Ausgabe 
14.3.1938
 
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GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

ahrgang (958

Montag, den 14-März

Nummer 2\

Herz Im HM

Roman von Hans-Äafpar von Zobeltttz

Copyright bu deutsche Serlags-Anstatt, Ätuttgatt

7. Fortsetzung.

Er Ist älter geworden, dachte sie, denn ein grauer Schimmer, den sie »och nicht kannte, lag über seinen Schläfen, aber sein Gesicht war das leiche wie einst: schmal, hager, langgestreckt, die Nase kühn, groß und erwde, die Backenknochen stark, die Stirn kantig und hoch, die Haut ge­raunt und trocken wie Pergament, die Augen graublau und seltsam cht, wie die der Menschen vom Meer. Sein schon sommerlich Heller inzug betonte die Breite seiner Schultern. Ja, es war doch der William ruce von damals, von ... wie lang war es her? zehn Jahre, ein elf. '

Sie gleicht noch immer dem Bild, das sie mir einst schenkte, dachte er. ir trug es in seiner Brusttasche, und ost hatte er es in all der Zeit, die so leer verströmt war, hervorgezogen und lange betrachtet. Die könig- lhe Schlankheit ist ihr geblieben, die stolze Haltung, die saubere Blond- I st des Haares, dies vornehme Schmalwangige und dies kühl Schmal- Ibptge. Und wie einst wölben sich die hochgeschwungenen Brauen über Sm etwas tiefliegenden Augen. Sie ist schön wie damals. Was tut es, diß ein paar Falten die Mundwinkel umspielen?

Sie fanden keine Worte, sie sahen sich nur an. Dann löste sie die Spannung, ohne es zu wollen: rein gefühlsmäßig hob sie ihre Hände und streckte sie ihm entgegen. Er tat die beiden Schritte, die sie noch trennten, Hub ergriff die Hände, die ihn riesen. Es war nicht der übliche Hand- jelag, es war unendlich viel mehr: eine Gebärde des Sichwiedersindens, |s Sichwiederhabens. Tiefes Vertrauen lag in diesen Händen, die sie ihn bot, Liebe lag in seinen Händen, die ihre nun umschlossen.

Und das Wort kam von seinen Lippen, aus das sie unbewußt und dich in ihr schwingend so lange und so schmerzvoll gewartet:Sri."

Sie sank zu ihm hin, wie ein müder Mensch nach weiter Wanderung sth in das Gras einer weichen Wiese fallen läßt.

Ihr Kopf fand Ruhe an seiner Schulter.

Sanft und voll Vorsicht löste er seine Rechte aus ihrer Linken, be- d-cht, die Lässigkeit ihrer Seele und ihres Körpers nicht zu stören. Weich mb behutsam strich er über ihr Haar, legte die kühle Fläche seiner Hand in ihr Genick unter den dicken blonden Knoten; dort ließ er sie eine teile verharren, ehe sie um ihren Hals weiterglitt zum Kinn, das er mfpannte und gegen sich aufrichtete.

Jede dieser Bewegungen war beherrscht von jener sicheren ritterlichen zirtheit, die er von je besessen, öle ihm überliefert war aus dem Blute derer, die einer Elisabeth oder einer Stuart gedient hatten, und mit der tt sie besiegte damals.

Sie folgte dem Willen seiner Hand, hob das Gesicht zu ihm aus.

Ganz weit öffnete sie die Augen und suchte seinen JBlicf. Leise be« Bt gten sich ihre Lippen.Ich war krank, William, vor Sehnsucht."

Sie ließ sich in seinen Arm gleiten, ihr Kopf siel ties ins Genick, Billenlos.... nach dir ... nach feiner Hand ..."

Es war kein Sprechen mehr, nur ein Hauchen.

Er beugte sich über sie und küßte ihre Lippen.

Die Arme hob sie und legte sie um seinen Hals, sie lehnte sich an ihn, dornst das Gefühl in ihr stärker, sicherer wurde, das Gefühl des Ge- krgenfeins, und das Wissen: alle Einsamkeit ist zu Ende.

Run ist alles gut", sagte er.

Sie hörte die Worte, faßte aber nur ihren Sinn, nicht ihren Klang, hie Laute, seine Sprache

Seinen Kopf zog sie wieder zu sich herab.

Lange standen sie so. Bis er sich aufrichtete, suchend durch das Zimmer Ist, das ihm fremd war. Zu einer kleinen Bank führte er sie, dicht vor tinem Fenster, durch das die Sonne dieses Frühlings schien.

Er setzte sich ihr gegenüber und nahm von neuem ihre Hände in die leinen.

Ich danke dir, Jri, daß du gekommen bist. Ich habe auf diese Stunde Pvartet, all die Jahre. Ich liebe dich heute,' wie ich dich immer ge- lielst habe."

Wieder vernahm sie nur den Sinn seiner Worte.

Ihr Herz pochte, sie hörte jeden Schlag. Sie wollte antworten, aber hr Hals war verschlossen. Dann füllten sich plötzlich ihre Augen mit Tra- Jeir, mit ungewollten, ungewünschten Tränen, die aber nicht überfloffen, Indern heiß an den Lidern haften blieben.

Sie entzog ihm ihre Hände, die nun, nach dem Taschentuch suchend.

über den Stoff ihres Kleides hafteten, aber nichts fanden. So legte sie die leeren Finger beider Hände auf ihre Augen, zu gleicher Zeit auf beide Augen, um die Last dieser Tränen fortzuwischen.

Sie mußte sich die Worte abringen:Verzeih, William, ich kann noch nicht denken. Roch nicht über diese Minute hinaus."

Du sollst nicht weinen."

Nein nein, du hast recht: ich soll nicht weinen, ich darf auch nicht weinen, jetzt nicht ... jetzt nicht." Sie schluchzte auf. Sie hatte plötzlich ihr Spitzentuch in der Rechten und drückte es gegen den Strom, der nun endlich befreiend über ihre Wangen rann.

Er war hilflos gegenüber diesem Ausbruch. Er bat, und es war fast ein Flehen:Weine nicht weine nicht."

William", sagte sie, und ihre Stimme bekam Farbe und Glanz zurück, laß mich meinen. Ich bin doch eine Frau."

Das Tuch sank in ihren Schoß. Die Tränen perltest, aber ihr Mund lachte und blühte.

Es war Frühling in Wien.

Durch schmiedeeiserne Barocktore sah man in Parks, die überschäum­ten vom ersten lockenden Grün. Bunte Markisen hingen über zopfigen Balkonen, und die Stephanstürme stachen in einen lichtblauen Himmel, in dem weiße Federwölkchen schwammen.

Wenn die Wache über den Graben marschierte, klangen die Märsche wie Walzer von Strauß.

Die Fiaker hatten Blumen ins Kopfzeug ihrer Gäule gesteckt und klapperten mit den Guldenstücken, die sie lose in den Hosentaschen trugen, denn die Herren waren freigebig mit Trinkgeldern in dieser, schönsten Zeit.

Irene und William fuhren zur Jause in die Sri au, und der ganze Prater schien ihnen voll Lachen. Sie grüßten hinüber zur Minni Oedeny, die mit Poldi Rostiz am Nachbartisch saß, zum Prinzen ODessaM, der mit der Gräfin Kolowrath flirtete, zum alten Baron Sanner, der allein hinter seinem Schwarzen hockte, seine lange Virginia zerkaute und an seinem grauen Schnurrbart zwirbelte, wenn ein besonders hübsches Kom­tess erl in dünnem Frühlingsfähnchen vorüberging. Sie fanden den Alten scharmant, die Kolowrath schön, die Oedeny reizend. Sie liebten die ganze Welt. Irene stellte fest, daß es nirgend so guten Kaffee gäbe wie in Wien, und war nicht einmal böse, als Olli Czeh mit ihrem Mann nach­kam, sich an ihren Tisch setzte und sagte:Ich muß doch mal nach unferm Hausgast sehen, denn daheim ist er ja nie."

Irene stand bei der Spitzer und probte Kleider an, hellblaue Kleider in allen Schattierungen, denn William hatte gesagt, sie dürfe nur Hell­blau tragen. Und nahm dann doch ein lichtgrünes, weil die Farbe sie an eine Birke oben im Wiener Waid erinnerte, unter der sie gesessen. Sie drehte sich vor dem Spiegel und fand das Kleid entzückend. Als ihr der Preis genannt wurdeEcht Pariser Modell", sagte Frau Spitzer zur Entschuldigung dachte sie: Er hat ja gar keine grauen Schläfen, und ich bin ja noch gar nicht über dreißig, ich bin fünfundzwanzig höchstens.

Sie schloß ihre Perlen ein und kaufte sich auf der Kärntner Straße eine Halskette aus Halbedelstein, nur weil sie farbig war und glitzerte.

Sieht mir die Kette, Olli?" fragte sie abends.

Du bist wie ein Kind, Reni."

Laß mich's doch fein."

Ich gönn's dir."

Sie ritten zusammen an der Donau entlang nach Bisamberg und hin­aus nach Kloster Neuburg.Sieh, William, wie die Kirschen blühen." Das sind ja Aepsel, Jri."Nein, es sind Kirschen oder höchstens Pflaumen. Ich will, daß es Kirschen sind. Wenn sie reif sind, reiten wir wieder her und kaufen uns einen ganzen Korb voll. Dann such' ich dir die beiden schönsten aus, die darfst du essen. Und den Rest verschenke« wir an die Kinder im nächsten Dorf. Ja, William?"

3a, Jri."

Abends aßen sie bei der Sacher. Er war im Frack und sie in großer Toilette. Ihr Hals blühte frei, seitlich ihrer stolzen Schultern pufften sich kleine Aermel, ihre Brust faß in einer ganz knappen, engen Korsage, und ihre Taille war schlank wie die Olli Czehs. Der Rock bauschte sich weit und streifte den Boden. Sie war selbst über sich erstaunt, weil sie spürte, daß viel Frauliches, Mütterliches hier in Wien von ihr abglitt.

Er reichte ihr die Speisekarte. Sie sah nicht hinein.Ein Backhänderl will ich, und dann eine Mehlspeisen, William. Ich will nur Wien." Ihre Stimme hatte etwas von dem weichen Klang angenommen, der rund um den Stephansdorn von allen weiblichen Sippen fang.

Sie bummelten durch die Straßen. Sie zog ihn vor ein Schaufenster. Du, den Schutenhut möcht' ich haben. Wir gehen hinein, und ich probier' ihn auf, und bann mußt du ihn mir schenken. Ja?" Er lächelte. Ja, Jri." Sie sah ihn an.Bist du auch glücklich, William? Sag's mir gleich, sag's mir hier, hier auf der Straße." Sie freute sich, daß er ver­legen wurde, daß er nicht bin austonnte aus feinem steifen Angelsachsen-