Oie Liebe.
Von Friedrich Hölderlin.
Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr die Euer» all, O, ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht, Gott vergeb' es, doch ehret Nur Me Seele der Liebenden.
Denn, o saget, wo lebt menschliches Leben sonst. Da die knechtische jetzt alles, die Sorge, zwingt? Darum wandelt der Gott auch Sorglos über dem Haupt uns längst.
Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist Zur betriebenen Zeit, aber aus weißem Feld Grüne Halme doch sprossen, Ost ein einsamer Vogel singt.
Wenn sich mählich der Wald dehnet, der Strom sich regt. Schon die mildere Luft leise von Mittag weht Zur erlesenen Stunde, So ein Zeichen der schönern Zeit,
Die wir glauben, erwächst einzig genügsam noch. Einzig edel und fromm über dem ehernen, Wilden Boden die Liebe, Gottes Tochter, von ihm allein.
Set gesegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir Mit Gesänge gepflegt, wenn des ätherischen Nektars Kräfte dich nähren, Und der schöpfrische Strahl dich reift.
Wachs' und werde zum Wald! eine beseeltere, Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden Sei die Sprache des Landes, Ihre Seele der Laut des Volks!
Blutsbruderschaft.
Erzählung von Eberhard Meckel.
Seitdem sie sich einmal bet einer Dorsschlacht als Buben gegenseitig furchtbar zugerichtet hatten, bei welchem Kampfe jedoch keiner oen andern unterbekam, waren Alfonso und Perez Blutsbrüder. Das Blut, das damals aus ihren beschädigten Nasen und sonstigen Wunden rann, hatte ihnen gleich nach dem erbitterten Streit dazu gedient, ihre ewige Kameradschaft zu besiegeln; jeder schluckte vom anderen drei Tropfen des roten Saftes, sie schüttelten sicy die Hände, schauten sich fest in die zer- bläuten Augen — und von oa an gckb es kein unzertrennlicheres Paar als die Zwei.
Es war ein Ringen aus Ehre gewesen; Alfonso und Perez, beide Ansührer der Jugend ihres Viertels, hatte einer dem andern vorgewor- fen, der armen Witwe des Invaliden Nicolo den Apselgarten geplündert zu haben. Dieser Vorwurf kam der schwersten Beleidigung gleich; nein, Schuftereien gegen Arme, Hilflose und solche, die sich nicht rächen konnten und nur gemeinen Schaden hatten, begingen sie nicht. Sie aoaren Lausbuben mit Moral, die nicht anstanden, etwa dem scheinheiligen, habgierigen Kirchendiener Antonio seinen aus heimlich beiseite geschafften Opserpfennigen gebauten Hühnerstall niederzureihen, dem Schwatzweib Rita die Haustür über Nacht zuzumauern und was dergleichen Singe mehr find — aber die Aepfel der Nicolo hatten sie nicht gestohlen. Bis erkannt wurde, daß der Urheber dieses entehrenden Gerüchtes der wahre Apfeldieb -selbst war, um den Verdacht von sich abzuwälzen, hatten sie längst ihre Scharen aufgeboten und sich halb tot gehauen; sie hätten es ganz getan, wenn nicht in fast letztem Augenblick ihnen die inzwischen ruchbar gewordene niederträchtige Verleumdung in die von Schlägen bald tauben Ohren gebrüllt worden wäre. Da hatten sie voneinander abgelassen, sich als ebrenhaste Gegner erkannt, würdig, auf immer Freunde zu werden. Ihre erste gemeinsame Tat wurde, einige reiche, aber geizige Bauern um die besten Aepfel zu erleichtern und diese in einem Sack der Witwe Nicolo in die Vorratskammer zu schmuggeln.
Ueber solchen und ähnlichen Begebenheiten waren Perez und Alfonso inzwischen nun herangewachsen und in der gleichen Weise, wie sie ehrenhafte Laufejungen gewesen, ehrenwerte junge Männer geworden. Kein Tag verging, ohne daß sie sich nicht mindestens einmal und bann aus- 0 sahen. Meist jedoch verbrachten sie die Zeit vom Morgen bis zum
2 zusammen, bestellten gemeinsam ihre Felder, trieben einen kleinen Schweinehandel und teilten in Eintracht Gewinn und Verlust.
Da begann eines heiteren Tages Alfonso sich plötzlich auf merkwürdige Art zu veEndern. Er fing an, Perez zu vernachlässigen, beteuerte auf der andern Seite übertrieben ihre Freundschaft, bekam ein unwirrsche- Wesen, magerte ab, der rote Land wein schmeckte ihm nicht mehr, er rauchte alle Zigaretten nur noch halb auf und warf den Stummel, der sicher noch einen Centimo wert war, mit einem träumerischen Blick in die Ferne weg. Was mochte in ihn gefahren [ein? Perez zergrübelte sich den Kopf — aber der Leser hat wohl schon den Grund
erraten, denn was anderes kann dahinter stecken, wenn ein Mann seinen besten Freund verrät, abmagert, ihm das Trinken nichts mehr bedeutet, als eine Frau? . '
So verhielt es sich in der Tat. Alfonso war verliebt, vergeblich verliebt in die schöne, aber unnahbare Oriana aus der Stadt, die sich seit Geraumem im Dorf zu Besuch bei Verwandten aufhielt. Aber es war kein einfaches Verliebtfein, kein solches, das man sich mit reichlichem Alkohol an einem Abend aus dem Sinn wegnebelt, nein, es ging tiefer: sehr tief sogar, ganz tief, bis dorthin, wo ein Mann bereit ist, alles aufzugeben, sogar das Leben. Alles Zureden, das Perez aufwandte, half nichts, jede Abweisung Orianas machte Alfonso nur noch unvernünftiger und besessener, er verfiel in Schwermut, tat nichts mehr, wurde richtig krank, so hatte sie ihn gepackt, die größte Macht der Erde, die Liede, gegen die es auch bei den kräftigsten Männern kein Kraut gibt, wenn sie recht zugreift.
Doch, es gab ein Kraut: der Tod. Alfonso begann ihn zu erwogen, und je mehr der Gedanke daran, mit dem Sterben seinen Schmerz aus» zulöfchen, in ihm Eingang sand, desto mehr nahm dieser ihn gefangen. Ja. er wollte nicht mehr weiterleben, wollte tot fein vor diefer unerfüllten, unerwiderten Liebe, und nicht nur deshalb, nein, er hatte darüber auch der Blutsbrüderschaft mit Perez nicht mehr gegeben, was er ihr geben mußte, er hatte ihren Bestand gefährdet und sie vor dem ganzen Dorf, das schon ihren drohenden Zerfall.zu belächeln anhub, fragroürbig erscheinen lassen, und dies konnte nur mit dem eigenen Blute gesühnt werden.
' Alfonso verständigte Perez von seiner festen Absicht, aus dem Leben zu scheiden. Perez erklärte daraufhin sofort, er werde als sein Blutsbruder mit ihm in den Tod gehen. Antonio beschwor ihn, es nicht zu tun, aber Perez blieb allen Vorstellungen gegenüber taub und rotes nur auf das Gesetz ihrer Freundschaft, und so beschlossen beide gemeinsam zu sterben, sich gegenseitig zu töten, wie sie sich gegenseitig immer geholfen und in allen unterstützt hatten.
Sie beschafften sich Waffen, gute Pistolen aus der nahen Stadt, ordneten ihre Sachen, trafen letzte Bestimmungen und schrieben einen Abschiedsbrief, sie standen nebeneinander, die Arme gegenseitig auf die Schultern gelegt und grüßten noch einmal die scheidende Sonne, die sie morgen nicht mehr erblicken würden, traten in den Raum, der ihr beider Ende, die Blutsbrüderschaft besiegelnd, sehen sollte, machten sich mit feierlicher Umständlichkeit mit dem Laden der Waffen zu schassen und stellten sich dann einander gegenüber auf, fast Brust an Brust, wobei einer dem andern den todbringenden Lauf genau auf das Herz fetzte. Dann zählten sie auf drei, langsam und würdig, wie es sich geziemt« und drückten zu gleicher Zeit ab.
Aber nur ein leises metallisches Klicken und Knacken erfolgte, kein die Lust zerreißender Knall, der Tod und Zusammensturz brachte. Hatten die Waffen versagt? Sie zerrten sie sich gegenseitig aus den Händen, schauten in die Läufe, doch weder Perez fand in Alfonsos Pistole noch Alfonso in der von Perez eine Patrone stecken.
Sie maßen sich mit bohrenden Blicken: So hatte keiner geladen gehabt, also jeder wollte des Blutsbruders Leben schonen, von ihm aber, ohne- mit der Wimper zu zucken, den Tod erwarten. Jeder hatte den andern betrogen, betrogen aus Liebe, Freundschaft — gleichviel, es war Betrug, Verrat, wenn auch ein fehr heroischer, dessen Lohn sich im eigenen Sterben zahlen sollte, denn daß der andere nicht ehrliches Spiel triebe, wie wären sie je auf diesen Gedanken gekommen?
Sie würden die verwickelte Geschichte mit Denken und Stummsein, aber noch weniger mit Worten lösen, das wurde ihnen, je verbissener und ausgedehnter sie sich anblickten, deutlich; es half nur eines: sich prügeln. Wie auf einen Befehl warfen sie die Pistolen weg, stürzten sich aufeinander mit einem Gebrüll, das alle Kennzeichen einer Erlösung aus dein Schweigen trug, und begannen sich gegenseitig mit Schlägen zu bearbeiten, deren Kraft anzumerken war, daß sie den Betrug an der Blutsbrüderschaft mit Wut ins Nichts zertrommeln sollten; alles war bareingemengt, was sich in jedem Kämpfer aufgefpeidjert hatte, Haß, Siebe, Enttäuschung über den andern, über Oriana und das Leben und die Welt — ja, was wußten Alfonso und Perez schon, was sie in ihre Hiebe steckten, die sie erbarmungslos, wohin es gerade traf, aufeinander faufen ließen! Wie auch immer es war, fo lange Alfonso und Perez auch kämpften, feiner bekam den andern unter, wie seinerzeit, als sie sich zu Blutskameraden gefunden hatten. Und als die Schläge schwächer wurden, matter und matter fielen, ähnelten sie nicht immer mehr den Bewegungen, mit tzenen man dem besten Freunde herzhaft auf die Schultern zu klopfen pflegt? —
So ließen sie am Ende lachend voneinander ab; übel genug zugerichtet. sahen sie wahrlich aus. Aber das wie damals wiederum Blut aus Nase und Wunden floß, das war nur gut: Sie konnten also erneut drei Tropfen tauschen, diesmal jedoch als rechte Männer, nicht als Buben. Dann ergriffen sie die Pistolen, luden, traten vor das Haus und schossen in den Himmel, der ihnen morgen wieder die Sonne zeigen würde, die Magazine leer.
Nachdem sie sich den plötzlich aufsteigenden Angstschweiß, was wohl geworden wäre, wenn einer von chnen doch richtig geladen gehabt hätte, von den Stirnen gewischt und den Abschiedsbrief zerrissen hatten, beschlossen sie mit erhobenen Schwurhänden, entweder gleichzeitig sich zu verlieben oder gar nicht. Danach stürmten sie durch die Dorsstraße; da ging Oriana, stolz und abweisend, aber doch mit einer den Gruß erwartenden Miene. Doch die Freunde schauten gar nicht zu ihr hin. Leichten Herzens, von verwunderten Blicken über ihr fröhliches, aber zerschlagenes Aussehen gefolgt, zogen sie weiter in die Kneipe, die den vielsagenden Namen „Zum Esel des Sanjfyo" trug und beftcStcn den besten Wein. Wenn sie nicht tranken, die neue Blutsbrüderschaft zu begießen, fangen sie das uralte Lied von den Männern, denen, wenn sie Zusammenhalten, die Welt gehört und das weite Leben. Es hallte laut in die Nacht, die mit Sternen zauberisch hereinbrach ...
Derantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


