Ausgabe 
15.7.1938
 
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GiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1938 Zreitag, den <5. Juli Nummer 5^

Lady Hefter Stanhope

EINE FRAU OHNE FURCHT

Von Maria Josepha Krück von poturzyn

Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart

13. Fortsetzung.

Madden wanderte weiter durch Syrien, nach Aegypten und suchte Beweise für das, was kein Europäer gelten läßt, was die Geschichte kennt, der Osten erlebt: Magie!

Zuletzt wurde er an einen koptischen Mönch verwiesen. Der wollte lange nicht sprechen. Endlich verriet er:

In der Wüste, nicht weit vom Roten Meer, in einem Kloster, sind alle magischen Schriften der Welt eingeschlossen. Aber kein Fremder wird je Zutritt erhalten."

Dr. Madden ging nach England zurück, mit leeren Händen. Aber er pries in den Kreisen um Bulwer Lytton das Märchenschloß Dar Dschun, wo in rosenumwachsenen Kiosken stumme schwarze Sklaven erlesenes Essen servierten und jeden Abend nach sieben Uhreine Frau von unge­wöhnlicher Geisteskraft zu sprechen begann. Was immer die Absonderlich­keiten von Lady Hefter Stanhope gewesen sein mögen, ich bin gewiß, daß wenige Frauen sich gleich ihr eines wahrhaften Genius und keine einer größeren, tatkräftigen Menschenliebe rühmen können".

Die Schulden und der Bizekönig.

Mehemet Ali hat sich im Jahre 1805 zum unabhängigen Statthalter des Sultans in Aegypten gemacht; daraufhin seine Herrschaft bis Ara­bien, Nubien, Kordofan ausgedehnt und in achtjährigem Krieg die fana­tische Sekte der Wahabiten, die sich für die einzig wahren Mohamme­daner halten, aus der heiligen Stadt Mekka zurückgedrängt. Sein Ehr­geiz geht weiter. Die Kämpfe Emir Beschirs, seines Günstlings, waren nur ein Auftakt im großen Feldzugsplan gegen die Türkei. Mehemet Ali, der ägyptische Vizekönig, will Syrien erobern, dreißigtausend Sol­daten ziehen nordwärts. In den Städten munkelt man, er werde bis vor Konstantinopel marschieren und sich selbst zum Sultan machen. Die Pforte rührt sich nicht. Schon steyen die Aegypter vor Akkon.

Akkon ist letzter Widerstand. Wenn Akkon fällt, ist der Weg frei nach Konstantinopel. Im Rücken des Paschas von Akkon aber steht Lady Stanhope ... ,

Der Vizekönig von Aegypten ist schlau, er hat aus den Kämpfen des Drusenfürsten gegen die Sill gelernt: in aller Form sendet er Offiziere nach Dar Dschun. Ob Mylady ihm die Ehre erweise, sich in seinen Kämpfen um Syrien neutral zu verhalten?

Nein, Mylady erweist nicht die Ehre! Auch der große Pitt hat sich nie um den Wechsel von Ministern und Parteien in Kolonien und fernen Ländern gekümmert. Er hat es mit dem Sultan gehalten, dem recht­mäßigen Beherrscher des türkischen Reiches. Auch Hefter erklärt sich feier­lich für den Sultan! Mehemet Ali ist nur fein Vasall ... Und war nicht auch Zenobia einst gegen die Aegypter?!

Leider, sie bedauert, aber sie kann an das Glück eines Usurpators nicht glauben. Man sehe Napoleon!

Die Offiziere verabschieden sich kühl.

Lady Stanhope aber rüstet.

Sie kennt in allen Städten und Dörfern alle Kaufleute, Wucherer, Gewürzkrämer, Barbiere ... Keiner ist da, der nicht einmal von ihr geheilt, belehrt, beschenkt worden wäre. Unter Türken und Juden und Drusen, unter ehemaligen Dienern, die reihum im Land Gastwirte, Fremdenführer, Schneider und Wasserträger sind, sitzen ihre Agenten. So hat sie sich einen ausgedehnten Stab von Berichterstattern herange­bildet. Sie kommen als Bettler verkleidet nach Dar Dschun, empfangen Befehle, bringen die neuen Nachrichten; die Tätigkeit von Walmer, wiedererstanden in türkischem Land, ein orientalisch verkleidetes Bild der Wacht am Kanal. Ihre Agenlen müssen unermüdlich tätig fein, dürfen keine persönlichen Ideen haben, müssen wenig sprechen und absolut ge- horchen. . .

Mylady kennt auch die Scheiche von Syrien, die der Drusen und Araber; sie korrespondieren zu Dutzenden mitihrer Freundin der Sitt imb legen Wert darauf, wenn ein Fremder mit ihrer Empfehlung kommt, zu sagen: der Empfang gelte dem Freund von Mylady.

Briefe, die Hefter nach England schreibt, enthalten weit bessere In­formationen über das Land als die der britischen Gesandtschaft bei der Pforte; sie zeugen, o meint Frederic Lamp, der später Viscount Mel­

bourne, von überragender politischer Fähigkeit und feinstem diploma­tischem Instinkt. Es fehlt auch nicht an Politikern, die solche Frau für ihre Zwecke nutzen wollen. Aber unter ihnen allen ist kein Pitt, dermit einem Haar die arabische Stute zu leiten" versteht. Sie kämpft; aber auf eigene Faust. Ihr Reich heißt Dar Dschun, und Königin ist sie selbst.

Einer der Agenten hat sich mit Wasserträgern anzufreunden, die in der Armee Ibrahim Paschas, des ägyptischen Feldherrn, aus- und ein­gehen Da klebt nächtlich ein Ohr an dem Feldherrnzell, hört die Pläne besprechen kommt zu Giovanni zurück, demBettler" aus Dar Dschun. Am selben Tag hat Lady Stanhope den Aufmarschplan!

Aber man muß auch den Stand des belagerten Akkon ergründen. Eine Bauersfrau bringt den Belagerten Nahrung nach Akkon, sie weiß Briefe und Stimmungsberichte durchzuschmuggeln wie niemand selbst alles gegen zweihundert Piaster im Jahr. Vor Ibrahim erfährt Hefter, daß die Frauen von Akkon revoltiert haben und Uebergabe der Stadt verlangen.

Der Winter 1832 wird besonders hart. Die Kadaver der Gefallenen faulen in den Sümpfen, Fieber bricht aus. Im Norden ziehen die Sol­daten des Sultans heran, der endlich gegen den aufständischen Aegypter mobilisiert hat; im Mai ist Akkon zusammengeschossen, es bleiben kaym zweihundert Menschen am Leben. Die letzten, halbverhungerte Frauen, verkrüppelte Soldaten, verstörte Kinder, flüchten nach Dar Dschun. Wohin sonst?

Alle werden sie aufgenommen; sie liegen auf Terrassen, Dächern, Galerien, an einem Abend werden siebzig neue Decken für Verwundete gebraucht.

Ibrahim, der siegreich nach Norden zieht, Herr ist bis über Hamas) hinaus, hat einzig Dar Dschun nicht bezwungen. Und Dar Dschun wird ein Herd der Empörung!

Aber die Warte der ägyptischen Abgesandten bleiben immer nach sanft. Seine Herrlichkeit, der Vizekönig, wünscht nichts als die Neu­tralität der Sitt ... Und die Auslieferung der obersten Empörer ...

Ich werde sie alle verteidigen nicht im Namen von England, sondern im eigenen! Wie ein armer Araber, der die unglücklichen Opfer nur mit feinem eigenen Leben ausliefern würde. Es gibt keine Mittel, mich weichen zu machen, als über meinen Körper zu schreiten!"

Mehemet Ali zieht es vor, nicht über den Körper einer Frau hin­wegzuschreiten dieser Frau!

Im Mai 1833 kommt unter dem Schutz europäischer Mächte ein Waffenstillstand zustande. Danach wird der Aegypter rechtmäßiger Herr über ganz Syrien; die europäischen Konsuln haben seine Macht anzu­erkennen. Lady Stanhope gehört nicht zu jenen, die sich fügen. Dar Dschun, ihr Reich, hält zu Konstantinopel!

Mehemet Ali ist am Ende seines Rates. Er wird einen Engländer im Kampf gegen die Engländerin gebrauchen.

Lady Stanhope ist schwieriger als ganz Syrien", klagt er dem bri­tischen Generalkonsul jn Kairo.

Und das sagt er mir! denkt der Vertreter Großbritanniens. Laut fragt er:

Was wünschen Hoheit, daß Id) ihr schreibe?"

Wenn Eure Exzellenz nur die Namen meiner Feinde erfahren könnten, die zu ihr flüchten!"

Der Generalkonsul verschweigt, daß er diese Bitte schon einmal ver­geblich gestellt, und verspricht sein Bestes. Aber auch diesmal antwortet Mylady:Seit wann ist es Gewohnheit der Konsuln, ihren Vorgesetzten Befehle zu erteilen?" Kein Name wird ausgeliefert.

Nun erscheint Ibrahim Pascha selbst, der siegreiche Feldherr, in Dar Dschun. Von ihm heißt es, daß er dösen Zauber versteht und im Kriege kugelfest ist.

Lady Stanhppe hat Ibrahim einmal in Aegypten gesehen, und er hat ihr nicht gefallen. Sie verweigert seinen Besuch.

Ibrahim zieht ab, es bleibt dabei: Dar Dschun ist nicht zu erobern. Die Sitt hat gegen den Drusenfürsten gesiegt, sie triumphiert auch über Aegypten und den eigenen Konsul. Die Macht, der sie sich beugt, ist nicht gefunden.

Der Aegypter benötigt für Syrien ein Heer von dreißigtausend Sol­daten. Es werden Steuern ausgehoben, unbarmherzig. In Aleppo müssen sogar die Bettler herhalten und wandern mit diesem Motto wehklagend von Tür zu Tür.

Ibrahim trinkt mit einem Scheich und sagt im Rausch:

Ich stehle, du stiehlst, er stiehlt, wir stehlen ..."

Der Scheich ist auch nicht mehr ganz nüchtern:

Ergänzen wir: ich täusche, du täuschst, wir täuschen..."

Jetzt ist es klar: Mehemet Ali begnügt sich nicht mit Syrien; er will Konstantinopel erobern!

Was männliche Beine hat, wird ausgehoben, Knaben bis zu zwölf Jahren kommen ins Heer. Ibrahim läßt erschießen, verbannen, er-