tum. „Brauchst'- nicht zu sagen, William, ich glaub' dir's auch so.'
Dann stieg sie heimlich zu „Maria am Gestade hinaus und fegte sich ganz vorn, dicht am Hochaltar, nieder und lächelte hinauf zum roten Schimmer der einigen Lampe. „Verzeih mir, Gott", betete sie, „aber ich bin so glücklich." Sie wollte noch weiterbeten, aber sie kam nicht über diesen Satz hinaus, obgleich sie lange, lange die Hände gefaltet hielt.
Sie hatte viel nachzuholen, diese Gräfin Irene Czeh, von dem, um was sie das Leben bisher betrogen hatte. Sie hatte keine Jugend gehabt, als sie noch die Freiin von Ellsleben war. Mit fünfzehn hatte sie Schwarz getragen um den Vater, mit siebzehn hatte sie die Mutter zu Tode gepflegt, in Trauerkleidern halte sie das Gnadenbrot einer armen Hofdame gegessen, die harte Kost immerwährender Bereitschaft zum Dienen und Sichbeugen, mit neunzehn hatte sie, ohne gefragt $u werden, heiraten müssen, und mit zwanzig ihr erstes Kind unter dem Herzen getragen.
Nun zeigte der Frühling in Wien ihr, was Jugend ist.
Und sie griff nach dieser Jugend mit dem Herzen einer reifen Frau.
Sie sah in den Spiegel und freute sich, daß sie schön war.
Es schmerzte sie nicht mehr, wenn Olli am Bett ihres Jüngsten stand. Sie wußte ja nun, aus welcher Quelle der Glanz floh, der um Olli strahlte.
Sie neidete keinem Wiener Mädel sein Lachen.
Sie lachte selbst.
Einmal — in Schönbrunn blühte schon der Flieder — schritten sie beide auf die Gloriette zu. Die Wasser spielten, es plätscherte und rauschte. Die Sonne malte einen kleinen Regenbogen in das Gesprüh eines Springbrunnens. „Wie groß ist deine Liebe, William?" fragte sie. Er wußte keine Antwort. Sie sah nach oben. „So hoch wie der Himmel?" — „Ja, Iri." — „So sprudelnd wie die Wasser?" — „Ja, Sri." — „So bunt wie der Regenbogen?" — „So bunt wie du, Iri, so klar wie deine Seele und so groß wie dein Herz."
Sie waren richtige Liebesleute beide.
Drei Tage waren sie oben aus dem Semmering. Sie fanden einsame Wege in den Bergen, sie sahen in die Täler hinab und zu den verschneiten Höhen hinauf. ,Zst dein England auch so schön?" fragte sie. — ,Lch weiß nicht, denn ich kenne es nicht mit dir." Sie bot ihm ihren Mund. Und er küßte sie. Abends, im großen Kreis der Menschen, sagte er: „Gräfin" und sie: „Sir William". Und sie liebten dieses Spiel des Versteckens und der Lügen vor der Welt. Sie tanzten. Alle Herren warteten darauf, daß auch sie einmal für ein halbes Hundert Walzertakte die fchöne Gräfin Czeh tm Arm halten könnten, aber sie wartete nur auf den langsamen, ruhigen Bostonschritt, den William sie nach den alten Melodien Lanners und Strauß' und den neuen von Fall und Lehär führte.
Als sie wieder hinabfuhren, war für wenige Augenblicke die Frage in ihr: Heißt dieser Zauber wirklich William Bruce oder ist es Wien, das mich verzaubert? Und sie antwortete sich selbst: „Es ist William Bruce." —
Erst als sie wieder in WaldH ausen war, wußte sie die Wahrheit: Ich selbst war es — ich ganz allein.
Das war einen Monat später oder zwei.
Sie trug wieder Schwarz innerhalb der Mauern des alten Czehschen Schlosses und innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches. Ihre bunten Kleider waren in Wien geblieben, sie hatte sie Ollis Kammerfrau geschenkt. Aber in ihr blieb ein Leuchten und in ihren Augen ein Glanz.
William Bruce war schon weit fort Er saß wohl jetzt an Deck des Dampfers, der ihn nach Kapstadt führte, seinem neuen Amt entgegen. ,Lomm mit mir", hatte er gesagt, „wir lassen uns daheim trauen, in der kleinen Kirche von Dreadsord. Dann gehen wir in die Welt. Die Welt ist England, und England ist die Welt. Wir werden überall zu Hause sein."
„Nein, William. Die weite Welt ist mir keine Heimat. Ich habe dich lieb, und ich danke dir. Ich gehöre nun wieder woanders hin, gerade weil du wieder einmal in meinem Leben warst. Hast du Günter gesehen mit seinem braunen Fohlen vor der Grust der Czehs? Dort ist mein Platz, William. Günter gehört nach Waldhausen, und ich gehöre zu den Kindern. Man darf einmal mit wachen Augen träumen, William, aber man darf nicht mit träumenden Augen durch fein ganzes Leben gehen wollen."
„Ich werde dich immer lieben, Iri."
„Ich auch dich."
Sie hatten sich noch einmal geküßt.
„Ich komme wieder, Iri."
,^Ich werde auch dann keine andere Antwort für dich haben."
Die Berliner Gefellschaftssaison fetzt ein.
Heidenberg kommt eines Tages zu Wallnitz, um mit ihm zu beraten, in welchen Häusern sie in diesem Winter Besuche machen und in welche Ministerien, Botschaften und Gesandtschaften sie zum Empfang gehen wollen; die Liste der Empfangsnachmittage liegt im Kasino ihres Regiments aus. Sie haben seit Jahren den gleichen Kreis und werden zu den gleichen Diners und Bällen eingeladen; man kennt sie überall als Freunde.
Wallnitz wehrt ab. „Das mußt du diesen Winter allein durchsechten, Erich." Er braucht seine Abende für die Vorbereitung zur Kriegsakademieprüfung. Er will, er muß arbeiten: Taktik, Kriegsgeschichte, Geschichte, Erdkunde, Sprachen. Es wird viel gefordert, und der Wettbewerb ist groß. Fünfzehnhundert Offiziere melden sich für das Examen an, aber nur hundertfünfzig werden einberufen. Da genügt nicht, daß man gute Arbeiten schreibt, man muh bcffere schreiben, bessere als ein- tausenddreihundertfünfzig andere. Bei soviel Nebenbuhlern heißt es sich heranhalten; da nützen auch Namen und Verbindungen nichts: man bekommt eine Nummer zu gewiesen, die schreibt man an den Kopf der
Arbeit; die prüfenden Generalstab sosfiziere wisien nicht, wem „ die Nummer gehört. Es geht hart auf hart. In diesem Jahr hat Wallnitz keine Zeit für Tanzabende, auf denen die Jugend für die Tanze im Schloß eingeschult wird, und ähnliches. ,Zch glaub«, dies Feld überladen wir Jüngeren", sagt er.
Heidenberg ist traurig. „Was soll ich denn ohne dich anfangen? (rin paar Bälle wirst du doch mitmachen? Du kannst doch nicht jeben Abend büffeln?" sagt en
"Laß'mtt^dir reden, Bernd. Ich weiß, es muß auch Menschen wie dich'geben, Menschen, die alles mit dem Kops machen wollen. Ich kann nicht über Büchern sitzen, ich muß meine Kerls vor mir haben. Wenn ich hinter dem MG. hocke und den Leuten beibringe, wie sie schießen müssen, und wenn ich dann sehe, wie aus einem Bauernjungen oder Fabrikarbeiter ein guter Schütze wird, dann bin ich glücklich. Oder wenn ich in den Stall komme, und alles ist blitzblank, und die Stallwache hat keine Angst, weif der Laden eben wie von selbst in Ordnung ist, wenn ich mit Kalleweit über sein Ostpreußen oder mit Brettnagel über seine Arbeit in seiner Fabrik in Essen schwatzen kann, dann bin ich in men..in Element. Aber abends muh ich 'raus: Gesellschaften mitmachen, tanzen. Das ist der Ausgleich."
„Abends lerne ich am besten."
„Aber zu euren neuen Nachbarn, zu Schillings, wirst du doch wenig- ftcns Q?l)cn.w
Wallnitz überlegt eine Weile, während Heidenberg weiterredet, und sagt schließlich: „Zu Schillings, ja, da muß ich wohl hin."
So ist Wallnitz eines Samstags mit Heidenberg aus dem Nachmit- tagsempfang der Frau von Schillings. Es find viele Menschen im Haus in der Motzstraße: Damen in radgroßen Hüten, Herren tm Ueberrod ober Cut. Sie trinken Tee, knabbern Kuchen, stehen herum und klatschen ein bißchen, um schließlich aufzubrechen, denn sie wollen noch zu anderen Empfängen, die auf den gleichen Tag angesetzt sind, und auf denen es im Grunde nicht anders aussieht als hier
Bernd hat Lore Schillings anfangs nur flüchtig begrüßen können, sie hatte Haustochterpflichten. Aber dann steht sie plötzlich vor ihm und reicht ihm noch einmal die Hand. „Also doch den Weg zu uns gesunden, hoher Herr? Ich dachte schon, wir würden Sie in diesem Winter nicht bei uns sehen."
„Sind Sie mir noch böse?" fragte er.
,Zch — warum?"
,Zch habe mich am Dapperschen Wald recht töricht benommen."
Sie lacht. „Und nun wollen Sie sich bessern?"
Ganz langsam entfernen sie sich von den anderen, schrägen den Saal und treten in den Wintergarten. Ein kleiner Springbrunnen rieselt in seiner Mitte, eine Gruppe Korbsessel steht hier. Sie kommen ins Schwatzen. Lore erzählt von den Morgenitzer Brandts und chren Zwillingen, und er lobt chren Sechzigkilometerritt. So sind sie mit ihrem Gespräch mitten in der Neumark. Da wird Bernd ernst, er muß an die Ellern denken. Vater ist bei ihm gewesen, ehe er die gleichen Wege gehen muhte, die einst der alte Dransow gegangen war: ins Militärkabinett und nach Hamburg. Nur war er weicher gewesen als jener: Conrad hatte sich noch von der Mutter verabschieden dürfen. Es hat viel Tränen gegeben in Dapper.
Das sind trübe Gedanken. Sie wollen nicht hierher paffen und nicht zu Lore.
Bernd steht auf, er kann nicht weiter von der Heimat sprechen.
n;ber an den nächsten beiden Samstagen ist er doch wieder im Schillingsschen Haufe. Es zieht ihn hin, eigentlich gegen feinen Willen. Das erstemal ist der Kreis größer, das zweitemal ist er allein mit Lore und ihren Eltern. Da nimmt er sich am dritten Samstag vor, bestimmt nicht in die Motzstrahe zu gehen; er verabredet sich für diesen Wend mit Hilde, die er vierzehn Tage nicht gesehen hat, setzt sich nach dem Mittagessen mit Büchern und Karten an seinen Schreibtisch, um Befestigungslehre zu arbeiten: Festungsbau, Grabenbau, Brückenschlag und was alles dazu gehört. Er ist zufrieden: eine [einer Taktikarbeiten ist sehr gut ausgefallen, er ist bei ihr nicht in eine Falle gerutscht, die gestellt war; fast alle Kameraden hatten sich in der Aufgabe für den Angriff entschloßen, weil Angreifen, Zupacken meist das Richtige ist, aber eben nicht immer; dieses Ma! war die Lösung Verteidigung gewesen, und er hatte sie richtig gesunden. Er hat auch ein Lob für die Abfassung seiner Befehle bekommen: knapp und klar. Er wird es fchon schaffen.
Er nimmt heute den Abschnitt „Behelfsbrücken" vor, das ist ein zäher Stoff: Holzmaße, Verwindungen, Schrauben, Nägel; er macht ein paar technische Zeichnungen, entwirft eine Brücke für leichte Fahrzeuge über einen Bach von sechs Meter Breite, überdenkt die Uferbefestigungen und errechnet die Unterzüge.
Um vier läutet der Fernsprecher. Es ist Lore. „Kommen Sie Heute?" — ,Hch sitze mitten in einer Arbeit." — „Ach, kommen Sie doch." Es schwingt etwas in ihrem Ton, das ihn nicht „nein" sagen läßt. Und bann ist noch ein frohes Lachen da, das ihm Im Ohr bleibt, als er sich wieder über [eine Arbeit beugt.
Erft viel später fällt ihm ein, daß er an diesem Tage zum erstenmal eine Verabredung mit Hilde nicht einhielt.
An diesem Abend zieht ihn nach Tisch Herr von Schillings in «inen Kreis älterer Herren.
Don Politik ist die Rede, und Schillings ist nicht gut auf die Politik zu sprechen, die Bülow treibt; er hat sich wegen der Rohstossversorgimg seiner Werke an einem Unternehmen in Marokko beteiligt und war weder mit der Kaiserfahrt nach Tanger im Vorjahr noch mit dem Ausgang der Konferenz in Algeciras zufrieden.
(Fortsetzung folgt.)


