zum Lunch, und zwar wegen der kleinen Wohnungen in ein Restaurant oder Hotel. Nur zu den beliebten Cocktail-Parties bittet die Neuyorker Hausfrau in ihre Wohnung. In diesem Falle sitzen und stehen eine Unmenge Leute umher, kennen sich gegenseitig kaum und trinken sich vergnügt einen Schwips an. Nachmittags zwischen 5 und 8 Uhr! Sehr oft ist es so, daß der Gastgeber nicht einmal eine Ahnung hat, wer eigentlich alles bei ihm hübsche Gläser zerschlägt und die Flaschen leert.
Denn die Amerikaner haben die naive und nicht jedem einleuchtende Sitte, ungeniert ihre eigenen Freunde zu solchen Parties mitzubringen. Man serviert dann hauptsächlich Whisky und eine schwer zu vertragende Sorte von Phantasie-Cocktail, bei dessen Genuß manches Grünhorn Funken vor den Augen und Atemnot verspürt. Die Hausfrau reicht dazu aufeinandergeklappte, rindenlose Weißbrotschnitten, die gut belegt sind. Auch eine Unmenge Käsegebäck! Und alles macht wenig Arbeit. Es ist mir ausgefallen, daß in Neuyork fast überhaupt kein Wein getrunken wird. Der waschechte Amerikaner beginnt meistens nach kürzester Zeit ungeniert nach der Whiskyflasche zu schielen. Bier ist dafür sehr beliebt. Die kühle amerikanische Miene verklärt sich, wenn das Wort „Wienerin" fällt. Was mir als Lokalpatriotin mächtig schmeichelt. Leider machen sie sich in Neuyork recht verbogene Vorstellungen von meiner Heimatstadt. Wien — das bedeutet für einen Amerikaner wohl Grinzing, wo den ganzen Tag gesungen, geflirtet und gelacht wird. Berlin imponiert ihnen sehr. Sie sprechen von einer ungeheuer eindrucksvollen, sehr sauberen und ordentlichen Stadt, die alle bewundern.
Noch ein Wort über die amerikanischen Bahnen! Es gibt ebenfalls nur eine Klasse, aber sie ist gepolstert. Alles wunderbar komfortabel und praktisch. Ausgesprochener Luxus: die Pullman-Wagen mit ihren drehbaren Sitzen, den kleinen Tischen, aus denen Lämpchen stehen. Befremdlich für eine an Ordnung gewöhnte Europäerin: die Schlafwagenabteile haben keine Türen. Nur Vorhänge. Unheimlich ist die Geschwindigkeit, mit der die Züge sausen. Was auch für die mit Getöse dahinpolternde Untergrundbahn gilt.
Alles in Neuyork geht schnell. Alles in Neuyork ist gigantisch. Das feenhafte Lichtermeer auf den berühmten Straßen, riesige Wolkenkratzer, riesiger Verkehr. Ebenso groß sind auch die Extreme. Märchenhafter Reichtum wohnt neben unendlicher Armut! Man hat das Gefühl, eine winzige Ameise zu sein — ganz, ganz klein und schrecklich unbedeutend. Und wenn man darüber nachdenkt, dann bekommt man plötzlich brennende Sehnsucht. Nach Deutschland und nach den-Freunden dort ...
Volksdeutsche Oichtergestalten.
Von Erich Langenbuche r.
Durch Geburt und Werk istRobertHohlbaum den volksdeutschen Dichtern zuzurechnen. Wenn er heute auch als Bibliotheksdirektor in Deutschland lebt/ so wurzelt doch das Werk im Erlebnis der sudetendeutschen Heimat und der österreichischen Geschichte. In einer Landschaft, „die still und geduldig wartet, bis sie erkannt und geliebt wird", verlebte Hohlbaum seine Jugendzeit, der Großvater war Förster, ein Mann, „der mich immer irgendwie an einen Hirsch erinnerte, in Gang, Haltung und Blick". Diese ausgeprägte Gestalt ist nicht ohne Einfluß auf Hohlbaum geblieben, denn der Großvater „steckte voll Anekdoten und Geschichten"
In Jägerndorf, einem kleinen sudetendeutschen Städtchen, wurde Hohlbaum vor fünfzig Jahren geboren. Dieser Stadt verdankt er den „Geist der Arbeit": „Wenn ich mich manchmal der Faulheit ergeben will, dann denke ich an die Scharen der Tuchmacher, Schlosser, Eisendreher, Tischler und Gießer zurück, die auf den Pfiff genau in ihre Fabrikräume strömten, und schäme mich ein wenig vor ihnen." Die Wendung zum späteren Beruf erhielt er durch ein altes Geschichtswerk: er glaubt, daß ihn dieses Buch geschichtlich denken lehrte. Als Student erwuchs ihm das Erlebnis des Grenzlandes, „ich fand zum Deutschtum, dadurch wohl auch den Weg zum Dichter".
Als sich Hohlbaum als Student „geistig sattgefressen" hatte und sich abwenden wollte von allem, was etwas zu tun hat mit Schreiben und Lesen, entstand die erste Arbeit: Sechs Geschichten des akademischen Lebens vom Auszug der Prager Studenten bis zum Jahre 1848. Das Werk „Ewiger Lenzkampf" erschien in neuer Bearbeitung unter dem Titel „D i e Prager Studenten". Sehr rasch, unter innerem Zwang, folgen dann andere Werke, ein Zyklus geschichtlicher Novellen, die vereinigt wurden unter dem Titel „Unsterbliche". Er behandelt darin u. a. Kleist und E. T. A. Hoffmann: die musikalischen Novellen vereinigt Hohlbaum in dem Band „Himmlisches O r ch e st e r".
Alle Bücher Hohlbaums einzeln darzustellen, ist nicht möglich, erwähnt seien die beiden großen Trilogien. Die erste, „F r ü h l i n g s st u r m", unternahm es, „das deutsche Werden vom Ausgang des Dreißigjährigen Krieges bis zur Goethezeit zu gestalten", die andere, „Volk und Mann"'.stellt in ihren Mittelpunkt den Führer des Volkes. In dieser Trilogie findet sich u. a. der Roman eines Führers „S t e i n", sie wird beschlossen durch einen der besten historischen Romane der Gegenwart „Z w e i k a m p f um Deutschland" — darin geht Hohlbaum der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts nach, er verknüpft mit ihr das Geschehen in Oesterreich bis zum Jahre 1870. Eine kleine Vorarbeit zu diesem Roman stellt die (seinerzeit in Gießen von Hohlbaum selbst gelesenes Novelle „Getrennt marschieren" dar, deren historischer Hintergrund die Begegnung des Marschalls Benedek und des preußischen Feldherrn Moltke ist. D 1 v
Gs mag eingeroenbet werden, daß diese Werke wenig mit dem Volksdeutschen Schicksal zu tun hätten. Hohlbaum geht aber in allen Büchern deut geschichtlichen Werden des Volkes und des Volkstums nach und schasst dadurch die notwendigen Voraussetzungen zur Betrachtung der Volks- tumssragen der Gegenwart. Seine Bücher sind nicht Romane im üblichen
Sinn, sie sind Bekenntnisse zur Geschichte des Volkes. Der Dichter selbst bezeichnet sie als Epen, die er in einen großen Zusammenhang hineingestellt sehen will. So finden wir in seinen reifen Werken ein Stück deutschen Wesens, wir wissen aus ihnen um den äußeren und inneren Kampf des Grenzlanddichters, lieber dieses Werk sagt er: „Verantwortlich habe ich mich in meinem Schaffen neben Gott immer nur meinem Volk gefühlt. In seinen Dienst habe ich vom ersten Federstrich all mein Kämpfen und Träumen, all mein Irren und Gelingen gestellt, und ich habe ja damit doch nur einen kleinen Teil dessen zuruckgegeben, watz ich ihm in unendlicher Dankbarkeit schulde."
„Unfaßbar erscheint mir oft das Glück, gerade in solchen Tagen leben zu dürfen, in denen uns ein grenzenlos weiter Ausblick gewährt wird, in der jener Vorhang zerrissen ist, der vor den Fenstern der muffigen Zimmer unserer Väter hing. Welch ein Leben voll Tiefe und Größe und welch eine Hoffnung, auch selbst einen kleinen Stein für jenen Bau heranschleppen zu können, der jetzt errichtet werden soll."
Diese Worte sagt B r u’n o Brehm mit voller Berechtigung, denn kaum ein anderer erlebte so Zerstörung, Zusammenbruch, Ratlosigkeit eines Volkes, und wenige haben mit gleicher Kraft als Dichter daran gearbeitet, aus diesem Chaos Bleibendes zu schaffen.
In Laibach in Krain wurde Brehm 1892 als Sohn eines k. u. k. Hauptmanns geboren. Der Vater war Egerländer, die Mutter kam aus dem böhmischen Erzgebirge. Das Offiziersleben brachte es mit sich, daß die Jugend des Dichters ein Wandern durch die verschiedenen Kronländer der früheren Monarchie war. Das blieb nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung des Knaben, der dadurch immer wieder in anderssprachige Städte kam, andere Kameraden kennenlernte, sich einfügen mußte, wenn er bestehen wollte. Schon das Aufnehmen der Sprachen und Dialekte mag keine kleine Arbeit gewesen sein.
In der Schule habe er sich nie wohlgefühlt. Aber Lebenskraft muß ihn davor bewahrt haben, ein Kopfhänger zu werden, denn: „Ich riß die anderen mit fort, gerade dann, wenn ich selbst am traurigsten war." So war es auch später im Krieg. Es ist wichtige daß Brehm während des Krieges die Bekanntschaft des Fähnrichs Edwin Erich D w i n g e r machte. Die Bekanntschaft blieb auf das Schaffen Brehms nicht ohne Einfluß.
Nach dem Krieg, den er als aktiver Offizier mitmachte, bezog Brehm noch einmal die Hochschule, um sich später seinen Arbeiten zu widmen. Bruno Brehms Werk ist heute schon sehr umfänglich, es zeigt die Schaffenskraft des Mannes, der mit feinem Werk der Gesamtheit zu dienen bereit ist. Die Schul- und Gymnasialzeit lebt noch einmal auf in dem Roman „Der lachende (Bott", der zu wenig bekannt geworden ist neben der großen Trilogie. Die glücklichen Tage nach dem freiwilligen Jahr und nach dem Entschluß, Offizier zu werden, schildert Brehm in dem Roman „Susanne und Mari e", von dem der Dichter sagt, daß es eines seiner schönsten Bücher sei, weil er bei der Niederschrift immer seine Frau habe fragen können, ob das, was er schreibe, richtig sei. Einen Teil seiner Kriegserlebnisse legt er nieder in dem Buch „Das gelbe Ahorn- blatt", um in dem Roman „W i r alle wollen zur Opern« redoute" die bittere Nachkriegszeit zu schildern. Dieses Buch scheint ein heiteres Buch zu sein,'doch hat es einen herben und bitteren Kern. In dem kleinen Bändchen „Heimat ist Arbeit" vereinigt Brehm kleine Betrachtungen und Erzählungen der sudetendeutschen Heimat. Neben Abschnitten der Kriegstrilogie haben gerade diese Berichte b*i Dichterabenden immer den größten Eindruck auf seine Hörer gemacht.
„Aber das alles schien mir nicht das Richtige, ich sand, daß ich etwas anderes zu tun hätte." Hier tritt ein zweites Mal Edwin Erich D w i n -- g e r in sein Leben, der ihn bestimmt, den Krieg, wie der österreichische Offizier ihn erlebte, zu beschreiben. Seine Ausgabe war wesentlich anders als d>e Dwingers: „Hier, van Oesterreich aus, war nicht jener Krieg dar- zustelleu, den das deutsche Volk, wie man ja bald erkennen wird, dadurch gewonnen hatte, daß es nicht der Vernichtung anheim fiel. Von hier aus war der Untergang eines Staates und einer Zeit zu schildern, deren letzter Vertreter in Europa die alte Monarchie noch gewesen war." So entstand die Weltkriegstrilogie, von der Dwinger sagte, „die ganze Welt sollte diese Bücher lesen, in alle Sprachen müßte man sie übersetzen". Der erste Band „Apis und E st e" mit dem Untertitel „So ging es an", ist ein Werk unbestechlicher Wahrhaftigkeit. Die Ermordung Alexanders von Serbien und feiner Gattin bilden feinen Auftakt, den Weg von Brest- Litowsk bis Versailles geht der Dichter in dem Band „D a s war das Ende". Dari» faßt er das Ende des Weltkrieges auf allen Schauplätzen zusammen, die russische Revolution, Amerikas Ausbruch, die letzten Schlachten in Frankreich, die Intrigen im Lager der Entente. Der dritte Band handelt vom Zusammenbruch der habsburgischen Monarchie, er heißt „W e b e r Kaiser noch Köni g".
Der Roman „Zu früh unb zu spät" gibt bas Vorspiel zu ben Befreiungskriegen. Nach Preußens Sturz bei Jena blickt Deutfchlanb auf Oesterreich: ber Dichter stellt bar, wie Oesterreich 1809 zu früh bie Waffen gegen Napoleon erhebt, bei Regensburg an ben Rand des Abgrundes geschleudert wird, um bei Aspern zu siegen. — „Geschichten aus meinem Leben" erzählt Brehm in dem Band „Sie weiße Adlerfeder".
(Einige Worte, die ber Dichter als ßeitgebanten über seine zukünftige Arbeit schreibt, mögen ben Beschluß dieser’Darstellung bilben: „Vielleicht oermag ich es noch einmal, ein Buch jener Hoffnung zu schreiben, bie mich erfüllt, unb jenes Glück barzustellen, bas unser aller wartet. Es wirb ein ernstes, em strenges Glück voll Arbeit und Mühen sein. Aber vielleicht werden wir bann vor unseren Kindern die Prüfung bestehen: daß wir alles getan haben, was in unseren Kräften stand, um jene Wunden zu heilen die uns das Schicksal, und die wir selbst uns schlugen. Vielleicht kann ich m meinem nächsten Buch in eine Zukunft blicken, die auf jener blutigen Vergangenheit steht und vom Morgenlicht einer neuen Zeit überstrahlt ist." "
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck unb Verlag: Drühlfche Untverf itätsbruckerei A. Lange, Gießen.


