizin.
„Ein Arzt muß mit der grünen Hand geboren fein, verstehen Sie. Sonst ist alles umsonst ... Jawohl! Mit der grünen Hand, sagen die Araber. Oder glauben Sie, daß jeder ein Bildhauer sein kann, ein tfelbj Herr ober ein Staatsmann? Sein Stern ist es, der ihn dazu macht.
„Ja, ja", nickt Meryon.
(Fortsetzung folgt.)


