Ausgabe 
14.11.1938
 
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prüde dachte Thomas verärgert, nein, von dir will ich also schon gle^ nichts mehr wissen! Und er erfand schnell diese äußerst unwahrscheinliche Ausrede von einer geschäftlichen Besprechung in der Nacht.

Aber nach fünf Tagen kam er doch wieder zu dem Mädchen, das er noch nicht ein einziges Mal geküßt hatte", unterbricht mich meine Frau.

, Weil er es einfach nicht fassen konnte, daß dieses Mädchen wirklich nichts hatte von ihm wissen wollen. Er war fast zornig, daß es sich geweigert hatte, sich mit ihm aus eine Bank zu letzen. Jch muß mir das Mädchen einmal ganz genau ansehen, sagte er sich. Und als er es tat, bemerkte er zu seiner großen Ueberraschung, daß er das Mädchen bisher eigentlich gar nicht richtig gekannt hatte. Von Tag zu! Tag gewann er es lieber, und er mußte auch feststellen, daß das Mädchen nicht nur nicht gegen das Küsseri war, sondern sich sogar sehr gerne küssen ließ.

Inzwischen hatte meine Frau lächelnd dj^ Schuhe wieder aus der Ecke hervorgeholt. , .

Wo* größer war sein Erstaunen, als ihm das Mädchen eines Tages gestand, daß es auch an jenem Mittwochabend, als er sich verärgert von ihm wandte, den gleichen Wunsch gehabt hatte, wie er elbft Und daß nur seine Schuhe es davor zurückgehalten hatten, voran in den Park zu Len Dann habe ich es also nur diesen schiefen Ab aßen zu verdanken, daß ich doch noch zurückgekommen bin! rief er überrascht aus. Denn hatte ich damals schon geküßt, wäre mein Wunsch erfüllt gewesen, und ich hatte niemals Veranlassung gehabt, dich so kennenzulernen, wie lch dich jetzt als meine Frau sehe."

Ich nicke und dann weise ich auf die Schuhe:

Zum Dank für das, was diese schissen Absätze zuwege gebracht haben, dürfen sie nun ihr Leben lang schief bleiben."

Und wenn Thomas und das Mädchen nicht gestorben sind, beendet meine Frau die Geschichte,so leben sie heute noch.'

Christiane.

von Matthias Claudius.

Es stand ein Sternlein am Himmel, Ein Sternlein guter Art;

Das tat so lieblich scheinen, So lieblich und so zart!

Ich wußte seine Stelle Am Himmel, wo es stand; Trat abends vor die Schwelle Und suchte, bis ich's sand;

Und blieb dann lange stehen, Hatt' große Freud' in mir: Das Sternlein anzusehen;

Und dankte Gott dafür.

Das Sternlein ist verschwunden;

Ich suche hin und her, Wo ich es sonst gefunden. Und find' es nun nicht mehr.

Schönheit und Edelrasse nicht allzusehr nachstand. Daß >ene Sage vom Minotaurus, dem Stiergott, einmal wahr gewesen ist, und daß es wirk­lich eine Dynastie von Minos gab, die zu Knossos Tempel baut« und -eren Wände mit Bildern ihrer längst hinabgesunkenen Leiblichkeit schmückte. t

Sehr schön sind diese Menschen, mit gepflegtem, durchgearbeitetem, fast nacktem Körper, kurzlockig, mit dem ebenmäßigsten Gesicht, das sich nur vorstellen läßt, und einer erstaunlichen Anmut der Bewegungen. Die Frauen wie aus einer um viele Jahrtausende späteren Kulturperiode, geschnürt, in steifen Reifröcken und hohen Taillen, mit einem spitzen, oft vorwärts geschwungenen Türmchen als Kopfputz, sehr oer uhrerisch reiz­voll und kokett, ein wenig von der gewollt dämonischen Rätselhaftigkeit der mondänen Frau. Es gibt reizende, zierliche Statuetten in denen sie ringelnde Nattern in den weihen Händchen tragen, gleich Schlangen­göttinnen eines indischen Götterhimmels.

Aber über aller Menschlichkeit dominiert doch der Stier Ueberall auf überlebensgroßen Wandfresken, an unvermuteten Korrldorwendungen und hinter eingeftürzten Lichtschächten, im Mmospalast taucht er auf, und jene unbekannten Barbaren, die immer wieder in drei großen Perio den die minoische Kultur zerstörten und die Gemacher bis auf öte leeren Mauern ausbrannten, mögen nicht wenig erschrocken sein, wenn er ihnen gleichsam als zürnender und drohender Schutzgott |o entgegentrat. Aber man hat auch das Bildwerk eines Stierkopses ausgegraben von solch plastischer Lebendigkeit, daß die vielgerühmten Tiere des Pergamom Tiefes arm und totenftarr dagegen erscheinen. Und auch sonst muß sich das Leben in seinem Zeichen vollzogen haben. Die englischen Forscher, besonders Mr. E v e n s , dem der größte Teil der knofsischen Ausgrabun gen zusällt, glaubten von sich vielleicht jährlich wiederholendenVolks- spielen iprechen zu dürfen, bei denen die behendesten und edelsten Kna den und Jungsrauen nackt unter dem Beifall der Zuschauer über einen in der Arena tobenden Stier sprangen ein heiteres und harmloses Vorspiel spanischer Stierkämpse. Denn man hat in den Zimmern öer Hofdamen zahllose solcher Nippes-Figürchen gefunden, den elfenbeinernen Körper im Sprung gereckt, an feinen Goldfaden über kleinen steinernen oder bronzenen Stieren hängend.

Vor allem aber war der König selber ihm unterworfen. Acht Jahr« der Herrschaft nach seinem Belieben standen ihm frei, aber bas neunte Jahr zwang ihn in die Höhle von Dietal, wo der St.ergott hauste sein mythischer und zeitloser Urahn. Man kann sich denken daß diestr Gang wie ein unerhörtes Fest mit Prunk und Pomp, mck Blumen, Gold und Tieropfern, wohl auch mit dem Blut vornehmer Jünglinge und Mäd­chen gefeiert wurde. Was in der Höhle sich vollzog, steht nicht einmal auf den Haufen von Tontafeln eingeritzt, deren unbekannte Schristzelchen die Forscher sreilich noch immer nicht völlig entziffern konnten. Aber das weiß man, daß es eine Art von Rechenschaft war, die der Priesterkonig seinem Gott ablegte. Und je nachdem sie ausfiel, kehrte °r in der über­irdischen Gloriole neuer Gesetze Zurück oder nie. E'n Sch°t en unter Schatten sprach er bann fortan im Reiche der Unterwelt Recht, so rote er es als lebender Herrscher getan hatte.

Dieser ganze Kult gibt zu benten.

Ich sagte vorhin, daß hauptsächlich englische Forscher es feien benen die Ehre gebührt, die heiligen Orte von Kreta, Knossos und Phaestos, Gourmia und Hagia Trida dem Bewußtsein der Menschheit wieder- egcben und tausend Dinge des Lebens, von der Wasserleitung bis zur Bratpfanne, vom Relief bis zum goldenen Trichter der Vergessenhei entrissen zu haben. Aber damit ist doch nur der Arbeit kleinster Teil getan. Denn nun beginnt erst das Eigentliche, das Gesetz dieses Sems und dieser Kultur unter den fremdartigen Masken hevauszufuhlen.

Das Gesetz des Minotaurus.

. Von Annie Franc6-Harrar.

Wir haben es längst gewußt, daß es kein Volk gibt, dessen Geschichte brühen in einem phantastischen, von Göttern bewohnten Jenseits beginnt. Und sogar bas wissen wir, baß niemand die Spuren der Gewesenen treuer in sich schließt, als die Erde, die einst diesem Gewesenen unterton war. Und dennoch wundern wir uns immer wieder, daß Altes und Aelte- stes der Kultur uns aufOwahrt wurde, und daß der Begriff des ,äh aus dem Leben gerissenen Pompeji sich heute schon vervielfacht hat aus fremder Erde und in fremden Sippen.

Vielleicht muß man wirklich von der stummen Glut eines fanatischen und hossnungserfüllten Glaubens geleitet {ein, um das zu erleben, was Schliemann zuteil wurde: Daß der von ihm über alles geliebte Homer sich plötzlich in seltsame Körperlichkeit verwandelte, und daß für ihn. den rastlos Suchenden, jener unvergleichlich schöne und kostbare mykenische Goldschatz aus altgriechischer Erde ans Tageslicht stieg, von dessen Bewunderung noch vor einem Jahrzehnt die Welt widerhallte. (Heute widerhallt sie von weit weniger sympathischen Dingen.) Spater freilich knüpfen sich die Ausgrabungen auf Kreta leider kaum noch an einen deutschen Namen. Vieles wurde dort blohgelegt. Treppen und Ge­mächer und Hallen von so edler Form, daß sie als Vorbild der immer noch als harmoniebegründend angejitaunten griechischen Tempel gelten könnten.

Eine Kultur vor der Kultur tut sich da aus der Vergessenheit und Sage auf noch mehr, das Volksmärchen wird zur Wirklichkeit, denn behaupteten die Kreter nicht von je; ihr Monte Jutta berge das Grab des Göttervaters wie ein unsterbliches Geheimnis?

Man muß sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß in den Tagen der ägyptischen Frühzeit auf Kreta ein unbekanntes Volk lebte, das dem ägyptischen an Kunstfertigkeit und Freiheit des Seinsbegriffes, vielleicht sogar an harmonischer Lebensführung, ganz sicher aber an körperlicher

Denn solche Lebensgesetze sind nicht auf ein Volk allein beschränkt, können es gar nicht sein, weil von diesem großen Standpunkt die meisten Völker in ihren Seinsbedingungen sich ähnlich sind roie ein Ei dem ande­ren Also kann diese Vergöttlichung des Stieres auch nur ein Symbol sein, ein Symbol der selbstbewußten Kraft und des eingeborenen uni> immer wieder verjüngten Daseinswillens. Leicht und einfach löst sich in der Folg« solcher Gedanken das Fremdartig-Exotische ab, wie die Schale von einer Frucht. Der M i n o t a u r u s, der Stiergott mit Menschenleib und gehörntem Tierhaupt er ist nichts anderes, als bas Prinzip der natürlichen und fruchtbaren Bolkskraft. Er wohnt unterirdisch, denn die Erde der Heimat ist es, die sie alle, Volk und Fürst, tragt und ernährt. Die Jungfrauen, die ihm geopfert werden, sind nichts als die immer neu vollzogene Bereinigung mit [einem Volk, das durch sie weiterbesteht, stark und lebensfähig bleibt. Und der König, der sich von ihm neue Gesetze holt, was er sonst als der Mittler der lebenden Volksmasse mit ihrem ewigen, in sich selbst geschlossenen Prinzip, das, noch ein wenig weiter ins Unpersönliche gerückt, im letzten Grunde nichts versinnbildlicht als den organischen Ausdruck der Natur, in die dieses Volk nun einmal hinein geboren ist, und mit welcher den harmonischen Ausgleich zu finden die vornehmste Aufgabe seiner Handlungen sein muß.

In diesem Sinn hat jede natürliche Religion ihren Minotaurus, wenn­gleich er bei jeder eine andere Gestalt zeigt. Der Apis, der heilige stier der Aegypter, die heiligen Affen Indiens, der römische Wolf, der goldene Glückseber der Germanen in ihnen allen kreist em und dieselbe Funk­tion: das -Natürliche, heimatliche Volksprinzip in Harmonie mit der ge­gebenen Umwelt zu bewahren. Van dieser Erkenntnis ab streben sie freilich alle auseinander und erfüllen ihren Lebenskreis mit fremden uno einander feindlichen Sitten. Aber was tüt das? Wer sie einmal besitzt, dem ist die verschollene Kultur des Minotaurus nicht weniger selbstver­ständlich im Rahmen seiner Umwelt, als der heimische, tausendmal ver­schüttete und tausendmal auferstandene Glaube an die alten Naiuroo.ter unserer Völker, der so lange Zeit bis zur Unkenntlichkeit vermummt, heim­lich in unseren Seelen und Gedanken wohnte und dem die Gegenwart er|f wieder Kraft und Auferstehung verlieh.

Verantwortlich: Dr. HanS Thhrlot.Druck und Verlag: Vrühlfche Univerfitätsdruckerei A. Lang«, Gießen.