Ausgabe 
14.3.1938
 
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Ltrians "Reife um die Wett.

Von Matthias Claudiu».

Wenn jemand eine Reise tut. So kann er was verzählen;

Drum nahm ich meinen Stock und Hut Und töt das Reisen wählen.

Zuerst ging's an den Nordpol hin;

Da war es kalt, bei Ehre!

Da dacht ich denn in meinem Sinn, Daß es hier besser wäre.

In Grönland freuten sie sich sehr. Mich ihres Orts zu sehen, Und setzten mir den Trankrug her; Ich aber ließ ihn stehen.

Die Esquimaux sind wildund groß, Zu allem Guten träge;

Da schalt ich einen einen Kloß Und kriegte viele Schläge.

Nun war ich in Amerika;

Da sagt ich zu mir: Lieber! Nordwestpassage ist doch da; Mach dich einmal darüber!

Flugs ich an Bord und aus ins Meer, Den Tubus festgebunden, Und suchte sie die Kreuz und Quer Und hab sie nicht gefunden.

Von hier ging ich nach Mexiko;

Ist weiter als nach Bremen, Da, dacht ich, liegt das Gold wie Stroh; Du sollst 'n Sack voll nehmen.

Drauf kauft ich etwas kalte Kost Und Kieler Sprott und Kuchen Und fetzte mich auf Extrapost, Land Asia zu besuchen.

Der Mogul ist ein großer Mann

Und gnädig über Maßen

Und klug; er war itzt eben dran, 'n Zahn ausziehn zu lasten.

Hm! dacht ich, der hat Zähnepein Bei aller Groß und Gaben!

Was hilft's denn auch noch, Mogul sein? Die kann man so wohl haben.

"ich gab dem Wirt mein Ehrenwort, Ihn nächstens zu bezahlen;

Und damit reist ich weiter fort Nach China und Bengalen.

Nach Java und nach Otaheit

Und Afrika nicht minder;

Und sah bei der Gelegenheit

Viel Städt und Menschenkinder;

Und fand es überall wie hier, Fand überall 'n Sparren, Die Menschen grade so wie wir Und ebensolche Narren.

Mumme Mules Wunschlag.

Von Haus Friedrich Blunck.

Irgendein Tag im Frühling ist dazu ausersehen, daß atfe Bettler und Armen ihre gerechten Wünsche aussprechen dürfen. Es ist der Tag, an b m auch die Unterirdischen ein gleiches Recht haben, und liegt um den Maien.

Die Wichtelleute wissen natürlich besser als unsereins damit Bescheid, la war einmal ein sehr kluger Mann unter ihnen, der hatte die Men- [d)en und zumal den alten Landstreicher Prachermann gern und ließ dem Freund lagen, er würde am Tag der gerechten Wünsche nach oben ümmen und Weib und Kinder mitbringen, damit sie sich den Menschen gleich am blauen Himmel ergötzten.

Er hieß also, als es so weit war, seine Frau sich schön machen, ließ |it die sieben Kinder bürsten und klopfen und kleiden, zog seine weiße Hase an, schnitt einen Stecken und kroch wahrhaftig in der Frühe mit btn Seinen aus dem Heidberg, um Prachermann zu treffen. Der alte Bettler aber, der ihn erwarten sollte, hat in seinem Graben die Zeit verschlafen, und darüber wäre beinahe ein Unglück geschehen, ich muß es ttd) erzählen!

Als der Unterirdische, Mumme Mule hieß er, nämlich so seines Weges geht und den Freund straßauf, straßab vergeblich sucht, bekommt «k Durst. Er kehrt deshalb in einer Wirtschaft ein, hebt, selbst kaum zwei Fchuh hoch, Frau und Kind auf die Stühle und will mit dem Wirt ein ^sprach beginnen Der erstaunt sehr über die neuen Gäste und möchte wssen, ob es an ihnen etwas zu verdienen gibt. Er nickt höflich, zieht tu Kappe und fragt, auf wen der Herr warte.

Auf feinen Freund Prachermann, sagt Mumme Mule keuherzfg.

Nun ist der alte Landstreicher dem Wirt aber sehr wohl bekam«; Prachermann kriegt bei ihm nichts mehr zu trinken, und Mumme Mule hat es, sobald er den Namen nennt, mit dem dicken großen Mann ver­dorben. Der Kröger wird unfreundlich, er fragt, woher man komme, und erkundigt sich sogar, ob der Gast denn auch zahlen werde, was er bestelle. Die Frage erzürnt Mumme Mule, er will gerade erbost weitergehen, da fängt die Gartenmusik an. Nun haben die Wichte ja zu nichts mehr Lust, als noch unseren Geigen zu tanzen. Mumme Mule tut also einen vergnügten Schleifer, er hebt Frau und Kinder von den Stühlen und will in den Tanzsaal. Es laufen aber nur einige kleine Mädchen herbei und schreien und fassen sich an den Händen und reigen im Kreis um ihn. - Die großen Leute kümmern sich gar nicht um den Fremden, nur der dicke Kröger läßt ihn nicht aus den Augen. Da wird Mumme Mule sehr ärgerlich, ihm fällt ein, daß er seinen Wunschtag hat, er zaubert dem Wirt einen doppelten Bauch und allen schreienden Kindern und allen Leuten, die ohne ihn tanzen, eine zwiefache Nase an.

Als der Knirps nun weiter seines Weges stapfte, kam ihm auf der Landstraße ein gelehrter Herr entgegen, der sich auch mit den Seinen im Grünen ergehen wollte und sich über die sonderbare Begegnung sehr verwunderte. Aber er war doch ein höflicher Mann, zog den Hut und fragte den Knirps nach dem Woher und Wohin. Ja, hat Mumme Mule gesagt und hat Vertrauen zu diesem Fremden gefaßt, er gehöre eigentlich zu den Unterirdischen, aber er wolle auch einmal in der Sonne spazierengehen, weil es just ein Festtag der Menschen fei. Die Frauen haben sich währenddes hochmütig angeguctt, und die Kinder haben mit kleinen Steinen nacheinander geworfen. Aber der Gelehrte und der Unterirdische haben vom Leben unter und über der Erde ein ernsthaftes Gespräch begonnen. Und Mumme Mule hat beweisen wollen, wieviel schöner und gleichmäßiger und gegen Frost und böse Wetter geschützt man doch in den Höhlen der Tiefe lebe, wieviel klüger überhaupt alles unter der Erde als über der Erde fei. Als er das aber sagte, hat der andere ihm solche Reden verwiesen, er hat zornig erklärt, daß der Mensch das Höchste aller Dinge fei und ein ewiges Leben habe.

Oho", hat Mumme Mule geantwortet,wir leben solange wir wollen, ist das nicht besser?"

Oho", hat der Gelehrte geeifert, die Unterirdischen hätten eben die Sehnsucht nicht, das hätte er gehört, und die Menschen wären jetzt schon so weit, hoch durch die Lüfte zu fliegen.

Ach, hat Mumme gesagt, das wäre etwas Uraltes und längst erfun­den, der Herr brauche nur einmal über sich zu schauen; das fliege zehn­mal besser und von jung an als alles Menschengezücht.

Der Gelehrte hat das Kinn erstaunt nach oben gedreht, hat jedoch nur eine alte Krähe gesehen. Mumme Mule aber hat dem hochmütigen Kopf gewünscht, daß er stehenbliebe, wo er stand. Da hat der arme Herr, den Hals in die Luft gestreckt, seines Wegs laufen müssen.

Mumme Mule hat eigentlich.genug von den Menschen gehabt, aber er hatte versprochen, den armen Prachermann zu besuchen. Er ist des­halb weiter die Straße fürbaß geschritten und ist an einen Platz gekom­men, da war ein Zirkus aufgeschlagen. Die Leute haben natürlich gemeint, der kleine Mumme Mule und die Seinen gehörten dazu; auch der Besitzer des Zirkus ist der fremden Gäste gewahr geworden, er hat es sich nicht entgehen lassen, solch Volk, an dem er reich werden konnte, mit oder gegen seinen Willen einzufangen. Ja, der lange Kerl ist einfach auf Mumme Mule zugegangen, hat mit festem Griff feine Hand gepackt und gesagt, sie könnten gleich einen Vertrag miteinander machen. Dem Kleinen hat es fast den Atem genommen, weil der Lange so rauh mar­schierte, und die Frau und die sieben Kinder haben nicht folgen können. Solche Behandlung hat Mumme Mule nun wieder so gekränkt, er hat dem Fremden im Lausen einen Riesenbuckel angewünscht, nur um etwas zu Atem zu kommen. Da ist der Mann mitten auf dem Weg erbärmlich ftehengeblieben und hat sich kaum auf den Beinen halten können.

Frau", hat Mumme Mule erklärt,die Menschen gefallen mir nicht, wir wollen nach Haus."

Nun", hat die geantwortet,hab ich's dir nicht stets gesagt? Gehen wir nach Haus!"

Als der Unterirdische nun feinen Weg durch die Heide trottelte und noch immer viele Neugierige hinterdrein liefen und doch vorsichtig aus- wichen, weil es jedermann schlecht bekommen war, mit dem Kleinen zu verhandeln, da ist endlich auch der arme Prachermann, den Rock zer­rissen, einen Stock in der Hand und einen Riesensack auf dem Rücken, zu ihm gestoßen. Er hatte schwer zu tragen. Ach, der Arme hatte an all den armen verzauberten Menschen gemerkt, daß fein Freund Mumme Mule vor ihm die Landstraße gewandert war.

Und dem alten Prachermann war aufgegangen, was er mit feiner verschlafenen Morgenstunde angerichtet hatte. Das Gewissen hat ihm ge­schlagen, er hat sich einen Sack erbeten und alle bösen Dinge, die Mumme Mule eben den Menschen angezaubert hatte, gegen ein kleines Trink­geld in den Sack auf seinem Rücken gewünscht. Ja, als er nun zuletzt noch den armen Zirkusmann bettelnd und weinend auf dem Weg stehen sah, hat er vor lauter Mitleid auch dem den Buckel abgenommen, obwohl sein Sack davon fast zu schwer geworden ist.

Dann erst hat Prachermann mit viel Mühe Mumme Mule einholen können, sie haben sich herzlich begrüßt, und der Kleine konnte prahlen, was alles er ausgerichtet. Dabei hat er auch wissen wollen, was der Freund auf dem Rücken trug. Der Bettler hat gelächelt und einen alten Schlehenbusch am Weg gerufen. Und er hat alle Dinge, eins nach dem andern, ausgepackt und dem Holz angewünscht. So hat der arme Busch erst einen Bauch gekriegt, danach einen Kopf im Genick und an die hundertzwanzig Nasen, die haben nadelscharf im Stamm gesessen. End­lich hat Prachermann den Buckel hervorgeholt, und Mumme Mule, der erst sehr böse sein wollte, hat über den Busch lachen müssen, so krüppel- krumm hat der ausgesehen. Dann sind Mumme Mule und Prachermann und Frau und Kinder in ein schönes Kartoffelfeld gegangen, haben sich noch einmal alles von Anfang bis zu Ende erzählt und haben es sich