Gewißheit.
Von Ina Seidel.
In mir ist das Herz des Vaterlandes, Und ich weih es, Land, du wirst bestehn! Denn ein Herz so blütenoollen Standes Kann nicht untergehn.
Unter deinen Sternen liegend, Die die Sterne find der ganzen Welt, Mich an deinen Boden schmiegend. Der mich nähr^und hält.
Fühl ich mich ins Ewige gerettet lieber Zeit und Raum, Weih ich unauflöslich mich verkettet Zwischen Stern und Baum.
Gudetendeutsche Kulturträger.
Von Hans Sturm.
Die Musiker.
. Kaum übersehbar ist die Fülle der Kulturleistungen des Sudeten- deutschtums auf fast allen künstlerischen und wissenschaftlichen Gebieten; und alle diese Kulturleistungen wuchsen aus der deutschen Landschaft und der deutschen Stammeseigenart. Dies trifft in besonderm Maße aus die Musik zu.
„Ich bin und bleibe ein Kind der böhmischen Wälder", hat Christ o f W i l l i b a l d G l u i gesagt, und er ist es geblieben in Italien, in Hrag und erst recht in seiner langen Pariser Schafsenszeit. Er ist nicht nur der bedeutendste Opernkomponist aus sudetendeutschen Gauen, er ist ber große Erneuerer der deutschen Oper schlechthin, dessen Wirken bestimmend wurde für die späteren Meister. Sein Aufstieg ist bewunderungswürdig. Seinen Ruhm begründeten zahlreiche italienische Opern, und erst als anerkannter Meister konnte er an die Erneuerung der deutschen Oper gehen. Er hat es unternommen, „die Musik zu ihrer wahren Bestimmung -zurückzufllhren, das ist: die Dichtung zu unterstützen, um den Ausdruck der Gefühle zu verstärken ..." So wurde er in gewissem Sinne ein früher Vorläufer Richard Wagners. In Wien hatte sein Ruhm begonnen, nach Wien kehrte der Alternde zurück, dazwischen lag ein Weg voll Gold und Ehren: Marie Antoinette hatte ihn zum Hof-Kompo- siieur ernannt, der Papst verlieh ihm den Orden vom Goldenen Sporn und damit die Ritterwllrde, K l o p st o ck wurde lein Freund, Wieland tröstete ihn bei einem Todesfälle, seine späteren Opern gingen über alle großen Bühnen — und doch blieb Gluck, der ein Grandseigneur geworden war, ein rechtschaffener deutscher Mann, der sich überall Respekt zu verschaffen wußte, auch beim Kaiser, als dieser einmal mit seinem ■»ruber Gesänge aus der taurischen Iphigenie „zerstümperte". Und warum? Weil er zeitlebens blieb der Försterssohn aus Weidenwang, der dem Vater barfuß di« Büchse in den Wäldern trug, der Sonntags den böhmischen Bauern als „Waldgeigerlein" ausspielte und einen Hut voll Eier dafür erhielt. Ein weiter Weg vom Waldgeiger bis zum Ritter v. Gluck, der die Forderung nach dem musikalischen Gesamtkunstwerk stellte, die dann ein späterer erfüllen sollte.
Simon Sechter ist der bedeutende Musiktheoretiker des Sudetenlandes. Er ist 1788 in Friedberg im Böhmischen geboren, wurde in ®ien Schüler von Kozeluh, leitete 1811 den Musikunterricht im Wiener Blindeninstitut, wurde später Mitglied der Hoskapelle und schließlich 1824 Hvforganist; 1851 fand er eine Anstellung als Lehrer für Harmonie und Kompositionslehre am.Konservatorium der Musik- sreunde. Neben seinem Dienst und vielen Unterrichtsstunden fand er noch Zeit, sein heute noch wichtiges Hauptwerk, „Die Grundsätze der musikalischen Komposition" in drei Bänden zu veröffentlichen. Sechter stützt sich hauptsächlich auf Rameaus Theorie des Basse fondamentale. Daß Sechter nicht nur Theoretiker war, sondern auch selbständig arbeiten konnte, beweisen seine zahlreichen Kirchenmusiken, Messen, Gradualien, Offertorien; manches davon schrieb er in den alten Kirchentonarten, z. B. ein wohlklingendes Tedeum. Hiervon erschien nur einiges im Druck, während von seiner weltlichen Musik vieles veröffentlicht worden ist: Fugen, Präludien und andere Orgelstücke, zwei Streichquartette (das Weite behandelt in finniger Form die vier Temperamente), Klavier- pariationen u. a. Im Jahre 1844 wurde feine burleske Oper „Hitsch- hatsch" uraufgeführt und soll öfter wiederholt worden fein. Sechters »auernöe Bedeutung liegt in feiner vielseitigen Lehrtätigkeit, er gilt mit Recht als einer der einflußreichsten Lehrer des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiete der Komposition, zu feinen Schülern zählen u. a. Döhler, Pauer, Vieuxtemps, Thalberg, Anton Bruckner, der ihm -alles verdanken zu müssen" glaubte, und Franz Schubert. Sechter Wb nach einem arbeitsvollen Leben in Wien am 10. September 1867.
Wenn Franz Schubert auch in der Wiener Vorstadt geboren 111 so gehört er doch noch voll zu den „böhmischen Meistern" (so nannte Jon damals alle aus dieser Ecke kommenden guten Musiker), denn sein wer stammte aus Mährisch-Altstadt, und das Wesen seiner eigentlichen steirnat atmet in feinen herrlichen Liedern und Volksweisen, die in isinem Volke immer lebendig bleiben werden; sie sind eben klangge- »orbene Sehnsucht des deutschen Menschen nach heimatlichem Glück im killen Frieden fröhlicher Gemeinschaft. Franz Schubert ist, darf man 'l9«n, der deutsche Urmusikant, der Sechter verehrte. Gluck liebte und rns das Schönste gab, was er zu geben hatte: das deutsche Lied.
Malerei — Baukunst — Plastik.
Um bas* Jahr 1000 sind die Deutschen, gerufen von den slawischen durften und Großen, schon heimisch im Tschechenlande; im Jahre 1ÖD4
MHI,^u!g He>nrich II den Herzog von Boleslaw vor starken feind, uchen Ueberfallen und rettet damit das Land vor asiatischer Ueberfrem* bung. Boleslaw ruft die Klosterleute als Kulturbringer, Bürger und r" ! btadtegründer die Kaufleute der Hanse bringen Handel unb WanbJ, bergbaukundtge Arbeiter und ländliche Siedler schaffen ?^5^"'Ul>chkeiten für die Nachkommenden. Böhmens Herzöge heiraten m ehiUhr tha*chs^' ln. Prag gilt das Nürnberger und Magdeburger ö J^Iei in Prag arbeitet an der Veredlung der neu- mnThÄ' fL-wche, unb als Karl IV. 1355 zum Kaiser gekrönt wurde, SeU[Jd) U™ ’L öen böhmischen Landen die tragende und be- stimmende geistige Macht.
Als weitblickender Staatsmann pflegte Karl IV. besonders die Künste, indem er erste Meister heranzog. In dem Stift Hohenfurch im Böhmer Wald wurden um 1350 die neun großen Altartafeln vollendet, die zu den besten Leistungen der abendländischen Malerei des 14. Jahrhunderts zahlen und in ihrer Grundauffassung bereits auf bas einmalige- Meister- roert bes Genter Altars Hinweisen. Den unbekannten Maler nennt man ben Me i st e r v o n H o h e n f u r t h; man weih von ihm nur, daß aus feiner Werkstatt viele tüchtige Arbeiten bis nach Schlesien und Süd- deütschland gingen.
lieber ihn hinaus wuchs zwanzig Jahre später der Meister von ■1 V 1 u 4 a u ebenfalls em Unbekannter; er schuf ähnliche Slltartafeln rote ber Hohenfurcher, aber er war ein noch mutigerer Neuerer in der Gestaltung und ein Meister der Farbgebung.
Unter Karl IV. arbeitete auch Peter Parier in Prag, der zu den größten Baumeistern aller Zeiten gehört. Er kam aus der Dornbau- yutie in Köln und führte nicht nur den begonnenen Bau des Prager Domes nach eigener Planung weiter, sondern gab auch der baulichen GesMltung Prags sein Gepräge. Er und seine Nachkommen bauten viele Kwchen in der Altstadt und in der von Karl IV. gegründeten Prager Neustadt; Klosterbauten, der Pulverturm unb die Moldaubrücke mit ben beiden wuchtigen Türmen sind Meisterwerke der Parier. Der geniale P°ter Parier war auch ein tüchtiger Bildhauer; dies beweist sein mäch- ‘'9es Grabmal für den Premystiden Ottokar I., das im St.-Veits-Dom Aufstellung sand, und für das Parier die auch für damalige Verhältnisse Eletne Summe von 15 Schock Groschen erhalten hat. Aus der Parler- Hutte gingen noch viele Arbeiten hervor, die aber nur im Entwurf von Peter Parier stammen, so z. B. die ritterliche Gestalt des heiligen Wenzel und die 31 Büsten im Triforium unb am äußeren Chorumgang des Domes. Manche dieser Bildwerke verfielen ebenso wie viele Altartafeln in dem über Böhmen hereinbrechenden unseligen Hussitensturm
Etwa dreihundert Jahre später wurde in Eger Balthasar Neumann geboren, der ein würdiger Nachfolger der Parker genannt zu werden verdient. Wenn man einmal auf dem weiten Residenzplatz in Würzburg gestanden hat, auf dem sich der langgestreckte, von adligem Leben beseelte königliche Bau erhebt, ober wenn man unter ben lichten Gewölben ber Kirche in Vierzehnheiligen beren kunstvoll geglieberte Zielstrebigkeit überdacht hat, bann begreift man ben schöpferischen Geist bes Artillerie-Obristen, Oberingenieurs unb Baubirektors Balthasar Neumann, der seine meisterlichen Werke hoch über fein Jahrhundert hinaus- hob und für die folgenden Zeiten richtungweisend blieb. Immer wieder bewundert man feine stützenlose Einroölbung des Treppenhauses, seine Formung „des Raumes in Räumen" unb feine starke Vergeistigung ber materiellen Grundlagen, bie dem Innen und Außen alles Trennende nimmt, und begreift bann, daß diesen Subetendeutfche unvergänglich in die Geschichte ber deutschen Baukunst eingehen mußte.
Abermals dreihundert Jahre später wuchsen im Böhmischen zwei Erneuerer des Bauwesens auf, Adolf Loos und Jofef Maria Olbrich, die beide auch die Innenarchitektur sozusagen neu begründeten. Olbrich geboren 1876 in Troppau, starb allzufrüh 1908, nachdem er sich in Wien, Darmstadt, Köln und Düsseldorf bereits als ein Fertiger erwiesen .hatte. Er war eine starke Begabung, die Neues suchte und fand. Er scheute, wie Menzel, keine noch so große Mühe, sich etwas zu erarbeiten, dies wissen wir aus feinen wertvollen Briefen und aus über 6000 Zeichnungen, die er in Rom und auf Studienfahrten von alten Bauwerken gemacht hat. Ob er ein Landhaus baute oder ein Warenhaus, ob er eine Vase entwarf oder eine farbige Fächerfpitze, aus all feinen Arbeiten leuchten Kraft, Wohllaut und Heiterkeit, Haupttugenden deutscher Art. — Adolf Loos kam aus Brünn (1870), bildete sich in Dresden, arbeitete als Maurer unb Zeichner in amerikanischen Großstäbten und kämpfte dann in Wien dreißig Jahre „aegen spießigen Kitsch" und „für das Schöne im Alltag". In einem feiner interessanten Bücher sagt er, „ich habe die Menschheit vom überflüssigen Ornament befreit", der Leitspruch feines Denkens und Tuns war das Nietzsche- Wort: „Das Entscheidende geschieht trotzdem!" Einen tapferen Kampfgenossen hatte er in dem Sudetendeutschen Josef Hoffman (Pirnitz bei Jglau), dem Gründer der „Wiener Werkstätten".
Als sudetendeutscher Plastiker wäre neben Hugo Lederer, dem Schöpfer des Hamburger Bismarckdenkmals, und dem zu früh gestorbenen Anton Hanak vor allem Franz Metzner zu nennen, der aus dem Handwerk hcroorging. Außer dem handwerklichen Können sind die baukünstlerischen Grundlagen feines bildnerischen Schassens unb eine uns so recht männlich anmutenbe herbe, innere Größe bie besonderen Merkmale seiner Kunst. Seine bekanntesten Arbeiten sind bie gewaltigen Bildwerke bes Leipziger Völkerschlachtbenkmals, in benen ihm bie Vereinigung der (Elemente absoluter unb malerischer Plastik gelang; hierdurch wird sein Schaffen zu einer denkwürdigen Tat von großdeutscher Bedeutung.
Zu erwähnen wären noch der Plastiker, Radierer und Maler Richard Teschner aus Eger, der in Wien lebt und eine gewisse „geistvolle Romantik" pflegt, dann der aus Karlsbad kommende Karl Themann, bekannt durch gute Architekturholzschnitte, und schließlich der Maler-Graphiker und Buchkünstler Walter Klemm; er illustrierte unter anderem „Faust", „Reinecke Fuchs", „Grimms Märchen" und gilt als ein Meister des neuen deutschen Holzschnittes.


