und mußte wissen, daß Träume jenseits des Tages zu liegen haben. Am besten, man schasste alle Träume ab!
Es war schwer mit den Schülern, aber es ging. Ihr erstes Porträt, das sie ausstellte, war ein ungeheurer Presseerfolg. Sie hatte es gemalt in dieser Stimmung, in der sie jetzt häufig war, so, als ob eine fremde Macht ihr den Pinsel führe. Das Gemälde, unter dos fk den Namen Rucktasch schrieb, hatte Aehnlichkeit mit der Malweise des Großvaters, aber es hatte merkwürdig heitere und klare Farben. Christine wußte selbst nicht, woher sie diese neue Farbengebung hatte.
Nach einem halben Jahr kabelte sie nach England an Milotti, indem sie gleichzeitig die Schisfsplätze bestellte:
"£rro,l?,r!e Dich mit der .Bremen'. Bringe deutsche Erzieherin mit, die gut Englisch spricht. Freue mich unmenschlich aus die Kinder ..." — sie zögerte, dann schrieb sie weiter: — und Dich."
Sie gab das Telegramm dem Boy, damit er cs zur Post brächte. Dann ging sie zu ihrer Klasse. Die jungen Amerikaner und Amerikanerinnen verehrten sie abgöttisch. Sie korrigierte, sie stand hinter den Plätzen, dann ging sie an das Fenster. Ihr Profil stand, ein scharfer und kühner Schatten, gegen das Helle Licht. Sie sagte: „Sie müssen alle noch viel eifriger werden. Es ist eine so sehr ernste Sache, mit der Sie sich beschäftigen. Manche bQS ganze Leben. Ich weiß, daß Sie es nicht tun wollen, aber vielleicht wird der eine oder der andere von Ihnen noch zu der lieber- zeugung kommen, daß es eine gute Sache ist, sein Leben dem Ernste in der Kunst zu opfern, eine gute Sache, die sehr frei macht."
Sie sah in den Augen ihrer Zuhörer Freundlichkeit aufblitzen, aber sie wußte, daß keiner sie eigentlich richtig verstand. Cs ging ihr auch darum, von sich ein Bekenntnis abzulegen, nachdem sie nun den schweren Weg schritt.
Es war wie ein Traum, und es war eine zärtliche und heilige Wirklichkeit, als sie fuhr, um den Dampfer zu erwarten.
Die Kinder sprangen ihr entgegen, sie kniete zwischen ihnen. Die jungen, lebendigen Münder preßten sich auf ihr Gesicht, die kleinen Arme legten sich um ihren Nacken, sie wurde beinahe zur Erde gerissen.
„Du bist die beste, die klügste Mutti!"
„Oh, Kinder", sagte Christine, „Mutti ist ein bißchen müde, ihr seid so sehr stürmisch!" '
Sie gab Milotti die Hand und sagte ihm: „Du hast es sicher schwer gehabt, Hans!" Sie reichte ihm den Mund, wandte sich ab und sah auf die Burgen und Schlösser, auf die steinernen Wolken, aus die Hochhäuser von Neuyork.
„Es wird immer noch nicht leicht sein, Hans, aber wir schaffen es! Wir schaffen es auch, daß wir mit den Jungens einmal wieder ohne Heimweh in Deutschland sind!"
Sie nahm die beiden Jüngsten an die Hand, sie schritt den Pier entlang mit den langen, schlaksigen Schritten, sie sah in eine unbestimmte Ferne. Die kleinen Hände lagen fest in den ihren.
— Ende. —
* . a
Als Buch erschien der Roman „Christine von Milotti" von Rolf Brandt im Scherl-Äerlag.
Das Märchen von den schiefen Absätzen.
Manchmal, wenn ein Gast bei uns ist, höre ich im Verlauf der Unterhaltung plötzlich die Klage: Wie schrecklich nüchtern, wie sachlich, wie un- romantisch unsere Zeit doch ist!
Ich nicke dann gewöhnlich meiner Frau zu, die sich darauf sofort erhebt und das Zimmer oerläßk.
„Unromantisch nennen Sie die Zeit, in der wir leben, mein Lieber? Ich will Ihnen einmal etwas sagen: Unsere Zeit ist, wie auch jede andere Zeit, stets in dem Maße poesievoll, in dem wir sie, beziehungsweise die Menschen, die in ihr leben, sehen wollen."
Ich wähle absichtlich diese ein wenig aufgeblähte Ausdrucksweise, um den mit der Welt Hadernden einige Sekunden lang in stilles Nachdenken zu verstricken.
Hat er sich dann endlich gefaßt, und erwidert er mir, daß es wohl nicht immer auf die Menschen allein ankomme, sondern daß die Welt, in der sie lebten, die Dinge der Umgebung ihres Alltags eine weit größere Rolle spielten bei der Beantwortung der Frage, ob, und in wie weit eine Zeit romantisch zu nennen wäre; ist inzwischen meine Frau wieder ins Zimmer getreten.
Sie trägt ein Paar braune Damenhalbschuhe in der Hand, die sie wortlos vor unseren Gast hinstellt..
„Nun, und was halten Sie zum Beispiel von diesen Schuhen?" frage ich den völlig Ueberraschten. „Schuhe gehören zweifellos zu den Dingen, die aus dem menschlichen Alltag nicht wegzudenken sind. Erscheint es Ihnen möglich, daß in diesen Schuhen ein Stück der von Ihnen so schmerzlich vermißten Romantik steckt?"
Unser Besucher betrachtet, immer noch ein wenig erstaunt, die vor ihm stehende Schuhe. Bedächtig schüttelt er den Kops:
„Weder ihrer Form, noch der Farbe, noch ihrem Material nach haben sie mir etwas zu sagen. Es ist ein vollkommen gewöhnliches Paar Damen- halbschuhe, strapazierfähig, wie mir scheint, sicher nicht mehr neu, auch in bezug auf die Mode, so viel ich davon verstehe..."
„Das Paar ist vor mehr als zehn Jahren gekauft!" verrät meine Frau lächelnd. .......
Plötzlich, während er genauer Hinsicht, beginnt der Gast belustigt zu fchmunzeln: „Die Absätze, allerdings, die Absätze dieser Schuhe sind ja
ganz toll schief!"
Und dieser Ausruf bildet bann stets für meine Frau das Stichwort, ihre Geschichte zu beginnen, die wir „Das Märchen von den schiefen Absätzen" getauft haben.
„Es war einmal ...", helfe ich ihr anfangen.
Und sie fährt fort:
.. • e;n sehr armes Mädchen, nicht älter als achtzehn Jahre, dar
diese Schuhe (sie zeigt mit dem Finger daraus) aus dem Schrank Nahm U"d « chrocken ausrief: Oh, wie seid ihr schies! Dabei hatte es feink traurigen Blick auf die völlig niedergetretenen und verunstalteten Absätze gerichtet. Man muß nun nicht denken, daß das Mädchen so ganz arm geme(en wäre, daß es überhaupt 'nur dieses einzige Paar Schuhe besessen hatte Oh, nein! Das Mädchen war in einem Büro angestellt, konnte auf öer Schreibmaschine klappern, und wenn es auch nicht viel Geld war, das es dafür erhielt, so hatte es sich doch schon drei Paar andere Schuhe kaufen können, allerdings nur ganz leichte. Diese genügten ihm da es feommer war, und weil es lange Zeit nicht regnete, vergoß das Mädchen, die festen Schuhe zum Schuster zu tragen. Und als dann plötzlich zu regnen anfing, waren die Absätze immer noch schief.
Und das war ein großes Unglück.
Es war ein Unglück, weil das Mädchen verliebt war. Er, den das Mädchen liebte, hieß Thomas. Er war noch ziemlich neu. Aber so viel wußte das Mädchen schon von ihm, daß er über ein so unordentliches Mädchen, das mit schiefen Absätzen zum Stelldichein kam, sicher die Nase rümpfen würde. Und außerdem schämte sich das Mädchen selbst am meisten.
Es war schon halb neun Uhr, aber draußen goß es immer noch in Strömen. Ab dreiviertel neun Uhr wollte Thomas Ecke Leopold/Herzoa- straße warten.
Die Augen des Mädchens begannen sich schon mit Tranen zu füllen, als es immer noch dort stand mit den abscheulichen Schuhen in der Hand.
Soll ich überhaupt nicht hingehen? fragte es sich. Eine Ausrede, eine Entschuldigung erfinden? Das Klügste wäre es!
Soll ich ober soll ich nicht? Ihr müßt es wissen! hatte bas Mädchen plötzlich mit den Schuhen zu reden begonnen. Bei euch liegt die Entscheidung. Ihr tragt die Verantwortung, wenn ich nicht hingehe, und er mir deshalb böse ist. Und ihr seid ebenfalls schuld, wenn er mich nicht wehr liebt, denn nicht ich bin alt und häßlich, sondern ihr mit euren verkommenen Absätzen seid es.
Die Schuhe schwiegen zunächst, da Schuhe überhaupt nicht reden können. Ader das Mädchen wollte nicht daran glauben.
Es streckte die Arme weit aus und kniff feine Augen halb zu. Wollt ihr mir wirklich die Antwort schuldig bleiben? rief es in feiner Verzweiflung.
Da muß die Schuhe ganz einfach das große Erbarmen überkommen haben. Denn mit einemmal lachten sie hellauf. Ja wirklich, wie das Mädchen mit halbgefchlossenen, tränenverhangenen Augen die Schuhe eine Weile nicht mehr aus den Augen ließ, war es, als bildeten die kühnen Krümmungen der Absätze einen lachend verzerrten Mund.
Schief bleibt schief! Nur Mut, dann wird man selbst ohne Absätze an den Schuhen noch den geraden Weg ins Glück gehen! sagte sich das Mädchen. Oder sagten es die Schuhe?
Jedenfalls lachte nun auch oas Mädchen wieder und lieh sich von Schuhen, in denen es jetzt mit [einem ganzen Vertrauen fußte, rasch zu dem Stelldichein mit Thomas tragen.
Thomas hatte schon zehn Minuten gewartet, er war deshalb nicht gerade in bester Laune. Inzwischen hatte es auch zu regnen aufgehört. Nachdem sie sich begrüßt hatten, gingen Thomas und bas Mädchen die Leopoldstraße auf und ab. Sie hatten noch keinen Plan, wie sie den Abend verbringen wollten und unterhielten sich darüber. Das Mädchen war dafür, in irgendein Kino zu gehen, weil es dort dunkel wäre und Thomas unter den Stühlen die Schuhe bestimmt nicht gesehen hätte. Aber für das Kino war es leider schon zu spät. Je länger sie so auf der Straße dahinschritten, desto heftiger schlug das Herz des Mädchens. Es wich ängstlich jedem allzuhellen Lichtschein der Straßenlaternen aus und achtete krampfyaft darauf, daß es auch nicht nur einen halben Schritt weit vor Thomas zu stehen kam. Plötzlich befanden sie sich vor dem Eingang zu einem Park. Thomas schlug vor, in den Park zu gehen und auf einer Bank zu sitzen. Ich hole mir noch rasch dort im Kiosk Zigaretten, sagte Thomas zu dem Mädchen, ich komme gleich nach, lieber dem Eingangstor zum Park brannte eine äußerst grelle Lampe. Und weil Thomas, während er zum nahen Kiosk ging, bas Mädchen nicht aus den Augen ließ, konnte es bas Mädchen mit den schiefen Absätzen nicht wagen, den Lichtschein zu durchschreiten und blieb deshalb in der Mitte der Straße sieben. Als Thomas sich dem Mädchen wieder näherte, wurden seine Schritte immer langsamer und bedächtiger. Und plötzlich sagte er: Verdammt, wie konnte ich das nur vergessen, heute ist ja Mittwoch. Eben fällt mir ein, ich muß noch zu einer sehr wichtigen Besprechung mit einem Geschäftsfreund. Sind Sie mir böse, wenn ich Sie jetzt allein lasse?
Das Mädchen wußte natürlich sofort, wieviel es geschlagen hatte. Es war ihm also doch nicht gelungen, seine Schuhe vor Thomas zu verbergen. Thomas fragte auch gar nicht beim Abschied, wann sie sich wieder sehen würden
Das Mädchen war sehr traurig, weil es Thomas ausrichtig lieb gehabt hatte. Zwei Tage lang weinte es bitterlich, und als am dritten Tag Thomas immer noch nichts von sich hatte hören lassen, nahm es die - Schuhe, die es so schändlich verraten hatten, und warf sie zornig in die Ecke des Zimmers."
Bei diesen letzten Worten greift meine Frau gewöhnlich noch den Schuhen, die immer noch vor unserem Besucher stehen, und läßt sie polternd in eine Ecke des Zimmers fliegen.
Und das ist das Zeichen für mich, weiterzuerzählen:
„Stellen Sie sich vor, wie hartherzig doch ein Mann fein kann", wende ich mich an unseren Gast. „Dieser Thomas zum Beispiel, als er an jenem Mittwoch zu der Verabredung mit dem Mädchen ging, wußte von vornherein, daß er das Mädchen zum letztenmal sehen würde. Das Mädchen gefiel ihm einfach nicht mehr, und er wollte Schluß machen. Er hatte es noch nicht einmal geküßt, aber er wollte es wenigstens ein einziges Mal tun, bevor er es für immer verließ. Und deshalb sagte er auch zu dem Mädchen, wir setzen uns auf eine Bank im Park. Als er sich im Kiosk feine Zigaretten geholt hatte, stand das Mädchen widerspenstig immer noch an der gleichen Stelle. So wohlanständig bist du also, so


