Jahrgang (938
Montag, -en H- November
Nummer 89
GießenerKimilieubMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
itotti
... , , - ' • • ~ vuiuu; uu iiitu Ulli,
«ri? -!!1 ,lner ®linute abginge. Türen schlugen, drei Kinder- Abteüfenster — der Zug fuhr ...
köpfe am Älsteilfenster — |ul,u ...
Als Christine abfuhr, standen alle Freunde mit Blumen auf dem loaynjteig.
fie zu ihnen. „Ihr fahrt bald auf einem großen Schiff, das wird herrlich let"' auf dem Schloß werden Schafe und Hühner und Kühe sein und bald werdet ihr Mutti Wiedersehen!"
Milotti preßte ihre Hand: „Christine, es ist mir nicht recht so! Chri» stipe, wollen wir es nicht noch ändern?" 1 ’
h.„6"^eis'^an5/ roiI rool*en 8«r nichts ändern! Du weißt im übrigen, du dich auf mich verlassen kannst! Die Beoeridges werden von dir entzückt |ein glaube mir! Du brauchst ja nur ein paar Lieder zu fingen und sie werden dich yinreißend finden. Was willst du mehr, Hans?"
„Christine, es ist bitter, glaube es mir!"
„Hans, man sucht sich eine Rolle nicht aus! Wir haben oft genug äaruber gesprochen. Es ist doch so, Hans, daß man vom Schicksal ge- nommen wird unsere Seele ist unser, Hans, aber nicht unser Erlebnis." C. S Vorsteher in der roten Dienstmütze machte darauf aufmerksam, OQß OCT ,,«>!<» tu Atnac STDter-.-... . t < < ’ t ,
Xoman von Rolf Brandt
Copyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlkn
(Schluß.)
9n„M^r'!^lne schweigend. Eine ganz feine Röte zog sich von den WmL 'S k H5 La,t <?u1l Kinn. Ihre Augen blieben ganz ruhig: ?m^rnföent (?'e ^"en das bisher Nicht gesagt, daß wir auf dem gleichen Dampfer fahren wurden. Es überrascht mich nicht sehr. Wir wollen auch auf der Fahrt recht gute Freunde sein, aber Sie dürfen kein Abenteuer erwarten.
„5raU Christine", sagte Meroven, „mir war nie weniger nach einem tennetigeYern^^abe!" S *“ 3cU' i>“ Sie miei>erM unb nun . Christine legte den Finger über den Mund und senkte ihn dann «in wenig bis in die Höhe ihrer Schulter, so, wie sie es getan hatte, als )ie noch em ganz junges Mädchen war: „Wir müssen nun nicht weiterreden. Seien Sie nicht böse!"
„Ich bin aber böse", sagte Meroven.
Sie legte ihm beide Hände flach über den Tisch entgegen: „Meroven! Vieber, unausstehlicher Meroven, seien Sie nett, wir müssen jetzt schweigen!" D
Er legte leicht seine Hand auf die schönen, langen Finger: „Ach, Frau Christine, schweigen mir!"
Nach diesem Gespräch wollte Christine nicht, daß man die Einladung nach Hamburg annahm. Milotti und die drei Jungens sollten ursprünglich dort warten, bis sie kabeln würde, daß man sich in Neuyork träfe. Es ging nun nicht mehr, daß man es so einrichtete. Merovens Gefühl war nicht mehr verhüllt, man durfte die Einladung nicht annehmen.
Sie schrieb an Beveridge. Sie lachte ein paarmal, als sie den Brief stilisierte:
„Mein lieber Beveridge!
Cs war so rührend, daß Sie uns einluden. Sie glauben nicht, wie wich diese Einladung gefreut hat, sie zeigte mir, daß Sie eine sehr nette und sehr kluge Frau haben, denn Sie haben ihr doch bestimmt erklärt, daß Sie einmal etwas für mich übrig gehabt haben. Das ist ein paar Jahre her, Beveridge! In den Jahren ist es mir nicht fo sehr gut gegangen, und ich habe oft an Ihre Abschiedsworie denken müssen. In einem hatten Sie unrecht: Ich bin mit meinem Mann sehr glücklich.
Ich lege Ihnen die Bilder von meinen drei Jungens bei. Der Aelteste heißt Christoph. Sie sind alle blond und alle sehr luftig und gut. Es ist wunderschön, drei Jungens zu haben, Beveridge, aber es ist heute schwer in Deutschland, für sie zu sorgen. Ich habe darum den Rat eines alten Freundes befolgt und werde nach Amerika gehen. Es gibt dort Möglichkeiten für mich, die mich in Deutschland bei der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung- nicht tragen. Die Gesellschaft, auf die es ankommt, ist republikanisch eingefärbt bis auf die Knochen. Der Name Rucktasch bedeutet für sie keine Empfehlung. Es ist nicht gut, in diesem Deutschland einen Großvater zu haben, hinter dessen Sarg ein Prinz schritt. Drüben ist es ja anders. Darin hatten Sie recht. Ich muß kämpfen, aber ich finde es schön, daß man kämpfen kann.
Aus Ihrem Briefe kam aber außer der Erinnerung ein Ton von Kameradschaft, die ja zwischen uns war. Darum, und und weil ich in Not bin, nehme ich Ihre Einladung für meine drei Kinder an. Milotti, den Sie ja im Grunde leiden können, wird sie begleiten. Ich weiß, Sie werden lächeln, wenn Sie diese Zeilen lesen, das ironischste Lächeln, das Sie auf Lager haben.
Sie brauchen nur zu fabeln, daß Sie Kopfschmerzen hätten oder daß Ihr jüngster Kater krank sei, ich werde es verstehen und immer finden, daß Sie recht hätten. _
Sie werden merken, Beveridge, daß mein Schiff in sehr stürmischer See ist. Sie werden merken und verstehen, wie Sie sich auch entscheiden wögen, es wird gut fein, und ich danke Ihnen für das Lebenszeichen. Die beiden Hunde aber werde ich mit nach Amerika nehmen. Sie find sehr dekorativ, und ich wünsche dort so aufzutreten, nicht arm, mit drei Kindern und einem besorgten und unpraktischen Mann.
Ich grüße Sie, Beveridge! Leben Sie wohl!"
Christine stand am Lehrter Bahnhof und küßte die drei Jungens. Den Jüngsten hielt sie eine ganze Weile im Arm: „Seid tapfer!" sagte I
I ^ür seine letzten Pfennige hatte Heinrich Schüttewald einen ganzen Strauß Rosen gekauft. Rottenbach versprach, dafür zu sorgen, daß der Verkauf der Villa richtig zu Ende geführt würde.
„Sie können sich auf mich verlassen, Frau Christine", sagte er
„.. Dann waren da zwei Zunge Schauspieler, die fangen ein Abschieds-
,/en' ‘,ni)em fie d>e Gitarren dazu nachmachten. Es ging alles sehr (djnell, man lachte viel, die Blumen türmten sich im Netz, die vielen Koffer lagen im Packwagen, eine junge, elegante Frau in einem fabel» hast geschnittenen Reisekostüm mit kleinem dunkelblauem Hut ah aus dem Wagenfenster, winkte mit der Hand, bekam plötzlich für einen Augenblick unsichere Augen, lächelte aber dann mit Anstrengung und rief: „Rottenbach! Lieber, alter Rottenbach! Es wird mir gut geben wir sehen uns wieder!"
Man lebte auf diesem Dampfer zwischen den Jahreszeiten und zwischen den Kontinenten. Man lebte in der Stadt Nirgendwo in einer Zauberstadt, die mit Wunderkräften über ein dunkelblaues sprühendes immer neues und verändertes Element zog.
Christine konnte stundenlang unbeweglich am Bugspriet sitzen art verbotener Stelle, und zusehen, wie die mächtige weiße Welle' sich entfaltete, aufrauschte und wieder im Dunkelgrau ober im Dunkelblau des ewigen Hassers zerrann. Der Wind war salzig und schmeckte auf der Zunge. Der Wind war ein junger Bruder, der alle Gedanken fort» trug, der Wind war so, baß er einen in die Arme nahm, so stark in die Arme, daß man den Unfug der Menschen vergaß.
, Aber Christine wußte, daß schon diese Ueberfahrt zu der Schlacht gehörte, die man gewinnen wollte. Sie trug bei dem ersten Ball an «yrd eine strahlende Toilette. Sie zeigte an jedem Tag ein neues Kleid unb neue Schuhe. Sie saß ba in einem blauen Rock und einer hellblauen Dluse unb in weißen Wildleberschuhen, ein Bild für eine amerikanische Modezeitung. Sie trug ein hellblaues Wollkleid, das die schöne, schlanke Lickte ihrer Figur zur gewagten Wirkung brachte.
Sie war liebenswürdig, sie kokettierte mit den Männern, und sie lächelte mit den Frauen, sie saß in der Bar, sie nahm an den Borte spielen teil, sie flog, ein bunteiroter Pfeil, von der federnder Brücke in das Schwimmbassin: sie tanzte mit Deutschen, mit Amerikanern, mit Engländern. Sie zeichnete ein paar Karikaturen, die sie verschenkte, sie malte ein Bild des Kapitäns „zur Erinnerung", und sie malte den niedlichen Jungen eines amerikanischen Millionärs, der mit an Bord war, und schenkte die Skizze der Mutter.
Merdoen sagte zu ihr: „Sie fechten tapfer, Frau Christine. Das ganze Schiff spricht schon von der Baronin von Milotti, der Enkelin des alten Rucktasch, des großen Malers. Passen Sie auf: Wenn wir landen, werden schon die Reporter da fein. Sie schlagen sich gut ... aber eigentlich hatte ich mir gedacht, daß ich ein wenig mehr von Ihnen haben dürfte auf dieser Ueberfahrt."
Christine tanzte mit Meroven. Er war schweigsam, machte, als die Musik schwieg, feine kurze Verbeugung und fragte: „Jetzt kommt der amerikanische Oberst, bann folgt der Konsul, bann biefer kanadische Weizenkönig, den ich nicht ausstehen kann, bann ... Darf ich mich in einer Stunde wieder melden, Frau Christine?"
„Nein, Sie dürfen mir den Arm geben und mich aus dem Saal führen! Wir wollen uns das Meer an sehen, ich habe für heute genug. Wir wollen Ferien machen, Meroven."
Sie standen auf dem Bootsdeck, der Ozean atmete mit großen, schweren Atemzügen. Zuweilen brach sich eine Welle etwas stärker und blitzte silbern im nächtlichen Lichte auf. Ganz leise zitterte das Tempo der Maschinen durch den Schiffskörper. Die Milchstraße funkelte ein fünftes weißes Licht hernieder.
„Ach, Meroven, so fährt man durch die Nacht seiner Träume!"


